bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 16. Jun 2020, 13:21

Tatort: Der letzte Schrey

„Wir zwei sind unschlagbar!“

Der zehnte Weimarer „Tatort“ ums Ermittlungsduo Dorn (Christian Ulmen) und Lessing (Nora Tschirner) knüpft wieder an die lose Tradition der Feiertagsausstrahlungen dieser Subreihe an: Gedreht im Mai/Juni 2019, wurde „Der letzte Schrey“ rund ein Jahr später an Pfingsten erstausgestrahlt. Regisseurin Mira Thiel („Gut zu vögeln“) debütierte mit der Verfilmung des Drehbuchs von Weimar-Stammautor Murmel Clausen innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimiserie.

Ein junges Verbrecherpaar (Christopher Vantis, „Herr und Frau Bulle: Abfall“ und Sarah Viktoria Frick, „Lago Mio“) dringt in die Villa der Strickwarenfirmenbesitzer Schrey (Jörg Schüttauf, 2002-2010 Frankfurter „Tatort“-Kommissar, und Nina Petri, „Lola rennt“) ein und ermordet erst deren Hund und schließlich Frau Schrey, nachdem es Gerd Schrey niedergeschlagen hat. Dieser befindet sich weiterhin in der Gewalt der Kriminellen, die von Schreys Sohn Maik (Julius Nitschkoff, „Als wir träumten“) ein hohes Lösegeld fordern. Für die Kripo riecht die ganze Chose jedoch eher nach versuchtem Versicherungsbetrug, hatte Gerd Schrey doch kürzlich eine Entführungs/Lösegeld-Versicherung abgeschlossen. Auch Maik gerät ins Visier der Ermittlungen, denn bei der Toten handelte es sich um seine Stiefmutter, zu der er kein gutes Verhältnis pflegte...

Der Auftakt in Form einer inszenatorisch recht starken Exposition zeigt die Ermordung des Hunds und anschließend Frau Schreys und mündet in einer Visualisierung Lessings Tathergangsthese. Die Täter bekommt man als Zuschauerin oder Zuschauer zunächst kurz zu Gesicht, ihre Motive kennt man jedoch nicht. Für ein wenig Humor sorgt der Konflikt zwischen dem auch privat liierten Ermittlungsduo um die Verpflichtung eines Au-pair-Mädchens fürs gemeinsame Kleinkind – und der Umstand, dass sich als beste Tatzeugin ausgerechnet eine blinde Frau herausstellt. Das Publikum dieses „Tatorts“ kommt also in den Genuss eines Wissensvorsprungs gegenüber Dorn und Lessing, kann mit diesem aufgrund des Whydunits jedoch nicht allzu viel anfangen.

Im weiteren Verlauf werden der Entführer und die Entführerin zunehmend charakterisiert, ihre Verbindung zu ihren Opfern bleibt indes bis zum Finale diffus. Dass beide nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind, bereitet einige weitere humoristische Momente aus Situationskomik und etwas Slapstick, die sich schwärzen, wenn der Entführer seine Partnerin erschlägt. Nach einigen Wendungen werden schließlich alle Fäden kongenial zusammengeführt – ganz wie im Betrieb der Schreys, gewissermaßen. Der Weg dorthin ist gepflastert mit zahlreichen zerstörten Telefonen, den obligatorischen Literaturzitaten Lessings und Jumpcuts im Percussionrhythmus der „jerks.“-Titelmelodie, der aktuellen Sitcom Christian Ulmens also. Der tiefere Sinn hinter diesem Semi-Insider-Gag bzw. -Audiozitat hat sich mir ehrlich gesagt nicht erschlossen.

Zwar knüpft das Finale, das die Handlung in einer überraschend komplex verwobenen Geschichte auflöst, stilistisch grundsätzlich an die besten Fälle des zuletzt etwas schwächelnden Weimar-„Tatorts“ an, doch leider fehlt über weite Strecken der intelligente Witz, der sich bis 2018 insbesondere in den Dialogen ausbreiten durfte. Beamte auf dem Sprung in den Südsee-Urlaub in alberner deutscher Tourikluft sind diesbezüglich kein vollwertiger Ersatz (aber dennoch für den einen oder anderen Schmunzler gut). Ebenso fehlt die Ebene, die Empathie bis Sympathie für den oder die Täter(innen) generiert und Einblicke in einen fremden Mikrokosmos oder alternative Lebensentwürfe gewährt. Damit einher geht ein geringeres Spannungslevel, das jedoch weiterhin über dem bemüht lustiger Krimikomödien oder deutscher TV-Krimi-Konfektionsware anzusiedeln ist.

Gegenüber „Der höllische Heinz“ und „Die harte Kern“ ist somit wieder eine positive Entwicklung in Weimar zu verzeichnen, sodass Anlass zur Hoffnung besteht, dass das Team eventuell schon mit seinem nächsten Fall komplett zurück in die Spur findet.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 17. Jun 2020, 13:12

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100 Millionen Views

„YouTube wurde zu einer Art Maschine, in der man einheitlich und relevant bleiben muss. Wir waren einmal ein zentraler Ort für all die seltsamen Kids, die einfach nur Trost suchten und in ihre Kunst eintauchen wollten, die da draußen niemand akzeptierte. Jetzt fühlt es sich so an, als macht es jede dritte Kid nur wegen des Geldes und wegen des Geschäfts.“

Der israelische Satiriker und Videokünstler Itamar Rose geht in seinem 2018 gedrehten und 2019 auf dem Münchener Dok.fest uraufgeführten, 53-minütigen Dokumentarfilm dem Phänomen YouTube auf den Grund: Wie funktioniert die 2005 gegründete und 2006 vom Google-Konzern übernommene Internet-Video-Plattform, wer sind die Menschen, die zu YouTube-Stars wurden, was ist das Geschäftsmodell – und: Wie landet man einen viralen Hit?

Um dies herauszufinden, schaut er sich das allererste YouTube-Video an, besucht YouTuber, deren Videos viral gingen, wie den „Yosemite Double Rainbow Guy“ Paul „Bear“ Vasquez, dreht mit dem Tierpräparator Chuck Testa und macht David DeVore, den nach einem Zahnarztbesuch von seinen Eltern gefilmten Jungen, und dessen Familie ausfindig. Auch US-Talkerin Ellen DeGeneres und andere Influencer(innen) und Multiplikator(inn)en wie dem lesbischen Sängerinnenpaar Bria & Chrissy stattet er einen Besuch ab.

„YouTube ist zum Big Brother geworden.“

Da Rose, der auch als Voice-over-Erzähler durch den Film führt, selbst einmal ein erfolgreiches Video auf YouTube platzieren will, versucht er, seine jeweils gewonnenen Erkenntnisse in die Videoproduktion einfließen zu lassen – jedoch zumeist mit mangelndem Erfolg. Eine Ausnahme stellt ein Video dar, das seine Frau mit einer Ziege zeigt und die Persiflage einen ähnlich fragwürdigen Tiervideos ist. Dass es mutmaßlich in erster Linie Perverse sind, die jenes zweideutig zu interpretierende Video „liken“, liegt auf der Hand. Schnell wird deutlich: Rose ist ein sehr schmerzbefreiter Satiriker, dem seine Frau offenbar in nichts nachsteht. Einleitend wurden bereits erschreckende und entlarvende Auszüge eines seiner Projekte gezeigt, die seine israelischen Landsleute dabei dokumentieren, wie sie ohne Weiteres auf Flüchtlinge schießen würden. Der YouTube-Dreh mit seinem Baby mündet in schwarzem Nazihumor, der gar nicht gut bei der YouTube-Gemeinschaft ankommt. Weitaus harmloser mutet da seine Vlogger-Persiflage an: Seine Alltags-Vlogs sind gezeichnet von Langweilig- und Belanglosigkeit.

„YouTube ist ein politischer Akteur mit eigenen Interessen und Werten, und Menschen, die auf diese Werte hinarbeiten.“

Satire, Persiflage und Humor sind jedoch lediglich ein Teilaspekt dieses Dokumentarfilms, der im weiteren Verlauf zunehmend in den Hintergrund gerät, wenn Rose sich den Schattenseiten des Phänomens widmet. Davids Familie profitiert monetär vom Ruhm, den das Video nach dem Zahnarzttermin ihr einbrachte. Sie trat damit jedoch eine Welle an Trittbrettfahrern los, wodurch es beunruhigende Ausmaße annahm, in welchen unschönen Privatsituationen Eltern ihre Kinder filmen und weltweit öffentlich ins Netz (bloß-)stellen. Dies bringt Rose dazu, sich den Algorithmus erklären zu lassen und das letztlich auf finanzkräftigen und damit einflussreichen Werbekundinnen und -kunden basierende YouTube-Geschäftsmodell zu skizzieren. Wie infolgedessen Menschen ihr Privatleben vor YouTube ausbereiten und schon Kinder um YouTube-Abonnent(inn)en betteln, ist mehr als nur bizarr.

So entpuppt sich dann auch das israelische „Social Media Festival“ PlayCon als eine Hölle voller gruseliger Selbstdarstellerinnen und -darsteller. Dort versucht Rose erfolglos, sich an den verbrecherischen Lebensmittelkonzern Nestlé zu verkaufen und wird wegen kritischer Fragen aus einer Konferenz herausgeworfen. Sieht so also YouTubes „Demokratisierung“ aus? Im Rahmen dieser Doku geht Rose anschließend relativ ausführlich auf einen hinsichtlich dieser Frage entscheidenden Aspekt ein, der den meisten eher passiven YouTube-Nutzerinnen und -nutzern gänzlich unbekannt sein dürfte: Die gezielte Demonetarisierung, also das Streichen der Beteiligung an den Werbeeinnahmen für Videoproduzentinnen und -produzenten, vermeintlich „werbeunfreundlicher“ Videos. YouTube sah sich nach Boykottandrohungen durch Industriewerbekundinnen und -kunden zu diesem Zweck gezwungen, die ihre Werbespots – zunächst einmal verständlich – nicht im Zusammenhang mit Terrorvideos oder politisch untragbaren Inhalten präsentiert sehen wollten. Die Folge ist jedoch die Diskriminierung oder gar Löschung einer Vielzahl kreativer und kritischer, unbequemer oder progressiver Videos (konkretes Beispiel: LBGT-Themen). Das Kapital erklärt also möglichst seichte Inhalte, an denen niemand Anstoß nehmen kann, zu den lukrativsten YouTube-Videos, und nimmt anderen die Möglichkeiten, am YouTube-Geschäftsmodell zu partizipieren. Sogar wichtige Augenzeugenvideos von Kriegsverbrechen u.ä. werden entfernt. Das ist 1984 in modern und entspricht letztlich den Befürchtungen, mit denen seinerzeit dem Privatrundfunk begegnet wurde. An Irrsinn kaum zu überbietende Konsequenz: Sog. ASMR-Videos, sprich: inhaltslose Einschlafhilfen in Videoform, werden vermehrt für YouTube produziert, da diese konzeptionell bereits darauf ausgelegt sind, völlig frei von etwaigen Störfaktoren zu sein und sich als besonders lukrativ erweisen, da sie stets bis zum Ende durchgestreamt werden – schließlich schläft das Publikum währenddessen ein. Einen anderen Weg ging die verzweifelte YouTuberin Nasim Aghdam. Die vegane Tierschutzaktivistin wurde ein Opfer dieser Zensurmaßnahmen YouTubes, woraufhin sie die YouTube-Zentrale stürmte, um sich schoss und sich selbst das Leben nahm.

„Haben sie Millionen Videos aus Konfliktzonen gelöscht, um den Herrschern riesiger Märkte wie China und Russland zu zeigen, dass sie keinen russischen oder chinesischen Frühling auf YouTube befürchten müssen?“

Roses Film macht klar: YouTube verfügt als marktführender De-facto-Monopolist über ein Ausmaß an Macht, das der Konzern mitnichten für demokratische Zwecke einsetzt – im Gegenteil. Seine Algorithmen sind zudem intransparent und haben vornehmlich ein Ziel: Die Anhäufung privaten Gewinns. Zudem lässt er sich problemlos missbrauchen, um eine eigene politische Agenda durchzudrücken. Wie so vieles im Bereich sog. sozialer Netzwerke und Web-2.0-Anwendungen gehört YouTube somit dem Google-Konzern entzogen und vergesellschaftlicht. Warum dem so ist, hat Itamar Rose mit diesem Film mit viel Humor und Sarkasmus gewürzt ebenso eindrucksvoll wie unterhaltsam veranschaulicht, weshalb diese fabelhafte Dokumentation eigentlich jede(r) einmal sehen sollte, der/die YouTube zumindest hin und wieder nutzt – und wer tut das nicht?
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 23. Jun 2020, 09:45

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Tatort: Zabou

„Crack – ist Koks für Arme!“

Nach „Zahn um Zahn“ aus dem Jahre 1985 folgte 1987 mit „Zabou“ der zweite Duisburger „Tatort“ um die Ermittler Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik), der auf die große Kinoleinwand ausgerichtet wurde und dort seine Premiere feierte. Die Regie führte erneut der Miterfinder dieser Duisburger Subreihe Hajo Gies, fürs Drehbuch zeichnen Martin Gies und Axel Götz verantwortlich.

„Ich bin vielleicht betrunken, aber ich bin doch nicht wahnsinnig!“

Schimanski und Thanner erwischen auf ihrem Streifzug gegen harte Drogen den Dealer Sandrowski (Ralf Richter, „Verlierer“) beim Crackverkauf. Sie verfolgen den Flüchtigen bis zu seiner Arbeitsstelle, dem anrüchigen Nachtclub „Sunflash“, in dem er sich als Hilfskoch verdingt. Zu seiner Überraschung trifft Schimanski dort seine ehemalige Ziehtochter Conny (Claudia Messner, „Die Zuhälterin“) aus der Zeit seiner Liaison mit ihrer Mutter wieder. Conny ist zu einer attraktiven jungen Frau gereift und nennt sich nun Zabou. Schimanski schwört sich, nicht nur zu beweisen, dass das „Sunflash“ als Drogenschleuse fungiert, sondern auch Conny aus diesem Milieu herauszuholen. Doch diese ist auf Schimmi nicht gut zu sprechen und wirft ihm vor, ihre Mutter und damit auch sie damals sitzengelassen zu haben. Mit seinen Ermittlungen hat Schimanski weit mehr Erfolg, woraufhin Hocks (Wolfram Berger, „Drei gegen drei“), Chef des Etablissements, Thanner zu bestechen versucht. Da dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt ist, stellt er Schimanski eine Falle – ausgerechnet mit Connys Hilfe: Sie arrangiert eine Aussprache Hocks mit Schimmi, in deren Zuge Schimanski niedergeschlagen wird, man ihm Alkohol injiziert und in ein Auto setzt, mit dem er durch Duisburg irrt und verunfallt. Als er benommen im Krankenhaus erwacht, wird er von Thanner verhaftet: Er soll Hocks erschossen haben…

„Sind die denn alle besoffen?!“

Natürlich wäre Schimanski nicht Schimanski, würde er sich nicht aus seiner Haft befreien und auf eigene Faust und unter vollem Körpereinsatz weiterermitteln. Zunächst jedoch zeigt dieser „Tatort“ Schwarzweißbilder einer Liebschaft und einer Art Familienglück Schimmis – damals noch ohne Schnurri –, wie sich herausstellen wird handelte es sich um die Beziehung zu Connys Mutter. Joe Cocker röhrt dazu sein schönes Rührstück „And Now You're Gone“, erhältlich auf 7“-Single mit ihm und George auf dem Cover. In Farbe fällt Schimmi dann wortwörtlich mit der Tür ins Haus, der Gejagte stürzt sich durchs geschlossene Fenster, jemand greift den Kommissar mit einem Messer an – Drogenrazzia in Duisburg. In die Küche des „Sunflash“ hat sich nicht nur der gewohnt schnoddrige Ralf Richter im stilvollen Venom-Shirt zurückgezogen, sondern auch Klaus Lage für einen Cameo als Koch hineingeschmuggelt.

„Leben wir noch oder sind wir schon über’n Jordan?“ – „Wir leben… leider!“

Jener Klaus Lage, dessen „Faust auf Faust“ (erhältlich auf 7“-Single mit ihm und George auf dem Cover) der formidable Titelsong des ersten Kino-Ausflugs Schimanskis war, war auch an der Musik zu „Zabou“ beteiligt: Seine Nummer „Nie wieder Kind“ wird in einer Instrumentalversion oder gesummt von den Figuren wiederholt auf der Tonspur aufgegriffen. Hört sich gut an. Das „Sunflash“ entpuppt sich als dekadente Nobeldisco mit angeschlossener Peepshow, aus der man Schimmi folgerichtig erst einmal herauswirft. Was soll’s, schleppt er sich eben eine junge Punkette mit LED-Ohrring ab. Abgeschleppt werden muss schließlich auch das Vehikel, an dessen Steuer man ihn, nicht mehr Herr seiner Sinne, nach einer zünftigen Hauerei mit den Übeltätern setzte und das eine Verfolgungsjagd mit der Polizei herausbeschwört, die man gesehen haben sollte: Nicht einmal spektakuläre Stunts beenden Schimmis Irrfahrt. Unglaublich!

„Überall, wo du hinkommst, gibt’s Tote!“

Seinen von Dieter Pfaff („Treffer“) gespielten Aufpasser hat Schimmi nach dem bösen Erwachen schnell übertölpelt, indem er seine männlichen Reize einsetzt. Klingt komisch? Ist so. In neuer Jacke gibt’s Action auf dem Großmarkt und eine Bootsverfolgungsjagd auf der Ruhr, die sich ebenfalls sehen und hören lassen kann: Zumindest in der TV-Fassung untermalen die Animals das rasante Treiben mit ihrem Hit „We Gotta Get Out Of This Place“. Neben all der kinoformatigen Action gelingt es „Zabou“ aber auch, ruhigere Töne anzuschlagen und sensibel das ambivalente Verhältnis Connys und Schimanskis zueinander zu thematisieren. Dass dieses in einem Bettverhältnis mündet, ist dann aber doch ein bisschen viel älterer Mann mit jüngsten Frauen auf einmal. Eine bessere Figur macht Schimmi, wenn er in Zeitlupe auf ein fahrendes Auto springt, das durch explodierende Fässer rast. Oder wenn er seine Dienstmarke für ein paar Groschen an ein kleines Mädchen verkauft, um telefonieren zu können. Hätte Thanner, der ihn zuvor wieder eingefangen hatte, das gesehen, er hätte mit Sicherheit einen erneuten Wutausbruch bekommen.

„Ich versohl‘ dir den Arsch!“

Als die Spur zu Hannes Jaenicke („Abwärts“) als aalglattem Firmenbesitzer Melting führt, überrascht „Zabou“ mit weiteren Wendungen und gewinnt zusätzlich an Härte; ein Leben ist in diesen Kreisen keinen Pfifferling wert. Kurios hingegen wird’s, wenn Conny während (!) ihrer Liveshow vor Publikum im „Sunflash“ Schimmi noch einmal ordentlich den Kopf wäscht. Und als man glaubt, der Fall sei gelöst, hat man die Rechnung ohne die bereits hinter der nächsten Ecke lauernden Wendung gemacht, die noch ein paar weitere Stunts in petto hat – wenngleich sie leider nicht mehr sonderlich glaubwürdig erscheint. Immerhin greift sie auf, was sich mehr oder weniger subtil durch diesen Film zieht: Wie schwer es geworden ist, jemanden wirklich zu durchschauen, einschätzen zu können, sich seiner Rolle in diesem Spiel sicher zu sein. Das finale findet in den überaus stylischen Kulissen einer Zisterne statt. Das sieht sogar derart beeindruckend aus, dass man sich fragt, weshalb nicht mehr viel mehr Finals in Zisternen stattfinden.

Leidtun kann einem jedoch einmal mehr Thanner, der, wie schon in „Zahn um Zahn“, auch in diesem Kino-„Tatort“ wieder eine etwas undankbare Rolle innehat, in der er nach dem ersten Drittel gar zum Gegenspieler Schimanskis wird und ihm (zum wiederholten Male innerhalb der Reihe) die Freundschaft kündigt. Zwischen Fisch-Splatter, ein paar barbusigen Frauen und omnipräsenter Sinalco-Cola (war die 1987 im Pott tatsächlich derart angesagt oder handelt es sich um gezielte Produktplatzierungen?) gewinnt „Zabou“ aus heutiger Sicht durch sein als nostalgisch empfundenes ‘80er-Zeitkolorit, punktet auch mit seinem coolen Rock-Soundtrack und ist unterm Strich ein sehenswerter und unterhaltsamer Action-Krimi mit Neo-Noir-Anleihen, dessen Drehbuch zum Ende hin in Sachen Wendungen etwas zu sehr die Gäule durchgingen.

Erwähnenswert sind noch die Unterschiede zwischen der Kino- und der Fernsehfassung: Die Musikstücke „Joey“ und „We Gotta Get Out Of This Place“ finden sich lediglich in letzterer, dafür wurde die TV-Version um ein paar Gewaltspitzen erleichtert.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 23. Jun 2020, 09:49

Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen

„Sehr geehrte Frau König, sie sind tot.“

In ihrem 22. „Polizeiruf 110“ sieht sich das Rostocker Ermittlungsduo Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) erneut mit Frauenmörder Guido Wachs (Peter Trabner) konfrontiert, der in der Episode „Für Janina“ eingeführt wurde und seither Teil der horizontalen, also episodenübergreifenden Erzählebene ist. Für Eoin Moore, Stammregisseur der Reihe, ist es bereits der elfte „Polizeiruf“, das Drehbuch stammt von Florian Oeller. Gedreht im August und September 2019, erfolgte die Erstausstrahlung am 14.06.2020 als letzter neuer öffentlich-rechtlich produzierter Sonntags-Prime-Time-Krimi vor der Sommerpause.

„Wir bereuen und erlösen uns von dem Bösen!“

Der Frauenmörder Guido Wachs, der für seine eigentliche Tat nicht belangt werden konnte, aufgrund von König gefälschter Beweise jedoch für einen anderen Mord hinter Gittern landete, gibt sich als reuiger Sünder und verfasst Briefe an König, mit denen er sie psychisch zu manipulieren versucht. Seither leidet sie unter Schlafstörungen und Hautausschlag, droht, medikamentenabhängig zu werden, und entwickelt eine Psychose. Doch damit längst nicht genug: Beim Joggen am Rostocker Hafen wird sie Zeugin, wie zwei Jugendliche (Anton Weil und Florian Kroop) eine Frau sexistisch belästigen. Als sie ihr zur Hilfe eilt, wird sie von den Tätern K.O. geschlagen. Als sie im Krankenhaus erwacht, erfährt sie, dass die Frau, die sie aus der misslichen Lage rettete, tot ist: Die Leichtathletin und Einzelgängerin Nadja Flemming (Xenia Rahn, auch im wahren Leben Athletin) wurde erstochen aufgefunden. Die Kripo geht von Raubmord aus. Während Wachs König zu sich ins Gefängnis zu locken versucht, nimmt sie in ihrem schwer angeschlagenen Zustand die Ermittlungen auf und besucht u.a. den Ex-Mann (Andreas Helgi Schmid, „Verpiss Dich, Schneewittchen“) der Toten, der als einziger noch regelmäßigen Kontakt zu ihr unterhielt und mit seiner neuen Lebensgefährtin Annie (Victoria Schulz, „Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“) eine kleine Familie aufgebaut hat, zu der auch der kleine Sohn aus seiner Beziehung mit Nadja gehört. Königs Verdacht richtet sich schließlich nicht mehr gegen die juvenilen Schläger, sondern gegen Annie… Zeitgleich geht eine neue harte Droge in Rostock um und hängt Bukows Vater (Klaus Manchen, „Der rote Kakadu“) in diesen Geschäften mit drin, und polizeiintern macht sich Kollege Pöschel (Andreas Guenther, „Anatomie“) Hoffnungen, die Nachfolge der Anti-Drogen-Einheit-Chefin anzutreten. Es ist viel los in Rostock, Dinge sind im Umbruch und die Ermittler(innen) müssen versuchen, dem Stress zu trotzen und den Überblick zu wahren.

„Die Zeit ist zu kostbar, also hör auf zu warten!“

Nach dem missglückten „Söhne Rostocks“ ist der horizontale Handlungsstrang nun so dominant wie nie zuvor im Rostocker „Polizeiruf 110“ – und, um es gleich vorwegzunehmen: Das Regie- und Drehbuchteam aus Moore und Oeller versteht es, beinahe allen anderen TV-Krimireihen, die das mittlerweile zum guten Ton gehörende horizontale Erzählen aufgegriffen haben, zu demonstrieren, wie man es macht, wenn es richtig gut werden soll. Obwohl „Der Tag wird kommen“ knapp an motivischer Überfrachtung vorbeischrammt, wirkt er letztlich doch wie aus einem Guss. Aus Wachs hat man nun einen psychologisch extrem manipulativen Schurken gemacht, dem eine sehr unheimliche Aura anhaftet. In Bender (Björn Meyer, „Sarah Kohr: Das verschwundene Mädchen“), vorgeblich Königs Hausmeister, hat er einen Handlanger gefunden, der Königs Wohnung mit Geheimdienstmethoden überwacht und der durch gezielte unbemerkte Vergiftungen für Königs desolaten Zustand mitverantwortlich ist, bis hin zu einem bösen Ausschlag, an dem sie herumkratzt – beängstigend und fies. Die Kamera visualisiert Königs Medikamentenmissbrauch durch visualisierte Trips mithilfe winziger Action-Cams und überträgt ihren psychischen Zustand damit ins Bild. Der dauergehrende Wachs-Konflikt wächst hier zu Psychoduellen im Gefängnis heran, in die auch Bukow und Wachs‘ Ex-Frau (Florentine Schara, „Tatort: Der scheidende Schupo“) involviert werden.

Ferner greift „Der Tag wird kommen“ das Verhältnis zwischen Bukow und seinem sich eher auf der anderen Seite des Gesetzes bewegenden Vater wieder auf, um sich gleichzeitig von dieser Figur zu verabschieden – und damit auch von Schauspieler Klaus Manchen, der bereits im allerersten „Polizeiruf“ aus dem Jahre 1971 mitgespielt hat. Seine letzten Szenen spielen auf der Halbinsel Wustrow, die erstmals als Krimikulisse dient. Bukow junior hat seinen ersten Auftritt in dieser Episode in einer „Bratort“-Schürze, einer Verballhornung der ARD-Partnerserie. Nach einem Perspektivwechsel zu den jugendlichen Schlägern, die sich als großmäulige Drogenhonks entpuppen, landen diese im von Bukow beeindruckend geführten getrennten Verhör auf der Wache. Das war es dann aber auch beinahe an klassischer Polizeiarbeit, zumindest, was Bukow und König betrifft. Letztere erfährt vom Broken-Heart-Syndrom der toten Athletin, was die Handlung um eine weitere tragische Note emotionalisierend ergänzt. Tatsächlich gelingt es Moore und seinem Team, dem empathiefähigen Teil des Publikums quasi alle verhandelten Fälle und Schicksale auf unterschiedliche Weise emotional nahezubringen. Dies gilt auch für die Beziehung zwischen Bukow und König, einmal mehr schauspielerisch brillant verkörpert von Hübner und Sarnau, einem wahren Dreamteam.

Wenn sich am Ende die Ereignisse überschlagen, weiß man, dass zukünftig vieles nicht mehr so sein wird, wie es einmal war. „Der Tag wird kommen“ bringt drastische Einschnitte ins horizontale Narrativ der Rostock-Reihe mit sich. In seinem Mix aus Krimi, Psycho-Thriller und Drama ist dieser „Polizeiruf 110“ mehr (gelungene) Genre-Kost denn Abbildung realistischer Polizeiarbeit – auf einem Niveau, das diesem Konzept recht gibt.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 23. Jun 2020, 10:42

Tatort: Spielverderber

„Ich kann dich ja mal in die Geheimnisse der freien Marktwirtschaft einweihen!“

Der bereits siebzehnte „Tatort“ der Duisburger Kripo-Beamten um Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) – der erste nach dem zweiten Kino-„Tatort“ „Zabou“ – war Regisseur Pete Ariels vierter Beitrag zur öffentlich-rechtliche Krimireihe, zugleich sein Debüt in Duisburg. Insgesamt brachte er es bis ins Jahr 2000 auf neun Regiearbeiten für den „Tatort“. Das Drehbuch stammt von den bewährten Autoren Felix Huby und Hartmut Grund. Im Juni 1987 wurde „Spielverderber“ erstausgestrahlt, dessen Titel sich auf ein am Rande vorkommendes, jedoch zu doppeldeutigen Dialogen einladendes Backgammon-Spiel bezieht.

„Aus dir wird doch noch mal ‘n Kriminalist…“

Die Prostituierte Ulla, genannt „Die Gräfin“, wird ermordet aufgefunden. Kommissar Schimanskis Informant Mottenpaule (Erich Will, „Fabian“) meint von einem Erpressungsversuch Ullas gegenüber einem ihrer Freier zu wissen und verweist ihn an den Zuhälter und Nachtclubbetreiber Luden-Toni (Guntbert Warns, „Versteckt“), der jedoch, von Schimanski mit Ullas Tod konfrontiert, von nichts Dergleichen wissen will. Ullas Wohnung wurde durchwühlt, auf ihrem Anrufbeantworter findet sich jedoch die Nachricht eines Herrn Grüber (Lutz Reichert, Stoever/Brockmöller-Hamburg-„Tatort“), einem Import-Export-Händler. Der BKA-Ermittler Tumler (Wolfgang Wahl, „Schwarzwaldklinik“) aus Wiesbaden ist nach Duisburg gereist und ermittelt im illegalen Waffenhandel, weshalb Schimanski ihn bei Grüber antrifft. An eine Verbindung zwischen dem Mordfall und Waffengeschäften glaubt Tumler jedoch nicht. Nachdem auch Mottenpaule ermordet wurde (er plauderte zu viel…), knöpft sich Schimanski noch einmal Toni vor, bei dem er schließlich die Tatwaffe findet. Doch welches Motiv sollte Toni haben, mit Ulla sein „bestes Pferd im Stall“ zu töten?

„Ich glaub‘, ich steh‘ im Alkohol…“

Bei Informant Mottenpaule gibt’s erst mal ‘nen Schuss Schnaps in den Frühstückskaffee, Schimmi kann seine Sympathie für diesen abgerissenen Typen kaum verbergen – womit auch dieser Duisburger „Tatort“ einmal mehr sein Herz für Unterschicht und Prekariat beweist. Schimanski ermittelt mal wieder im Rotlichtmilieu, wo man ihn auch als Kunden kennt, schließlich schuf „die Gräfin“ für Luden-Toni an. Vom Auftauchen des BKA-Kollegen Tumler ist Königsberg (Ulrich Matschoss) genervt, fürs Publikum hingegen ist es ein Glücksfall: Wie man ihm das Polizeirevier vorstellt, wie man Tumlers Perspektive auf die eigentlich vertrauten Figuren einnimmt – das ist mit viel Humor gespickt. Besonders interessant zu beobachten ist es, wie sich die Chemie zwischen Schimanski und Tumler entwickelt, zumal dies im weiteren Verlauf des Falls (oder der Fälle?) auch von gewisser Bedeutung sein wird.

„Hast du ein paar Leute erledigen können?“

So wenig Tumler an eine Verbindung von Prostituiertenmord und Waffenschmuggel glaubt, so existent ist diese natürlich – einen entsprechenden Wissensvorsprung gewährt den Zuschauerinnen und Zuschauern bereits der Prolog. Doch Schimmi lässt sich zwischenzeitlich Honig um den Schnäuzer schmieren, als Tumler ihn gen Wiesbaden abzuwerben versucht. Zwischen Randale bei Toni, einem Kooperationsangebot eines vermeintlichen Zuhälterkollegen (Heinz Wanitschek, „Treffer“) Tonis, der dessen Nachfolge antreten will, und Bussibussi bei der divenhaften Musikbarbesitzerin Jenny (Jenny Evans, „Twin Town - Pretty Shitty City“), die auch selbst zum Mikro greift, liefert sich Schimmi spitzzüngige Dialoge mit Thanner und Hänschen (Chiem van Houweninge), die wiederum beinahe romantisch miteinander zu Abend essen. Als Hänschen mundharmonikaspielend auf einem Mauervorsprung sitzt, während Schimmi und Thanner observieren, bekommt Duisburg regelrecht Western-Atmosphäre.

„Du gehst zu viel ins Kino, Toni!“

„Spielverderber“ verfügt über eine ganze Reihe bemerkenswerter Einzelszenen und verspielter Details, wie zum Beispiel den Zauberwürfel und die Bogart-Hommage in Form eines Wandplakats. Und nicht jeder ist der, der er zu sein vorgibt, oder so sympathisch, wie er zunächst scheint. Diesmal scheint Thanner das Spiel zu durchschauen und Schimanski etwas naiv – oder zu sehr gebauchpinselt. Im letzten Drittel lässt man es sich nichtsdestotrotz nicht nehmen, einige Actionszenen und Stunts sowie schöne Nachtszenen mit ihren fast schon typischen Neo-Noir-Anleihen unterzubringen. Problematisch sind hingegen die Folterungen Tonis durch Schimanski, der damit verzweifelt und wutentbrannt voranzukommen versucht. Dafür übt das desillusionierende Ende angebrachte Kritik an Polizeibehördenstrukturen und Politik. Thanner zählt mit, wie oft Schimanski „Scheiße“ sagt, ein vergnüglicher Seitenhieb auf konservative Mediensittenwächter, die mit Schimanskis unbehauener Art im Fernsehen nie warmgeworden sind. Das niederländische Pop-Produzenten-Duo Bolland & Bolland schmettert mit „Tears of Ice“ einen kleinen Synthiehit und sorgt neben Jenny Evans, die auch im echten Leben Besitzerin der Musikbar „Jenny’s Place“, allerdings in München, war, für die musikalische Untermalung dieses doch ziemlich unterhaltsamen und gut gemachten „Tatorts“, der dramaturgisch lediglich bisweilen damit irritiert, seine actionarmen Spannungsszenen nicht mit entsprechender Musik zu unterlegen, wodurch leicht erhöhte Konzentration des Publikums abverlangt wird. Schimmi als Folterknecht ist pfui, ansonsten aber punktet „Spielverderber“ derart häufig, dass er sich mit 7,5 von 10 gewonnenen Backgammon-Partien in die Highscores eintragen kann.

Kurios: 2015 wurde ein weiterer „Tatort“ mit demselben Titel, aber ohne inhaltlichen Bezug ausgestrahlt. Wer hat da in der Redaktion gepennt?
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 23. Jun 2020, 17:36

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Michael Jackson: The Legend Continues

„You got me workin' workin' day and night…”

Der anscheinend 1988 produzierte und von Motown für den Heimvideomarkt auf VHS veröffentlichte, ca. 55-minütige Dokumentarfilm „Michael Jackson: The Legend Continues“ entstand unter der Regie Patrick T. Kellys. James Earl Jones führt als Sprecher durch den Film und wurde im Gegensatz zu den zahlreichen anderen zu Wort kommenden Stimmen deutsch synchronisiert. Ansonsten wird mit deutschen Untertiteln auf schwarzen Hintergrundbalken gearbeitet, die leider oft asynchron sind.

Ausgehend von der seinerzeit aktuellen Tournee zum „Bad“-Album des King of Pop geht es zu den Anfängen der Jackson Five zurück, von wo aus man sich chronologisch an diversen Karrierestationen Michaels entlang schließlich wieder auf die Gegenwart zubewegt. Ausschnitte historischer Proben sowie aus Motown-Auditions und alten Interviews gehen einher mit zahlreichen Auszügen aus Live- und TV-Aufritten – auch des noch kleinen Michaels solo – sowie O-Tönen diverser Weggefährt(inn)en, Freundinnen und Freunde sowie Kooperationspartner(innen) Michaels, von Dick Clark über Sammy Davis Jr., Suzanne De Passe, Katherine Hepburn, Gene Kelly, Smokey Robinson, Elizabeth Taylor, Tommy Chong, Hermes Pan und Cyndi Lauper bis hin zu Quincy Jones, Sean Lennon, Yoko Ono und Martin Scorsese.

Damit bietet dieser Film ein Füllhorn an faszinierendem Archivmaterial, das den Werdegang Michaels von seinen Anfängen mit den Jackson Five über erste Solo-Gehversuche und die Disco-Zeit mit den Jacksons bis hin zu seiner Weltkarriere als King of Pop ab dem „Off The Wall“-Album selektiv dokumentiert. Darüber hinaus wird auf einige Einflüsse Michaels eingegangen, die dieser in adaptierter bzw. weiterentwickelter Form für seine Performances aufgegriffen hatte, und finden außermusikalische Aktivitäten wie z.B. sein Sprecherjob fürs „E.T.“-Audiobook Erwähnung. Nicht fehlen darf natürlich seine begeisternde „Billie Jean“-Aufführung anlässlich des 25-jährigen Motown-Jubiläums. Die „Bad“-Phase wird hingegen leider nur ganz kurz angerissen – und kritische Perspektiven insbesondere auf Michaels Zeit als Kinderstar bleiben komplett ausgespart.

Doch so sehr „Michael Jackson: The Legend Continues” auch wie eine Mischung aus Promo- und Fan-Film daherkommt: für die knappe Laufzeit handelt es sich um eine gelungene Zusammenstellung nicht alltäglicher Bilder aus der Karriere des größten Popstars aller Zeiten, die sicherlich gut geeignet waren, einem jungen Publikum, das ihn erst durch „Bad“ für sich entdeckt hatte, seine unvergleichliche Karriere näherzubringen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 24. Jun 2020, 18:15

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Natascha – Todesgrüsse aus Moskau

„Du kannst auch Hammer und Sichel in die Fresse kriegen!“

Bumsladen-Boss Hans D. Bornhausers („Hurra... die deutsche Sex-Partei“) letzte Regiearbeit datiert aufs Jahr 1977 und trägt den orthografieschwachen Titel „Natascha – Todesgrüsse [sic!] aus Moskau“. Der frivole Filmemacher verabschiedete sich damit mit einem Beitrag zum Eurospy-/Agenten-Thriller-Genre von seinem Publikum, der es in sich hat…

„Die sind ja alle besoffen!“

Ein terroristischer Geheimagent droht, das sowjetische Staatsoberhaupt Leonid Iljitsch Breschnew im ostberlinerischen Luftraum zu entführen, um die Herausgabe von Wasserstoffbombenplänen zu erpressen. Ost- und West-Geheimdienstagenten sind nun zur Zusammenarbeit gezwungen, um diesen Plan zu vereiteln. Die Uhr tickt: Ihnen bleiben nur 24 Stunden…

Was Sleazer Barny Bumshauser hier abliefert, muss man schon mit eigenen Augen gesehen haben, um es glauben zu können: In Berlin spielend, aber in seiner Heimat Reutlingen gedreht, lässt er die bereits in der Vergangenheit liegenden Ereignisse von Natascha, gespielt von Manuela Riva aus dem Hamburger Travestiecabaret „Pulverfaß“, erzählen, die sodann in Form von Rückblenden visualisiert werden. Wann immer diese unterbrochen werden, sieht man Natascha an einem Ring stehen, in dem sich zwei meist barbusige Damen beim Ringkampftraining befinden. Bornhauser persönlich übernahm mit Agent Andrejwitsch eine der männlichen Hauptrollen und schaffte es irgendwie, auch Gordon Mitchell („Frankenstien ‘80“) und Richard Harrison („Djangos blutige Spur“) zur Mitwirkung zu bewegen.

Entweder sind sämtliche deutschen VHS-Fassungen mit ihren nur 70 Minuten Laufzeit massiv gekürzt oder die Angabe zur Länge der Kinofassung ist falsch. Ob die über Prügeleien hinausgehenden Gewaltszenen also der Schere zum Opfer fielen oder generell offscreen stattfinden, vermag ich daher nicht zu sagen. Auch unabhängig davon ist „Natascha – Todesgrüsse aus Moskau“ jedoch einer der erzählerisch schwächsten Filme, die mir jeweils unter die Linse kamen: Auf Amateurniveau werden hier sich im Tonfall von dramatisch und komödiantisch bewegende Szenen aneinandergereiht, bei denen man nur Bahnhof versteht und die Handlung wie ein großes Rätsel erscheinen lassen, das sich einfach nicht erfassen lässt. Hier und da schimmern Ambitionen durch, überwiegend regieren jedoch Unvermögen und Dilettantismus und der Film flutscht einem durch wie eine geölte Ringkämpferin aus dem Schwitzkasten. Schöne Grüsse zurück nach Reutlingen...
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 29. Jun 2020, 17:04

Tatort: Gebrochene Blüten

„Kein Türke, kein Mongole, kein Japs – ‘n Thai!“

Den achtzehnten Fall der Duisburger-„Tatort“-Kripo um die Kommissare Horst Schimanksi (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) inszenierte einmal mehr Stammregisseur Hajo Gies, diesmal nach einem Drehbuch seines Bruders Martin Gies. Kurioserweise war „Gebrochene Blüten“ bereits 1986 gedreht worden, wurde jedoch erst am 1. Mai 1988 erstausgestrahlt.

„Meine Herren, Sie haben miserabel gearbeitet!“

Tanzstudiobetreiber Herr Prinz wird in einem Omnibus erstochen. Wirkt er zunächst wie das Zufallsopfer eines Amokläufers, stellt sich bald heraus, dass mehr hinter diesem Mord steckt. Was genau, kann der Duisburger Kripo der Täter jedoch nicht mehr sagen, denn nachdem man ihn ermittelt hat, findet man auch ihn tot auf – erschossen, es sollte nach Selbstmord aussehen. Als Manuela Prinz (Renate Krößner, „Solo Sunny“), die Witwe des Erstochenen, von zwielichtigen Gaunern bedroht wird, ahnt Schimanski, dass die attraktive Frau mehr weiß, als sie auszusagen bereit ist. Die Spuren führen ins Rotlichtmilieu…

„Möchten Sie mein großer Beschützer sein?“

Die Eheleute Prinz waren nicht nur echte Globetrotter, der saubere Herr Prinz war auch tief im Menschenhandel mit Thailänderinnen für deutsche Puffs verwickelt. Dies führt zu Konfrontationen Schimanskis mit unangenehmer Klientel wie dem Zuhälter Blatzer (Miroslav Nemec, späterer München-„Tatort“-Dauerkommissar) und dessen hünenhaftem Personenschützer (Ralf Moeller, „Cyborg“). Zuvor wurde klassische Kripoarbeit mit Beschattungen und Lauschangriff geleistet; später wird Schimmi Frau Prinz – eher unkonventionell – beim Tanzen verhören, nachdem er bereits halbnackt Dauerlauf betrieben hat und sich Thanner und Schimmi beim Ruhrpott-Imbissschmaus gegenseitig angezickt haben.

Wenig überraschend häufen sich die Annäherungsszenen zwischen Womanizer Schimmi und der schwer zu durchschauenden Prinz, mitunter in Sachen Bildästhetik mit dem ganz breiten Pinsel aufgetragen. Zum zum wiederholten Male bemühten Neo-Noir-Stil passend entpuppt sich die Prinz als Femme fatale, von der Schimanski gar vergewaltigt worden zu sein fürchten muss. Bis hierhin ist „Gebrochene Blüten“ hübsch anzusehen und recht unterhaltsam, aber auch relativ vorhersehbar. Dies ändert sich, als als überraschende Wendung gleich doppelter Identitätsdiebstahl ins Spiel kommt, für den Schimmi gar im pittoresken bayrischen Wasserburg ermitteln muss. Während des durchstilisierten Finales im Tanzsaal entspinnt sich das ganze Ausmaß der bösen Geschichte – das einen starke Empathie für die Täterin entwickeln lässt. Das Ende mutet umso tragischer an.

Wenngleich auch dieser Duisburger „Tatort“ inhaltlich im Prostitutionsgewerbe angesiedelt wurde – an dessen Menschenhandelsmethoden hier harsche Kritik geübt und das Publikum für diese negativen Begleitumstände sensibilisiert wird –, dient es diesmal als Aufhänger für eine private Tragödie, die den eigentlichen Reiz dieser Episode ausmacht: Der gerade erst aus der DDR emigrierten Renate Krößner bei der Verkörperung ihrer ambivalenten Rolle zuzusehen ist eine Wonne. Auch Schimanski, Thanner und Hänschen harmonieren, Pommesstreit hin oder her, über weiter Strecken diesmal prima miteinander, Schimmi springt gar behände auf Thanner Moped auf (und später in einen Zuhälterpool, ein sogar noch lässigerer Move). Nach „Midnight Lady“ in „Der Tausch“ schmachtet Chris Norman erneut eine Dieter-Bohlen-Komposition: „Broken Heroes“ als eine Art Erkennungsmelodie der Prinz ist sehr etwas omnipräsent, für eine Bohlen-Melodie aber relativ erträglich. Das horizontale Gewerbe beschert am Rande ein paar Oben-ohne-Szenen, die eigentlichen Schauwerte aber sind die Bildkompositionen dieses „Tatorts“. Apropos horizontal: Im Laufe der Jahre hat sich als eine Schwäche des Duisburg-„Tatorts“ die kaum vorhandene horizontale, also episodenübergreifende Erzählung herauskristallisiert: Mal hat Schimmi eine Freundin, die in der nächsten Folge mit keiner Silbe mehr erwähnt wird, mal taucht seine Patentochter auf, dann spielt diese mehrere Episoden lang keine Rolle mehr. Dass man derlei Ansätze nicht weiterverfolgen konnte, mag auch mit der eigenartigen Senderpolitik zusammenhängen, einen abgedrehten Fall zwei Jahre lang liegen zu lassen und später gedrehte vorher auszustrahlen. Eine episodenübergreifende Kontinuität aufzubauen fällt da naturgemäß schwer. Weniger schwer fällt die Bewertung dieser fast schon an südländisches Genrekino gemahnenden Episode: 7,5 von 10 Fritten sind da locker drin. Renate Krößner verstarb kürzlich, genauer: am 25. Mai 2020. Möge sie in Frieden ruhen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 30. Jun 2020, 16:42

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Emanuela – Alle Lüste dieser Welt

„Liebe ist Hingabe, kein Zahlungsmittel.“

Der vierte Teil der „Black Emanuelle“-Sexploitation-Spielfilmreihe um Laura Gemser als ebenso umtriebige wie triebhafte Fotoreporterin erschien 1977, also noch im selben Jahr wie der skandalumwitterte Vorgänger „Black Emanuelle - Stunden wilder Lust“ alias „Emanuelle in America“. Die Regie bei „Emanuela – Alle Lüste dieser Welt“ führte erneut Joe D’Amato, der seit der ersten Fortsetzung die Reihe betraute.

„Man schwört sich ewige Liebe, aber das ist eine Hypothek auf etwas, das man nicht besitzt!

Gerade hat Emanuelle es noch mit einem Trucker getrieben, der sie per Anhalter mitgenommen hat, als sie ein Hotelzimmer bezieht und prompt das Zimmer verwechselt, woraufhin sie sich eines alten Lustgreises erwehren muss. Dadurch lernt sie den Diplomaten Dr. Malcolm Robertson (Ivan Rassimov, „Mondo Cannibale“) kennen, der sie für gesellschaftliche Missstände sensibilisiert, sodass sie kaum noch Lust verspürt, für ihren nächsten Auftrag nach Indien zu fliegen, von wo aus sie über einen Sexguru (George Eastman, „Foltergarten der Sinnlichkeit“) und seine Lehre des Coitus permanentus (o.ä.) berichten soll. Nachdem sie ihr Hotelzimmer in Indien bezogen hat, macht sie Bekanntschaft mit der jungen Italienerin Mary (Brigitte Petronio, „Der Schlitzer“), die sich dort vor bösen Menschen versteckt. Etwas Entspannung tut da gut, und so ziehen sich beide aus und schieben gemeinsam ein Nümmerchen. Im Anschluss erzählt Mary ihrer neuen Freundin von einem Mädchenhändlerring, der Emanuelles journalistisches Interesse weckt, doch zunächst sucht sie den Guru auf, der gerade einen Rudelbums (inkl. HC-Szenen) veranstaltet. Seine Mission ist die Hinauszögerung des männlichen Orgasmus, worin er seine Schäfchen unterrichtet. Emanuelle stürzt sich mit ins Vergnügen (in HC-Szene gedoubelt) und bringt ihren Sexualpartner sofort zum Höhepunkt – zur Verärgerung des Gurus und der anderen Tantra-Schüler. Im Interview macht Emanuelle Guru Shanti deutlich, wie wenig sie von ihm hält, gibt sich ihm aber trotzdem körperlich hin.

„Bei dir hampeln wohl weiße Mäuse durch die Spirale!“

Dieser Job ist erledigt, also begibt sich Emanuelle nach Rom, um zusammen mit ihrer Journalistenkollegin Cora Norman (Karin Schubert, „Blaubart“) nach den von Mary erwähnten Mädchenhändlern zu suchen. Dies gestaltet sich überraschend einfach; gleich die allerersten Rolls-Royce-Angeber, denen sie begegnen, verschachern sie an die kriminelle Vereinigung, wo sie sich nackt und gefesselt wiederfinden. So amüsant und locker unterhaltsam der Film bis hierhin auch ist, nun wird’s ernst und brutal: Der Clan vergewaltigt Cora und ein Entstellter (Craig Hill, „Dracula jagt Frankenstein“, mit fieser Maske) versucht, Emanuelle zu vergewaltigen, was er schließlich mit einem anderen Mädchen vollzieht.

„Der Orgasmus ist der Tod!“

Doch plötzlich spazieren Emanuelle und Co. aus einer Polizeiwache, plaudern von Rettung und verdienter Strafe – dachte ich zunächst noch, hier würde der von mir gesehenen Fassung eventuell eine Sequenz fehlen, hielt es D’Amato stattdessen schlicht nicht für nötig, zu zeigen, wie die Frauen aus ihrer misslichen Lage befreit und den Mädchenhändlern das Handwerk gelegt wurde. Zum Dank jedenfalls treibt es Emanuelle mit dem Motorradfahrer, der die Polizei gerufen hatte, im Wandschrank seines Hausboots, wo sie sich vor seiner Stiefmutter verstecken, die sich mit einer Liebhaberin aufs Zimmer zurückgezogen hat. So werden zwei Sexszenen parallel montiert, eine originelle und reizvolle Idee, aus der D’Amato jedoch enttäuschend wenig macht, da er sie übereilt abwürgt.

„Alles in Ordnung, hat nur einfach zu viel gebumst!“

Auf der Suche nach Clan-Chefin Elsa Brown geht’s zusammen mit Cora nach Hongkong, wo man die Journalistinnen in einen Puff entführt. Dort herrscht Zwangsprostitution und der irre Chinese Chang führt nicht nur eine Schlange in die Vagina einer gefesselten Frau ein, sondern lässt sie auch von einem Schäferhund besteigen (beides glücklicherweise getrickst). Die Suche nach dem eigentlichen Kopf der Bande, Halup Kilev, führt sie nach Unterredung mit der nun Repressalien fürchtenden Brown jedoch nach Teheran. Dieser entpuppt sich als Cassei (Marino Masé, „Auge um Auge“), einem Minister, der zusammen mit – wie passend – D’Amato (in einer Rolle als Halup Kilev) höchstpersönlich gemeinsame Sache macht! Er veranstaltet eine sog. Diplomatenparty, auf der es sich die Politelite gutgehen lässt. Die Massenorgie wurde wieder mit einigen HC-Szenen angereichert und Giuseppe Marrocco („Verdammte heilige Stadt“) führt Ulla Johannsen („Gewalt – Die fünfte Macht im Staat“) eine Banane ein. Man mischt zusammen mit dem Emir (Gianni Macchia, „Blutiger Freitag“) den Harem kräftig auf und ein schöner Dreier zwischen ihm, Emanuelle und Cora stimmt wieder versöhnlicher. Für eine Senkung des Ölpreises versprechen die Journalistinnen, Stillschweigen zu bewahren.

„Na los, komm, mein Fötzchen!“

Noch nicht gänzlich versöhnt sind Emanuelle und Cora hingegen mit dem, was sich immer noch einige Herren der Schöpfung so herausnehmen. Eine weitere Spur zu US-Senator Paul Lexon, der die beiden Damen direkt zu einer „Wahlparty“ mitnimmt, wo eine Frau misshandelt und anschließend Obdachlosen zur Vergewaltigung hingeworfen wird, jeweils unter Anfeuerungsrufen des Senators, bis die Situation endgültig eskaliert. Eine grimmige Szene, die schwer im Magen liegt.

Was Nico Fidenco hier erneut mit einem durchaus hörenswerten Soundtrack zwischen Easy Listening und Suspense unterlegte, ist ein nach seinem luftigen Auftakt (mit einem auch in Maskerade alles andere als wie Inder aussehendem Eastman) wie schon der Vorgänger erneut ziemlich böses Sexdrama, aus dem unter D’Amato ein fragwürdiger Sexploitater wurde: So sehr „Emanuela – Alle Lüste dieser Welt“ auch mit Sozialkritik gespickt wurde, so wenig glaubwürdig wirkt diese, wenn Frauenmisshandlungen und -missbrauch derart grafisch ausgeschlachtet werden, das erfolgreiche Vorgehen gegen die Täter aber mitunter lediglich in kurzen Dialogen erwähnt, nur eben nicht gezeigt wird. Problematisch ist es auch, dass keines der weiblichen Opfer sonderlich beeindruckt von den eigentlich traumatisierenden Verbrechen, die gegen sie begangen wurden, scheint, man scheint alles recht locker wegzustecken. „Also kann es so schlimm nicht gewesen sein“, dürfte sich da manch Perversling denken.

In der mit einer ungewöhnlich schnoddrigen deutschen Synchronisation versehenen Handlung dürfte es vorrangig darum gegangen sein, ein sowohl sensations- als auch sexlüsternes Publikum anzulocken und ihm etwas zu bieten, es gleichsam mit makelloser Schönheit zu faszinieren und mit nackter Gewalt abzustoßen. Die Folge sind zu viele eklige Szenen, die einfach nicht in einen erotisierenden Streifen passen wollen oder aber ein tatsächlich fragwürdiges Publikum anziehen. Daher funktioniert dieser episodenhafte Film je nach Betrachtungsweise lediglich maximal zur Hälfte, denn Gewalt-Freaks oder auch Freunde des exploitativen Thrillers werden sich ob der „normalen“ Sexszenen langweilen und kein Gespür für die erfreulich abwechslungsreichen Drehorte oder die gute Chemie zwischen Gemser und Schubert, die ein überraschend gutes Team bilden, entwickeln, und wer Lust auf einen sinnlichen Erotikstreifen verspürt, dürfte mit dem zweiten „Black Emanuelle“-Teil wesentlich besser beraten sein als mit diesem Hybridwesen, das einen für die eigene Luststeigerung ständig abzustrafen scheint. Nach dem zweifelhaften Genuss dieses Streifens dürfte mancher jedenfalls erst einmal diese Nase voll von diesen Halbpornos haben.

Nichtsdestotrotz sind diese Filme als Zeitzeugnisse des italienischen Kinos und der Sexfilmblüte wiederum hochinteressant, und zusammenzutragen, was genau man da eigentlich jeweils gesehen hat, macht Spaß – wenn auch mitunter mehr als das eigentliche Anschauen. Auch gibt es immer wieder interessante Darsteller(innen) zu entdecken, hier kommt es zu einem Wiedersehen mit Karin Schubert und Ivan Rassimov, die bereit in „Black Emanuelle“ bzw. „Black Emanuelle – 2. Teil“ in anderen Rollen zum Ensemble zählten. Vielleicht fehlt mir aber auch einfach nach wie vor der richtige Zugang zu dieser eigenwilligen Mischung aus tougher, selbstbewusster und sexuell ungebundener, freizügiger Frau als vermitteltes Rollenbild auf der einen und als selbstverständlich dargestellter Nymphomanie sowie misogynen, selbstzweckhaften sexualisierten Gewaltexzessen inkl. scheinbarer Folgenlosigkeit als Unterhaltungssujet auf der anderen Seite.
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