Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Moderator: jogiwan

Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon karlAbundzu » 10. Jan 2019, 15:15

Der Trum.
Eigentlich mag ich ja die Frankfurter.
Aber hier fehlte mir so ziemlich alles. Irgendwie gab es keinen richtigen Fall, keine richtigen Ermittlungen und keine Drumherumgeschichte. Das kann natürlich auch gut sein, dann muss es aber stilsicherer und/oder mit etwas grease angereichert werden, siehe Buxtes Hinweis Richtung "Der Tod...". Aber das fehlte alles, so bleiben leicht mystifizierte Bilder und die Erkenntnis der Ohnmacht gegenüber internationaler KOnzerne.
Schade.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon buxtebrawler » 10. Jan 2019, 16:18

Tatort: Der höllische Heinz

„Jetzt ist es die reichste Stadt im wilden Osten!“

Der achte Fall des komödiantischen Weimarer „Tatort“-Ermittlungsduos Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) setzt die lose Tradition der Feiertags-Specials fort, fand er sich doch auf dem prominenten Programmplatz am Neujahrstag 2019 wieder. Uraufgeführt wurde „Der höllische Heinz“, wie üblich von Murmel Clausen und Andreas Pflüger geschrieben, jedoch bereits im Dezember im Deutschen Nationaltheater Weimar. Auf dem Regiestuhl nahm Dustin Loose statt, der zuvor mit dem bisher besten Dresdner „Tatort: Déjà-vu“ innerhalb der Krimireihe debütiert hatte.

Schupo Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) trainiert für den „Ultraman“ und entdeckt beim Schwimmen in der Ilm die Leiche Wolfgang „Einsamer Wolf“ Webers, Indianerdarsteller und Betreiber der Westernstadt „El Dorado“. Dorn und Lessing nehmen die Ermittlungen auf und bringen in Erfahrung, dass Weber die Stadt, die für viele Hobbyisten ein Zuhause geworden ist, zu verkaufen plante. In „El Dorado“ gärt es schon länger: Rockerchef Nick Kircher (Martin Baden, „Der Sohn“) terrorisiert im Auftrag seiner Mutter, der skrupellosen Geschäftsfrau Ellen Kircher (Marie-Lou Sellem, „Brandmal“), mit seinen „Bones“ die in finanziellen Nöten steckende Touristenattraktion, Geschäftsführer Heinz Knapps (Peter Kurth, „Tatort: Das Haus am Ende der Straße“) findet den abgetrennten Schädel des Bullen Eddie in seinem Bett – eine Drohung nach Art der Mafia. Doch wer ist der Mörder Webers und woher rührt das Interesse der Kirchers an der Stadt? Lessing gräbt sich durch den undurchsichtigen Fall, während Dorn sich inkognito als Westernreiterin einschleust und sich Goldwäscher Odi (Hans-Uwe Bauer, „Sonnenallee“) sowie Reitshow-Chef Tom Wörtche (Christoph Letkowski, „Diaz: Don’t Clean Up This Blood“), der ein Auge auf sie wirft, vorknöpft…

Diesmal taucht man also in den Mikrokosmos einer Westernstadt ein, gedreht wurde in „Old Texas Town“ in Berlin-Spandau. Sog. Hobbyisten wie erwachsene Menschen, die Cowboy und Indianer spielen, bieten natürlich viel Anlass für schrullige und verschrobene Figuren, derer es in „Der höllische Heinz“ zahlreiche gibt. Dass diese nicht nur niedlich sind, beweist der eindrucksvoll inszenierte Prolog, in dem ein Lynchmob wütet. Clausen und Pflüger verweben diese Ausgangssituation und die einzelnen Versatzstücke zu einer Mischung aus Hommage an und Persiflage auf europäische Western, von klassischen grimmigen Italo-Western bis hin zur Western-Komödie à la Terence Hill. Für Cineastinnen und Cineasten sowie Genrekennerinnen und Genrekenner führt dies zu einigen amüsanten Wiedererkennungseffekten. Darauf scheint man sich bisweilen jedoch etwas zu sehr zu verlassen, denn der trockene, sarkastische Humor, für die die Weimarer „Tatorte“ ansonsten bekannt sind, bleibt oft auf der Strecke, der Wortwitz verliert sich eher in Klamauk.

Ein weiterer Schwachpunkt ist Martin Baden, dem man den Rocker/Biker Nick nicht so recht abnehmen mag. Zudem gab es die „Bones“ bis zur Übernahme durch die „Hell’s Angels“ 1999 tatsächlich, weshalb mir die Verwendung ihres Namens hier sehr fragwürdig erscheint. Und ist den Weimarern bisher der Spagat zwischen Humor und Spannung meist recht gut gelungen, bleibt die Krimihandlung in „El Dorado“ untergeordnet. Negative Charaktere sind schnell ausgemacht, die Frage der Täterschaft wird tendenziell egal. Stattdessen setzt man auf den Unterhaltungswert, den Kurioses wie Dorn in Cowgirl-Kluft und auf Pferderücken reitend oder ihre Gesangseinlage auf den Spuren Marlene Dietrichs, als sie „The Boys in the Back Room“ singt, mit sich bringt. Aus Dorns Undercover-Einsatz hätte man jedoch wesentlich mehr herausholen können, ihre Gesangsdarbietung erscheint leider wie Füllwerk. Auch der Western-Hommagen-/Persiflagen-Anteil fällt letztlich geringer aus als erhofft, auch diesbzgl. wäre mehr drin gewesen.

Verglichen mit den vorausgegangenen sieben Weimarer „Tatort“-Beiträgen musste „Der höllische Heinz“ doch einige Federn lassen. Als passable Unterhaltung für ein vom Jahreswechsel noch verkatertes Publikum geht er in Ordnung; die Originalität und Genialität, die Spannung und die überraschenden Wendungen und leider auch den hochfrequenten erfrischenden Humor manch zuvor gelösten Thüringer Falls lässt er jedoch vermissen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon Arkadin » 10. Jan 2019, 16:55

buxtebrawler hat geschrieben: ihre Gesangseinlage auf den Spuren Marlene Dietrichs, als sie „The Boys in the Back Room“ singt, mit sich bringt. Aus Dorns Undercover-Einsatz hätte man jedoch wesentlich mehr herausholen können, ihre Gesangsdarbietung erscheint leider wie Füllwerk.


Sie war ja auch kurzzeitig mal die Sängerin von "Prag" (und das gar nicht schlecht). Vielleicht will sie auf diese Weise ihre Sangeskarriere wieder etwas ankurbeln.
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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon buxtebrawler » 16. Jan 2019, 18:26

Tatort: Rattennest

Im 22. „Tatort“ überhaupt ermittelte 1972 der Berliner Kommissar Kasulke (Paul Esser, „Immer dieser Michel“) zum zweiten und bereits letzten Mal. Ebenfalls zum zweiten Mal innerhalb der TV-Krimireihe dabei war der spätere Kultkommissar Schimanski: Götz George. Johannes Hendrichs Drehbuch verfilmte Regisseur Günter Gräwert („Der Röhm-Putsch“).

Der just aus dem Gefängnis entlassene Bernd Laschke (Jan Groth, „Perrak“) wird von den Mitgliedern seiner ehemaligen Bande gesucht, die fürchten, von ihm verraten zu werden, weil sie sich während seiner Haft nicht absprachegemäß verhielten. Dessen ist sich Laschek von Anfang an bewusst und möchte daher zusammen mit Ehefrau Herta (Carla Hagen, „Stella“) und Sohn Thomas (Angelo Kanseas) in die DDR nach Ost-Berlin übersiedeln, wo man auf einen verurteilten Verbrecher allerdings nicht gerade gewartet hat und ihn daher in den Westen der geteilten Stadt zurückschickt. Da Laschke auch seiner Familie nicht seinen Aufenthaltsort verrät, wendet sich seine Frau erst ans Meldeamt und schließlich an die Polizei, worauf Kommissar Kasulke sehr interessiert reagiert, hofft er doch, dadurch dem Rest der brutalen Diebes- und Erpresserbande auf die Schliche zu kommen. Als die Bande Laschkes Frau entführt, Schusswaffen ins Spiel kommen und Laschke vom Gejagten zum Jäger wird, eskaliert die Situation…

Die Verbindungen zwischen Laschke und seiner ehemaligen Bande, bestehend aus Jerry (Götz George) und dessen Freundin Petra (Ingrid van Bergen, „Grimms Märchen von lüsternen Pärchen“), „Frankenstein“ (Herbert Fux, „Hexen bis aufs Blut gequält“), Stocker (Ulli Kinalzik, „Das Stundenhotel von St. Pauli“) und Rudi (Klaus Sonnenschein, „Kassensturz“), erschließt sich dem Publikum erst nach und nach. Parallel werden zunächst die Aktivitäten beider „Parteien“ gezeigt, bis sich schließlich die Wege kreuzen. Zwar wird der skrupellose Überfall der Bande auf einen arglosen Toilettengänger gezeigt, einen Mordfall gibt es jedoch nicht. So liegt der Fokus dieses „Tatorts“ auch vornehmlich auf den Kriminellen, die Polizei um Kasulke und seinen Assistenten Roland (Gerhard Dressel, „Geld oder Leben“) findet lediglich am Rande statt. Unter Gräwerts Regie glänzt der Fall mit einem eitlen, überheblichen George als Bandenchef, Charakterfressen wie Fux und Groth, berlinerischem Tonfall satt und Lokal-/Zeitkolorit en masse, fiesen Scheiteln und grellen Klamotten. In einer Nebenrolle spielt Dieter Hallervorden („Das Millionenspiel“) gänzlich unklamaukig den Insassen Prickwitz, lakonischer Humor kommt nicht zu kurz und passend zu den Dieben hat man sich beim „Shaft“-Soundtrack bedient, die immer mal wieder ertönenden Funk-Klänge wurden also stibitzt.

Insbesondere für „Zeitreisende“ ist dieser „Tatort“ ergo eine verdammt lohnende Angelegenheit, doch auch die ihr Publikum durchaus fordernde Handlung hat es in sich, wenn es zu einem an Italo-Western gemahnenden Duell auf der Müllkippe kommt und Dressman Jerry innerlich wie äußerlich gebrochen wird. Man taucht ein ins Berliner Kleinkriminellen-Milieu, dessen Figuren mal exaltiert, mal bauernschlau, mal hemdsärmlig, aber auch trottelig agieren. Sie verrennen sich in einen eigentlich unnötigen Konflikt, der letztlich tödlich ausgeht, weil man die Spirale überdreht hat, aber auch, weil sich ein höherer Mafioso aktiv einschaltet, um dem Spuk ein Ende zu machen. Die Polizei bleibt Statist. Ein konsequenter, ziemlich unterhaltsamer „Tatort“, dessen Erzähltempo lediglich bisweilen etwas verwundert, denn bis man als Zusehender richtig drin ist, vergeht eine Weile, dennoch wird man vor spannenden und emotionalen Szenen auch weiterhin ab und zu ausgebremst. Dafür hält Gräwe stets fest alle Fäden in der Hand, führt zusammen, was zusammengeführt werden muss und lässt offen, was keiner weiteren Erklärung bedarf und sich Zuschauerinnen und Zuschauer selbst zusammenreimen dürfen.
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