Eis am Stiel - Boaz Davidson (1978)

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Eis am Stiel - Boaz Davidson (1978)

Beitragvon buxtebrawler » 30. Jul 2019, 17:15

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Originaltitel: Eskimo Limon

Herstellungsland: Israel / 1979

Regie: Boaz Davidson

Darsteller(innen): Yftach Katzur, Anat Atzmon, Jonathan Sagall, Zachi Noy, Dvora Kedar, Ophelia Shtruhl, Menashe Warshavsky, Rachel Steiner, Louis Rosenberg, Yehoshua Luff, Avi Hadash, Denise Bouzaglo u. A.

Tel Aviv, Anfang der 60ger Jahre: der schüchterne Benny (Jesse Katzur), Draufgänger Momo (Jonathan Segal) und der dicke Johnny (Zachi Noy) verbringen ihre Zeit meistens in der Eisdiele oder auf Partys. Jeder von ihnen hat die gleichen Interessen und Probleme: Frauen ! Turbulente Liebeleien nehmen ihren Lauf...


Quelle: www.ofdb.de

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Re: Eis am Stiel - Boaz Davidson (1978)

Beitragvon buxtebrawler » 30. Jul 2019, 17:17

„Du willst doch auch mal mit dem Bumsen anfangen, oder nicht?“

Als der israelische Regisseur und Drehbuchautor Boaz Davidson („Azit - Der Hund der Fallschirmjäger“) antrat, Mitte der 1970er seine eigenen Jugenderinnerungen in Form des Spielfilms „Eis am Stiel“ selbsttherapeutisch aufzuarbeiten, fand er im Produzenten-Duo der späteren „Cannon“-Betreiber Yoram Globus und Menahem Golan findige Geldgeber, die ein äußerst knappes Budget bereitstellten, aber mit dafür Sorge trugen, dass die Mischung aus Teenie-Erotikkomödie, Liebesfilm und Coming-of-Age-Drama 1978 in die Lichtspielhäuser kam und ein Riesenerfolg über die Landesgrenzen hinaus in Europa und Japan wurde. „Eis am Stiel“ war eine der ersten israelischen Produktionen, die für den internationalen Markt gedacht waren und bedeute die Emanzipation von Israelklischees und Holocaust-Last – und den Beginn einer langlebigen Softsex-Klamotten-Reihe.

Die drei miteinander befreundeten Schüler Benny (Yftach Katzur), Momo (Jonathan Sagall) und Johnny (Zachi Noy, „Wovon die Frauen träumen - Der Orgasmologe“) wachsen im Tel Aviv Ende der 1950er auf und haben vor allem das andere Geschlecht im Sinn. Sie sammeln erste sexuelle Abenteuer, bis sich der schüchterne Benny in die hübsche Nili (Anat Atzmon, „Drei unter’m Dach“) verliebt, die jedoch mit Schönling und Draufgänger Momo zusammenkommt. Als sie von ihm schwanger wird, will er nichts mehr von ihr wissen. Benny steht ihr in dieser schweren Zeit bei und begleitet sie zur Abtreibung. Er glaubt, ihr Herz erobert zu haben, doch kaum wird sie aus dem Krankenhaus entlassen, wirft sie sich wieder Momo an den Hals.

Nein, „Eis am Stiel“ ist noch kein Vergleich zum infantilen Holzhammerhumor manch Fortsetzung, zwischendurch gilt es lediglich einige Anleihen bei Sexklamotten zu überstehen. Für die erste (sehr freizügige) Nacktszene muss man warten, bis die nymphomane einsame Seemannsgattin Frau Stella (Ophelia Shtruhl, „Der Magier“) alle drei nacheinander ins Bett lockt, auf die zweite, bis das wild pubertierende Trio sich mit einer marokkanischen Prostituierten (Denise Bouzaglo) einlässt. Letztere Szene ist bereits weitestgehend humorlos, tendenziell eher bedrückend und abstoßend inszeniert. Die episodenhafte Struktur sieht darüber eine Penislängenmessung in der Umkleidekabine und Probleme mit Filzläusen vor.

Zum Ende hin entwickelt sich „Eis am Stiel“ immer mehr zum Drama, dessen Hauptrolle Benny, Alter Ego Davidsons, einnimmt. Mehr noch als die bisher genannten Sequenzen haben sich seit der Erstsichtung im Privatfernsehen seine sehnsuchtsvollen und traurigen Blicke ins Langzeitgedächtnis eingebrannt. Nilis Schwangerschaft fordert Bennys Beschützerinstinkt heraus. Von einem Moment auf den anderen entsagt er jeglichen Albereien und übernimmt Verantwortung. Nili, die sich für die Abtreibung kurioserweise komplett entkleiden muss, dankt es ihm, indem sie ihm die kalte Schulter zeigt und in der schockierenden Pointe zum für Benny mittlerweile vom Freund zum Erzfeind gewordenen Momo zurückkehrt.

Eine wirkliche Erklärung für dieses traurige Ende liefert man nicht. Wie so viele Jugendlieben hat auch diese keinen glücklichen Ausgang, zumindest Benny bleibt auf der Strecke. Damit bewegt sich „Eis am Stiel“ durchaus überzeugend zwischen den typischen Polen Pubertierender – himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – und mischt Spaß mit unschönen Erfahrungen, Enttäuschungen und Melancholie. Sämtliche Ereignisse werden aus der Perspektive der drei Freunde präsentiert, weshalb –auch das ist typisch Pubertät – das andere Geschlecht einem genauso rätselhaft bleibt wie dem ungleichen Trio.

Zu all dem spielt auf der Musikspur unablässig zeitgenössische Musik der 1950er, also vor allem viel klassischer Rock’n’Roll. Die musikalische Untermalung der „Eis am Stiel“-Filme trug zu ihrem Kultfaktor bei, die Soundtrack-LPs wurden begehrte Sammlerobjekte. Manch jungem Zuschauer eröffneten die Filme erst den Zugang zur Musik der vorausgegangenen Generation. Zum Gelingen des Films tragen neben der sich wenig um Tabus scherenden, unbekümmerten Herangehensweise des Regisseurs aber vor allem die Jungmimen bei, die damals sicherlich noch nicht ahnten, zeitlebens mit diesen Rollen in Verbindung gebracht zu werden. Noy, Sagall und Katzur verkörpern ihre jeweiligen Figurentypen nahezu perfekt und auch in den Nebenrollen fällt niemand negativ aus der Reihe. Im Zweifelsfall ging man beim Casting auf Nummer sicher und verpflichtete mit Denise Bouzaglo eine echte Prostituierte. Das sommerliche 1950er-Ambiente ist ein weiterer heimlicher Star des Films, sodass sich ein Großteil des Publikums aus denjenigen zusammengesetzt haben dürften, die zu jener Zeit im gleichen Alter wie Johnny, Momo und Benny waren. Und schaut man sich „Eis am Stiel“ heutzutage noch einmal an, wird daraus gewissermaßen ein doppeltes Retro-Vergnügen. Das alles wohlgemerkt, ohne dass auch nur einziges Mal die jüdische Volksgruppe oder der Staat Israel thematisiert worden wären – die Handlung könnte im Prinzip genauso in den USA oder woanders in der westlichen Hemisphäre spielen. Eine Übertragbarkeit, die mit zum Erfolg des Films beigetragen hat.
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Re: Eis am Stiel - Boaz Davidson (1978)

Beitragvon Adalmar » 31. Jul 2019, 02:26

Kann den treffenden Beobachtungen zustimmen, komische und ernste Elemente sind hier im Gegensatz zu den klamaukigen Nachfolgern recht ausgewogen, und wer eher letztere kennt, dürfte von dem Ende des Films überrascht sein. Schade, dass man im weiteren Verlauf der Reihe auf den Drama-Anteil verzichtet hat.
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Re: Eis am Stiel - Boaz Davidson (1978)

Beitragvon Onkel Joe » 31. Jul 2019, 10:34

Anfang des Jahres bei Sweet Movies als 35-mm-Kopie laufen gehabt. Ganz großartiger Film der sich deutlich vom Rest der Serie abhebt. Toller Film!
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