Flavia - Leidensweg einer Nonne - Gianfranco Mingozzi (1974)

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Moderator: jogiwan

Re: Flavia - Leidensweg einer Nonne - Gianfranco Mingozzi (1974)

Beitragvon karlAbundzu » 18. Okt 2016, 10:35

jetzt auch mal den Thread ganz durchgelesen und noch ein paar Anmerkungen, hauptsächlich unter dem Eindruck von Salvatores Abhandlung:
Der Esel: Ich hatte schon im Kino den Eindruck, dass es etwas wichtiges hat, dieser übergepackte Esel, und es stellt sich heraus, eigentlich wird da schon Flavias unfreiwillige Rückkehr angedeutet. Hier noch auf dem Weg aus dem Kloster, zu der Freiheit mit Abraham, wird sie am Ende zurückkehren, und eben nicht frei, sondern mit noch viel mehr Negativem und Belastenden auf ihren Schultern, bei dem nur die Schlachter Erlösung brungen können. Klingt irgendwie weit hergeholt, aber der Esel sprang so ins Bild/Auge.

Abraham/Flavia/Ahmed: Das die Ermordung Abrahams durch Ahmed ein Hinweis auf die Religionsunterschiede ist, halte ich für gewagt. Hier doch nur ein Zeichen von Ahmeds Eifersucht gegenüber Abraham, da er merkt, dass Flavia und dem Juden mehr verbindet, und er sein EIgentum in Gefahr sieht. Er hätte auch bei einem Christen oder Heiden so gehandelt.

Feminismus: Das hier absichtlich Feministinnen negativ dargestellt werden sollen, kann ich auch nicht ganz nachvollziehen: Immerhin bleibt Flavia eine positiv besetzte Figur. Aber klar geht es in die Richtung, dass es nciht um einzelne Personen im Patriachat geht, setzt man (hihihi) eine Frau ins selbe System mit derselben Art von Gewalt an Machtpersonen, ändert sich nun mal nichts, eher ein Hinweis darauf, dass Strukturen eben anti-emazipatorisch sind. Und eben auch die Frustration, dass genau dieses komplizierter zu ändern ist.

Otranto: Als ich den Namen hörte, klingelt irgendwie bei mir Horace Walpole, dessen "Schloss von Otranto" als einer der ersten Gothic Novels gilt, und auch dort geht es ja um eine brutale Vaterfigur. Aber Flavia und Isabella gleichzusetzen, würde zu weit gehen.

Träume: Hier läßt er wirklich alle Themen und Inhalte assoziativ aufeinanderknallen und in sich verschlingen. Nicht vergessen darf man dabei, dass diese ja durch Haschisch (oder ähnliche Drogen) hervorgerufen werden. Aber alleine für diese mannigfaltigen Einfälle kann man den FIlm lieben.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Flavia - Leidensweg einer Nonne - Gianfranco Mingozzi (1974)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 18. Okt 2016, 10:47

karlAbundzu hat geschrieben:jetzt auch mal den Thread ganz durchgelesen und noch ein paar Anmerkungen, hauptsächlich unter dem Eindruck von Salvatores Abhandlung:


Danke für die kritische Auseinandersetzung mit meinem Textchen... ;-)

karlAbundzu hat geschrieben:Hat so gar nichts mit dem von mir größtenteils gemiedenen Genre der Nunsploitation zu tun, und gibt mir so auch keine Hinweise dadrauf, ob ich mich da mal mehr mit befassen sollte. SO eine Art Perle werd ich wohl kaum noch mal entdecken.


Da möchte ich doch gleich einmal die Gelegenheit nutzen und zwei meiner Favoriten aus dem Genre empfehlen, nämlich die beiden wirklich wundervollen Nonnenfilme, die der vor allem für Sandalenware bekannte Veteran Domenico Paolella beide im Jahre 1973 vorgelegt hat: LE MONACHE DI SANT'ARCANGELO und STORIA DI UNA MONACA DI CLAUSURA.

Zwar sind diese auch immer wieder gerne mit reißerischen Titeln und reißerischem Cover-Artwork von reißerischen Labels veröffentlicht worden, in Wirklichkeit aber genauso weit von stumpfer Exploitation entfernt wie die gute FLAVIA.

LE MONACHE DI SANT'ARCANGELO stellt eine relativ seriöse, zurückgenommene Studie der Machtstrukturen im Renaissance-Italien dar, bei der das titelgebende Frauenkonvent zwar Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist, zugleich aber vor allem auch politische Intrigen, Machtkämpfe und Repressionsmechanismen innerhalb und außerhalb des Klosters im Vordergrund stehen - so ein bisschen, als habe man Machiavelli in einen Nonnenhabit gesteckt. STORIA DI UNA MONACA DI CLAUSURA richtet den Blick dann mehr auf das Einzelschicksal einer jungen Frau, die gegen ihren Willen das Gelübde ablegen muss, wobei sich Paolella großzügig bei Denis Diderots Roman LA RELIGIEUSE bedient (die Protagonistin trägt sogar einen ähnlichen Namen!) und nunmehr von innen her aufzeigt wie ein gewöhnliches Nonnenkloster der Frühen Neuzeit sowohl als Auffangbecken für Mädchen, mit denen die adlige Gesellschaft nichts anzufangen wusste, aber auch als verlängerter Arm der im Vorgängerfilm geschilderten Macht- und Unterdrückungsstrukturen auf politischer Ebene funktioniert. Beide Filme suhlen sich so gut wie gar nicht in den Lesben- und Folterszenen, die man von Vertretern eines Genres wie diesem erwarten könnte und sind stattdessen bestimmt von einer wunderschönen Kameraarbeit, tollen Bildkompositonen, wirklich lyrischen Momenten sowie Kostümen und Kulissen, die verraten, dass das Ganze auch rein ökonomisch mehr gefordert haben dürfte als die geschätzten fünf Lire des sprichwörtlichen D'Amato-Pornos.

International betrachtet ist natürlich auch noch Ken Russells THE DEVILS - dessen Trailer wir im Vorfeld von FLAVIA ja bewundern durften - ebenfalls über jeden Zweifel erhaben.
Zuletzt geändert von Salvatore Baccaro am 18. Okt 2016, 21:45, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Flavia - Leidensweg einer Nonne - Gianfranco Mingozzi (1974)

Beitragvon Arkadin » 18. Okt 2016, 13:50

Salvatore Baccaro hat geschrieben:International betrachtet ist natürlich auch noch Ken Russells THE DEVILS - dessen Trailer wird im Vorfeld von FLAVIA ja bewundern durften - ebenfalls über jeden Zweifel erhaben.[/align]


Und "Mutter Johanna von den Engeln" von Jerzy Kawalerowicz soltle man auch unbedingt einmal gesehen haben.
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Re: Flavia - Leidensweg einer Nonne - Gianfranco Mingozzi (1974)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 18. Okt 2016, 14:27

Arkadin hat geschrieben:Und "Mutter Johanna von den Engeln" von Jerzy Kawalerowicz soltle man auch unbedingt einmal gesehen haben.


Unbedingt! Siehe meine Kurzkritik hier auf Deliria... ;-)

Ansonsten noch ein paar weitere Anmerkungen/Revisionen zu FLAVIA:

Tatsächlich scheint mir meine Einschätzung, Mingozzi und seine Kollegen könnten den Film als groteske Parodie auf den zeitgenössischen Feminismus konzipiert haben, nach der Düsseldorfer Sichtung selbst etwas zu harsch, und ich frage mich, ob das daran liegt, dass mir nun weitere Details aufgefallen sind, die ich in meiner Kritik zu Beginn des Jahres scheinbar ausgeblendet zu habe - (zum Beispiel die Tatsache, dass Flavias Sexualität bis zum Auftauchen der Besessenengruppe in ihrem Kloster, wenn überhaupt vorhanden, kindlich-unschuldige Züge trägt [siehe ihre rein mental ausagierte Klein-Mädchen-"Liebe" zu dem muslimischen Soldaten, der ihr einst zugelächelt hat und dafür seinen Kopf lassen musste] und auch später, nach ihrem Initiationserlebnis durch die Besessenen, kaum wirklich "erwachsen" genannt werden kann [siehe ihr offensichtlicher Versuch, den Gutsherren dadurch zu strafen, dass sie ihn durch sein früheres weibliches Opfer "vergewaltigen" lässt, was der natürlich nur durch Gelächter und Männersprüche quittiert] -, oder dass die italienische Originalfassung auf Dialogebene - gerade was die Tiraden der Schwester Agathe betrifft - wesentlich deftiger, plakativer vom Leder zieht als die deutsche Synchronisation. FLAVIA bleibt für mich ein pessimistischer Abgesang auf die Vorstellung von Radikalfeministinnen wie Valerie Solanas, man müsse sich als Frau lediglich der Machtmittel der Männer bedienen, um diese zu stürzen und an deren Stelle zu treten, jedoch gestehe ich dem Film zu, dass man ihn genauso gut dahingehend interpretieren kann, seine Agenda sei es, diese Machtstrukturen an sich anzugreifen: Flavia wird am Ende allein deshalb reintegriert in ein patriarchalisches System, weil dieses System selbst ihr gar keine andere Wahl lässt als sich, will sie nicht weiterhin leidendes Opfer bleiben, ihm anzupassen und quasi selbst zum "Mann" zu werden [siehe die Szene, in der sie sich eine Kriegerrüstung überstreift und somit auch rein äußerlich die Gestalt ihrer ehemaligen Unterdrücker annimmt - eine Szene, die mich sofort Querverbindungen zu den Frauenfiguren bei de Sade ziehen lässt, die ebenfalls schon allein durch ihre Physiognomie als wenigstens nicht vollkommen weiblich markiert werden und, wie seine Juliette, eine Klitoris besitzen, lang und dick fast wie ein Penis, was ihren Sadismus innerhalb der Narration fast schon medizinisch-anatomisch "erklärt"]. Dieses Gefangenseins Flavias in einer Welt, aus der es keinen wirklichen Ausweg gibt, wird übrigens, wie ich nunmehr feststellen konnte, von Mingozzis auch visuell andauernd thematisiert: Bei der letzten Sichtung hat FLAVIA für mich gewimmelt von Bildkompositionen, in denen ständig Rahmungen irgendwelcher Mauern, Türöffnungen oder Fenstern zu sehen sind - ständig blicken Figuren von draußen nach drinnen [die Jungmönche, die genüsslich Flavias Auspeitschung beiwohnen] oder Figuren von drinnen nach draußen [die Nonne, die in ihrem Verließ gefoltert wird, von wo aus sie durch eine Deckenöffnung zum Himmel schaut, vor dem wiederum das Gesicht von Flavias Vater zu ihr nach unten blickt]. Überhaupt konnte der Film in meiner Wertung noch beträchtlich zulegen: Dieses öde Ackerland, das in gewisser Weise Flavias unentwickelte Persönlichkeit symbolisiert, voller Staub, Dreck und Blut. Diese Madonnenfigur, von den osmanischen Eroberern als Trojanisches Pferd mißbraucht, und wie sie achtlos in die Fluten stürzt. Und natürlich Flavias Haschischtraum, der mich erneut bis zur Sprachlosigkeit begeistert hat und, denke ich, auch allein auf sich gestellt als avantgardistischer Kurzfilm funktionieren würde.

Zum Thema Otranto und avantgardistische Filmexperimente übrigens: Die Geschichte um die 800 Märtyrer erzählt bzw. dekonstruiert auch Carmelo Bene in seinem famosen Film-Debut NOSTRA SIGNORA DEI TURCHI, der Anfang November im Rahmen der Reihe "Disperese Exclamatory Phase" im Frankfurter Pupille-Kino zu sehen sein wird. Ausschnitte konnten wir, wie es der Zufall wollte, auch am Wochenende im Trailer zu dieser offensichtlich lohnenden Veranstaltung bewundern...
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