I Malamondo - Paolo Cavara (1964)

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I Malamondo - Paolo Cavara (1964)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 5. Dez 2018, 22:37

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Originaltitel: Malamondo

Produktionsland: Italien 1964

Regie: Paolo Cavara

Seit ich begonnen habe, mich ernsthaft medienästhetisch und medienhistorisch mit dem Phänomen des Mondo-Kinos und seinen Derivaten à la Shockumentaries oder Internet-shock-sites zu beschäftigen, geisterte dieser Film auf meiner Wunschliste seltener, vergessener, verschollener Werke herum, von denen ich meinte, sie für eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Genre unbedingt gesichtet haben zu müssen. Sein Alleinstellungsmerkmal erhielt I MALAMONDO für mich rein über seinen Regisseur. Bei dem nämlich handelt es sich um den 1926 in Bologna geborenen Paolo Cavara, über den die Wellen der Filmgeschichtsschreibung zwar auch längst hinweggespült sind, der aber – und interessanterweise wurde er auch weitgehend aus der Historiographie des Mondo-Genres getilgt – noch in den ersten drei Mondo-Filmen, die inzwischen ausnahmslos Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi zugeschrieben werden, nicht nur irgendein Teammitglied der Genre-Initialzünder gewesen ist: Sowohl in MONDO CANE als auch in MONDO CANE 2 und außerdem in LA DONNA NEL MONDO taucht sein Namen als Regisseur und Drehbuchautor gleichberechtigt neben denen seiner beiden Mitstreiter auf. Berühmt geworden – falls dieser Ausdruck für eine marginale Figur wie Cavara überhaupt verwendet werden kann – ist er jedoch weder als Stammmitglied im originalen Mondo-Team, und auch nicht für I MALAMONDO, den ersten (und einzigen) Mondo, bei dem er als alleiniger Initiator genannt wird, sondern für die bittere, sarkastische, zynische, nicht zuletzt Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST antizipierende Abrechnung mit dem Genre an sich, und Jacopetti/Prosperi im Besonderen: L’OCCHIO SELVAGGIO aus dem Jahre 1967 handelt von dem Journalisten Paolo (!), der wie besessen darauf ist, sich und sein Filmteam in Extremsituationen zu versetzen, die ihm als Ausgangsbasis zum Schießen spekulativ-spektakuläres Bildmaterial dienen. Er lässt eine Reisegruppe im Glauben, in der Sahara gestrandet zu sein, um ihren (vorgeblichen) Todeskampf zu filmen. Er begibt sich in Kriegs- und Krisengebiete, um möglichst dicht an Hinrichtungen und Völkerrechtsverletzungen dran sein zu können. Nicht zuletzt – und das ist dann nicht nur eine Spitze gegen AFRICA ADDIO, der Jacopetti immerhin den gerichtlich verhandelten Vorwurf einbrachte, er habe Erschießungskommandos und ihre Opfer in afrikanischen Bürgerkriegsregionen dirigiert wie Filmstatisten, sondern vor allem auch eine gegen die (gefakte) Selbstverbrennungssequenz in MONDO CANE 2 – bietet er einem buddhistischen Mönch einen Batzen Dollar, wenn er sich denn vor seiner Kamera selbst in Brand stecken würde. Nach diesem fulminanten Schlussstrich unter seine Mondo-Phase beginnt Cavaras zweite Karriere im kommerziellen Spielfilmbetrieb, aus der höchstens noch der Giallo-Thriller LA TA-RANTOLA DAL VENTRE NERO (1971) heraussticht. Filme wie das Kriegsdrama LA CATTURA (1969), der Western LOS AMIGOS (1972) oder die leicht-flockige Unterhaltungskomödie LA LOCANDIERA (1980) dürften selbst eingefleischten Italo-Fans nicht ohne Weiteres vertraut sein.

Im Fall des 1964 entstandenen I MALAMONDO, den ich nun endlich, nach langem Fährtenlesen, in Gestalt der US-VHS von Something Weird aufgestöbert hab, - (die den Film freilich leider nur in der englischen Synchronfassung und mutmaßlich nicht ungekürzt darbietet) – ist das alles natürlich noch ferne Zukunftsmusik, und Cavara erweist sich knietief watend in den Fahrwassern, die MONDO CANE seinerzeit losgetreten hat, wobei er allerdings – dies sei an dieser Stelle schon einmal verraten – weit – und damit meine ich: wirklich sehr weit – hinter den teilweise gar avantgardistisch anmutenden Bild-Ton-Juxtapositionen, Schock-Montagen, Kameraeffekten und generell dem unterhaltsamen, kurzweiligen, delirierenden portmanteau-Stil zurückbleibt, den er gemeinsam mit Jacopetti und Prosperi kurz zuvor entwickelt hat. Hätte ich nicht gewusst, dass einer der Ahnväter des Genres für I MALAMONDO auf dem Regiestuhl saß, hätte ich das zumindest aus der mir vorliegenden Fassung des Films niemals herauslesen können: I MALAMONDO hört und fühlt sich nicht nur an, sondern schaut auch aus wie einer der zahllosen Epigonen, die im Anschluss an MONDO CANE unter originellen Titeln wie MONDO BALORDO (1964), MONDO DI NOTTE (1963) oder MONDO NUDO (1963) das Projektorenlicht erblickten, um ein möglichst großes Stück des von Publikum und Kritik gerne genossenen Kuchens abzubekommen, und die man sich wohl nur deshalb noch freiwillig zu Gemüte führt, weil man sich in den Kopf gesetzt hat, Experte auf dem Gebiet der Mondologie zu werden…

Nachdem zum Vorspann eine Frauenstimme den Titelsong „Funny World“ intoniert hat – (der zu keinem Zeitpunkt den Verdacht erweckt, wie Riz Ortolanis Sangesstück „More“ aus dem ersten MONDO CANE auch nur in die Nähe eines Charterfolgs oder gar einer Oscar-Nominierung zu geraten) -, und nachdem der Film mit Aufnahmen des britischen Philosophen Bertrand Russells eröffnet hat, der „post-war babies“, also jungen Studenten, einen Vortrag hält, der sicher gehaltvoller ist als alles, was wir in den kommenden eineinhalb Stunden zu Gesicht kriegen werden, - (und an dessen Einverständnis dafür, in einem Machwerk wie I MALAMONDO verwurstet zu werden, ich ernste Zweifel hege) -, kristallisiert sich bald die unausgesprochene thematische Richtlinie heraus, an der die einzelnen Segmente des Films, wenn auch lose, aufgefädelt sind: Cavara interessiert sich offenbar für Spiele, für Rituale, für Zeremonien – seien es die hochgradig subkulturell konnotierten Zwistigkeiten zwischen Mods und Rockers in Großbritannien, wo er beinahe ethnographisch nachzeichnet, was denn passiert, wenn sich ein „mod chick“ in einen „rocker club“ verirrt; seien es Travestieshows in schummrigen Nachtbars, wo wir einen Performer vom ersten Lidstrich bis zum Applaus begleiten, der ihn von der Bühne trägt; sei es eine Hochzeit zwischen einem Schwarzafrikaner und einer Europäerin, bei der beider Familien zum Festakt gemeinsam an einem Tisch sitzen, und augenzwinkernd den Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen veranschaulichen; seien es verwilderte Jugendlichen, die sich für ihr nächtliches Besäufnis ausgerechnet den örtlichen Friedhof aussuchen, wo ihre Randale dem einen oder andern Kreuz oder Grabstein das Leben kostete; oder seien es die Begräbnisriten, die sich anschließen, nachdem eine von ihrer großen Liebe zurückgewiesene Teenagerin Zuflucht im Suizid gesucht und gefunden hat. Man liest es wohl schon aus diesen fünf Fallbeispielen heraus: Die etwa fünfundzwanzig Episoden, in denen I MALAMONDO seinem Sujet mal mehr, mal weniger Rechnung trägt, sind nun nicht wirklich das, was einen hartgesottenen FACES-OF-DEATH-Gucker aus den Socken heben wird. Aber nicht, dass man mich falsch versteht: Ich bin ja froh, dass Cavara nicht schonungslos das Leid von Mensch und Kreatur ausbeutet, dass für seinen Film nicht unschuldige Tiere ihr Leben lassen mussten, und dass sich der Off-Kommentar zumindest in der US-Synchronisation mit schalen Späßen, offenem Rassismus oder schwärzestem Humor weitgehend fernhält. Dennoch (oder gerade deswegen) muss die Frage erlaubt sein: Wenn es zu den Höhepunkten eines dezidierten Mondo-Films gehört, dass ein paar verwöhnte Buben und Mädchen aus der höheren Gesellschaft auf einer Party ein armes Ferkel jagen, wo genau soll ich nun die Existenzberechtigung dieser Parade fehlender Schauwerte, die weder schockiert noch amüsiert noch sonst irgendetwas mit mir tut, suchen?

Die Ferkelszene ist übrigens auch ein großartiges Exempel dafür, wie unbekümmert Cavara seinen Film mit überdeutlich inszeniertem Material vollgestopft hat, gegen das selbst MONDO CANE 2 wie ein Ausbund an Authentizität wirkt: Nachdem das Schweinchen eingefangen worden ist, sollen die Männer aus der Gruppe ihre Geschlechtszugehörigkeit dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem Tier die Kehle durchschneiden. Mehrere scheuen zurück, als sie bereits mit gezücktem Messer vor ihm stehen. Nur einer ringt sich endlich dazu durch, um vor seiner Angebeteten nicht das Gesicht zu verlieren. Der Tod des Ferkels freilich findet im Off statt, und keiner kann mir erzählen, dass das leblos daliegende Tier später nicht einfach nur sediert und mit etwas Kunstblut vollgesudelt worden ist. Andere Szenen erweisen sich noch plakativer als reine Fabrikationen: Der Tod eines mit seinem Motorrad verunglückenden Rockers, die erwähnte Vandalismus-Orgie auf dem Friedhof, oder die Mutprobe zwischen Jugendlichen, die sich je zu zweit aufs Dach eines nach oben sausenden Fahrstuhls stellen, und von denen derjenige den Hasenfuß zieht, der sich zuerst zu Boden wirft, um seinen Schädel vor einer Kollision mit dem obersten Stockwerk zu retten, all diese Szenen sind aus derart vielen Kameraperspektiven gefilmt und derart auf ihren Effekt hin inszeniert, dass es sich bei ihren Teilnehmern nur um Darsteller handeln kann, die am Ende des Drehtags ihre ordentlich verdiente Gage eingestrichen haben. Zwar behauptet der Kommentar auch niemals, irgendwelche geheimen Vorgänge heimlich beäugt zu haben, andererseits weist er aber ebenso wenig darauf hin, dass das Kamerateam sicherlich nicht gerade zufällig am Trevi-Brunnen vorbeikommt, als dort Adriana Celentano ein Volkslied zum Besten gibt – (freilich aus der Konserve, sprich, seinen Mund zum Playback bewegend) -, und eine „zufällige“ Menge an römischen Bürgern zum spontanen Volksfest animiert. Für viele Aufnahmen verrenkt sich Cavara aber gar nicht erst, um irgendeinen Attraktionswert aus ihnen hervor zu kitzeln – was nicht heißt, dass sie per se einen besitzen: Nackte Skifahrer in den Schweizer Alpen. Männliche Ballettschülerin beim Üben in der Tanzhalle. Eine Art-Performance, die immerhin vage an die verächtlichen Dartpfeile erinnert, die in MONDO CANE auf Yves Klein als Repräsentanten der Modernen Kunst geschmissen werden. Fallschirmjäger, die nichts weiter tun als eben mit ihren Fallschirmen aus Flugzeugen zu hüpfen, und durch die Lüfte zu segeln. Wo genau war da nun die Legitimation dafür, mich mit solchen nun wirklich belanglosen, nicht mal irgendwie interessant gefilmten, letztlich sterbenslangweiligen Aufnahmen zu belästigen?

Nur ganz selten überrascht I MALAMONDO durch unerwartete Wendungen, die, angesichts des reglosen Ozeans um sie herum, gar nicht allzu viele Wellen schlagen müssen: Ein Besuch in Dachau zieht natürlich immer, um etwas unangenehme Stimmung zu evozieren. Intelligenter ist ein kurzer, mit Geschlechterstereotypen hantierender Sketch: Ein Mann und eine Frau in Norwegen. Trennungsszene, denn das Schiff im Hintergrund ruft. Es wird gleich auslaufen, und einen von ihnen mit sich auf eine monatelange Reise nehmen. Wie sich herausstellt, ist aber nicht der männliche Part der Beziehung Matrose, sondern die Frau ist Kapitänin des Ozeandampfers. Während sie ihr Cockpit besteigt, bleibt ihr Freund schluchzend am Hafen zurück. Für meine liebste Szene des Films kann Cavara allerdings wenig. Gezeigt werden Burschenschaftler in Heidelberg, die sich die Mensur verpassen. Wie aber jene Stadt am Neckar, in der ich vor vielen Jahren gelebt habe, und der ich immer noch sehr verbunden bin, mit düsterer Musik untermalt in mehreren Panoramaaufnahmen vorgeführt wird, als wolle der Film regelrecht davor warnen, sich jemals in dieses Nest aus konservativen, einander gegenseitig die Wangen aufschlitzenden Studenten zu begeben, das hat mich immerhin so sehr erheitert, dass ich es letztlich nicht bereue, mir I MALAMONDO gegeben zu haben. Trotzdem, wirklich beglückt bin ich nun aber auch nicht von der Erkenntnis, dass manchmal die Filme, die man jahrelang jagt, genau die sind, die es am wenigsten lohnen, sich auf die Hatz nach ihnen begeben zu haben.
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