Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Moderator: jogiwan

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 18. Nov 2019, 13:21

Tatort: Verlorene Töchter

Der Teufel ist ein Eichhörnchen

„Sind Sie vom Jugendamt?“

Für Kriminalhauptkommissar Jan Casstorffs (Robert Atzorn) achten Hamburger Fall innerhalb der „Tatort“-Krimireihe verfilmte Regisseur Daniel Helfer ein Drehbuch Elke Schuchs und Marc Blöbaums, Helfers nach „Rückfällig“ (1995) und „Mietsache“ (2003) dritter „Tatort“. Das Ergebnis ist die Episode „Verlorene Töchter“, die am 21.11.2004 erstausgestrahlt wurde. Der Fall kombiniert eine Krimihandlung mit einem psychologischen Drama.

Eine Clique minderjähriger Mädchen verbringt seine Freizeit mit Diebstählen und gewalttätigen Übergriffen, wenn sie nicht gerade abhängt, Videofilme schaut und sich zudröhnt. Ihren Mitmenschen und auch der Polizei gegenüber tritt sie komplett respektlos auf. Dies bleibt zunächst auch so, als Ronja (Lulu Grimm, „Emil und die Detektive“), eine ihrer Freundinnen, von einem Turm gestürzt tot aufgefunden wird. Casstorff, der zusammen mit seinem Kollegen Eduard Holicek (Tilo Prückner) und seiner Kollegin Jenny Graf (Julia Schmidt) ermittelt, beißt auf Granit. Durch ihre beharrliche Beobachtung der Mädchen und immer neue Versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, erhalten die Ermittler(innen) jedoch nach und nach Einblicke ins Leben der Delinquentinnen, in deren Folge sich zumindest die türkischstämmige Fatma (Jasmin Aksan, „Führer Ex“) gegenüber Casstorff und Lucy (Charlotte Buschner), die ihren dementen Großvater pflegt, gegenüber Graf etwas öffnen. Die Spur führt zu deren Mitschüler Piet (Yanik Zitzmann), der regelmäßig von den Mädchen überfallen und gedemütigt wurde. Ronjas Cousine, die introvertierte Marie (Marie-Therese Katt, „Mitfahrer“), wiederum ist auf sich allein gestellt, weil sich ihre Eltern gerade ohne sie im Urlaub befinden, und hat den Hass der Clique auf sich gezogen, der sie Obdach in der elterlichen Wohnung gewährt hat. Marie zieht zu Ronjas verzweifelter alleinerziehender Mutter (Inga Busch, „Alles auf Zucker!)“ auf deren Hausboot und beginnt, in ihr eine Ersatzmutter zu sehen…

„Verlorene Töchter“ bemüht das Klischee schwieriger Familienverhältnisse bzw. zerrütteter Familien, um das Verhalten der Clique zu erklären. Dabei schießt man mitunter, beispielsweise im Zusammenhang mit den Türkenklischees um Fatmas Person, übers Ziel hinaus. Neugierig macht, dass weder Täter(in) noch Motiv bekannt sind und man als Zuschauer(in) ebenso im Dunklen tappt wie die Ermittler(innen), die sich für jeden noch so kleinen Teilerfolg eine Vielzahl an Respektlosigkeiten bieten lassen müssen und mitunter selbst nicht wissen, ob sie nicht schlicht permanent an der Nase herumgeführt werden. Das ist ebenso wie provokant wie unterhaltsam, wenngleich die unruhige Kameraführung mehr stört, als dass sie für Dynamik sorgen würde.

Schließlich ist es Jenny Graf, die mit weiblicher Intuition und Einfühlungsvermögen vorankommt, während ihre männlichen Vorgesetzten und Kollegen noch immer rätseln. Dies führt zu einem polizeiinternen Konflikt, in dessen Zuge das Autoritätsgefälle zwischen Casstorf und Graf zutage tritt, wodurch zugleich Kritik an eben jenem geäußert wird. Immerhin konnte Graf in Erfahrung bringen, dass Lucy in Ronja verliebt war und mit ihr Stunt-Übungen auf dem Dach des Turms durchführte, Ronja aber nicht mit ihr nach Los Angeles gehen wollte – womit sich der Kreis der Verdächtigen nach ca. einer Stunde erweitert. Als Lucy plötzlich verschwindet, überschlagen sich im letzten Drittel die Ereignisse; auf einen Selbstmordversuch folgt eine überraschende Wendung, die aus dem Fall ein abgründiges psychologisches Drama macht.

Dieses ist es dann auch, das „Verlorene Töchter“ ungemein aufwertet und zu mehr macht als einer groben Skizze solcher Mädchen und Frauen, deren Leben bisher mehr Enttäuschungen als Glücksmomente bereithielt und die unterschiedlich darauf reagieren, denen jedoch allen eine mal mehr, mal weniger offen nach außen dringende Aggressivität innewohnt. Die Agenda, die dieser „Tatort“ dabei vertritt, ist die der soziologischen Pädagogik, niemanden aufzugeben und beharrlich zu versuchen, das Vertrauen zu gewinnen, um an die Problemursachen herankommen zu können. Den brisant diskutierten Aspekt, inwieweit auch Maßregelungen und Strafen dazu beitragen und entsprechende Wirkung erzielen können, spart man unterdessen aus. Vielmehr handelt es sich um ein Plädoyer für Geduld und Besonnenheit, das hier und da mit etwas Erklärbärerei innerhalb der Dialoge angereichert wurde und den damaligen Hit der Gruppe Rosenstolz, „Lass es Liebe sein“, ebenso prominent wie pathetisch präsentiert.

Der Fokus aufs weibliche Geschlecht macht nicht zuletzt aufgrund der überzeugenden Jungschauspielerinnen Spaß, die vollkommen unterschiedliche Typen verkörpern und eine fragile Zweckgemeinschaft bilden. Dankenswerterweise ist man kaum versucht, sich in die Richtung eines schmierigen „Schulmädchen-Reports“ zu bewegen, wenngleich sich mit dem Plottwist zu den bereits genannten Klischees eine alles andere als repräsentative, ziemlich unwahrscheinliche Komponente gesellt – man also sein eigenes sozialdramatisches Kriminal-Sujet verlässt, um einen höheren Unterhaltungsfaktor zu erzielen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon karlAbundzu » 19. Nov 2019, 13:50

Tatort Ludwigshafen: Die Pfalz von oben
Zum Jubiläum schaut man ja gerne zurück: Der neue Lena Odenthal blickt auf den ersten zurück, unglaublich: Ulrike Folkerts ermittelt schon 30 Jahre.
Lena kommt zurück zum Tatort ihres ersten Falles, der junge Dorfbulle von einst ist jetzt Revierchef, in Korruption verwickelt und sein jüngster Nachwuchspolizist wird bei einer LKW Kontrolle erschossen. Lena bringt heimlich die Interne mit.
Klassischer Großstadtbulle fährt aufs Land Tatort, im Mittelpunkt hier die Beziehung Odenthal - Stefan Tries / Ben Becker. Und Becker ist toll, wie er diffenziert diesen Typen zwischen allem möglichen! Der Fall ein wenig vom Fliessband, die anderen Figuren Abziehbilder, aber das verzeiht man den beiden. Dazu wird noch der eine oder andere alte Fall zitiert, Tod im Häcksler zB.
Ja, ist gut, nicht herausragend.
PS:
warum muss sich beim Tatort der vermeintliche Täter umbringen? Ich finde das meist total unbefriedigend, als ob den Autoren da nichts einfällt... außerde ist so ein weiteres Auftauchen von Fries verbaut.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon karlAbundzu » 27. Nov 2019, 14:42

TATORT WIEN: BAUM FÄLLT!
Eisner und Fellner werder aufs Land geschickt, ein Toter im riesigen Holzwerk. Der Holzmagnat hat halt Beziehungen zu einem hohen Tier, Eisner dementsprechend schlecht gelaunt. Läßt sich aber nach anfänglichen Megagrummeln vom Dorfpolizisten udn altem Kumpel in die Bahn bringen. Bibi hingegen schaut dem etwas zweifelnd zu und ermittelt auch.
Typischer Landkrimi, jeder hat was mit jedem, so ist es kein Whodunnit, weil mit jedem Dialog kommen neue Verbindungen dazu.
Der Fall ist ok, auf der persönlichen Ebene geht es um Freundschaft und Selbstentwicklug. Die Schauspieler gut, die Figuren interessant und nachvollziehbar.
Wunderschöne Landschaftsaufnahmen und versöhnliches Ende.
Kann man gucken.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 4. Dez 2019, 14:13

Tatort: Querschläger

Aktion Sorgenkind

„Spätestens Weihnachten bin ich tot.“

Achtung, Schnapszahl: Die 1.111 . Episode der öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe „Tatort“ ist Polizeihauptkommissar Thomas Falkes (Wotan Wilke Möhring) zwölfter Einsatz, sein sechster mit Polizeioberkommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) an seiner Seite. Die Regie des bereits im Herbst 2018 gedrehten, am 15.06.2019 auf dem 30. Internationalen Filmfest Emden-Norderney uraufgeführten, aber erst am 01.12.2019 erstausgestrahlten Falls übernahm „Tatort“-Neuling Stephan Rick („Die dunkle Seite des Mondes“) nach einem Drehbuch Oke Stielows.

„Weihnachten ist eh Mist.“

Bei einer LKW-Kontrolle auf einer Autobahnraststätte durch die Bundespolizisten Falke und Grosz schießt ein Heckenschütze aus einem angrenzenden Waldgebiet mehrmals auf das Fahrzeug. Die zweite Kugel wird zum Querschläger und verletzt einen unbeteiligten Fernfahrer tödlich. Weshalb hatte es der Schütze auf den von Efe Aksoy (Deniz Arora, „Milk & Honey“) geführten LKW abgesehen? Als Falke und Grosz das Waldstück durchkämmen, finden sie ein starkes Schmerzmittel, das in Deutschland nicht zugelassen ist. Die Spur führt zum Zollbeamten Steffen Thewes (Milan Peschel, „Tatort: Weil sie böse sind“), der es für seine an einer unbehandelt tödlich verlaufenden Halswirbelsäuleninstabilität leidenden Tochter Sara (Charlotte Lorenzen, „Kästner und der kleine Dienstag“) besorgt hatte und verzweifelt versucht, die Summe von 300.000 EUR für eine lebensrettende Operation in den USA aufzutreiben, die von der Krankenkasse nicht übernommen wird. Seine Tat entpuppt sich als Erpressungsversuch gegen den Spediteur Cem Aksoy (Eray Egilmez, „Tatort: Sturm“), Bruder des Fahrers, der einst ins Visier des Zolls wegen illegaler Mülltransporte geraten war. Cem Aksoy jedoch verdächtigt seinen Schwiegervater Roland „Rolle“ Rober (Rudolf Danielewicz, „Tatort: Liebeshunger“). Tatsächlich scheint Thewes einen Komplizen zu haben…

„Wenn du einmal Opfer bist, dann bleibst du Opfer!“

Bei „Querschläger“ handelt es sich um ein Kriminaldrama mit melodramatischen Zügen, das sich gängigen Gut/Böse-Schemata verweigert. Das Motiv des sogar noch intensiver und nahegehender als gewohnt durch Milan Peschel verkörperten Zollbeamten ist die nachvollziehbare Verzweiflung angesichts seiner im Sterben liegenden Tochter, deren mögliche Rettung am fehlenden Mammon und sturen Krankenkassen zu scheitern droht. Einerseits ist es also erfreulich, den Täter nicht als kaltblütigen Schwerverbrecher zu zeichnen, andererseits trägt es indes nicht gerade zur Spannung bei, das BKA lange Zeit beim Verfolgen falscher Fährten zu beobachten, wenn sowohl Täter als auch Motiv bereits kennt. Bezeichnenderweise ist es letztlich der versehentliche Verlust des Medikaments am Tatort, der erst zu erfolgreichen Ermittlungen führt. In deren Rahmen werden die Hintergründe Thewes‘ und seiner Familie so weit wie nötig beleuchtet und somit Verständnis für die Tat geweckt.

„Ich bring‘ euch alle um!“

Ähnlich ambivalent fällt dankenswerterweise die Charakterisierung seines Gegenspielers Cem Aksoy aus, der offenbar recht erfolgreich eine Spedition betreibt, einen sog. Migrationshintergrund hat und auch mal in illegale Geschäfte verwickelt war, die jedoch keine Kapitalverbrechen darstellen. Zudem ist auch er ein liebender Familienvater und somit keine Bösewicht, der „es eigentlich verdient hätte“. Andererseits befindet er sich aber auch im geschäftlichen Clinch mit seinem Schwiegervater, der ihn aus diesem Grunde verachtet. Über zwischenmenschlichen Sprengstoff verfügt dieser „Tatort“ also durchaus, wenngleich die Versuche, daraus Spannung in Hinblick auf die Suche nach Thewes‘ Komplizen zu generieren, nicht zünden, da dessen Rolle generell zu unbedeutend erscheint. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dessen Enttarnung nach einer Stunde um einen überraschenden Kniff, der zusätzlich (bitter nötige) Dramatik einbringt.

„Die Kinder können nichts für die Fehler ihrer Eltern.“

Wunderbar geglückt ist das visuelle Erscheinungsbild dieses Falls, in der eine diverse kreative Möglichkeiten ausschöpfende Kamera die Tristesse südlich gelegener Gewerbegebiete Hamburgs stimmig einfängt, die zur verzweifelten emotionalen Lage des Täters passt. Dass schließlich noch ein weiterer Toter auf seine Rechnung geht, hätte es jedoch nicht gebraucht. Übertreibung soll hier anscheinend veranschaulichen, irritiert im Endeffekt jedoch lediglich, zumal der Tote im Anschluss gar keine Rolle mehr spielt. Ein spannendes, hochdramatisches Finale aber zieht dann in bewährter Krimimanier sämtliche Register und mündet in eine Schlusspointe, die konstruiert und kitschig erscheinen mag, der genannten Tristesse und scheinbaren Ausweglosigkeit jedoch ein wenig durchaus dankbar entgegengenommene Hoffnung gegenüberstellt. Leider bereiten einige vernuschelte Dialoge Kopfzerbrechen – hier wäre etwas mehr Aufmerksamkeit in der Postproduktion angebracht gewesen. Deutlicher zu vernehmen ist der von der Indie-Pop-Gruppe Giant Rooks zur Verfügung gestellte Soundtrack.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 13. Dez 2019, 16:53

Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen

„Der ganze Kapitalismus beruht doch auf den Vorteilen, die man anderen gegenüber hat!“

Der zweite Münchener „Polizeiruf 110“ um die zwischen den Abteilungen springende Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) ist zugleich Regisseur Dominik Grafs („Die Katze“, „Die Sieger“) fünfter Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe. Er konnte mit einem seiner favorisierten Drehbuchautoren, Günter Schütter, zusammenarbeiten, eine Kollaboration, deren Ergebnis am 25. Oktober im Rahmen der Hofer Filmtage ihre Premiere feierte. Die TV-Erstausstrahlung erfolgte am 08.12.2019 in einer FSK-12-Fassung, die 16er-Fassung wurde am 10.12.2019 gezeigt.

„Das ist München bei Nacht – das muss man wegschnapsen…“

Elisabeth „Bessy“ Eyckhoff ist diesmal Teil eines Polizeiteams, das darauf angesetzt wurde, Reiko Fastnacht (Michael Zittel, „Baggage“), Geschäftsführer des Unternehmens „Safe Pack Energy“, zu überwachen. Dieser steht im Verdacht, illegalerweise mit Insiderwissen an der Aktienbörse tätig zu sein und damit über einen unlauteren Vorteil zu verfügen. Man ermittelt, dass die „MTT“-Wertpapiere rasant in ihrem Wert steigen sollen. Doch diese Information weckt auch bei den Polizistinnen und Polizisten Begehrlichkeiten: Warum nicht selbst in diese Aktien investieren und sich damit ein gutes Zubrot zum kargen Salär verdienen? Oberkommissar Wolfgang Maurer (Andreas Bittl) und dessen Teammitglieder Roman Blöchl (Robert Sigl, „Laurin“), Meryem Chouaki (Berivan Kaya, „Wilde Jahre“) und Oumar Rast (Dimitri Abold) sowie der eingeweihte Frührentner und ehemalige Kollege Heinz „Calli“ Callum (Sascha Maaz, „Am Abend aller Tage“) kratzen an Geld zusammen was irgend möglich, einer nimmt gar eine Hypothek auf sein Haus auf. Denn was soll schon schiefgehen? Letztlich alles: Die Börsenaufsicht interveniert und nimmt die Aktie nach ihrer ungewöhnlich schnellen Wertsteigerung vom Markt. Eyckhoff, die sich am Betrugsversuch nicht beteiligt hatte, muss nun zusammen mit Lukas Posse (Wolf Danny Homann, „Tatort: Weiter, immer weiter“) von der Börsenaufsicht gegen ihre eigenen Kolleginnen und Kollegen ermitteln – doch bei diesen liegen die Nerven blank…

„Nun mal ehrlich: Es geht bei uns nicht um Gerechtigkeit. Oder um Wahrheit. Es geht um die Sicherung von Besitzverhältnissen.“

Grafs Erzählweise ist alles andere als linear: Ausgehend von einer Verhörsituation Eyckhoffs werden die Ereignisse in Form einer ausgedehnten Rückblende rekapituliert und visualisiert. Dies geht u.a. mit Bildern eines ausgelassenen Kostümfests einher, in dessen Rahmen die Zuschauer(innen) die Verschwörergruppe kennenlernen und der Entstehung ihrer schicksalhaften Entscheidung beiwohnen. Das dürfte sich jedoch einfacher lesen als es ist, denn Graf führt in rasantem Tempo eine Vielzahl an Figuren ein und changiert munter zwischen den verschiedenen Zeitebenen, sodass man schnell den Überblick verlieren kann, bringt man nicht die entsprechende Konzentration auf. Diese jedoch wird bald belohnt von einer erzählerisch zwar herausfordernden, jedoch nie ihren roten Faden verlierenden Inszenierung, die mit diversen Genrefilm-Versatzstücken angereichert wird und sich zu einem dramatisch verlaufenden, actionreichen und immer wieder überraschenden Gesamtbild zusammenfügt.

„Wie kann der Staat Menschen einsetzen, die nichts anderes tun sollen, als die Interessen vom Kapital zu vertreten, ohne daran zu denken, dass die vielleicht mal ihren Anteil daran haben wollen?“

Der größte Überraschungseffekt dürfte bei unbedarfter, unvorbereiteter Herangehensweise an die Filmrezeption sein, dass es sich trotz seines Börsenthemas um keinen Wirtschaftskrimi handelt, sondern vielmehr um einen Milieuthriller – und das Milieu ist jenes der Polizei selbst. Die hier porträtierten Polizistinnen und Polizisten sind allesamt keine Krösusse, wie sich nicht nur aus den Dialogen untereinander ergibt: In einem Freeze Frame erklingt ein Sprecher aus dem Off, der kurzerhand das zusammenfasst, was die Dialoge möglicherweise nur unvollständig zu vermitteln vermögen. Doch Schütter und Graf wären nicht sie selbst, würden sie es bei einem Einstimmen ins Lamento bewaffneter uniformierter Beamtinnen und Beamter von Unterbezahlung und Übervorteilung belassen, um daraus deren Motive abzuleiten. Vielmehr wird auch das kapitalistische System offen kritisiert und die Rolle der Polizei in ihm reflektiert (aufgrund derer sie nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist).

Gänzlich zu einem Soziogramm der durch und durch korrumpierten kapitalistischen Gesellschaft gerät „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“, wenn die Solidarität der Verschwörer(innen) – abhängig Beschäftigte, kleine Fische – nach und nach zerbröckelt und man sich inklusive krasser, unvermittelter Gewaltausbrüche gegenseitig zerfleischt, da man weder über finanzielle Abfederungen noch über die nötige Kaltschnäuzigkeit, allerdings auch nicht über ausreichenden Intellekt verfügt, cool zu bleiben, konsequent zusammenzuhalten und die Ermittlerin samt Börsenaufsicht auflaufen zu lassen. Stattdessen zerbrechen jahrelange Freundschaften irreparabel und greifen Leid und Verzweiflung um sich, woran manch einer zu Grunde geht. Dass man sich letztlich auch nur (einmal mehr) als Spielball der Interessen des Kapitals wiederfindet, ist der finale geniale Kniff dieses „Polizeiruf 110“, mit dem Schütter und Graf einmal mehr beweisen, auf welch unterhaltsame, sogar mit weit mehr als nur der nötigen Härte versehene Weise ein solcher Themenkomplex bearbeitet werden kann, ohne ein sprödes Sozialdrama, sozialdemokratisch müffelndes Stück gesellschaftskritisches Halbbildungsfernsehen oder moralinsaures Melodram daraus zu stricken. Danke!
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon Reinifilm » 23. Dez 2019, 19:55

„Tatort - Väterchen Frost“. OK, Münster ist ja bekanntlich die Tatort-Comedy-Abteilung, aber das war eindeutig „too much“ (Copyright by Onkel Joe). Scheinbar wurde das Ganze unter dem Einfluss von zu viel Glühwein dahingeschludert, da nütze auch ein optisch ansprechender Showdown nichts mehr. 05/10
Das ein „Bux“ eine wichtige Rolle spielte, fand ich natürlich lustig. :mrgreen:
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 23. Dez 2019, 21:30

Reinifilm hat geschrieben:Das ein „Bux“ eine wichtige Rolle spielte, fand ich natürlich lustig. :mrgreen:


:o

Details, bitte!
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon Reinifilm » 24. Dez 2019, 02:33

buxtebrawler hat geschrieben:
Reinifilm hat geschrieben:Das ein „Bux“ eine wichtige Rolle spielte, fand ich natürlich lustig. :mrgreen:


:o

Details, bitte!


Es geht um einen jungen Mann, der seinen Geliebten umgebracht haben soll. Dieser trug den Namen „Alexander Bux“. Später taucht noch sein Schwester Sabrina auf und es gibt sogar eine Szene am Grab der Familie Bux.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon karlAbundzu » 26. Dez 2019, 13:09

TATORT STUTTGART, Folge 144: Mord ist kein Geschäft (1983)
aus einer DVD Box
Halbseidenes Millieu in Süddeutschland, eine Leiche führt Kommissar Lutz und seinen Assistenten Wagner tief in das Schutzgeldgeschäft, verwickelt ein griechisches und ein türkisches Restaurant, und ein deutscher, der aus den türkischen Spezialitäten ein Geschäft macht...
Kommissar Lutz ist tenziell ein Ekeltyp, mit liebevollen spießigen Seiten und ein Herz aus Gold. Klar tappen die beiden Kommissare immer wieder in die Rassismus-Falle, aber das wird schön auf die Schippe genommen. Schön, die Rauchszenen inklusive Suchen eines Aschenbechers, dass die Kommissare ständig was zu essen bekommen und schön die obligatorische Punkerszene, die rumschnorren, einer von ihnen Dominik Horrowitz.
Die Deutschen aus dem Millieu sind einerseits schmierig, aber die Halbwelt hat irgendwie kaum etwas bedrohliches, nun, bis sie eine Frau entführen.
Insgesamt ist der Fall leidlich spannend, man erfreut sich an der 80er Nostalgie (meine Lieblingsklamotten sind die von dem Paar, was sich auf dem Campingplatz über die kalte Duschen beschwert), die Auflösung am Ende kommt so schwuppdiwupp, die Beteiligten erahnte man durch die typischen Blicke, aber die Gründe und ABläufe werden so wegerzählt.
Wohlfühl Old School Tatort mit Nostalgie Flair.

PS: Der funky Soundtrack gefiel.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon karlAbundzu » 26. Dez 2019, 17:17

TATORT MAINZ: PEGGY HAT ANGST (1983)
Ein Fotomodell lernt einen Taxifahrer kennen, sie will Spaß, er verliebt sich. Nun, verschiedene Ansichten der Beziehung endet in Mord, das Modell stirbt live am Telefon, ihre Freundin Peggy hört mit. Und das ist erst der Anfang...
Wie unterschiedlich kann es sein, es schau ich den gemütlichen altertümlichen Lutz-Tatort, dann eben diesen, und der knallt mich weg.
Bis zum Mord dauert es gut 10-15 Minuten, wir begleiten Natascha und Stefan. Sie ein freizügiges Modell, die das Leben liebt, er ein Romantiker, eigentlich ein Zeichner, der Baudelaire liebt, und für den es nur die große Liebe oder eben nichts gibt. Und diese Erkenntnis baut sich bei uns mit dem Anfang auf. Mit dem Mord, den Peggy live am Telefon hört, gehen auch die Ermittlungen los, aufgrund der wenigen Hinweise auch ein wenig behäbig. Der Film bleibt dann auch eher bei Peggy. Irgendwann bedroht/stalkt der Mörder sie und dringt in ihr Leben ein.
WO fang ich an? Die Anfangsszene hat mich schon mitgenommen: Die Modell-Welt und der Mörder-Typ erinnerten mich an Giallos. Und Ute Christensen und Hans-Georg Panczak spielen das sehr gut. Christensen war am Telefon wohl so echt, das besorgte Zuschauer anriefen, ob man ihr wohl echt was antat. Und Panczak hatte mich spätestens in dem Moment, wo er Bongospielend vor seiner Stereoanlage sitzt und einen EBM-mäßigen Song hört. Dieser Song übrigens, bzw. das Cover der LP, wo der Song drauf ist, brachte mich dazu, den Tatort zu suchen und diese Box für wenig zu kaufen. Super Song auch.
Danach haben wir die leicht kühle, konzentriert ermittelnde Kommissarin und eben Peggy, gespielt von Hannelore Elsner. Super zusammen die beiden. Hier das lebenslustige Modell, dort die selbsternannte altmodische Kommissarin, beide selbstständige Frauen, die sich nicht von Männern fremdbestimmen lassen, dabei aber auch mal einen Fehlweg gehen. Dazu kommt dann wieder Baudelairefreund Panczak, ansonsten die Stimme von so netten Leuten wie Luke Skywalker, John Boy Walten und Waylon Smithers, der auch sogar Sozialkontakte pflegt und eigentlich alles gut hinbekommt. Ganz groß.
Klar gibt es manche kleine Unlogeleien und unbedafte Zufälle, aber das stört gar nicht.
Dazu eine eher ungewöhnliche Kamera an manchen Stellen, die Schlußeinstellung ist toll.
Regie führte hier Wolfgang Becker, nicht der vom Leben ist eine Baustelle, sondern ein Regieveteran.
Also, Psycho-Tatort mit guten Darstellern, tollen Songs, brillanter Kamera und entsprechender Regie und mit Spätgialloflair und vielen unbekleideten Oberkörpern.
TIPP.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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