Und Jimmy ging zum Regenbogen - Alfred Vohrer (1971)

Moderator: jogiwan

Und Jimmy ging zum Regenbogen - Alfred Vohrer (1971)

Beitragvon Blap » 16. Nov 2010, 22:20

Vohrer, Winter, Simmel. Das sollte einen eigenen Thread rechtfertigen.


Und Jimmy ging zum Regenbogen (Deutschland, Österreich 1971, Originaltitel: Und Jimmy ging zum Regenbogen)

Blei statt Gold

Manuel Aranda (Alain Noury) trifft in Wien ein, der junge Mann -der in Argentinien lebt- will die Leiche seines Vaters in die Heimat überführen. Aranda Senior wurde von einer Buchhändlerin namens Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) mit Gift getötet. Die Täterin hinterließ auf einem Tonband ihr Geständnis, danach verübte sie Selbstmord. Manuel will unbedingt herausfinden, warum die ihm völlig unbekannte Frau seinen Vater tötete, er kann zunächst keinerlei Verbindung zwischen der Mörderin und ihrem Opfer erkennen. Hofrat Groll (Heinz Moog), ein ranghoher Kriminalbeamter, rät dem jungen Aranda zur baldigen Abreise, sein Leben sei in grösster Gefahr. Tatsächlich brodelt es gewaltig hinter den romantischen Kulissen der österreichischen Hauptstadt. Agenten aus den USA, Frankreich und der Sowjetunion, haben Manuel längst im Visier, geraten sich dabei immer wieder gegenseitig ins Gehege. Es kommt gar zu einem Attentat auf das Leben des junges Mannes, doch der Mordanschlag kann unbemerkt vereitelt werden. Manuel lernt Irene Waldegg (Doris Kunstmann) kennen, er beginnt Gefühle für die attraktive Frau zu entwickeln. Seine Nachforschungen führen ihn auch in jene Buchhandlung, in der die Mörderin Valerie Steinfeld tätig war. Der erste Besuch verläuft unbefriedigend, der Buchhändler Martin Landau (Konrad Georg) erweist sich als wenig auskunftsfreudig. Vielversprechender könnten die Gegenstände sein, die man ihm Gepäck des toten Aranda Senior vorfand. Unter diesen befindet sich auch ein verschlüsseltes Dokument, an dem seitens der Geheimdienste grösstes Interesse besteht. Der tatsächliche Inhalt der Papiere bleibt Manuel zunächst verborgen, doch der junge Mann kommt seinem Vater schliesslich auf die Schliche. Erschreckende Abgrüde tun sich auf, weitere Ermittlungen führen Manuel in das Edelbordell von Nora Hill (Judy Winter), die ihrerseits am Tropf der Geheimdienste hängt. Während Aranda Junior weitere Details ans Licht befördert, rotieren die Flügel der Geheimdienste schneller und schneller...

Nach der äusserst erfolgreichen Zeit bei Rialto, wechselte Regisseur Alfred Vohrer zu Roxy-Film, der Produktionsfirma von Luggi Waldleitner. Die Ära der Wallace Filme ließ Vohrer damit hinter sich, für Waldleitner inszenierte Vohrer -neben anderen Werken- sechs Verfilmungen von Romanen des Erfolgsautors Johannes Mario Simmel. Der erste Streifen aus dieser Reihe ist "Und Jimmy ging zum Regenbogen", der von Anfang November bis Ende Dezember 1970, in Wien und München gedreht wurde. Im März 1971 lief der Film erfolgreich in den Kinos an.

Der liebenswerte Popanz der Wallace Filme bleibt unter Verschluss. "Und Jimmy ging zum Regenbogen" ist ein ernstes und bitteres Werk, bei dem Vohrer unter Beweis stellen konnte, dass er sein Pulver noch längst nicht verschossen hatte. Der Zuschauer taucht in die trügerische Scheinwelt der späten sechziger/frühen siebziger Jahre ein, die durch Rückblenden ergänzt wird, welche in der Zeit des dritten Reichs angesiedelt sind. Vohrer brennt kein actionsreiches Feuerwerk aus Knalleffekten und Verfolgungsjadgen ab. Auch auf Nebelschwaden und düstere Gewölbe sollte man nicht hoffen. Der angenehm unhektisch erzählte Film, nimmt den Zuschauer nach und nach gefangen. Trotz der ruhig fliessenden Erzählweise, kommt zu keiner Sekunde ein Anflug von Langeweile auf. Im Gegenteil, das etwas mehr als zwei Stunden lange (kurze) Werk, hätte für meinen Geschmack noch mehr Laufzeit gut verkraftet. In dieser Hinsicht setzten finanzielle und zeitliche Möglichkeiten sicher Schranken, spielten kommerzielle Erwägungen eine gewaltige Rolle. Insgesamt kann man mit dem vorhandenen Ergebnis aber sehr zufrieden sein. Die Kamera von Charly Steinberger präsentiert sich dynamisch und neugierig, manchmal vielleicht eine Spur zu unruhig. Steinbergers Arbeit wirkt noch heute erstaunlich frisch, regelrecht modern, ohne dabei durch allzu hektisches Gewackel zu nerven. Die Besetzungsliste von "Und Jimmy..." liest sich nicht nur beeindruckend, die grossen Namen erfüllen die nicht minder grosse Erwartungshaltung sehr souverän. Werfen wir also einen kurzen Blick auf die Riege der Schauspieler.

Die Hauptrolle wurde mit dem noch recht unerfahrenen Alain Noury besetzt. Dieses Wagnis erweist sich als kleiner Glücksgriff, denn Noury wirkt angenehm unverbraucht, dabei sympathisch und glaubwürdig. Seine Darbietung überzeugt, es mutet aus heutiger Sicht erstaunlich an, dass Noury keine grosse Karriere gelang. Freilch muss er die Last nicht allein tragen, das Ensemble ist bis in die Nebenrollen grossartig aufgelegt. Vor lauter Begeistung über die zahlreichen Könner, fällt es schwer nicht in ausufernde Schwärmereien zu verfallen. Ich lasse -abgesehen vom Hauptdarsteller- den Damen den Vortritt. Allen voran muss Judy Winter genannt werden. In der Gegenwart des Films sehen wir sie als alte, gebrochene Frau, die sich nach Außen noch immer selbstbewusst und stolz zeigt. Ihre Zerbrechlichkeit offenbart sich in einer Szene mit Peter Pasetti, in der ihre Verzweiflung, der Ekel vor ihren Auftraggebern (und sich selbst) zu Tage kommt. Während der Rückblenden in die Nazizeit, sehen wir Winter als verführerische Doppelagentin, die über die furchtbar banalen Gelüste eines Versagers stolpert. Eine tragischer und ungemein faszinierender Charakter, ich verneige mich vor dieser phantastischen Leistung! Ruth Leuwerik machte sich zum Entstehungszeitpunkt von "Und Jimmy ging zum Regenbogen" bereits rar, ihr gelingt eine kaum weniger beeindruckende Vorstellung. Gerade auch die gemeinsamen Szenen mit Judy Winter sind grossartig. Zwischen diesen schier übermächtig präsenten Damen, bleibt der Part von Doris Kunstmann fast ein wenig unscheinbar. Zwar fällt Kunstmann die Rolle des Love Interests der Hauptfigur zu, doch eben dieser Part lässt nicht annährend die Tiefe zu, die man Winter und Leuwerik gewährt. Doris Kunstmann spielt ohne Fehl und Tadel, nur sind die Schatten ihrer Kolleginnen schlicht und ergreifend länger.

Die Herren legen sich nicht minder stark ins Zeug, doch Judy Winter hat mit ihrer Leistung mein Herz erobert, niemand aus der Besetzung kann an ihrem Thron rütteln. Das Füllhorn giesst mit nahezu verschwenderischer Güte, seinen wundervollen Reigen der Schauspielkunst über dem Zuschauer aus. Da hätten wir Heinz Moog in der Rolle des väterlichen Kriminalisten, der mit allen Wassern gewaschen ist, doch trotz seiner Erfahrung und Cleverness, die Dinge nicht nach seinen Vorstellungen zu lenken vermag. Heinz Baumann, Peter Pasetti und Herbert Fleischmann geben der Geheimdienstfraktion ein Gesicht, vielmehr eine zunehmend abstossende Fratze. Baumann bleibt ein wenig unscheinbar. Während Pasetti eine herrlich eklige Vorstellung liefert, scheint Fleischmann stets unter Strom zu stehen, ein Vulkan kurz vor dem massiven Ausbruch. Im dritten Reich spinnt Horst Frank sein Netz in einer ähnlichen Position. Man hatte sogar den Mut, seiner Figur menschliche Züge zu verleihen, jedoch in Kombination mit eisiger Kälte und tödlicher Präsizion. Konrad Georg agiert in der Vergangenheit und Gegenwart, er meistert seine Rolle mit erlesener Klasse. Ein sensibler Charakter, der unter Druck zur Höchstform aufläuft, von seiner Umwelt gern unterschätzt wird. Horst Tappert sehen wir in den Rückblenden als durchaus mutigen Rechtsanwalt, ein interessanter Kontrast zu seinen Darbietungen als "Derrick" oder "Perrak". Damit dieser Kurzkommentar nicht zu ausufernd gerät, sie nur noch kurz auf die kleine Rolle von Klaus Schwarzkopf hingewiesen, der wie ein frische Brise durch das Szenario huscht.

Alfred Vohrer hat mich -einmal mehr- mit einer seiner Regiearbeiten sehr ansprechend unterhalten. Die Story hinterfragt die Umtriebe der Geheimdienste, der Staatsgewalt, die abseits von Recht und Gesetz agiert (und viele Dinge mehr. Doch sich darüber auszulassen, würde die Grenzen eines Kurzkommentares endgültig sprengen). Wer dem Plot nicht wohlgesonnen ist, mag eventuell eine gewisse "moralische Gängelung" des Zuschauers bemängeln. Ich habe mich allerdings nicht durch einen erhobenen Zeigefinger belästigt gefühlt, IMHO lässt die Handlung genug Spielraum für eine eigene Interpretation. "Und Jimmy ging zum Regenbogen" ist stilsicher inszeniert und fotografiert, die Besetzung treibt dem Filmfreund zahlreiche Freudentränen in die Augen. Die Ausstattung gefällt, die Atmosphäre ist packend, kommt dabei ohne Krawall und plumpe Effekthaschereien aus. Ich freue mich bereits jetzt auf die Sichtung weiterer Simmel Verfilmungen.

Die DVD aus dem Hause Kinowelt bietet eine ordentliche Bildqualität an. Leider liegt das Material in 1,33:1 vor, und nicht im Originalformat 1,85:1. Dies liest sich schlimmer als es tatsächlich ist, nur in wenigen Momenten wirkt die Bildkomposition dadurch ein wenig unstimmig. Man kann mit der DVD leben, ich würde mir aber eine erneute Auswertung im korrekten Format wünschen. Warum sich Kinowelt eines falschen Formates bediente, ist mir bisher leider nicht bekannt. Wer entsprechende Informationen hat: Immer raus damit! Eine Kaufempfehlung gibt es trotzdem, mir diese Auswertung eindeutig lieber, als auf diese Perle des deutschen Films verzichten zu müssen.

Gut bis sehr gut = 7,5/10 (+ unzählige Herz- und Sympathiepunkte)

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Re: Und Jimmy ging zum Regenbogen - Alfred Vohrer

Beitragvon untot » 26. Jul 2011, 01:24

Was könnte ich hier noch sagen, das Blap nicht schon erzählt hat?
Intensiver und leiser Film, der einen aber gerade deswegen zu fesseln vermag!
Erstklassige Schauspielerriege, tolles Drehbuch, gut gefilmt, Herz was willst Du mehr??
Nur den Schluß mag ich nicht! :x
Der Einzige, der unschuldig ist, in diesem ganzen Spiel, bezahlt mit seinem Leben, ich hasse sowas, aber so ist das Leben eben, hart und ungerecht!! :|


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Re: Und Jimmy ging zum Regenbogen - Alfred Vohrer

Beitragvon Arkadin » 26. Jul 2011, 10:26

Kleine Trivia am Rande: Judy Winter spielt die Nora Hill auch noch einmal im TV-Remake des Filmes von 2008. Die jüngere Ausgabe wird hier allerdings dann von einer anderen Schauspielerin übernommen.
Früher war mehr Lametta
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Re: Und Jimmy ging zum Regenbogen - Alfred Vohrer

Beitragvon Blap » 26. Jul 2011, 11:23

untot hat geschrieben:Nur den Schluß mag ich nicht! :x


??? Ein weichgespültes Ende hätte den gesamten Film zerstört. Bekanntlich bin ich keiner dieser Nörgler, die Filme verlangen, die sich möglichst nah an eine vorhandene Romanvorlage halten. Aber letztlich bleibt es eben doch eine Vorlage von Simmel, und da passt ein versöhnliches, zartes Ende einfach nicht!

:opa:
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Re: Und Jimmy ging zum Regenbogen - Alfred Vohrer

Beitragvon untot » 26. Jul 2011, 14:43

Du hast ja recht Blap, aber trotzdem gemein, schmoll. :(
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Re: Und Jimmy ging zum Regenbogen - Alfred Vohrer

Beitragvon buxtebrawler » 13. Feb 2019, 19:55

Erscheint voraussichtlich am 15.02.2019 bei Filmjuwelen noch einmal auf DVD:

Bild

Extras:
- Original Kinotrailer
- Fotogalerie
- Biografien (H. Frank, R. Leuwerik, J. M. Simmel)
- Werbematerial
- Schuber, Wendecover

Quelle:https://ssl.ofdb.de/view.php?page=fassung_vorab&fid=35811&vid=90707
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Und Jimmy ging zum Regenbogen - Alfred Vohrer (1971)

Beitragvon sid.vicious » 18. Feb 2019, 22:27

Ich habe die alte DVD letztes jahr für 5 Euro geschossen und anschließend nach Jahrzehnten den Film geschaut.

Ein Film wie ein kalter, gemütlicher Tag im Spätherbst an dem man viele gute alte Bekannte wieder trifft. Ein feines Spiel mit vielen Fragezeichen, die als Teile eines anfangs undurchschaubaren Mosaiks fungieren, welche finalisierend - in erhellender Form – zusammengefügt werden.
:thup:
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