Der Pianist - Roman Polanski (2002)

Moderator: jogiwan

Der Pianist - Roman Polanski (2002)

Beitragvon horror1966 » 2. Feb 2011, 18:11

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Der Pianist
(Le Pianiste)
mit Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Emilia Fox, Ed Stoppard, Frank Finlay, Julia Rayner, Jessica Kate Meyer, Joachim Paul Assböck, Nina Franoszek, John Keogh, Thomas Lawincky, Maureen Lipman
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Ronald Harwood / Wladyslaw Szpilman
Kamera: Pawel Edelman
Musik: Wojciech Kilar
FSK 12
Deutschland / Frankreich / Großbritannien / Polen / 2002

Warschau 1939 Mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen beginnt auch für den gefeierten polnisch-jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman die Zeit des Leids. Tagtäglich wird er Zeuge unerträglicher Demütigung und Brutalität. Nur mit viel Glück und dank der Hilfe des polnischen Untergrunds konnte er der Todesfalle des Warschauer Ghettos entkommen. Voller Angst irrt er allein durch die Stadt, die sich inzwischen in eine leblose, erschütternde Ruinenlandschaft verwandelt hat. Eines Tages endeckt ihn ein Offizier der deutschen Wehrmacht, der sein Schicksal verändern wird.


Das Roman Polanski ein aussergewöhnlich guter Regisseur ist, hat er schon mit mehreren seiner Filme eindrucksvoll unter Beweis gestellt (Rosemary's Baby, Ekel). So ist es dann auch nicht besonders verwunderlich, das auch "Der Pianist" einen besonderen Platz in seiner Fimografie einnehmen dürfte. Erzählt wird die Geschichte des berühmten Pianisten Wladyslaw Szpilman während des zweiten Weltkrieges, der als Jude das schier Unglaubliche fertigbringt und die Schrecken des Holocaust überlebt. Polanski erzählt die mitreissende und dramatische Geschichte selbstverständlich aus der Sicht seiner Hauptfigur, versäumt es dabei aber nicht, auch die generellen Schrecken des Holocaust eindrucksvoll und schockierend in Szene zu setzen. So bekommt der Zuschauer einerseits einen sehr tiefen Einblick über die generelle Situation in Warschau und wie die Situation der jüdischen Bevölkerung immer unerträglicher und gefährlicher wird, bis es dann letztendlich zu den sogenannten Umsiedlungen in die Vernichtungslager kommt. Andererseits. Auf der anderen Seite offenbart sich das Einzelschicksal eines Mannes, der fast allein zurückbleibt und seine gesamte Familie verliert.

Insbesondere die Passagen, in denen Szpilman allein durch das leere Warschauer Ghetto läuft hinterlassen beim Betrachter einen äusserst nachhaltigen Eindruck und lösen gleichzeitig ein extrem beklemmendes Gefühl aus. So ertappt man sich dabei, wie man aus der Situation heraus fast automatisch an einen Film wie "The last Man on Earth" erinnert wird, in dem es ähnliche Passagen zu begutachten gibt. Es entsteht phasenweise eine regelrechte Endzeitstimmung, die sich wie ein bleierner Schleier über den Zuschauer legt, hat die Situation doch etwas vollkommen Endgültiges an sich und ist gleichzeitig von so viel Tristesse und Hoffnungslosihkeit durchzogen, das einem kalte Schauer über den Rücken laufen. Man fühlt sich seltsam befangen und möchte der Hauptfigur am liebsten hilfreich zur Seite stehen, empfindet aber gleichzeitig eine Art Ohnmacht, da man nichts tun kann und das geschehen ganz einfach hinnehmen muss. Erschwerend kommt dabei noch der Aspekt hinzu, das die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht und die Thematik der Judenverfolgung ganz generell nicht spurlos an einem vorrüberzieht. Denn obwohl man genügend Filme mit der hier vorhandenen Thematik gesehen hat, schnürt es einem doch immer wieder die Kehle zu, wenn man sich die begangenen Greueltaten vor Augen führt.

Obwohl man extrem in die Geschichte eintaucht, kann man noch nicht einmal ansatzweise nachvollziehen, welches Leid die Hauptfigur über sich ergehen lassen musste und welch psychischer Druck auf einen einwirkt, wenn man sich ständig verstecken muss und immer auf die Hilfe einiger weniger Widerstandskämpfer angewiesen ist, die ständig ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um anderen Menschen zu helfen. man kann sich nur in Brucjstücken vorstellen, wie groß die Angst vor der Entdeckung gewesen sein muss, so das die hier dargestellte Odyssee eines Mannes etwas schier Unglaubliches darstellt. Gerade diese Momente werden durch Adrien Brody in der Hauptrolle absolut brillant in Szene gesetzt, denn sein schauspiel ist erschreckend authentisch und glaubwürdig. Seine Ausdrucksstarke Mimik transportiert die jeweiligen Gefühlslagen in denen er sich befindet, nahezu perfekt zum Zuschauer, der dadurch richtiggehend mit ihm mitleiden kann. Zwar kann man in vorliegendem Werk der gesamten Darsteller-Riege ein ausgezeichnetes Zeugnis ausstellen, ist der Film doch bis in die kleinsten Nebenrollen perfekt besetzt, so muss man Brody doch hervorheben, drückt er der Geschichte doch seinen ganz eigenen Stempel auf. Er erscheint wie prädestiniert für diese Rolle und nur selten entsteht der Eindruck, das er lediglich eine Rolle spielt. Vielmehr wird man das Gefühl nicht los, das er die Figur des Pianisten regelrecht lebt, was wohl so ziemlich das grösste Kompliment ist, das man einem Darsteller aussprechen kann.

Mit "Der Pianist" hat Roman Polanski ein Kriegs-Drama geschaffen, das einen sehr nachhaltigen Eindruck beim Zuschauer hinterlässt. Obwohl ganz eindeutig das Einzelschicksal eines Menschen im Focus der Geschichte steht, werden einem auch die generellen Schrecken der damaligen Situation eindrucksvoll und authentisch vor Augen geführt. Dabei beinhaltet der Film ein so großes maß an Härte, die sich allerdings nicht unbedingt in expliziten Gewaltdarstellungen äussert. Zwar gibt es einige durchaus brutale Passagen zu sehen, der eigentliche Härtegrad entfaltet sich aber vielmehr im Kopf des Betrachters und wird durch die vorherrschende Gesamtsituation ausgelöst. Grandiose Darsteller, ein alles überragender Adrien Brody und eine flüssig erzählte Geschichte ergeben letztendlich ein Gesamtpaket, an dem es meiner Meinung nach keinerlei Makel gibt.


Fazit:


In der Reihe vieler guter Beiträge, die sich der Thematik des Holocaust widmen, nimmt "Der Pianist" sicherlich einen recht hohen Stellenwert ein. Ein erstklassiger Film, der das Einzelschicksal eines Mannes in den Vordergrund rückt und dennoch die ganz allgemeinen Schrecken des Krieges nicht vergisst. Der Zuschauer bekommt dabei die Odyssee eines Einzelnen zu sehen, die für ihn persönlich sogar ein gutes Ende findet. Und gerade das scheint aufgrund der damaligen Situation fast unglaublich, basiert aber nichtsdestotrotz auf einer wahren Begebenheit.


10/10
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Re: Der Pianist - Roman Polanski

Beitragvon dr. freudstein » 13. Feb 2012, 04:10

Konnte mich nicht so sehr überzeugen. Natürlich gab es neben dem vordergründig stehendem Einzelschicksal auch das Leid und die grenzenlose Brutalität gegen andere Verfolgte (vor allem Juden) zu sehen, aber in erster Linie sieht man nur diesen Pianisten flüchten und flüchten von einem Versteck in das nächste. Klar zeigt der Film damit auch auf, wie kaltblütig eben auch jeder einzelne Nazi gegen die Juden vorgegangen ist ohne nur auf Befehl gehandelt zu haben und auch die Zivilisten handelten im Sinne der Nazis, indem sie den Spielmann verrieten. Also gerade die unbedeutenden Personen im 3. Reich spielten eine sehr große Rolle, wenn es um die Vertreibung und Ermordung von Juden und anderen Verfolgten ging. Ohne den Helfershelfern wären die Machthaber nie soweit gekommen. Aber mir wirkte das Ganze zu aufgesetzt, mehr wie Hollywoodunterhaltung und es zeigt eben nur ein Einzelschicksal vorrangig. Man kann dadurch natürlich das Leid eines einzelnen sehr gut mitverfolgen und wie ohnmächtig er war ohne wirklich etwas entgegensetzen zu können, findet aber dann doch immer wieder welche, die ihm zur Seite stehen. Am Ende sogar einen Nazi, der im Zeichen der bevorstehenden Niederlage seinen Hass vergisst und dem Pianisten seine Hilfe anbietet. Dennoch gefallen mir andere Werke wie SCHINDLERS LISTE vom viel größeren Hollywoodfilmer Steven Spielberg deutlich besser. Hat mich dieses hier schon einigermaßen berührt, so bleibt im Gesamteindruck doch ein fader Beigeschmack nach.

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Re: Der Pianist - Roman Polanski

Beitragvon Arkadin » 13. Feb 2012, 09:41

dr. freudstein hat geschrieben:findet aber dann doch immer wieder welche, die ihm zur Seite stehen. Am Ende sogar einen Nazi, der im Zeichen der bevorstehenden Niederlage seinen Hass vergisst und dem Pianisten seine Hilfe anbietet.


Der Film beruht auf den Memoiren von Wladyslaw Szpilman. Es hat sich also entweder genauso zutragen oder Szpilman hat sich das später ausgedacht. Ich tendiere dazu, ersteres zu glauben. Zudem finde ich es ausgesprochen postiv zu sehen, dass manchmal Menschlichkeit auch unter den härtesten Umständen funktioniert. Und nicht alle helfen Szpilman. Es gibt auch Denuzanten. Gegenüber "Schindlers Liste" ist "Der Pianist" der weitaus stärkere Film, da er gerade nicht Hollywood-Mechanismen einsetzt (bei Spielberg der Trick mit dem roten Mantel, die Inszenierung der Entdeckung der Auschwitzöfen als Supsense-Moment etc.), sondern emotional aber sachlich seine Geschichte erzählt. Und die Szene mit der plötzlichen Erschiessung auf der Strasse jagt mir noch immer Schauer über den Rücken. Wenn Szpilman durch das menschenleere Ghetto geht oder aus seinem Versteck kommt um im völlig zerbombten Warschau zu stehen, das sind unglaublich starke Bilder. Ganz klare 9/10.
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Re: Der Pianist - Roman Polanski

Beitragvon purgatorio » 13. Feb 2012, 11:05

:D hat sich die Frage wohl erledigt, ob du den scheiße fandest ;)

Ich hab den auch recht kraftvoll und bedrückend zugleich in Erinnerung. Allerdings liegt die letzte Sichtung lang zurück. Wird mal wieder Zeit.
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Re: Der Pianist - Roman Polanski

Beitragvon dr. freudstein » 13. Feb 2012, 11:09

Muß auch zugeben, daß ich ihn nicht von Anfang an gesehen habe. Als ich zugeschaltet habe, war es schon 1942. Also ziemlich authentisch erschien mir der Film schon und die Denunzanten hatte ich auch erwähnt. Ist halt immer so ne Sache mit Filmen über das Dritte Reich. Heikles Thema und die Wirkung des jeweiligen Films auf einen. Einen Schlag in die Magengrube gab es öfter bei dem Film. Wie kaltblütig der eine Offizier eine Frau erschoß, nur weil sie besorgt fragte, wo man sie den hin bringen wolle. Eine Erstsichtung (hier mit fehlendem Anfang) reicht bei mir nicht immer aus für ein endgültiges Urteil. Möchte ihn auf jeden Fall noch mal sehen.
Zuletzt geändert von dr. freudstein am 13. Feb 2012, 16:21, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Der Pianist - Roman Polanski

Beitragvon untot » 13. Feb 2012, 16:00

Ich hab den auch noch in sehr guter Erinnerung, starker Film, beklemmend, authentisch und beeindruckend.

8,5/10
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Re: Der Pianist - Roman Polanski

Beitragvon horror1966 » 1. Apr 2012, 23:34

Hier kann ich die Wertung unseres geschätzten Doc's überhaupt nicht nachvollziehen, dieser Film ist doch absolut großartig. :thup:
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Re: Der Pianist - Roman Polanski

Beitragvon Theoretiker » 10. Aug 2013, 18:53

Den guten Bewertungen kann ich mich nur anschließen, für mich im Vergleich zu "Schindlers Liste" der wesentlich stimmigere Beitrag zum Thema Holocaust.

9/10
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Re: Der Pianist - Roman Polanski

Beitragvon purgatorio » 22. Apr 2014, 07:41

DER PIANIST (THE PIANIST, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Polen 2002, Regie: Roman Polanski)

Von der beginnenden Bombardierung Warschaus bis zur Befreiung durch die Rote Armee und die allmähliche Rückkehr zur Normalität (sofern das nach diesen Ereignissen überhaupt noch möglich ist) zeigt Polanskis DER PIANIST die die Geschichte von Wladyslaw Szpilman (Adrien Brody), basierend auf seiner Autobiografie aus dem Jahr 1946. Im Kern schildert der Film eindringlich das Leben im Ghetto, streift die Widerstandsbewegung und die Geschichte von Wilm Hosenfeld, der 2008 von der Gedenkstätte Yad Vashem zum Gerechten unter den Völkern ernannt wurde. Ein sehr eindringlicher und intensiver Film! 9/10
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Re: Der Pianist - Roman Polanski (2002)

Beitragvon Tomaso Montanaro » 3. Aug 2015, 12:34

Immer wieder faszinierend, obwohl ich den schon mindestens dreimal gesehen habe. Polanski hat viele gute Filme gemacht, aber ich wage zu behaupten, dass dies sein persönlichster und bester ist.

Das Bonusmaterial der von mir gesichteten BluRay binhaltet auch ein Interview mit Polanski, in dem er durchblicken lässt, dass ihm die Verfilmung der wahren Geschichte des Pianisten Szpilman schon lange am Herzen lag.

10/10 Punkten
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