Unter glatter Haut - Pietro Germi (1959)

Bava, Argento, Martino & Co. Schwarze Handschuhe, Skalpell & Thrills

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Unter glatter Haut - Pietro Germi (1959)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 13. Aug 2019, 19:41

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Originaltitel: Un maledetto imbroglio

Produktionsland: Italien 1959

Regie: Pietro Germi

Darsteller: Pietro Germi, Claudia Cardinale, Franco Fabrizi, Cristina Gaioni, Claudio Gora, Eleonora Rossi Drago

Im Programmheft des diesjährigen Terza Visione finden sich drei interessante Ankündigen. Vom 5. bis zum 8. September 2019 wird im Österreichischen Filmmuseum in Wien ein erweitertes „Giallo-Wochenende“ abgehalten; einen Monat später, nämlich vom 18. bis zum 20. wiederum steht das Nürnberger KommKino unter dem Aspiranten des „italienischen Horror-Films“. Quasi eingekeilt dazwischen findet außerdem übrigens am 20. und 21. September in Hamburg das öffentliche Forentreffen irgendeiner sich dem italienischen Genre-Kino verschriebenen Internet-Nerd-Community statt…

Keiner der sowohl beim Wiener wie auch beim Nürnberger Festival veranschlagten Filme ist wirkliches Neuland für mich. Manche, wie Cozzis CONTAMINATION, Fulcis L’ALDILÁ, (der sich wohl hinter dem kryptischen Titel DIE SIEBEN TORE DES SCHRECKENS verbergen dürfte), Bazzonis LA DONNA DEL LAGO, und natürlich unvermeidliche Argentos wie SUSPIRIA, INFERNO oder TENEBRE, gehören für mich seitjeher zum integralen Bestandteil meines persönlichen Filmkanons. Ins Auge jedoch stechen mir drei während des „Giallo-Wochenendes“ aufgeführte Filme, die allein schon deshalb aus dem üblichen Rahmen fallen, da sie produktionstechnisch vor Mario Bavas gemeinhin als Genre-Initialzündung geltendem LA RAGAZZE CHE SAPEVA TROPPO von 1963 angesiedelt sind: Mario Camerinis programmatisch betitelten GIALLO von 1933, (den ich vor Ewigkeiten als nahezu unansehnlichen VHS-Rip gesichtet habe, und der mir vor allem als eher dem komödiantischen Fach zugehörig in Erinnerung geblieben ist), ein Werk namens CORTOCIRCUITO von Giacomo Gentilomo aus dem Jahre 1943, von dem ich tatsächlich noch nie zuvor gehört habe, (und der meiner oberflächlichen Recherche zufolge scheinbar weder in einer legalen Heimmedienfassung noch als illegales Bootleg verfügbar ist); sowie UN MALEDETTO IMBROGLIO, inszeniert 1959 von Pietro Germi, dessen in Sizilien spielende Filme der 40er wie IN NOME DELLA LEGGE durchaus als Brückenschlag zwischen John Ford und dem späteren Western genuin italienischer Prägung verstanden werden können. Hat der zu Unrecht hinter klingenderen Namen wie Rossellini oder De Sica firmierende Neorealist demnach bereits, wie das Programm des Wiener Filmmuseums andeutet, ebenfalls die Blaupause für die Giallo-Thriller der 60er gelegt? Die Antwort auf diese Frage dauert solange bis die italienische DVD braucht, um von der Bibliothek meines Vertrauens als Fernleihe bei mir hereinzuschneien…

Germis in exquisitem Schwarzweiß gedrehter Film beginnt mit einem Einbruch. Opfer ist der alleinstehende, über beträchtliche Reichtümer verfügende Anzaloni, der den maskierten Räuber zwar auf frischer Tat ertappt, jedoch nicht dingfest hat machen können. Schnell fällt der Verdacht des ermittelnden Commissario Ingravallo auf die direkte Nachbarwohnung, die einer Signora Banducci gehört, deren Dienstmädchen Assuntina nämlich mit einem Gelegenheitskriminellen namens Diomede verlobt ist, der, scheint es zunächst, für die Tatzeit kein Alibi vorwiesen kann. Erst nach langem Verhör knickt der Knabe ein, und offenbart, dass er während des Einbruchs in den Armen seiner amerikanischen Geliebten lag, die das nach einigem Zähneknirschen dann auch bestätigt. Unterdessen wird die Leiche Signora Banduccis von ihrem Vetter Massimo mausetot in ihrer Wohnung aufgefunden. Für Ingravallo steht alsbald fest: Dass in ein und demselben Haus, und dann auch noch in zwei direkt aneinandergrenzenden Wohnungen, an ein und demselben Tag sowohl ein Raubüberfall als auch ein Mord verübt worden ist, dafür möchte er Meister Zufall nicht verantwortlich machen, und beginnt deshalb, verbissen nach einer möglichen Verbindung zwischen der Entwendung von Anzalonis Wertgegenständen und dem Tod der Signora zu forschen, aus deren Wohnung wiederum interessanterweise kein einziger Wertgegenstand stibitzt worden ist…

Natürlich ist UN MALEDETTO IMBROGLIO ein Giallo, und zwar deshalb, weil in Italien so ziemlich alles, was in die Kategorien von Thriller und Krimi fällt, mit der gelben Farbe in Verbindung gebracht wird, in die der Mondadori-Verlag seit den 30ern die Cover sämtlicher seiner spannungsgeladenen Stoffe kleidete, seien es nun groschenromaneske Räuberpistolen italienischer Autoren oder aber italienische Übersetzungen von Agatha-Christie-Bestsellern. Fasst man den Giallo-Begriff jedoch enger bzw. reduziert man ihn auf jene Trademarks, mit denen das Genre in den 70ern die internationale Bühne eroberte, (und die wohl niemand derart fulminant ihrer Apotheose zugeführt hat wie Dario Argento) – schwarzbehandschuhte Mörderbubenhände; dekadente High-Society-Snobs mit mehr als einer Leiche im Keller; an den Haaren herbeigezogene Plot-Volten; symbolträchtige Gegenstände, mit denen die jeweiligen Killer letztlich überführt werden; virtuos inszenierte Mordszenen an der Schwelle zwischen barockem Prunk und ästhetisierter Gewalt –, dann bietet UN MALEDETTO IMBROGILIO nicht viel mehr als ein paar hauchdünne Motive, die die Anschlussfähigkeit zur späteren Genre-Hochphase beweisen. Blut spritzt angesichts des Produktionsjahrs sowieso keines, und von Sex kann ebenso wenig die Rede sein – (auch wenn die junge Claudia Cardinale in einer ihrer ersten Filmrollen als Dienstmädchen Assuntina dem zeitgenössischen Publikum bereits mehr als genug erotische Energie offeriert haben dürfte.) Dicht klebt das Drehbuch an den Fersen des von Regisseur Germi höchstselbst höchstwunderbar verkörperten Commissario, einem Raubein, unter dessen harter Schale nur selten einmal ein weicher Kern hervorblitzt, und der, mit Leib und Seele Macho, fast schon ähnlich gelagerte Figuren der späteren Polizieschi antizipiert: Weigert ein Verdächtiger sich zu reden, hagelt es zur Zungenlockerung auch schon mal eine Handvoll Ohrfeigen. Alle diese Verdächtigen wiederum werden einzig durch die Perspektive der voranschreitenden Ermittlungen betrachtet, und taugen zur Identifikation nicht wirklich, da jeder von ihnen bis zuletzt ein potentieller Einbrecher, Mörder oder beides ist; ebenso nimmt der Film aber auch Abstand davon, irgendwelche persönliche Einblicke in die Privatleben des Kommissars und seiner Assistenten zu gewähren: Ein paar Mal telefoniert Ingravallo mit seiner Freundin, und muss sich von ihr Vorwürfe gefallen lassen, dass ihn die Arbeit zu sehr in Beschlag nehme; das war es aber auch schon mit Szenen, in denen es menschelt. Auch unterscheiden sich die Ermittlungen mit ihrem betont naturalistischen Ton, bei dem sich logisch ein Detail ans andere fügt, um am Ende ein sinniges Gesamtbild zu ergeben, deutlich von den teilweise himmelschreienden Handlungsverläufen späterer Gialli, (wenn auch die Spur, die zur Auflösung führt, dann einerseits sowohl mit einem spezifischen Objekt verknüpft ist, und andererseits recht zufällig ins Blickfeld des Kommissars gerät.) Germi ist deutlich beim Neorealismus in die Lehre gegangen, und interessiert sich deshalb weniger dafür, von nervenzerfetzender Spannungsszene zu nervenzerfetzender Spannungsszene zu eilen. Vielmehr steht ihm der Sinn danach, bei seinem mehr oder weniger den römischen Volkston treffenden Panoramaschwenk quer durch unterschiedliche gesellschaftliche Milieus wenigstens im Subtext den einen oder anderen Sozialkommentar zu platzieren.

Unterhaltsam ist UN MALEDETTO IMBROGLIO durchaus, wenn auch vorwiegend betucht erzählt, zurückhaltend selbst in seinen sensationsträchtigeren Momenten, und weit entfernt davon, wie es Mario Bava oder Argento getan haben, in den entsprechenden Szenen, (von denen es indes sowieso kaum welche gibt, denn, wie gesagt, haben wir es mit einem einzigen Mord zu tun, und einem einzigen Auftritt eines vermummten Räubers), auch nur eine Zehspitze in horrorlastige Gefilde zu tauchen. Dass der mit seiner Laufzeit von weit über hundert Minuten auch nicht allzu kompakt inszenierte Film am 07.09. übrigens in Gesellschaft von solchen mehr als nur zart am Horror-Genre partizipierenden Werken wie Bavas REAZIONA A CATENA, Michele Soavis DELIRIA und Sergio Bergonzellis NELLE PIEGHE DELLA CARNE gezeigt wird, dürfte die Differenzen dann nur noch deutlicher herausstellen.
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