Primitive Liebe - Luigi Scattini (1964)

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Moderator: jogiwan

Primitive Liebe - Luigi Scattini (1964)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 23. Jun 2020, 22:41

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Originaltitel: L'amore primitivo

Produktionsland: Italien 1964

Regie: Luigi Scattini

Darsteller: Jayne Mansfied, Franco Franchi, Ciccio Ingrassia, Carlo Kechler, Mickey Hargitay

Abt.: Der Vulkan der Kuriositäten hört nicht auf zu spucken...

Selbst für eine Unterhaltungsfilmindustrie wie derjenigen Italiens, wo es gang und gäbe ist, dass sich die einzelnen Genres flussartig einander annähern, sich vermischen, durch ihren Zusammenfluss neue Seitenarme entstehen lassen, und sich dadurch in einem absolut agilen, (wenn auch freilich primär von ökonomischen Erwägungen diktierten), innovativen Austausch befinden, der einem Spiel der Kombinatorik gleicht, in dem prinzipiell alles mit allem verflochten werden kann, klingt das doch ein bisschen zu abgedreht, oder? Ich meine, eine Mixtur aus generischem Mondo-Film, wie sie Anfang bis Mitte der 60er nach dem Erfolg von MONDO CANE im Dutzend billiger produziert wurden, einer Slapstick-Komödie mit den beiden Burlesk-Komikern Franco Franchi und Ciccio Ingrassia, die allein in den Jahren zwischen 1962 und 1966 weit über vierzig Filme, zumeist Genre-Parodien, stemmten, und dann auch noch ein Softerotikstreifen mit der sich bereits auf dem absteigenden Ast befindlichen Sex-Ikone Jayne May, die von ihrer Produktionsfirma 20th Century Fox ab 1962, wie es auf deutschen Wikipedia heißt, gerne mal an zweitklassige Filmstudios in Europa „ausgeliehen“ wurde? Doch genau diese Mischung offeriert einem der obskure Streifen L’AMORE PRIMITIVO, inszeniert 1964 von Luigi Scattini, der kurz zuvor als Co-Regisseur Mino Loys mit SEXY MAGICO seinen Einstieg ins Mondo-Fach besiegelt hatte, und der dem Genre noch solche Rohdiamanten wie den Schweden-Mondo SVEZIA INFERNO E PARADISO oder den Hexen-Mondo ANGELI BIANCHI… ANGELI NERI bescheren sollte – ebenfalls zwei Filme, die, meiner Meinung nach, ähnlich wie L’AMORE PRIMITIVO wohl kein anderes Unterhaltungskino der Welt hätte hervorbringen können als das italienische.

Jayne Mansfield spielt Professor Jayne, eine Anthropologin, die gerade von einer Reise in die entlegensten Regionen des Globus zurückkehrt, wo sie Filmaufnahmen gesammelt hat, die das Balzverhalten verschiedener „exotischer“ Völkchen illustrieren sollen. Ihre These: Die Lendenlust lässt noch jedes zivilisiertes Mannsbilder zum lüsternen Barbaren werden. Oder, anders gesagt: Unsere primitiven Triebe sind eine anthropologische Konstante, in exakt gleichem Maße zu finden beim westlichen Intellektuellen oder beim indigenen Wildnisbewohner. Um diese, (wenn man mich fragt, nun wirklich nicht besonders spektakuläre), These zu verteidigen, hat sich Jayne mit einem vergreisten Professor in einem Luxushotel verabredet, wo sie ihrem Mentor bei einem Privat-Screening in ihrer Suite all die mondoesken Vignetten präsentiert, die ihr beim Weltenbummel vor die Kameralinse geraten sind. Die Anwesenheit des Busenwunders bleibt jedoch nicht vor den beiden Hotelportierts Franco und Ciccio verborgen, die sich vor Geilheit kaum halten können, als ihre Blicke zum ersten Mal auf die wogenden Rundungen der vermeintlichen Akademikerin gefallen sind. Fortan setzen unsere beiden Freunde alles daran, einen Blick zu erhaschen auf das, was Mansfield unter ihrer Garderobe verbirgt, wobei der impulsive Ciccio seinen eher stoischen Kollegen Franco regelmäßig in peinliche und absurde Situationen bringt, wenn man beispielweise versucht, durch Schlüssellöcher und Lüftungsschächte als stille Zaungäste der Mondo-Sichtung beizuwohnen. Besonders der Chef des Hotels, dargestellt von Mansfields damaligem Ehemann und späterem Renato-Polselli-Heros Mickey Hargitay, stellt sich als ernsthafter Störfaktor dar, der dem Duo in einem running gag fortwährend die Voyeurismus-Tour vermasselt. Aber wenn Franco und Ciccio die enthüllenden Einblicke versagt bleiben, tagträumen sie eben davon, wie Jayne ihnen in zwei langen Tanz- bzw. Striptease-Szenen schöne Augen macht, und ihren Astralkörper von den Rhythmen (kaum erträglicher) Hula-Hawaii-Gesänge durchzucken lässt.

Dies alles ist indes lediglich die Rahmenhandlung für das eigentliche Herzstück von L’AMORE PRIMITIVO, nämlich die fragmentarischen, nur einen äußerst hauchdünnen roten Faden aufweisenden Mondo-Szenen des Films-im-Film, die einem nun wirklich nichts von dem vorenthalten, was 1964 bereits zu den Genre-Standardingredienzien gehörte: Bei einer Hochzeitszeremonie irgendwo im ruralen China versichern sich die beiden Beteiligten ihrer Liebe nicht etwa durch große Worte oder Gesten, sondern indem sie sich einfach nur endlos lange anstarren; auf den Philippinen praktiziert man einen sogenannten „Bambus-Tanz“, bei denen die heiratsfähigen jungen Frauen zwischen von Stammesmännern getrommelten Hölzern besagten Baumes umherspringen, und jeder Fehltritt, wie der unvermeidliche Kommentar süffisant aus dem Off bemerkt, ein gebrochenes Bein bedeutet; im Senegal werfen sich die Männer eines Dorfes, die allesamt um die gleichen Damen buhlen, zu Boxkämpfen auf Leib und Leben gegeneinander in den Ring; in China werden untreue Ehefrauen angeblich von der Dorfgemeinschaft mit Eiern beschmissen, (worauf Franco und Ciccio die eher misogyne Bemerkung herausrutscht, in Europa gebe es gar nicht so viele Eier, dass man jeder Frau die ihr zustehende Menge zukommen lassen könne); irgendwo im tiefsten Afrika obliegt dem lokalen Witchdoctor die Aufgabe, herauszufinden, ob eine Gattin ihren Ehemann betrogen hat, indem er eine Python bedrohlich nahe an ihr Geschlechtsteil rückt, und wenn sie zubeißt, dann ist der Fall glasklar, (wobei der Film sich den eher rassistischen Scherz erlaubt, Franco und Ciccio genau in dem Moment, als sie diese Szene heimlich beäugen, von einem dunkelhäutigen Hotelgast ansprechen zu lassen, worauf die Beiden schreiend vor dem vermeintlichen „Hexendoktor“ Reißaus nehmen.) Besonders verwundert hat mich jedoch, dass L’AMORE PRIMITIVO nicht mit recht graphischen Tiertötungen geizt: Auguren weiden Schweinchen aus, um aus deren Eingeweide die Zukunft eines frischgetrauten Pärchens zu lesen; bei einer anderen Hochzeitszeremonie werden zwei Hähne gegeneinander gehetzt; besonders blutig wird’s, wenn der Film sich auf das Thema der natürlichen Gewinnung von Aphrodisiaka konzentriert, und wir sehen, wie Alligatoren, Haifische oder Schlangen gejagt, geschlachtet oder per Mörtel zerstampft werden, um aus ihrem Lebenssaft potenzsteigernde Mittelchen zu generieren. Solche Szenen in Kombination mit den üblichen infantilen Franco-und-Ciccio-Späßen und lasziven Tanz-Einlagen von Frau Mansfield, sprich, Brachial-Humor und Brachial-Erotik, haben mich dann doch sehr irritiert: Bleibt einem denn nicht das Lachen auf halber Strecke im Hals stecken und das geschwollene Glied auf halber Höhe im Reißverschluss stecken, wenn man kurz nach einer Szene, in der Franco und Ciccio wie zwei Bälle durch Hotelflure kullerten oder in der Jayne Mansfield sich unmotiviert aus ihrer Garderobe geschält hat, um einen BH-Wechsel vorzunehmen, mit dokumentarischen Bildern konfrontiert wird, in denen es arglosem Getier an den Kragen geht?

Filmhistorisch interessant finde ich L’AMORE PRIMITIVO indes nicht nur wegen seiner schier unglaublichen Mischung aus Sex, Slapstick und Shockumentary, sondern, weil er viele prägnaten Facetten des (Italo-)Kinos der 70er bereits vorwegnimmt: CANNIBAL HOLOCAUST, (wegen des selbstreflexiven Gestus, der sich in beiden Filmen darin niederschlägt, dass die Protagonisten Mondo-Aufnahmen beäugen, die vor Einsetzen der eigentlichen Diegese abgedreht worden sind); D’Amatos EMANUELLE-NERA-Serie, (wegen Jayne Mansfields Rolle als Globetrotterin, deren Interesse vorrangig allem gilt, was sich unterhalb der Gürtellinie abspielt); nicht zuletzt sogar Mondo-Derivate der 80er und 90er wie TRACES OF DEATH, in denen (pubertärer) Schulhofhumor mit einem (dann freilich jedwede Tabugrenze spielerisch verletzenden) Schock-Appeal korreliert. Normalerweise gelten schon klassische Mondos wie MONDO CANE als Wechselbad der Gefühle, da in ihnen relativ virtuos amüsante, aufreizende und alptraumhafte miteinander Ringelpiez spielen. Das heterogene Gebräu von L'AMORE PRIMITIVO indes kann selbst solche Kalt-Heiß-Duschen noch locker in den Schatten stellen.

Zwei Szenen gegen Ende des Streifens haben mir übrigens besonders gut gefallen: 1) Im malaysischen Dschungel werden wir Zeuge, wie eine junge Frau mit ihrem Liebsten Fangen spielt. Die Rolle des Jünglings nimmt dabei eine POV-Kamera ein, die die schäkernde Nymphe quer durchs Unterholz verfolgt. Leider tritt sie bei all der Koketterie einmal fehl, und stürzt in die Tiefe eines Wasserfalls. Innerhalb der ansonsten doch recht, ehm, primitiven Mise en Scène des Films, hat mich diese irgendwo zwischen Unschuld und Morbidität schwankende Szene dann doch gerade auch durch ihre lebhafte Kamaarbeit positiv überrascht. 2) Das Finale indes spottet jeder Beschreibung: Jayne ist bereit, ihrem Professor den ultimativen Beweis dafür zu liefern, dass jeder Mann im Zustand größter Erregung zum wilden Tier wird. Hierzu lockt sie, während der Professor sich im Schlafzimmerschrank versteckt, Franco und Ciccio zu sich in die Suite, und stachelt ihre Lust mit allem an, was ihr Körper herzugeben hat. Erwartungsgemäß verlieren die Clowns vollends jedwede Contenance, overacten, dass es beinahe schon unangenehm ist, indem sie sich wie unter Krämpfen der Geilheit auf dem Boden und dem Bett herumwerfen. Stolz möchte Jayne ihrem Professor das Ergebnis des Experiments präsentieren: Sie öffnet den Schrank, - doch auch dem Professor haben seine Triebe zugesetzt, und er hat sich in einen waschechten Werwolf verwandelt! Ich muss gestehen, irgendeine besonders alberne Saite hat dieser Final-Gang dann doch zum Klingen gebracht. Ich war nie gut in Mathe, doch wäre ich es gewesen, dann hätte ich DAMIT wohl trotzdem nicht gerechnet...
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Re: Primitive Liebe - Luigi Scattini (1964)

Beitragvon buxtebrawler » 24. Jun 2020, 09:03

Salvatore Baccaro hat geschrieben:2) Das Finale indes spottet jeder Beschreibung: Jayne ist bereit, ihrem Professor den ultimativen Beweis dafür zu liefern, dass jeder Mann im Zustand größter Erregung zum wilden Tier wird. Hierzu lockt sie, während der Professor sich im Schlafzimmerschrank versteckt, Franco und Ciccio zu sich in die Suite, und stachelt ihre Lust mit allem an, was ihr Körper herzugeben hat. Erwartungsgemäß verlieren die Clowns vollends jedwede Contenance, overacten, dass es beinahe schon unangenehm ist, indem sie sich wie unter Krämpfen der Geilheit auf dem Boden und dem Bett herumwerfen. Stolz möchte Jayne ihrem Professor das Ergebnis des Experiments präsentieren: Sie öffnet den Schrank, - doch auch dem Professor haben seine Triebe zugesetzt, und er hat sich in einen waschechten Werwolf verwandelt! Ich muss gestehen, irgendeine besonders alberne Saite hat dieser Final-Gang dann doch zum Klingen gebracht. Ich war nie gut in Mathe, doch wäre ich es gewesen, dann hätte ich DAMIT wohl trotzdem nicht gerechnet...[/align]


Unfassbar :D
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!

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Re: Primitive Liebe - Luigi Scattini (1964)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 24. Jun 2020, 15:23

www.youtube.com Video From : www.youtube.com


Ohne Worte.

Falls irgendwer von euch für ein zukünftiges Forentreffen die 35mm-Kopie dieses Films auftreibt, der hierzulande wohl tatsächlich für's Kino ausgewertet wurde, dann werde ich live auf der Bühne... Ah nein, lassen wir das.
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