Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Moderator: jogiwan

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon sid.vicious » 22. Jun 2020, 22:44

AE612 ohne Landeerlaubnis
Regie: Peter Schulze-Rohr
Erstausstrahlung: 12. September 1971

Eine Flugzeugentführung, ein rachedurstiger Ehemann, ein radikaler Palästinenser und mittendrin der Paul. Paul Trimmel, der brummige Held der alten Nazi-Garde, droht seinem Kollegen mit der Faust, richtet beinahe ein irreparabeles Debakel an und ist trotz alledem schlussendlich vollkommen von sich und seiner Leistung überzeugt. Paul ist unschlagbar!

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 23. Jun 2020, 09:46

Der Kino-"Tatort" "Zabou" hat einen eigenen Thread bekommen:

:arrow: deutschland-f30/tatort-zabou-hajo-gies-1987-t12523.html
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 23. Jun 2020, 09:49

Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen

„Sehr geehrte Frau König, sie sind tot.“

In ihrem 22. „Polizeiruf 110“ sieht sich das Rostocker Ermittlungsduo Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) erneut mit Frauenmörder Guido Wachs (Peter Trabner) konfrontiert, der in der Episode „Für Janina“ eingeführt wurde und seither Teil der horizontalen, also episodenübergreifenden Erzählebene ist. Für Eoin Moore, Stammregisseur der Reihe, ist es bereits der elfte „Polizeiruf“, das Drehbuch stammt von Florian Oeller. Gedreht im August und September 2019, erfolgte die Erstausstrahlung am 14.06.2020 als letzter neuer öffentlich-rechtlich produzierter Sonntags-Prime-Time-Krimi vor der Sommerpause.

„Wir bereuen und erlösen uns von dem Bösen!“

Der Frauenmörder Guido Wachs, der für seine eigentliche Tat nicht belangt werden konnte, aufgrund von König gefälschter Beweise jedoch für einen anderen Mord hinter Gittern landete, gibt sich als reuiger Sünder und verfasst Briefe an König, mit denen er sie psychisch zu manipulieren versucht. Seither leidet sie unter Schlafstörungen und Hautausschlag, droht, medikamentenabhängig zu werden, und entwickelt eine Psychose. Doch damit längst nicht genug: Beim Joggen am Rostocker Hafen wird sie Zeugin, wie zwei Jugendliche (Anton Weil und Florian Kroop) eine Frau sexistisch belästigen. Als sie ihr zur Hilfe eilt, wird sie von den Tätern K.O. geschlagen. Als sie im Krankenhaus erwacht, erfährt sie, dass die Frau, die sie aus der misslichen Lage rettete, tot ist: Die Leichtathletin und Einzelgängerin Nadja Flemming (Xenia Rahn, auch im wahren Leben Athletin) wurde erstochen aufgefunden. Die Kripo geht von Raubmord aus. Während Wachs König zu sich ins Gefängnis zu locken versucht, nimmt sie in ihrem schwer angeschlagenen Zustand die Ermittlungen auf und besucht u.a. den Ex-Mann (Andreas Helgi Schmid, „Verpiss Dich, Schneewittchen“) der Toten, der als einziger noch regelmäßigen Kontakt zu ihr unterhielt und mit seiner neuen Lebensgefährtin Annie (Victoria Schulz, „Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“) eine kleine Familie aufgebaut hat, zu der auch der kleine Sohn aus seiner Beziehung mit Nadja gehört. Königs Verdacht richtet sich schließlich nicht mehr gegen die juvenilen Schläger, sondern gegen Annie… Zeitgleich geht eine neue harte Droge in Rostock um und hängt Bukows Vater (Klaus Manchen, „Der rote Kakadu“) in diesen Geschäften mit drin, und polizeiintern macht sich Kollege Pöschel (Andreas Guenther, „Anatomie“) Hoffnungen, die Nachfolge der Anti-Drogen-Einheit-Chefin anzutreten. Es ist viel los in Rostock, Dinge sind im Umbruch und die Ermittler(innen) müssen versuchen, dem Stress zu trotzen und den Überblick zu wahren.

„Die Zeit ist zu kostbar, also hör auf zu warten!“

Nach dem missglückten „Söhne Rostocks“ ist der horizontale Handlungsstrang nun so dominant wie nie zuvor im Rostocker „Polizeiruf 110“ – und, um es gleich vorwegzunehmen: Das Regie- und Drehbuchteam aus Moore und Oeller versteht es, beinahe allen anderen TV-Krimireihen, die das mittlerweile zum guten Ton gehörende horizontale Erzählen aufgegriffen haben, zu demonstrieren, wie man es macht, wenn es richtig gut werden soll. Obwohl „Der Tag wird kommen“ knapp an motivischer Überfrachtung vorbeischrammt, wirkt er letztlich doch wie aus einem Guss. Aus Wachs hat man nun einen psychologisch extrem manipulativen Schurken gemacht, dem eine sehr unheimliche Aura anhaftet. In Bender (Björn Meyer, „Sarah Kohr: Das verschwundene Mädchen“), vorgeblich Königs Hausmeister, hat er einen Handlanger gefunden, der Königs Wohnung mit Geheimdienstmethoden überwacht und der durch gezielte unbemerkte Vergiftungen für Königs desolaten Zustand mitverantwortlich ist, bis hin zu einem bösen Ausschlag, an dem sie herumkratzt – beängstigend und fies. Die Kamera visualisiert Königs Medikamentenmissbrauch durch visualisierte Trips mithilfe winziger Action-Cams und überträgt ihren psychischen Zustand damit ins Bild. Der dauergehrende Wachs-Konflikt wächst hier zu Psychoduellen im Gefängnis heran, in die auch Bukow und Wachs‘ Ex-Frau (Florentine Schara, „Tatort: Der scheidende Schupo“) involviert werden.

Ferner greift „Der Tag wird kommen“ das Verhältnis zwischen Bukow und seinem sich eher auf der anderen Seite des Gesetzes bewegenden Vater wieder auf, um sich gleichzeitig von dieser Figur zu verabschieden – und damit auch von Schauspieler Klaus Manchen, der bereits im allerersten „Polizeiruf“ aus dem Jahre 1971 mitgespielt hat. Seine letzten Szenen spielen auf der Halbinsel Wustrow, die erstmals als Krimikulisse dient. Bukow junior hat seinen ersten Auftritt in dieser Episode in einer „Bratort“-Schürze, einer Verballhornung der ARD-Partnerserie. Nach einem Perspektivwechsel zu den jugendlichen Schlägern, die sich als großmäulige Drogenhonks entpuppen, landen diese im von Bukow beeindruckend geführten getrennten Verhör auf der Wache. Das war es dann aber auch beinahe an klassischer Polizeiarbeit, zumindest, was Bukow und König betrifft. Letztere erfährt vom Broken-Heart-Syndrom der toten Athletin, was die Handlung um eine weitere tragische Note emotionalisierend ergänzt. Tatsächlich gelingt es Moore und seinem Team, dem empathiefähigen Teil des Publikums quasi alle verhandelten Fälle und Schicksale auf unterschiedliche Weise emotional nahezubringen. Dies gilt auch für die Beziehung zwischen Bukow und König, einmal mehr schauspielerisch brillant verkörpert von Hübner und Sarnau, einem wahren Dreamteam.

Wenn sich am Ende die Ereignisse überschlagen, weiß man, dass zukünftig vieles nicht mehr so sein wird, wie es einmal war. „Der Tag wird kommen“ bringt drastische Einschnitte ins horizontale Narrativ der Rostock-Reihe mit sich. In seinem Mix aus Krimi, Psycho-Thriller und Drama ist dieser „Polizeiruf 110“ mehr (gelungene) Genre-Kost denn Abbildung realistischer Polizeiarbeit – auf einem Niveau, das diesem Konzept recht gibt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 23. Jun 2020, 10:42

Tatort: Spielverderber

„Ich kann dich ja mal in die Geheimnisse der freien Marktwirtschaft einweihen!“

Der bereits siebzehnte „Tatort“ der Duisburger Kripo-Beamten um Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) – der erste nach dem zweiten Kino-„Tatort“ „Zabou“ – war Regisseur Pete Ariels vierter Beitrag zur öffentlich-rechtliche Krimireihe, zugleich sein Debüt in Duisburg. Insgesamt brachte er es bis ins Jahr 2000 auf neun Regiearbeiten für den „Tatort“. Das Drehbuch stammt von den bewährten Autoren Felix Huby und Hartmut Grund. Im Juni 1987 wurde „Spielverderber“ erstausgestrahlt, dessen Titel sich auf ein am Rande vorkommendes, jedoch zu doppeldeutigen Dialogen einladendes Backgammon-Spiel bezieht.

„Aus dir wird doch noch mal ‘n Kriminalist…“

Die Prostituierte Ulla, genannt „Die Gräfin“, wird ermordet aufgefunden. Kommissar Schimanskis Informant Mottenpaule (Erich Will, „Fabian“) meint von einem Erpressungsversuch Ullas gegenüber einem ihrer Freier zu wissen und verweist ihn an den Zuhälter und Nachtclubbetreiber Luden-Toni (Guntbert Warns, „Versteckt“), der jedoch, von Schimanski mit Ullas Tod konfrontiert, von nichts Dergleichen wissen will. Ullas Wohnung wurde durchwühlt, auf ihrem Anrufbeantworter findet sich jedoch die Nachricht eines Herrn Grüber (Lutz Reichert, Stoever/Brockmöller-Hamburg-„Tatort“), einem Import-Export-Händler. Der BKA-Ermittler Tumler (Wolfgang Wahl, „Schwarzwaldklinik“) aus Wiesbaden ist nach Duisburg gereist und ermittelt im illegalen Waffenhandel, weshalb Schimanski ihn bei Grüber antrifft. An eine Verbindung zwischen dem Mordfall und Waffengeschäften glaubt Tumler jedoch nicht. Nachdem auch Mottenpaule ermordet wurde (er plauderte zu viel…), knöpft sich Schimanski noch einmal Toni vor, bei dem er schließlich die Tatwaffe findet. Doch welches Motiv sollte Toni haben, mit Ulla sein „bestes Pferd im Stall“ zu töten?

„Ich glaub‘, ich steh‘ im Alkohol…“

Bei Informant Mottenpaule gibt’s erst mal ‘nen Schuss Schnaps in den Frühstückskaffee, Schimmi kann seine Sympathie für diesen abgerissenen Typen kaum verbergen – womit auch dieser Duisburger „Tatort“ einmal mehr sein Herz für Unterschicht und Prekariat beweist. Schimanski ermittelt mal wieder im Rotlichtmilieu, wo man ihn auch als Kunden kennt, schließlich schuf „die Gräfin“ für Luden-Toni an. Vom Auftauchen des BKA-Kollegen Tumler ist Königsberg (Ulrich Matschoss) genervt, fürs Publikum hingegen ist es ein Glücksfall: Wie man ihm das Polizeirevier vorstellt, wie man Tumlers Perspektive auf die eigentlich vertrauten Figuren einnimmt – das ist mit viel Humor gespickt. Besonders interessant zu beobachten ist es, wie sich die Chemie zwischen Schimanski und Tumler entwickelt, zumal dies im weiteren Verlauf des Falls (oder der Fälle?) auch von gewisser Bedeutung sein wird.

„Hast du ein paar Leute erledigen können?“

So wenig Tumler an eine Verbindung von Prostituiertenmord und Waffenschmuggel glaubt, so existent ist diese natürlich – einen entsprechenden Wissensvorsprung gewährt den Zuschauerinnen und Zuschauern bereits der Prolog. Doch Schimmi lässt sich zwischenzeitlich Honig um den Schnäuzer schmieren, als Tumler ihn gen Wiesbaden abzuwerben versucht. Zwischen Randale bei Toni, einem Kooperationsangebot eines vermeintlichen Zuhälterkollegen (Heinz Wanitschek, „Treffer“) Tonis, der dessen Nachfolge antreten will, und Bussibussi bei der divenhaften Musikbarbesitzerin Jenny (Jenny Evans, „Twin Town - Pretty Shitty City“), die auch selbst zum Mikro greift, liefert sich Schimmi spitzzüngige Dialoge mit Thanner und Hänschen (Chiem van Houweninge), die wiederum beinahe romantisch miteinander zu Abend essen. Als Hänschen mundharmonikaspielend auf einem Mauervorsprung sitzt, während Schimmi und Thanner observieren, bekommt Duisburg regelrecht Western-Atmosphäre.

„Du gehst zu viel ins Kino, Toni!“

„Spielverderber“ verfügt über eine ganze Reihe bemerkenswerter Einzelszenen und verspielter Details, wie zum Beispiel den Zauberwürfel und die Bogart-Hommage in Form eines Wandplakats. Und nicht jeder ist der, der er zu sein vorgibt, oder so sympathisch, wie er zunächst scheint. Diesmal scheint Thanner das Spiel zu durchschauen und Schimanski etwas naiv – oder zu sehr gebauchpinselt. Im letzten Drittel lässt man es sich nichtsdestotrotz nicht nehmen, einige Actionszenen und Stunts sowie schöne Nachtszenen mit ihren fast schon typischen Neo-Noir-Anleihen unterzubringen. Problematisch sind hingegen die Folterungen Tonis durch Schimanski, der damit verzweifelt und wutentbrannt voranzukommen versucht. Dafür übt das desillusionierende Ende angebrachte Kritik an Polizeibehördenstrukturen und Politik. Thanner zählt mit, wie oft Schimanski „Scheiße“ sagt, ein vergnüglicher Seitenhieb auf konservative Mediensittenwächter, die mit Schimanskis unbehauener Art im Fernsehen nie warmgeworden sind. Das niederländische Pop-Produzenten-Duo Bolland & Bolland schmettert mit „Tears of Ice“ einen kleinen Synthiehit und sorgt neben Jenny Evans, die auch im echten Leben Besitzerin der Musikbar „Jenny’s Place“, allerdings in München, war, für die musikalische Untermalung dieses doch ziemlich unterhaltsamen und gut gemachten „Tatorts“, der dramaturgisch lediglich bisweilen damit irritiert, seine actionarmen Spannungsszenen nicht mit entsprechender Musik zu unterlegen, wodurch leicht erhöhte Konzentration des Publikums abverlangt wird. Schimmi als Folterknecht ist pfui, ansonsten aber punktet „Spielverderber“ derart häufig, dass er sich mit 7,5 von 10 gewonnenen Backgammon-Partien in die Highscores eintragen kann.

Kurios: 2015 wurde ein weiterer „Tatort“ mit demselben Titel, aber ohne inhaltlichen Bezug ausgestrahlt. Wer hat da in der Redaktion gepennt?
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon Reinifilm » 23. Jun 2020, 14:18

buxtebrawler hat geschrieben:Kurios: 2015 wurde ein weiterer „Tatort“ mit demselben Titel, aber ohne inhaltlichen Bezug ausgestrahlt. Wer hat da in der Redaktion gepennt?

Vielleicht ein Spielverderber? :kicher:
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon sid.vicious » 24. Jun 2020, 23:21

TATORT: Der Richter in Weiss
Ermittler: Paul Trimmel
Erstausstrahlung: 10. Oktober 1971

„Jedem der ´ne zweite Pistole findet, zahl´ ich ´ne Pulle Korn!“

Paul is back! Diesmal bekommt es Trimmel mit einem scheinbar lapidaren Eifersuchtsmord zu tun. Es steckt allerdings eine Menge Psychologie dahinter und ein selbstherrlicher Klapsen-Professor entpuppt sich als ein ganz übles wie aalglattes Dreckstück. Was giallioesk startet endet auch ebenso, alles dazwischen reflektiert ein 120mimütiges, fortwährend fesselndes Tatort-Produkt, bei dem es manche Kuriosität (Paul bestellt einen Taucher, damit dieser in einem 30 cm tiefen Gewässer auf Tauchstation gehen soll) zu bestaunen gibt. Ferner hat sich Paul von seinen GESTAPO-Methoden verabschiedet und sorgt mit Sarkasmus und seiner altbekannten Vorliebe für Schnaps für eine ebenso gute Zuschauerlaune. Ach so, auf die Frage, ob Brigitta Beerenberg (gespielt von einer ganz tollen Erika Pluhar) nach einem Selbstmordversuch verbluten könnte, antwortet Paul: „Frauen vertragen Blutverluste besser als Männer!“

Paul regiert!
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 29. Jun 2020, 17:04

Tatort: Gebrochene Blüten

„Kein Türke, kein Mongole, kein Japs – ‘n Thai!“

Den achtzehnten Fall der Duisburger-„Tatort“-Kripo um die Kommissare Horst Schimanksi (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) inszenierte einmal mehr Stammregisseur Hajo Gies, diesmal nach einem Drehbuch seines Bruders Martin Gies. Kurioserweise war „Gebrochene Blüten“ bereits 1986 gedreht worden, wurde jedoch erst am 1. Mai 1988 erstausgestrahlt.

„Meine Herren, Sie haben miserabel gearbeitet!“

Tanzstudiobetreiber Herr Prinz wird in einem Omnibus erstochen. Wirkt er zunächst wie das Zufallsopfer eines Amokläufers, stellt sich bald heraus, dass mehr hinter diesem Mord steckt. Was genau, kann der Duisburger Kripo der Täter jedoch nicht mehr sagen, denn nachdem man ihn ermittelt hat, findet man auch ihn tot auf – erschossen, es sollte nach Selbstmord aussehen. Als Manuela Prinz (Renate Krößner, „Solo Sunny“), die Witwe des Erstochenen, von zwielichtigen Gaunern bedroht wird, ahnt Schimanski, dass die attraktive Frau mehr weiß, als sie auszusagen bereit ist. Die Spuren führen ins Rotlichtmilieu…

„Möchten Sie mein großer Beschützer sein?“

Die Eheleute Prinz waren nicht nur echte Globetrotter, der saubere Herr Prinz war auch tief im Menschenhandel mit Thailänderinnen für deutsche Puffs verwickelt. Dies führt zu Konfrontationen Schimanskis mit unangenehmer Klientel wie dem Zuhälter Blatzer (Miroslav Nemec, späterer München-„Tatort“-Dauerkommissar) und dessen hünenhaftem Personenschützer (Ralf Moeller, „Cyborg“). Zuvor wurde klassische Kripoarbeit mit Beschattungen und Lauschangriff geleistet; später wird Schimmi Frau Prinz – eher unkonventionell – beim Tanzen verhören, nachdem er bereits halbnackt Dauerlauf betrieben hat und sich Thanner und Schimmi beim Ruhrpott-Imbissschmaus gegenseitig angezickt haben.

Wenig überraschend häufen sich die Annäherungsszenen zwischen Womanizer Schimmi und der schwer zu durchschauenden Prinz, mitunter in Sachen Bildästhetik mit dem ganz breiten Pinsel aufgetragen. Zum zum wiederholten Male bemühten Neo-Noir-Stil passend entpuppt sich die Prinz als Femme fatale, von der Schimanski gar vergewaltigt worden zu sein fürchten muss. Bis hierhin ist „Gebrochene Blüten“ hübsch anzusehen und recht unterhaltsam, aber auch relativ vorhersehbar. Dies ändert sich, als als überraschende Wendung gleich doppelter Identitätsdiebstahl ins Spiel kommt, für den Schimmi gar im pittoresken bayrischen Wasserburg ermitteln muss. Während des durchstilisierten Finales im Tanzsaal entspinnt sich das ganze Ausmaß der bösen Geschichte – das einen starke Empathie für die Täterin entwickeln lässt. Das Ende mutet umso tragischer an.

Wenngleich auch dieser Duisburger „Tatort“ inhaltlich im Prostitutionsgewerbe angesiedelt wurde – an dessen Menschenhandelsmethoden hier harsche Kritik geübt und das Publikum für diese negativen Begleitumstände sensibilisiert wird –, dient es diesmal als Aufhänger für eine private Tragödie, die den eigentlichen Reiz dieser Episode ausmacht: Der gerade erst aus der DDR emigrierten Renate Krößner bei der Verkörperung ihrer ambivalenten Rolle zuzusehen ist eine Wonne. Auch Schimanski, Thanner und Hänschen harmonieren, Pommesstreit hin oder her, über weiter Strecken diesmal prima miteinander, Schimmi springt gar behände auf Thanner Moped auf (und später in einen Zuhälterpool, ein sogar noch lässigerer Move). Nach „Midnight Lady“ in „Der Tausch“ schmachtet Chris Norman erneut eine Dieter-Bohlen-Komposition: „Broken Heroes“ als eine Art Erkennungsmelodie der Prinz ist sehr etwas omnipräsent, für eine Bohlen-Melodie aber relativ erträglich. Das horizontale Gewerbe beschert am Rande ein paar Oben-ohne-Szenen, die eigentlichen Schauwerte aber sind die Bildkompositionen dieses „Tatorts“. Apropos horizontal: Im Laufe der Jahre hat sich als eine Schwäche des Duisburg-„Tatorts“ die kaum vorhandene horizontale, also episodenübergreifende Erzählung herauskristallisiert: Mal hat Schimmi eine Freundin, die in der nächsten Folge mit keiner Silbe mehr erwähnt wird, mal taucht seine Patentochter auf, dann spielt diese mehrere Episoden lang keine Rolle mehr. Dass man derlei Ansätze nicht weiterverfolgen konnte, mag auch mit der eigenartigen Senderpolitik zusammenhängen, einen abgedrehten Fall zwei Jahre lang liegen zu lassen und später gedrehte vorher auszustrahlen. Eine episodenübergreifende Kontinuität aufzubauen fällt da naturgemäß schwer. Weniger schwer fällt die Bewertung dieser fast schon an südländisches Genrekino gemahnenden Episode: 7,5 von 10 Fritten sind da locker drin. Renate Krößner verstarb kürzlich, genauer: am 25. Mai 2020. Möge sie in Frieden ruhen.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon FarfallaInsanguinata » 29. Jun 2020, 22:41

"Gebrochene Blüten" gefällt mir auch recht gut, wenngleich ich "Schimmis" Macho-Gehabe und dass er sich mal wieder von einer Verdächtigen um den Finger wickeln lässt, da schon recht überstrapaziert und abgenutzt fand.
Großes Plus dieser Episode sind neben dem tollen Plottwist aber natürlich die darstellerischen Leistungen von Renate Krößner, richtig klasse!
***Hail to Mexican Beer***

jogiwan hat geschrieben:Eigentlich ist das ziemlicher Mist, was du da schreibst, um es mal dezent auszudrücken.
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