Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Moderator: jogiwan

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon FarfallaInsanguinata » 4. Aug 2019, 00:04

@bux

Ich bin ja leider auch reichlich inkonsequent, was meine eigene Maßgabe angeht. Aber es ist doch hübsch zumindest so zu tun. :)
"Keine Zukunft war gestern" wurde mir geschenkt (ich schwör!), weil da ein gemeinsamer Bekannter von dem Freund und mir interviewt wird. "Yesterday's Kids" habe ich tatsächlich gekauft aus ähnlichen Gründen, sehr viele Leute, die ich persönlich kenne. Außerdem fand ich den hohen Skinhead-Faktor bzw. diesen Anspruch "Skins gehören dazu" sehr erfreulich, was mir schon bei der Planung im Moloko + positiv auffiel. Selbst in diesem Buch reproduziert hätte ich mich aber trotzdem nicht. Ja, und die Fotobände von Gavin Watson und Derek Ridgers mit britischen Skins aus den frühen 80ern habe ich mir auch wirklich selbst gekauft, einfach weil die Bilder geil sind.
Und so gibt es halt gute Entschuldigungen, ab und zu die eigenen harschen Kriterien zu vernachlässigen und dann eben doch wieder anzuwenden. Zumindest bleibt bei mir aber das Gefühl, dass ich auf Bücher über meine Jugend nicht wirklich Bock habe und mich dafür auch nicht zur Verfügung stellen würde, weder mit Fotos noch schriftlichen Aussagen.
Abschließend ... falls dir mal das Buch "Punk New Wave - Der große Schwindel" von 1981/82 antiquarisch unterkommt, lohnt sich. Das habe ich wirklich damals gekauft, weil es eben genau dem Titel entsprechend den Zwiespalt zwischen Rebellion, Aufbruch und kommerziellem Ausverkauf sehr plastisch darstellt, etwa 6-9 Monate bevor der NDW-Overkill Gestalt annahm.Bild

P.S. Wer die Verhätschelung als Spießers neuer Liebling (ex-"Punk") satt hat, sollte einfach mal in einem Nebensatz den Begriff "Skinhead" einflechten. Die Reaktionen reichen von peinlicher Sprachlosigkeit bis zu ungläubigem "DU warst mal NAZI, hätte ich ja NIE gedacht." Immer wieder ein Erlebnis! :twisted:
Und wenn ich an die damaligen Anti-Punk-Sprüche der Spießer ala "Arbeitslager", "vergasen" etc. denke, krieg ich nur das Kotzen ob der heutigen Verlogenheit und ob der heutigen angeblichen Ex-Punks, die das Spiel mitspielen.
***Hail to Mexican Beer***

jogiwan hat geschrieben:Eigentlich ist das ziemlicher Mist, was du da schreibst, um es mal dezent auszudrücken.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 8. Aug 2019, 18:38

@Farfalla: Danke für die Tipps, evtl. knöpfe ich mir beizeiten tatsächlich noch mal weitere Literatur zum Thema vor. "Yesterday's Kids"-Macher Tim Hackemack hat im Altonaer Monkeys auch mal 'ne Punkkutten-Ausstellung durchgeführt und war vor Ort, um über sein Projekt zu erzählen. Kam sympathisch rüber.

@Topic:

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Friedrich W. Stöcker – Das Jahr mit den Igeln

Stachelig, oft voller Flöhe, aber trotzdem total niedlich – das ist nicht etwa eine Beschreibung des Verfassers dieser Zeilen, sondern der Hauptattraktion dieses rund 30-seitigen Büchleins aus dem Leipziger Rudolf Arnold Verlag, das 1975 erschien und sich an Kinder ab sieben Jahren richtet: des Igels.

Zwischen großflächigen, von Karl Quarch angefertigten Naturfotos wird die Geschichte der Geschwister Bärbel und Jochen erzählt, die häufig ihren Großvater in seinem großen Garten besuchen und Freude an der Natur haben. Eines Tages entdecken sie dort die Spuren kleiner Tiere, die sich später als Igelspuren herausstellen. Über einen längeren Zeitraum beobachten die Kinder zusammen mit ihrem Opa die possierlichen Gesellen und lernen dabei eine ganze Menge über sie – und somit auch die Leserinnen und Leser dieses Buchs, denn mal ganz direkt, mal eher beiläufig werden immer wieder Informationen eingestreut, die auch dem jungen Publikum begreiflich machen, was Igel wann und warum zu tun pflegen und wie wir Menschen dazu beitragen können, dass es ihnen gutgeht. Stöckers Text ist bestens zum Vorlesen geeignet und Quarchs Bilder von Flora, Fauna und natürlich insbesondere Igeln bieten eine perfekte Illustration. Zudem ist „Das Jahr mit den Igeln“ im Subtext ein Plädoyer für naturbelassene Gärten, in denen es so viel mehr zu entdecken gibt als in sterilen monokulturellen Rasenflächen.

Wer Freude an kindgerechter Wissens- und Tierliebevermittlung oder generell eine Schwäche für die Stacheltiere hat, die in Buxtehude einst sogar Wettrennen gegen Hasen gewannen, greift also wie ich zu, wenn ein Exemplar dieses zwischen zwei feste Deckel gebundenen Buchs bei Entrümpelungen, auf dem Flohmarkt oder in einer Tauschkiste auftaucht.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon sid.vicious » 9. Aug 2019, 12:26

Sehr guter und intensiver Schreibstil, der den Leser die Situationen authetisch miterleben und mitleiden lässt, sodass er (der Leser) zwischen Faszination und Ekel chargiert und schlussendlich hilflos und betroffen allein gelassen wird. Das Buch offeriert einen hohen Suchtfaktor, da man es nicht beiseitelegen kann und fortwährend weiter lesen muss.

Wer es noch nicht gelesen hat - unbedingt nachholen!

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Adalmar » 9. Aug 2019, 12:33

sid.vicious hat geschrieben:Das Buch offeriert einen hohen Suchtfaktor


Das mag wohl stimmen.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 23. Sep 2019, 22:49

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Charles M. Schulz - Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 1: 1950 – 1952

„Ich möchte wirklich niemandem zu nahe treten und ich glaube auch nicht, dass das nötig ist. Ich glaube, man kann lustig und gleichzeitig unschuldig sein, und trotzdem muss es nicht zwangsweise zuckersüß oder dumm sein.“ – Charles M. Schulz

Ich war seit jeher von den Peanuts und der mit ihnen allem Humor zum Trotz einhergehenden, eigenartigen Melancholie fasziniert. Der US-amerikanische Zeichner Charles M. Schulz erfand sie einst und brachte sie erstmals 1950 als schwarzweißen Comic-Strip in Tageszeitungen unter. Der Hamburger Carlsen-Verlag begann im November 2006 mit der Mammutaufgabe, eine alle Strips umfassende, streng chronologisch sortierte Werkausgabe zu veröffentlichen, die bis zum März 2019 auf 26 Bände angewachsen ist. Der rund 350 Seiten starke erste Hardcover-Band im Querformat (21,5 x 17,0 cm) mit Schutzumschlag umfasst die ersten drei Jahre der Peanuts von 1950 bis 1952 und präsentiert pro Seite drei der meist aus vier Panels bestehenden Strips sowie die später hinzugekommenen Sonntagsseiten, die jeweils eine ganze Buchseite einnehmen. Die Einführung des Humoristen und Dichters Robert Gernhardt umfasst vier Seiten; im Anschluss an die Comics folgen der 14-seitige Essay des Schulz-Biographen David Michaelis „Charles M. Schulz: Sein Leben und Werk“ sowie ein ausführliches, ursprünglich 1987 im Comic-Fachblatt „NEMO: The Classic Comics Library“ veröffentlichtes Interviews Rick Marschalls und Gary Groth’ mit Schulz, das sich über satte 34 Seiten erstreckt, bevor ein Index das auf hochwertigem Kartonpapier gedruckte Buch abrundet.

Das Besondere an den Peanuts ist in erster Linie, dass sie anhand einer (nach und nach wachsenden) Gruppe Kinder nicht nur die Kinder-, sondern auch die Erwachsenenwelt karikiert, ohne jemals Erwachsene zu zeigen. Die Zielgruppe waren schließlich auch Erwachsene, für Kinder waren sie nie gedacht. Daraus ist ein Konzept entstanden, das aus Kindern sehr individuelle, für einen Comic ungewöhnlich starke Charaktere macht, deren Eigenheiten im Vordergrund stehen – allen voran natürlich der anfänglich noch nicht einmal eingeschulte, aber bereits so oft melancholische, sorgenvoll trübsinnige Charlie Brown, der von Minderwertigkeitsgefühlen und einem permanenten Gefühl der Verunsicherung geplagt wird. Bereits im ersten Strip wird er namentlich genannt, im 29. Strip legt man ihm in die Sprechblase, vier Jahre alt zu sein. Erst nach und nach erfährt man die Namen der anderen Kinder: Patty (nicht zu verwechseln mit Peppermint Patty), die zwischen Charlie und einem anderen, anfänglich namenlosen, im Dezember 1950 Shermy getauften Jungen hin und her gerissen ist. Im Februar 1951 gesellt sich mit dem Mädchen Violet ein weiteres Kind hinzu, diesem macht Charlie Avancen. Charlie kann aber auch sehr frech sein, insbesondere wenn er auf Pattys Annäherungsversuche hin sich einen Spaß daraus macht, die passionierte Sandkuchenbäckerin zu verärgern. Snoopy läuft noch auf allen Vieren und muss ohne seinen gefiederten Freund Woodstock auskommen, zudem scheint er in der Größe noch zu variieren. Im September 1951 ist erstmals seine Hundehütte zu sehen. Es irritiert, dass man ihm ständig Süßigkeiten zu futtern gibt und es dauert bis zum Mai 1952, bis er seine erste Denkblase mit ausformulierten Sätzen bekommt.

Die Evolution der Figuren nachzuvollziehen, ist ein Riesenspaß, zumal sie hier noch altern: Als das spätere Klavier-Ass Schroeder im Mai 1951 eingeführt wird, ist er noch ein Baby, sein geliebtes Musikinstrument bekommt er erst im September. Lucy stößt im März 1952 dazu und ist noch ein Kleinkind mit großen Kulleraugen. Seit dem Herbst 1951 besucht Charlie Brown die Schule. Im Juni 1952 hat Schroeder bereits seinen eigenen Plattenspieler und spricht, auch Lucy ist nun kein Kleinkind mehr. Ein interessanter stilistischer Ausreißer ist im Herbst 1952 zu beobachten, als Schroeder sich bewusst zu sein scheint, eine Figur in einem Comicstrip zu sein. Im Juli 1952 erwähnt Lucy erstmals, einen kleinen Bruder zu haben, doch es dauert bis zum September 1952, bis er auch zu sehen ist und schließlich namentlich genannt wird: Die Rede ist natürlich von Linus. Im Januar 1952 kamen die Sonntagsseiten hinzu, die Schulz einmal pro Woche mehr Platz einräumten. Bereits im Laufe dieser allerersten Jahre wurden die Strips immer detailreicher, insbesondere ihre Hintergründe. Auf einer Sonntagsseite im Oktober 1952 kommt Snoopy seinem späteren Charakter bereits sehr nahe; der Running Gag um Lucy, Charlie und den Football wird auf einer Sonntagsseite aus dem November 1952 etabliert. Ansonsten wird viel Baseball, aber auch überraschend häufig Golf gespielt. Leider ist Shermy im Laufe der Zeit sang- und klanglos so gut wie verschwunden.

Der einfache Strich Schulz’ verfügte bereits von Beginn an über seinen Charme und die Gags sind überraschend gut gealtert. So sehr Schulz sich darüber ärgerte, dass seine Auftraggeber von der Zeitung den Namen „Peanuts“ durchgesetzt hatten, so erfolgreich wurde er mit ihnen: Schulz gilt als erfolgreichster einzelner Comickünstler überhaupt. Tatsächlich hat er bis zuletzt so gut wie allein gearbeitet und damit – dem Namen zum Trotz – stets seine eigene Vision durchgesetzt. Der ausführliche Anhang dieses Buchs verdeutlicht, wie sehr Charlie Brown das Alter Ego Schulz’ war. Schulz war offenbar ein sehr bescheidener Mann, der einen wachen Blick auf die Welt und das gesellschaftliche Zusammenleben hatte. Sein Charakterzug, nicht selbstsicher laut loszupoltern, sondern stets skeptisch und zweifelnd zu bleiben und, an das Gute im Menschen glaubend, niemandem wehtun zu wollen, hatte starken Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung seiner Strips und dürfte entscheidend zu seinem speziellen Stil beigetragen haben. David Michaelis grast prägende biografische Stationen des Zeichners ab, was hilft, dessen Lebenseinstellung nachzuvollziehen.

Menschliche Gefühle, Verhaltensweisen und Macken abstrakt humoristisch und nachdenklich zugleich anhand einer Gruppe Kinder (und eines Hunds) darzustellen und zu abstrahieren, war Schulz’ große Kunst. Diese dank dieser Werkausgabe von Beginn nachverfolgen zu können, ist spannende comicarchäologische Aufarbeitung und großes Vergnügen zugleich. Die Bände 2 und 3 liegen schon bereit!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon sid.vicious » 23. Sep 2019, 23:29

Um den Inhalt der Westernfilme besser nachvollziehen zu können, ist es ratsam sich dieses Buch zu organisieren. Die Geschichte des Wilden Westen ist lang und irgendwie wurde ja auch fast alles verfilmt, inwiefern sich der Inhalt an die Fakten hält... dieses Bucht steht hilfreich zur Seite. Klasse!

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Canisius » 27. Sep 2019, 17:38

sid.vicious hat geschrieben:Um den Inhalt der Westernfilme besser nachvollziehen zu können, ist es ratsam sich dieses Buch zu organisieren. Die Geschichte des Wilden Westen ist lang und irgendwie wurde ja auch fast alles verfilmt, inwiefern sich der Inhalt an die Fakten hält... dieses Bucht steht hilfreich zur Seite. Klasse!

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Ist so gut wie organisiert. Danke für den Tipp!
„Seine Stiefel aus frischem Krokodilleder knarrten. Er trug eine Jacke aus gegerbter Elefantenhaut und im offenen Hemd eine Kette aus Leopardenkrallen und Affenzähnen.
Mit dem Outfit, dachte Meuchköt, käme er durch keine europäische Flughafenkontrolle.“
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 8. Okt 2019, 00:23

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U-Comix präsentiert #50: Max – Peter Pank, der Werwolf-Punk

Der spanische Comiczeichner Max alias Francesc Capdevila hat anscheinend ab 1983 insgesamt drei „Peter Pank“-Comics veröffentlicht, von denen es leider nur einer zu einer deutschen Übersetzung brachte: Die Peter-Pan-Parodie„Peter Pank, der Werwolf-Punk“ scheint aus dem Jahre 1987 zu stammen und wurde 1991 im Alpha-Comic-Verlag als Nummer 50 der sich an ein erwachsenes Publikum richtenden „U-Comix präsentiert“-Reihe u.a. in der mir vorliegenden großformatigen, 50-seitigen, vollkolorierten Softcover-Variante veröffentlicht.

Ein durchgeknallter, machthungriger Grufti reanimiert den eigentlichen toten Punkrocker Peter Pank, macht ihn aber mittels Gehirnwäsche zu einem willenlosen Sklaven mit dem Auftrag, Graf Dracula zu töten. Auf dieser Mission trifft Peter auf eine Gruppe Skinheads, die sich ihm zumindest zum Teil anschließt, und auf oben ohne herumflatternde bestrapste Elfen, deren Mutter sich prostituiert und die wiederum die rebellierende Punk-Elfe Karin kennenlernen. Ein paar Teds sind auch noch involviert und runden den subkulturellen Reigen ab. Der im Funny-Stil gezeichnete Comic setzt darüber hinaus vor allem auf Humor durch Überzeichnung, Spiel mit Klischees und Verwechslungen, versteht es aber auch, seine Geschichte in drei parallelen, erst gegen Ende zusammengeführten Handlungssträngen zu erzählen und dadurch interessant zu halten. Versetzt mit Fantasy- und Horrorelementen und abwechslungsreich mit variierenden Panelgrößen gestaltet, ist „Peter Pank, der Werwolf-Punk“ ein anarchischer, kurzweiliger Spaß, der auch ohne Kenntnisse der (hier sehr frei interpretierten und adaptierten, eher weitererzählten denn direkt parodierten) Peter-Pan-Geschichte problemlos funktioniert. Für comiclesende Punks ein Pflichtalbum, für Freunde spaßiger, letztlich aber eher harmloser Underground-Comics ebenfalls etwas für die Beuteliste – wenn nicht die gesamte „U-Comix präsentiert“-Reihe ohnehin längst im Regal steht.

Von Max ebenfalls dort erschienen ist das Album „Der geheime Kuss“, das verschiedene Kurzgeschichten enthält und ich sicherlich mitnehmen werde, wenn es mir mal in die Hände fällt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 14. Okt 2019, 00:13

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Patrick Cadot / Michel de Bom – Die phantastischen Abenteuer von Yvain und Yvon:
Band 1 - Die Spur des Baphoment / Band 2 – König der Wölfe

In den alten Yps-Comicheften wurden neben in sich abgeschlossenen Episoden verschiedener Comicreihen i.d.R. auch Fortsetzungsgeschichten veröffentlicht. So gerne ich Yps damals als Kind gelesen habe, so wenig war daran zu denken, dass ich lückenlos die Hefte erwerbe bzw. erworben bekomme. Das führte dazu, dass ich Yps sehr unchronologisch las und daher die Fortsetzungsgeschichten zwar stets zur Kenntnis nahm, aber lediglich überblätterte. Eine, die mich mit ihren Zeichnungen am meisten faszinierte, war „Isegrims Abenteuer“ um einen Wolf mit leuchtend roten Augen, die ihre deutsche Erstveröffentlichung 1987 in Yps Nr. 592 fand und bis 1989 in Nr. 716 abgedruckt wurde. Es handelte sich um die Reihe „Yvain et Yvon“ der Belgier Patrick Cadot und Michel de Bom, die im Original 1985 erschienen war.

Der deutsche Feest-Verlag veröffentlichte 1988 und 1989 unter dem neuen Titel „Die phantastischen Abenteuer von Yvain und Yvon“ zwei jeweils rund 50-seitige Softcover-Alben in neuer Übersetzung von Petra Butterfaß, die ich anlässlich meiner Wolfs-Tätowierung antiquarisch erwarb. Yvain und Yvon sind Zwillingsbrüder im Kindesalter, von denen sich Yvon in den rotäugigen, sprechenden Wolf Ysengrin verwandeln kann. Dies halten die beiden vor fast allen anderen geheim und durchstehen gemeinsam aufregende, gefährliche Abenteuer.

Im Band „Die Spur des Baphomet“ befinden sie sich in den Ferien in Südfrankreich, wo sie mit der Sagengestalt des Baphomets konfrontiert werden und aufgrund ihrer Neugier, ihres Spürsinns und natürlich Yvons besonderer Fähigkeiten einem habgierigen Komplott um einen uralten Schatz der Templer auf die Spur kommen. In klar strukturierten, in den Größen variierenden vollfarbigen Panels wird in typischen frankobelgischen Zeichnungen eine spannend konzipierte Detektivgeschichte mit Fantasy-Elementen erzählt, die die Mythologie um den Baphomet und die Templer aufgreift und sehr frei adaptiert. Gepaart mit etwas Humor und skurrilen Erwachsenenfiguren wurde ein Comic zu Papier gebracht, der von seiner geheimnisvollen Stimmung und den sympathischen Protagonistin lebt, die ihr großes Geheimnis hüten und außerhalb der familiären Obhut über sich hinauswachsen. Damit ist er bestens für etwas größere Kinder geeignet sowie natürlich für alle Freunde des unverkennbaren frankobelgischen Zeichenstils. Abgerundet wird dieser erste Band durch eine Kurzvorstellung Cadots und de Boms.

Im zweiten Band „König der Wölfe“ geht es ins elsässische Tritenheim – und wesentlich härter zur Sache als in der vorausgegangenen Geschichte. Ysengrin vernimmt dank seiner Wolfsinstinkte eine innere Stimme, die ihn zum Treffen der Oberhäupter aller Wolfsclans lockt. Der Grund: Der neue König der Wölfe soll gewählt werden. Doch Tetramund, der noch amtierende Wolfskönig, wird von Baron von Wallenstein gefangen und dessen dekadenten Gästen vorgeführt..

„König der Wölfe“ entspinnt eine ganz neue, düstere Mythologie um die Gattung der Wölfe und klagt den Umgang der Menschen mit ihnen an. Tetramunds Gefangennahme und anschließende Befreiung ist dabei erst der Auftakt zu einer blutigen Eskalation mit Toten auf beiden Seiten, bei der die Wut der Zeichner auf trophäenjagende Adlige und ihre speichelleckende Gefolgschaft mehr als nur durchschimmert. Das ist konsequent, trotz einigen Humors auch traurig und bitter und somit sicherlich nichts für ganz junge Leserinnen und Leser. Für Freunde frankobelgischer Comics mit einem gewissen inhaltlichen Anspruch jedoch handelt es sich um eine lohnenswerte, berührende Entdeckung, die angesichts der Hysterie schießwütiger feiger Exemplare der Gattung Mensch aufgrund der Rückkehr des Wolfs in hiesige Gefilde aktueller denn je ist. Ich jedenfalls bin begeistert!

Schade, dass es mit dem bereits angekündigten dritten Band in Deutschland nichts mehr wurde...
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 6. Nov 2019, 10:05

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Frank Schäfer – Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I

Der Braunschweiger Frank Schäfer dürfte einer der umtriebigsten popkulturellen Autoren sein, die Deutschland zurzeit zu bieten hat. Auf „Generation Rock“ folgten „Homestories. Zehn Visiten bei Schriftstellern“ und „Woodstock ’69. Die Legende.“, die ich beide nicht gelesen habe. Bei „Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I“ jedoch, dem Auftakt zu einer neuen losen Reihe von Rezensions- und Essaysammlungen, musste ich jedoch wieder zugreifen, vereint er doch einmal mehr jüngere Texte aus Zeitschriften wie dem „Rolling Stone“ und der „Sounds“, Tageszeitungen wie der „Neuen Zürcher Zeitung“, der „jungen Welt“ und der „taz“ sowie den Online-Angeboten des „Spiegels“ und der „Zeit“. Erschienen ist dieser rund 180 Seiten umfassende Band im broschierten Taschenbuchformat 2010 im Münsteraner Oktober-Verlag.

24 Kapitel lang setzt sich der Doktor der Philosophie und ehemalige Heavy-Metal-Musiker nicht etwa nur mit Rock’n’Roll, sondern mit weit mehr, was ihn irgendwie beschäftigt hat, auseinander. Auf ausführliche, sich in gewohnter Weise von den üblichen Kurzkritiken in Musikmagazinen abgrenzenden Schallplattenrezensionen treffen somit Beobachtungen der Neo-Hippie-Veranstaltung Burg-Herzberg-Festival und persönliche Einblicke in seine private musikalische Sozialisation, die in eine wunderschöne Thin-Lizzy-Ehrerbietung münden, spricht bzw. schreibt er mir aus der Seele, wenn er seine „Schwierigkeiten beim Hören schwarzer Musik“ darlegt (nicht, dass ich es nicht noch mal probieren würde!) oder den sozialen Aspekt von Gesellschaftspiele-Abenden anzweifelt, gibt er The Human League eine Mitschuld am Tode Lester Bangs, setzt er sich mit seinen eigenen Steckenpferden, den Rockromanen und Musikkritiken, kritisch auseinander und unterhält er sich mit Kulturtheoretiker und Schriftsteller Klaus Theweleit über Jimi Hendrix. Schäfer hat auch gelesen, was Greil Marcus über Bob Dylan geschrieben hat, verfasste einen Nachruf auf Popkritiker Helmut Salzinger und den legendären britischen Radio-DJ John Peel und besuchte – einer meiner Favoriten dieser Sammlung – die Comiczeichner Mawil und Kleist in Berlin.

Am tiefsten beeindruckt hat mich Schäfer diesmal jedoch mit seiner klugen Erklärung der Peter-Pan-Obsessionen Michael Jacksons, die er zum Aufhänger nimmt, durchaus auf andere Personalien übertragbare Rückschlüsse auf eine versäumte Kindheit zu ziehen. Und damit nicht genug: Wie er in „Nur eine Nacht“ das Wiedersehen eines ehemaligen Liebespaars auf einem Thin-Lizzy-Reunion-Konzert detailliert nacherzählt, vereint, was Schäfer so häufig ausmacht: Sein sensibles Gespür für Musik und für menschliche Biographien sowie sein von Melancholie geprägter Blick in die Seelen seiner Protagonistinnen und Protagonisten vor dem Hintergrund unerbittlich verrinnender Zeit, was positiv an seine Rockromane erinnert, die es sich in meinem Regal zwischen Salinger und Schamoni längst gemütlich gemacht haben.

Sicher, sein Bericht vom Wacken Open Air 2007 liest sich reichlich verklärend – vielleicht handelte es sich aber auch tatsächlich um das letzte W:O:A dieser Art, bevor man dort für Geld bereit wurde, so gut wie alles zu tun. Das Schöne an allen Essays Schäfers ist es jedoch, dass sie quasi nie theoretisch sind; ganz so also, wie es wirkliches Essays voraussetzen: Sie scheinen auf persönlichen Erlebnissen und Begegnungen oder eben der eigenen offenen und ernsthaft interessierten Herangehensweise an seine unterschiedlichen Themen zu beruhen. Daraus resultiert, dass man sich gar nicht selbst für all diese zu interessieren braucht; es reicht vollkommen, sich für Schäfers erzählerischen Schreibstil zu erwärmen. Dieser ist glücklicherweise meist vor allem in Bezug auf eine angenehme und gut rezipierbare Sprachästhetik anspruchsvoll, aber auch erneut mitunter durchaus herausfordernd – zumindest habe ich für mich neue Wörter wie „konzis“ (offenbar sein damals neues Lieblingswort, das er etwas über Gebühr strapaziert), „inkommensurabel“, „kregel“, „Inauguratoren“ und „Epiphanie“ gelernt.
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