Picknick am Valentinstag - Peter Weir (1975)

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Re: Picknick am Valentinstag - Peter Weir (1975)

Beitragvon Die Kroete » 19. Jun 2015, 10:51

Für sehr bescheidene Konsumenten, die sich mit beinahe allem zufrieden geben, ist das wahrlich eines der ganz großen Filmmomente!
:thup:
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Re: Picknick am Valentinstag - Peter Weir (1975)

Beitragvon supervillain » 19. Jun 2015, 11:33

Deinen Gipfel der absoluten Erkenntnis werde ich wohl nicht mehr erklimmen können, somit muss ich mich, beim nächsten Sehen, erneut von dem Film verzaubern lassen. Schweres Los!
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Re: Picknick am Valentinstag - Peter Weir (1975)

Beitragvon buxtebrawler » 21. Okt 2019, 12:38

„Wir unternehmen eine Vergnügungsfahrt, um uns auf Gnade und Ungnade giftigen Schlangen und Ameisen auszusetzen. Wie viel Torheit steckt doch in den Menschen…“

Der renommierte australische Filmemacher Peter Weir drehte nach „Die Killerautos von Paris“ seinen international be- und geachteten, in Genrefan-Kreisen mutmaßlich populärsten Spielfilm: Das Mystery-Drama „Picknick am Valentinstag“ basiert auf dem vermeintlich authentischen Roman der Schriftstellerin Joan Lindsay und kam 1975 in die Lichtspielhäuser, um sein Publikum nachhaltig zu beschäftigen.

„Wir werden nicht allzu lange wegbleiben!“

Im Jahre 1900 brechen am sonnigen Valentinstag die Schülerinnen des von der verwitweten Mrs. Appleyard (Rachel Roberts, „Mord im Orientexpress“) mit harter Hand geführten Mädcheninternats Appleyard College zusammen mit ihren Lehrerinnen Miss McCraw (Vivian Gray, „Libido“) und Mlle. de Poitiers (Helen Morse, „Stone“) zu einem Picknick am Felsmassiv Hanging Rocks auf. Dort hält sich auch der jugendliche Engländer Michael Fitzhubert (Dominic Guard, „Der Mittler“) zusammen mit Butler Albert (John Jarratt, „Montclare – Erbe des Grauens“) auf und beobachtet, wie die vier Mädchen Miranda (Anna-Louise Lambert, „Class of ‘74“), Marion (Jane Vallis), Irma (Karen Robson, „Paris“) und Edith (Christine Schuler) sich absetzen und auf einer Anhöhe zum Sonnen begeben. Dort fallen sie jedoch in Ohnmacht. Als sie wieder erwachen und sich Miranda, Marion und Irma plötzlich wie in Trance hinter einen Felsvorsprung begeben, versucht Edith noch erfolglos, ihre Mitschülerinnen zu rufen, bevor sie zurück zu den anderen läuft. Zusammen mit Miss McCraw bleiben die drei Mädchen auf unerklärliche Weise spurlos verschwunden. Sämtliche polizeilichen und privaten Suchaktionen laufen ins Leere. Michael beginnt, auf eigene Faust zu forschen, wird dabei verletzt, scheint jedoch einem der Mädchen begegnet zu sein. Tatsächlich findet Albert die bewusstlose Irma, wie Michael hat sie eine Wunde auf der Stirn davongetragen. Irma kann sich zur Enttäuschung ihrer Mitschülerinnen an nichts erinnern, ihre Freundinnen und Miss McCraw bleiben verschwunden. Presse und Gesellschaft sind jedoch aufgescheucht und nehmen das Internat ins Visier…

„Irgendwann wird das Rätsel gelöst werden!“

Was wie ein herrlicher Sommertag beginnt, den kaum etwas trüben kann und den Internatsschülerinnen die Möglichkeit bietet, ein kleines bisschen Freiheit zu genießen, nimmt also einen katastrophalen Verlauf. Unheilsboten mögen die stehengebliebenen Uhren oder auch eine seltsame Wolke gewesen sein, es bleibt jedoch nebulös. Monolithisch thront der rätselhafte Fels und zeigt keinerlei Bereitschaft, seine Geheimnisse preiszugeben. Ihm schließt sich Weir an, der den Moment des Verschwindens gruselig inszenierte, ansonsten aber die Erwartungshaltung, nach und nach aufzudecken, was genau geschehen ist, unerfüllt lässt. Stattdessen wirft er seinem Publikum immer mal wieder einige Köder, Spuren, Ansatzpunkte hin, um zum fröhlichen Miträtseln zu animieren und daraus eine ungemeine Spannung zu beziehen, sie jedoch auch alle im Sande verlaufen zu lassen. Nach seiner Übernachtung an den Hanging Rocks muss Michael paralysiert weggebracht werden. Gänsehaut verursachend drückt er Albert einen Stofffetzen von einem der Mädchen in die Hand, woraufhin Irma gefunden wird – ohne Licht ins Dunkel bringen zu können. Hat Mrs. Appleyard etwas damit zu tun? Oder ihre verhasste Schülerin Sara (Margaret Nelson, „Fandango“), die eine besondere Bindung zu Miranda zu haben scheint? Weshalb blieben die Uhren stehen? Gibt eine Art starken Felsmagnetismus, übernatürliche oder außerirdische Phänomene oder spielt gar ein Vergewaltiger oder Mörder eine Rolle?

Man wird es nicht erfahren. Eine Texttafel berichtet zu Beginn nüchtern von den angeblich realen Ereignissen und entlässt in eine der wenigen Schauergeschichten, die bei strahlendem Sonnenschein spielen. Weir fängt wunderschöne Bilder von Flora, Fauna und Ambiente ein, inszeniert jedoch zugleich die Natur als stillen, geheimnisvollen, überlegenen Feind. Damit erinnert der Film ein wenig an die drei Jahre später veröffentlichte, ebenfalls australische Produktion „Long Weekend“, was mutmaßen lässt, dass es sich dabei um etwas typisch Australisches, möglicherweise aufgrund der extremen äußeren Bedingungen, handelt. Weirs Erzählstil ist betörend ruhig, hypnotisch und melancholisch. Interessant ist, wie Weir der Versuchung widersteht, eine erotische Komponente einzubringen, obwohl eine sexuelle Anspannung permanent wahrnehmbar ist. Diese kann dann auch als Schlüssel für eine oder mehrere metaphorische Lesarten dienen, für Interpretationen von sexueller Unterdrückung, daraus resultierenden Befreiungsversuchen, Jungfräulichkeit versus körperliches Erwachen, den Konflikt zwischen natürlich und menschgemachten Machtstrukturen oder den Kontrast zwischen rückwärtsgewandter Moral und aufblühendem Leben.

Ganz gleich, ob man dem Phänomen der verschwundenen (und zum Teil wiederaufgetauchten) Mädchen mit detektivischem Spürsinn oder interpretatorischen Abstrahierungen beizukommen versucht, „Picknick am Valentinstag“ wirkt aufgrund seines offenen Endes lange nach. Wie das Rätsel ums Bermuda-Dreieck bleibt auch das der Hanging Rocks ungelöst, fasziniert jedoch mit seiner unheimlichen, aber ungreifbaren Bedrohung, verstärkt durch die hochgradig atmosphärische musikalische Untermalung Bruce Smeatons mit ihren dramatischen Synthesizer- und Streicherklängen, ihren Klaviertönen und nicht zuletzt Gheorghe Zamfirs Panflötenspiel. Weirs Film ist einlullend, benebelnd und traumwandlerisch sowie hirnzermarternd und zu eigenen Überlegungen provozierend zugleich, fordert jedoch die Bereitschaft ein, sich ganz auf ihn einzulassen und – gerade heutzutage – mit konventionellen Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen zu brechen. Wer nun also den Korb packt und zum Picknick im lauschigen Hinterland aufbricht, kann sich ja eine posthum veröffentlichte Romanausgabe mitnehmen, in der das ursprüngliche Ende, seinerzeit für das Buch gestrichen, wieder angefügt wurde. Man kann es aber auch sein lassen und sich stattdessen, wie es so viele Fans des Films taten, seine eigenen Erklärungen herleiten – oder einfach ein ungelöstes, irrationales Rätsel akzeptieren.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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