Blindman der Vollstrecker - Ferdinando Baldi

Helden, Halunken, staubige Dollars, Pferde & Colts

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Re: Blindman der Vollstrecker - Ferdinando Baldi

Beitragvon Paco » 12. Jan 2012, 12:52

Nach jahrzehntelanger Westernabstinenz ist "Blindman" mein erster Gernrefilm seit Ewigkeiten - und nach "Spiel mir das Lied vom Tod" und "The Good, the Bad & the Ugly" mein dritter I-Western überhaupt.

Fazit: Ich glaube, ich habe einiges verpasst in den letzten 20 Jahren :o

"Blindman" steckt derart voller Überraschungen und skurriler Einfälle jenseits jeglicher (US)Westernklischees, dass ich Stunden bräuchte, alles aufzuzählen. Neben der wohl typischen I-Western-Atmosphäre verneigt sich der Film vor "Zatoichi" ebenso wie vor "The wild Bunch" und bietet gute 100 Minuten Unterhaltung im allerbesten Sinne, was für mich heißt: Nicht nur kommt zu keinem Zeitpunkt Langeweile auf, nein, als Zuschauer wird man auch immer wieder überrascht, wenn man glaubt, die weitere Handlung absehen zu können.

Ein toller Film mit einem ebenso tollen Soundtrack von einem meinerLieblingsfilmkomponisten, Stelvio Cipriani.

Uneingeschränkt empfehlenswert für alle Italo-Filmfans, auch wenn sie - wie ich - keinen besonderen Bezug zum Westerngenre haben.
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Re: Blindman der Vollstrecker - Ferdinando Baldi

Beitragvon dr. freudstein » 12. Jan 2012, 12:55

Paco hat geschrieben:Nach jahrzehntelanger Westernabstinenz ist "Blindman" mein erster Gernrefilm seit Ewigkeiten - und nach "Spiel mir das Lied vom Tod" und "The Good, the Bad & the Ugly" mein dritter I-Western überhaupt.


Häääääääh ?????
:o :shock: :? :roll: :palm:
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Re: Blindman der Vollstrecker - Ferdinando Baldi

Beitragvon DrDjangoMD » 12. Jan 2012, 13:01

Paco hat geschrieben:Fazit: Ich glaube, ich habe einiges verpasst in den letzten 20 Jahren :o


Und ob! Ich empfehle dir natürlich sofort meinen geliebten Sergio Corbucci!!! :D
Wie du geschrieben hast bricht der Italowestern mit sämtlichen doofen Klischees des amerikanischen, weswegen er in meinen Augen viel empfehlenswerter ist (Ausnahmen bilden natürlich die US-Spätwestern, die sich wiederum an Italien orientierten). Und dafür ist "Blindman" wirklich ein tolles skurriles Beispiel.
Freut mich wirklich sehr, dass dir der Film gefallen hat, er ist auch einer meiner Lieblinge! :nick:

P.S. Leg dir "Django", "Leichen pflastern seinen Weg" und "Für ein paar Dollar mehr" zu! ;)
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Re: Blindman der Vollstrecker - Ferdinando Baldi

Beitragvon Paco » 13. Jan 2012, 12:32

"Leichen pflastern seinen Weg" besitze ich sogar, werde ihn baldmöglichst schauen!

Meine langjährige Abstinenz erklärt sich ganz einfach dadurch, dass ich im Alter von 5-10 Jahren so ziemlich alles, was es an Western im TV gab, verschlungen habe - Spielfilme (vorzugsweise aus den 50ern) sowie etwas neuere Serien - alles natürlich US-amerikanischer Couleur.
Na ja, und irgendwann hatte ich einfach die Schnauze voll vom Genre, was zur Folge hatte, dass die gesamte Italo- und Spätwestren-Ära unbemerkt an mir vorbeizog :cry:

Naja, Fehler erkennen ist immer der erste Schritt, sie zu beheben, oder ;)
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Re: Blindman der Vollstrecker - Ferdinando Baldi

Beitragvon Jeroen » 13. Jan 2012, 21:29

Ich bin irgendwie auch noch nicht so richtig mit dem Westerngenre warm geworden, leider :(
Denke, ich kann die gesehenen Italowestern auch an ein, zwei Händen abzählen. Hauptsächlich Western mit Comedy-Einschlag, wie die Spencer/Hill-Geschichten oder ähnlich gelagertes wie Zwei Himmelhunde im Wilden Westen. Fulcis Sein Gesangbuch war der Colt finde ich auch top. Schräge Einfälle wie der Buddy-Western In meiner Wut wieg ich vier Zentner mit dem ungleichen Paar Lo Lieh und Lee van Cleef sind für mich auch immer ein Plus ... daher könnte ich mir vorstellen, dass der unkonventionelle Blindman mir gefällt; der wird vorgemerkt.
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Re: Blindman der Vollstrecker - Ferdinando Baldi

Beitragvon buxtebrawler » 25. Feb 2012, 23:20

„Jeden Abend knie ich nieder und sprech meine Gebete... Und jedes Mal frag ich dann unseren Herrn: ‚Herr! Wer sind meine Freunde?’ Und weißt du was, Skunk? Jedes Mal ist es dieselbe Sache: Er antwortet nicht..."

Produzent, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Tony Anthony („Ein Dollar zwischen den Zähnen“) wählte den italienischen Regisseur Ferdinando Baldi („Django, der Rächer“) für seinen Western „Blindman, der Vollstrecker“ aus dem Jahre 1971 – eine höchst fruchtbare Kollaboration.

Anthony mimt den bis auf sein zum „Blindenpferd“ ausgebildeten Klepper auf sich alleingestellten, namenlosen Blinden, dem eine 50-köpfige Herde Frauen im besten Alter unrechtmäßig entwendet wurde. Diese befindet sich nun im Besitz des mexikanischen Banditen Domingo (Lloyd Battista, „Flippers neue Abenteuer“, „Trabbi Goes to Hollywood“), der mit ihrer Hilfe eine Division der mexikanischen Armee unter Führung von „El General“ (Raf Baldassarre, „Labyrinth des Schreckens“) anlocken und übers Ohr hauen will. Doch er hat die Rechnung ohne den intelligenten Blinden gemacht, der neben seinem Geschick davon profitiert, dass ihn seine Gegner grundsätzlich unterschätzen – und es für sie meist zu spät ist, wenn sie dies bemerken...

Neben einem unglaublich lässigen, durchtriebenen Tony Anthony, der einen etwas anderen Italo-Western-Antihelden verkörpert, kann „Blindman“ die Beteiligung des „Beatles“ Ringo Starr für sich verbuchen, der mit sichtlicher Freude Candy, den nicht minder schmierigen Bruder Domingos, darstellt. Eigentlich macht die gesamte Besetzung einen bestens aufgelegten Eindruck, was wenig verwundert, wenn sie von 50 nackten, jungen Frauen umgeben ist. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, werden die Frauen hier wie Vieh behandelt, was aber hervorragend zur augenzwinkernd-zynischen Ausrichtung des Films passt. Mit Magda Konopka („Die sündigen Mädchen vom Lande“) als bösartige Partnerin Domingos hielt man indes als Kontrast eine starke Frauenrolle parat, die nicht minder attraktiv ist und sich sogar gleichberechtigt bis aufs Blut mit unserem Blinden Frauenfreund bzw. -händler bekämpfen darf. „Blindman“ als emanzipatorischen Film zu bezeichnen, wäre aber sicherlich etwas hochgegriffen, ähem...

Vielmehr handelt es sich um einen oberflächlich betrachtet ultra-harten, dabei originellen Italo-Western mit verdammt vielen Toten, blutigen Schießereien, zahlreichen Explosionen (der Blinde hat sein Dynamit im Dauereinsatz), einigen Sadismen und generell trotz relativ langer Laufzeit sehr hohem Tempo, das niemals auch nur ansatzweise Langatmigkeit aufkommen lässt. Italo-typisch ist alles herrlich schmutzig, staubig, verschwitzt und bis auf die Mädels unappetitlich. Der Mimik der Protagonisten wird viel Platz eingeräumt, besonders Anthony macht seine Sache famos und achtet darauf, bei allen Übertreibungen einen gewissen Realismusgrad für seine Rolle als Blindem beizubehalten, sich also nicht als Übermenschen zu geben, sondern als jemanden, der aus seiner Behinderung insofern Kapital schlägt, als er aufgrund ihrer seine restlichen Sinne besonders geschärft, aus den Demütigungen seiner Mitmenschen gelernt und begriffen hat, dass er erst recht immer einen Tick besser als die anderen sein muss, um zu überleben. Komponisten-Genius Stelvio Cipriani steuerte einen äußerst gelungenen Soundtrack bei, der sehr dominant zum Einsatz kommt.

Die eigentliche Handlung gerät bei der flotten, mit bösem Humor versehenen Inszenierung etwas in den Hintergrund, ist allerdings auch nicht sonderlich komplexer Natur. Sie wird aber wahrhaft meisterlich ausgeschmückt mit einem bunten Strauß an wahnwitzigen Ideen und Überraschungen, die entscheidend zum hohen Unterhaltungsfaktor beitragen. Mal lässt „Django“ grüßen, wenn mit einem Maschinengewehr gleich reihenweise Menschen ins Jenseits befördert werden, dann wieder verblüfft unser Blinder mit ausgebufften Einfällen oder hüpft ein Mexikaner overactend durchs Bild. Man liefert sich einige zitierwürdige, abgefuckte Dialoge und haut ansonsten einfach laut und ordentlich auf die Kacke, ohne dabei das stimmige Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. Denn alles fügt sich trotz von Baldi als zeitweise chaotisch beschriebener Drehumstände perfekt zusammen und die Kameraarbeit mit ihren Perspektiven, Fahrten und Schwenks, ihren Panoramen und Zooms sowie ihren Ausleuchtungen ist auf so hohem Niveau, dass sie „Blindman“ nicht nur wegen des für einen Western ungewöhnlich hohen Frauenanteils zu einem visuellen Leckerbissen macht.

„Blindman“ ist zwar beileibe kein Western der leisen Töne, doch der diskriminierenden Behandlung, der unser blinder Geschäftsmann bisweilen ausgeliefert ist, wohnt unschwer zu erkennen Kritik am Umgang mit Behinderten inne. Und wer möchte, kann sich bestimmt auch Gedanken darüber machen, wie viel Sexismus in „Blindman“ steckt oder wie viel davon veranschaulichende Übertreibung zu karikierenden Zwecken ist und das Hauen und Stechen der ganzen Bagage auf dem Rücken der Frauen als zynischen Kommentar zum entfesselten Kapitalismus interpretieren. Zu allererst ist „Blindman“ aber ein perfekt inszenierter Unterhaltungswestern für Erwachsene, dessen Fazit mir angesichts des einmal mehr zynischen Endes zu sein scheint: „Weiber – wie gewonnen, so zerronnen.“
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Blindman der Vollstrecker - Ferdinando Baldi

Beitragvon DrDjangoMD » 26. Feb 2012, 10:14

:nick: :thup:

Für mich einer der spaßigsten Italowestern überhaupt.
Für meinen Vater auch ein Erlebnis sondergleichen.
Für meine Freunde wahrscheinlich auch einmalig, muss sie jedoch noch überreden sich den anzusehen (eine Prozedur, die ich schon sehr sehr lange betreibe).
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