bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 12. Sep 2018, 23:35

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Mad Max II - Der Vollstrecker

„Ein dreckiger Söldner!“

Zwei Jahre nach George Millers Spielfilmdebüt „Mad Max“, mit dem zugleich das Endzeitaction-Genre begründet wurde, wurde dessen Fortsetzung veröffentlicht: Für „Mad Max II – Der Vollstrecker“ hatte der australische Regisseur George Miller ein nun höheres Budget von vier Millionen Dollar zur Verfügung – und schuf damit nicht weniger als den Archetypen des Endzeitactioners.

„Töten! Töten! Töten! Töten!“

Die nahe Zukunft: Drei Jahren nach den Ereignissen des ersten Teils ist die Zivilisation endgültig Geschichte. In den postapokalyptischen australischen Outbacks ist Ex-Bulle Max Rockatansky (Mel Gibson, „Tim – Kann das Liebe sein?“) zusammen mit seinem Hund im Ford XB Falcon GT Hardtop V8 Interceptor Pursuit Special unterwegs, immer auf der Suche nach dem neuen Gold: Treibstoff ist so wertvoll geworden, dass für ihn getötet wird. Marodierende Banden führen Kriege gegen die wenigen Siedler, die noch über Öl- und Benzinreserven verfügen. So verteidigt eine Gruppe Siedler ihre Raffinerie tapfer gegen die Banditen um den brutalen und skrupellosen Humungus (Kjell Nilsson, „The Pirate Movie“), der sich selbst als den Herrscher der Wüste betrachtet und die Siedler belagert. Diese bitten Max um seine Hilfe, widerwillig lässt er sich auf einen Pakt ein: Er besorgt einen Tanklaster, damit sie das Öl aus der Wüste an die 2.000 Meilen entlegene, als paradiesisches Refugium idealisierte Küstenregion transportieren können und erhält im Gegenzug dafür eine hohe Menge Benzin. Gesagt, getan – doch die Banditen erwischen ihn und verletzen ihn schwer. Ein Tragschrauberpilot (Bruce Spence, „Dimboola“), den Max bereits unter anderen Umständen kennengelernt hatte, bringt ihn zu den Siedlern zurück – und Max entschließt sich, den Truck selbst zu steuern…

In schwarzweißen Nachrichtenbildern offenbart eine Rückblende die Hintergründe, die dem Publikum im Vorgänger noch verwehrt geblieben waren: Verheerende Kriege um Öl hatten die Apokalypse heraufbeschworen. Ein Sprecher aus dem Off führt in die Handlung ein, in der sich Max eine Dose Hundefutter mit seinem Hund teilt und in homoerotischer Lederkluft durch die Lande streift. Dramatische Orchestermusik zieht sich durch den Film, dessen Prämisse (erneut) an klassische Western-Topoi erinnert: Ein wortkarger Einzelgänger hilft fried- und redlichen Siedlern im Kampf gegen eine Gefahr unzivilisierter Gesetzloser von außen. Doch Miller macht aus „Mad Max II“ – ausgehend vom alten Missverständnis, Punks seien so etwas wie Rocker mit anderem Aussehen und per se asozialem Verhalten – eine von eben genannten Subkulturen stark inspirierte Freakshow, die irrwitzige Figuren in die australische Wüste verpflanzt und darüber hinaus motorisierte Gefährte auf eine Weise fetischiert, dass manch Hobbyschrauber aus dem Staunen nicht mehr herauskam: Bizarre Gestalten liefern sich mit archaischen Waffen, jedoch auf zu echten Endzeitboliden umfrisierten Böcken und Karren eine wahre Materialschlacht. Blech, Benzin, Blut, Leder, Feuer und Staub gehen unheilvolle Allianzen ein; Stunts und Explosionen geben den Ton an, hat „Mad Max II“ erst einmal Fahrt aufgenommen.

Der absolute Wahnsinn wird jedoch erst im letzten Drittel von der Leine gelassen: Dieses ist dem Ausbruch aus der Belagerung reserviert, der zu einer vollkommen irren Verfolgungsjagd der Kolonnen beider Parteien wird. Eine perfekt durchchoreographierte Orgie aus Stunts und Explosionen en masse, die in einen wahren Rausch versetzt und bis dato ihresgleichen sucht (bzw. höchstens in „Mad Max IV: Fury Road“ fand). Das reinste Spektakel! Mit dieser extrem geladenen Mischung aus Erscheinungsbild und Action definierte erst der zweite „Mad Max“-Film sein Genre, an dem sich vor allem in der 1980ern zahlreiche Low-Budget-Nachahmer versuchten, dabei jedoch Präzision, Perfektion, vor allem aber Dimension und Klasse vermissen ließen. Zu dieser Definition gehört aber auch, das Hauptaugenmerk auf möglichst bunte Action und viel Krawall zu legen und gesellschafts-, politik- oder kriegskritische Betrachtungen wenn überhaupt lediglich in kurzen Erläuterungen zur Vorgeschichte oder gar nur im Subtext unterzubringen. War „Mad Max“ noch stärker in einer Realität verwurzelt, wie wir sie kennen, ist „Mad Max II“ wesentlich abstrakter und dabei zugleich ferner, was das Publikum ihn emotional anders wahrnehmen lässt. Seines dem Western entlehnten und bei genauerer Überlegung evtl. dem rassistischen Kampf Cowboy versus Indianer verhafteten Topos zum Trotz läuft diese Fortsetzung andererseits kaum noch Gefahr, als reaktionäres Loblied auf die Selbstjustiz wahrgenommen zu werden.

Der immer mal wieder zu Wort kommende Off-Kommentator entpuppt sich schließlich als der Max hier begleitende kleine Wolfsjunge (Emil Minty, „Jenseits von Australien“) im Erwachsenenalter, was unweigerlich über die hier gezeigte Zukunft hinaus und damit womöglich. bereits an eine weitere Fortsetzung denken lässt – die jedoch erst vier Jahre später folgen sollte. Besagter Junge wuchs genauso ans Herz wie manch andere Figur dieses fulminanten Endzeitensembles, mein persönlicher Favorit aber ist der Hund. Allein schon für ihn vergebe ich hier 8/10 Dosen Chappi – guten Appetit!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Sep 2018, 08:19

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Mad Max III – Jenseits der Donnerkuppel

„Du wirst doch noch Scheiße schaufeln können!“

Mit einem verdreifachten Budget wurde die zweite „Mad Max“-Fortsetzung, diesmal auch mit US-amerikanischen Geldern, produziert. Bereits im Vorfeld verstarb jedoch Produzent und enger Freund George Millers, Byron Kennedy, bei einem Helikopterabsturz. Daraufhin hatte Miller weitestgehend das Interesse am Film verloren, die Hauptregie an George Ogilvie abgetreten und sich lediglich noch um die Actionszenen gekümmert. Dem 1985 veröffentlichten Film tat das nicht gut.

„Brich den Vertrag und du drehst am Rad!“

Einzelgänger Max Rockatansky (Mel Gibson, „Ein Jahr in der Hölle“) wird sein fahrbarer Untersatz gestohlen, weshalb er sich auf die Suche nach dem Dieb in die Stadt Bartertown begibt, wo wie auf einem großen Basar reger Tauschhandelt herrscht. Dort schwelt ein Konflikt zwischen Stadtoberhaupt Aunty Entity (Tina Turner, „Cocksucker Blues“) und dem für die Methanenergiegewinnung aus Schweinekot zuständigen Master (Angelo Rossitto, „Nenn' einen Liliputaner niemals Zwerg“). Nachdem Max in Scherereien geraten war, beschließt Entity, ihn in der Donnerkuppel, einer großen Arena, gegen Master Blaster, ein Zweigespann aus dem kleinwüchsigen, doch hochintelligenten Master und dem tumben Riesen Blaster (Paul Larsson, „Der Höllentrip“), antreten zu lassen, um sich ihres Rivalen zu entledigen. Im Gegenzug verspricht sie Max sein Fahrzeug und die Freiheit. Als Max aus dem erbitterten Kampf als Sieger hervorgeht, jedoch feststellt, dass Blaster ein geistig Zurückgebliebener ist, der von Master gesteuert wird, weigert er sich, ihn zu töten. Diese Entscheidung bestraft Entity mit Max‘ Verbannung in die Wüste, wo er in einer Oase auf die überlebenden Minderjährigen eines Flugzeugabsturzes trifft, die ihn für ihren Messias halten...

Das weitaus höhere Budget sieht man „Mad Max III“ an: Die Kulissen wirken wie opulente Fantasy-Welten. Ein Teil des Gelds floss in eine alberne Langhaarperücke für Gibson, in Promis aus dem Musikgeschäft wie Tina Turner und Rose-Tattoo-Sänger Angry Anderson (als einer aus Turners Gefolge) sowie in weitere fast schon nur noch entfernt menschliche Kreaturen, die einer Freakshow entsprungen scheinen. Durchaus interessant ist es, wie das postapokalyptische Konzept weitergesponnen wurde: Urbanes Leben entwickelt sich gerade wieder, ebenso so etwas wie eine Wirtschaft, und dem Kampf um Öl und Benzin begegnet man mit alternativen Energiequellen. Der Kampf in der Donnerkuppel wurde furios inszeniert; die neue Glücksrad-Variante, der man dort nachgeht, hat indes nichts mehr Peter Bond oder Maren Gilzer zu tun… Tina Turners „We Don’t Need Another Hero“, das prominent auf dem Soundtrack platziert wurde, wurde zum Megahit und ertönt noch heute täglich aus zahlreichen Radiostationen, ansonsten hat Maurice Jarre das musikalische Potpourri aus vornehmlich orchestraler Untermalung u.a. um Saxofonklänge erweitert. Irgendwie anders ist das alles schon, aber nicht unbedingt verkehrt.

Das wird es jedoch, sobald Max auf die Wüstenhottentotten trifft, die ihn zunächst einmal seiner langen Haare entledigen, weil sie seinen verlotterten Anblick nicht mehr ertragen. Leider verwechseln sie ihn mit Walker, Texas Ranger, den sie religiös verehren, auch wenn er sich bei ihnen wie der letzte Soziopath benimmt, herumballert, Frauen schlägt und einem viel zu kleinen Kind, das ihm durch die Wüste folgen will, pädagogisch haarsträubend lediglich entgegnet, es müsse wissen, was es tue. Mir nichts, dir nichts latscht man nach Watertown, statt einfach in der wohligen Oase zu bleiben, um schließlich das zerstörte Sydney zu entdecken. Seit Max Bartertown verlassen hat, ist der Film – man kann es nicht anders sagen – verdammt öde und doof. Was unter anderen Umständen vielleicht eine intelligente Parabel auf die Entstehung von Religionen und die für viele mit ihnen verbundene hoffnungspendende Kraft hätten werden können, verkommt hier zu Big-Budget-Trash der ärgerlichen Sorte, der hier mehr oberflächliche Sonntagnachmittagsunterhaltung denn Midnight Movie ist und sämtliche Grimmigkeit, jeglichen Punk-Faktor zugunsten anbiedernden Kitsches aufgibt. Und Tina Turner stackst auf High Heels durch den Wüstensand…

Glücklicherweise schafften es dann doch noch einige Stunts und Explosionen in den Film, zudem gibt es ein Wiedersehen mit Figuren aus Teil 2 sowie das eine oder andere nette Detail, was neben der wirklich annehmbaren ersten Hälfte „Mad Max III – Jenseits der Donnerkuppel“ davor bewahrt, komplett als religiöser Bullshit „für die ganze Familie“ unterzugehen. Ein unwürdiger Abschluss der Trilogie ist er dennoch nicht. George Miller widmete sich am Anschluss gänzlich der Familienunterhaltung: „Die Hexen von Eastwick“, „Schweinchen Babe in der großen Stadt“, „Happy Feet“… Mel Gibson tat seine Rolle als Messias offenbar nicht gut, denn er wurde zum fundamentalistisch-religiösen Eiferer und Alkoholiker, homo- und xenophobe sowie antisemitische Ausfälle und Fortschrittsfeindlichkeit inklusive, und versuchte, uns die Leiden Christi näherzubringen. 2015 erschien dann endlich der lange angekündigte „Mad Max: Fury Road“, der unter der Regie Millers zu alter Stärke zurückfand, jedoch ohne Gibson auskommen musste.

P.S.: Bin ich eigentlich der einzige, der bei „Donnerkuppel“ zuerst an einen Lokus denkt?
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 19. Sep 2018, 21:56

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Curtains - Wahn ohne Ende

„Ich werde dich jetzt erschießen und mich ergötzen am langsam hervorquellenden Blut aus deinem erbärmlich daliegenden Kadaver!“

Das Regiedebüt des gebürtigen Belgiers und „Ilsa – Die Tigerin“-Kameramanns Richard Ciupka ist die Slasher/Psycho-Thriller-Mischung „Curtains - Wahn ohne Ende“, die ursprünglich bereits 1980 gedreht, jedoch nach einigen produktionsbedingten Querelen und zahlreichen Nachdrehs erst 1983 fertiggestellt und veröffentlicht wurde. Diesem Umstand mag es geschuldet sein, dass Ciupka nicht mit seinem echten Namen mit dem Film in Verbindung gebracht werden wollte, sondern als Pseudonym den Namen der Hauptrolle Jonathan Stryker wählte – evtl. ist dies jedoch auch schlicht ein Gag, ein Spiel mit der Meta-Ebene. Das Drehbuch stammt vom genreaffinen „Prom Night“-Autor Robert Guza Jr.

„Was haben wir nur alle gemeinsam?“ – „Sex?“

Regisseur Jonathan Stryker (John Vernon, „Dirty Harry“, „Das Unheimliche“) will die weibliche Hauptrolle seines neuen Films nur höchst ungern mit seiner Affäre, der alternden Theaterschauspielerin Samantha Sherwood (Samantha Eggar, „Die Brut“), besetzen. Als diese sich in ihrem Eifer überreden lässt, sich in eine psychologische Anstalt zwecks Erlernens des Method Actings einliefern zu lassen, wittert Stryker seine Chance, sie auf diese Weise loszuwerden. In seinem Anwesen auf dem Lande veranstaltet er ein Casting, zu dem er mehrere Schauspielerinnen eingeladen hat. Doch zur allgemeinen Überraschung gesellt sich Samantha dazu, die aus dem Irrenhaus fliehen konnte und nach wie vor Feuer und Flamme für die Rolle der Audra ist. Als eine unheimliche und brutale Mordserie beginnt, steht sie unter dringendem Tatverdacht. Doch würde sie für die Rolle wirklich über Leichen gehen?

„Was würden Sie denn tun?“ – „Für diese Rolle morden!“

„Curtains“ spielt gern mit der Erwartungshaltung des Publikums: Der Prolog entpuppt sich als Filmprobe und als Samantha auf Stryker loszugehen scheint, tut sie nur so, denn der ist, wie man nun erfährt, ihr Liebhaber. In der Klapse trifft sie auf wahre Bilderbuchbekloppte und man fragt sich, ob sich der Film nun eventuell in Richtung eines Anstaltsthrillers entwickelt…? Nein, Szenenwechsel: Irgendjemand verbrennt Fotos, ein Frauenpaar scheint einen Komplott gegen Stryker zu planen. Ein sich in Point-of-View-Perspektive heranschleichender mutmaßlicher Mörder mit Strumpfmaske und schwarzen Handschuhen entpuppt sich jedoch wieder als Finte, genauer: als ein makabrer Scherz des Liebhabers einer jungen Schauspielerin. Diese hat daraufhin einen Alptraum von einer Gruselpuppe und wird nach dem Erwachen von einem Mörder unter einer Greisinnenmaske umgebracht. Die Zeit der Finten und False Scares ist vorbei.

„Alles ist erlaubt – für eine Filmrolle!“

Nach dieser Exposition im Stile eines multiplen Prologs befindet man sich endlich in der eigentlichen Handlung, einem sehr eigenwilligen Casting, in dem der androgyne Matthew (Michael Wincott, „Strange Days“) bizarrerweise ebenfalls als Frau gilt (sich jedoch auch gern mit einer drallen Oben-ohne-Schönheit im Bumsbrunnen vergnügt), die wortgewaltigen Dialoge vom Beginn reichlich entrückt wirkenden Gesprächen weichen und die Casting-Teilnehmerinnen jedes Klischee erfüllen, wenn sie sich übertrieben ehrgeizig, vor allem aber skrupellos gerieren. Konkurrenzdenken und Jugendwahn bestimmen die Szenerie und es dauert nicht lange, bis ein schwarzer Handschuh zur Sichel greift. Idyllische winterliche Bilder werden kontrastiert von einer Mordsequenz, die den inszenatorischen Höhepunkt des Films darstellt: Zur Musik aus ihrem Ghettoblaster unternimmt eine der Jungschauspielerinnen eine ausgedehnte Schlittschuhfahrt, bis die Musik unerwartet verstummt, sie die Puppe aus dem Prolog unterm Schnee findet und ihr Mörder plötzlich ebenfalls auf Schlittschuhen zur Tat schreitet, geschützt von der Greisinnenmaske. Ein abgetrennter Kopf landet im Abort, bevor das ausgedehnte Finale um das durch Requisiten stapfende Beinahe-Final-Girl noch einmal Maßstäbe in Sachen Atmosphäre setzt. Das akustisch besonders hervorgehobene schwere Atmen unter der Gummimaske erinnert dabei sicherlich nicht von ungefähr stark an den Subgenre-Begründer „Halloween“, genauso wenig das sich in einer Art Schrank versteckende Opfer, das durch die Tür lugt.

Ob es an der schwierigen Entstehungsgeschichte des Films liegt, dass er zumindest unkonventionell strukturiert wirkt und sich etwas schwer damit tut, seine Prologe mit der Kernhandlung zu verknüpfen, ist Spekulation. Auch vermag ich nicht abschließend zu beurteilen, ob „Curtains – Wahn ohne Ende“ hauptsächlich die Filmbranche satirisch reflektieren und aufs Korn nehmen möchte oder in erster Linie das Klischee karrieregeiler Frauen aufgriff, um es im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu reiten. Dafür müsste man stärker durchs psychologisch derangierte Dickicht dringen, das „Curtains“ einem mit seinen Figuren präsentiert. Mit Gewissheit konstatieren kann ich aber, dass es angesichts der herausstechenden Kameraarbeit und der stark ästhetisierten, künstlerischen audiovisuellen Komponenten überhaupt nicht stört, dass es recht wenig roten Lebenssaft oder selbstzweckhafte brutale Exzesse zu sehen gibt, die Auflösung des Whodunit? stattdessen überrascht und man nicht nur aufgrund der Mörder-Dopplung näher am italienischen Giallo denn am US-amerikanischen Haudrauf-Slasher ist. Dass die Szenenübergänge mittels Theatervorhängen visualisiert werden, erinnert wiederum stets mit Nachdruck daran, dass der Zuschauer einer Inszenierung beiwohnt, was aufgrund ihres artifiziellen Charakters jedoch wenig irritiert und einen somit nicht aus der Handlung reißt. Überdurchschnittlich agiert auch das Ensemble, für das sich erfahrene Schauspielerinnen und Schauspieler zusammenfanden. Namen wie Lynne Griffin oder Lesleh Donaldson kennt man aus artverwandten Werken wie „Black Christmas“ oder „Ab in die Ewigkeit“, Sandee Currie aus „Monster im Nachtexpress“ – die Materie war ihnen also nicht fremd. Auch mir als Genre-Aficionada blieb dieser Film nicht fremd, dennoch wäre es zu erfahren interessant, ob er ohne Nachdrehs etc. einen etwas kohärenteren Eindruck gemacht hätte.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 20. Sep 2018, 16:05

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Mad Max: Fury Road

Karren und Knarren

„Was für ein schöner Tag!“

Für „Mad Max“-Fans erfüllte sich im Mai 2015 eine Hoffnung, an die viele schon lange Zeit nicht mehr zu glauben gewagt hatten: Der lange angekündigte und immer wieder verzögerte vierte Teil der Endzeit-Action-Reihe George Millers, die zuletzt 1985 fortgesetzt worden war, kam tatsächlich in die Kinos. Das Budget hatte sich gegenüber „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ mehr als verzehnfacht: Rund 150.000.000 US-Dollar standen Regisseur und Autor Miller für seinen in australisch-US-amerikanischer Koproduktion realisierten Film zur Verfügung. Anstelle Mel Gibsons schlüpfte nun Tom Hardy („Inception“) in die Rolle des ehemaligen Polizisten Max Rockatansky.

„In Glanz und Chrom!“

Max schlägt sich einmal mehr einsam durch die postapokalyptische Ödnis Australiens in der Mitte des 21. Jahrhunderts, als er von den Schergen des Imperators Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne – der Toecutter aus dem ersten „Mad Max“) entführt und als lebende Blutkonserve für den „Warboy“ Nux (Nicholas Hoult, „Streets of London – Kidulthood“) eingesetzt wird. Immortan Joe steht in der Tradition von Kriegsherrn wie Lord Humungus und herrscht über seine gleichgeschaltete, antiindividualistische Armee glatzköpfiger Warboys, die sich ihm zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet haben und sich mit ins Gesicht gesprühter Silberfarbe vom Tod im Kampf den Einzug nach Walhalla versprechen. Ferner hält er sich einen Harem an „Gebärmaschinen“, hat jedoch die Rechnung ohne seine Komplizin Furiosa (Charlize Theron, „Monster“) gemacht, die sich eines Tages von ihm emanzipiert und mit fünf seiner Frauen in ihrem Truck flieht. Immortan Joe nimmt unversehens die Verfolgung mitsamt seiner Warboys auf, was für Max bedeutet, dass er sich als menschliche Gallionsfigur an Nux‘ Vehikel geschnallt wiederfindet. Doch während der Kampfhandlungen kann er sich befreien und bildet nach anfänglichem Misstrauen eine Allianz mit Furiosa, weiterhin unerbittlich von Immortan Joe und dessen Truppen verfolgt…

„Hoffnung ist ein Fehler!“

Diesmal hauptsächlich in Namibia gedreht, knüpft „Mad Max: Fury Road“ konzeptionell glücklicherweise an „Mad Max II – Der Vollstrecker“ und nicht etwa an den misslungenen, auf familientauglichen Mainstream getrimmten dritten Teil an. Zu Beginn stellt sich Max aus dem Off heraus als von schmerzhaften Erinnerungen und seinen Traumata nach den Ölkriegen geplagter Einzelkämpfer vor, was jedoch als Hintergrundinformation auch in diesem Teil der an Hintergrundinformationen armen Filmreihe genügen muss. Er verspeist eine lebendige Eidechse und sucht einen kombinierten Tattoo- und Friseurtermin auf. Dort kommt es zum Eklat, als er ein Gratis-Branding obendrein dankend ablehnt. Zeit verschwendet Miller keine und schubst Max sowie sein Publikum schon sehr bald in eine postapokalyptische Freakshow aus Mutanten und Artverwandten, angefangen bei ihrem eigentlich schon mehr tot als lebendig aussehendem, künstlich beatmeten Anführer Joe über den obligatorischen Kleinwüchsigen bis hin zum eine doppelläufige, flammenwerfende E-Gitarren/-Bass-Kombination spielenden Entstellten (Iota, „Der große Gatsby“), der Joes Feldzüge vor einer riesigen Lautsprecherwand auf dessen imposanten Panzer musikalisch begleitet. Aus all diesen Gestalten in abgefahrener Maskerade könnte man prima eine Actionfigurenreihe machen. Die attraktiven, leichtbeschürzten Damen, die Furiosa und Max zu retten gedenken, wirken da inmitten dieser Ansammlung Irrer wie eine Fata Morgana. Furiosa fehlt zwar ein Arm, ist mit ihrer schnieken Kurzhaarfrisur aber ein echter Hingucker. Damit bedient man allerdings auch das Stereotyp der hässlichen Bösen und der hübschen Guten. Eine gewissermaßen neutrale Position nehmen dabei die Warboys ein, die im Prinzip keines von beiden sind, als manipulierte, fremdgesteuerte Soldaten sozusagen von der Hässlichkeit verschont blieben. Mit Nux freundet man sich schließlich auch an und er gewinnt auch fürs Publikum an Individualität.

Kernstück des Films ist die rasch beginnende, ausufernde Verfolgungsjagd, die fast die gesamte Handlung einnimmt. In Anlehnung an „Mad Max II – Der Vollstrecker“ floss viel Detailarbeit in die bizarre Gestaltung der Vehikel, von stacheligen Igelmobilen über aufgemotzte Streitwägen bis hin zu panzerartiger Artillerie mit Flammenwerfern. Damit wird auch klar, wo die letzten Treibstoffvorräte hin sind… Dieser Fuhrpark wird zur Plattform für eine Mischung aus Jump & Run und Beat/Shoot ‘em Up, irrwitzige Action und Stunts reichen temporeichen Kettenreaktionen die Hand, penibel durchchoreographiert und stets dem Wahnsinn nahe. Mehr noch als die vorausgegangenen Teile atmet die Ausstattung den Steampunk-Geist, der jedoch bisher selten für ein solch PS-starkes Gemetzel herhalten musste. Wirklich blutige Szenen werden jeweils lediglich in fast schon schamerfüllter Kürze angerissen, Miller & Co. wollten sich offenbar deutlich von Action-Splatter-Symbiosen à la „John Rambo“ abgrenzen.

Seine gelbbläuliche Farbgebung und Ausleuchtung wird ikonographisch, weist einen hohen Wiedererkennungseffekt auf. Für nur spärlichen CGI-Einsatz wurde „Mad Max: Fury Road“ gelobt, obwohl dann doch verstärkt auf zeitgenössische Computertechnik zurückgegriffen wurde, wie sie heutzutage offenbar kaum noch wegzudenken ist: Neben einigen Explosionen und Animationen betrifft dies vor allem die Landschaft, die zu größeren Anteilen am Computer modelliert wurde. Nun springt dieser Umstand einen zwar nicht förmlich an, lässt den Film aber im Vergleich zu echten Sandwüstenabenteuern wie alten Italo-Western oder eben der ursprünglichen „Mad Max“-Trilogie in dieser Hinsicht an Realismus einbüßen, auch wenn sich das möglicherweise lediglich unterbewusst bemerkbar macht. Hier spielt auch die Wahl des neuen Hauptdarstellers eine gewisse Rolle: So passabel Tom Hardy auch in Gibsons Fußstapfen tritt, so kann er doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Jugendlichkeit einen Bruch mit der Kontinuität der Reihe darstellt – will sagen: Eigentlich hätte er älter sein müssen. Dies wiederum fällt zumindest im Zuge der Erstsichtung kaum auf, da mit keiner Silbe darauf eingegangen wird, was zwischen den Ereignissen aus dem dritten Teil, vor allem aus Städten wie Bartertown oder Sydney, geworden ist – was übrigens auch ein bisschen schade ist. Auch was Max zwischenzeitlich getrieben, welche Entwicklungen er vollzogen hat, ist in keiner Weise Thema dieses Films.

Um ehrlich zu sein: Damit wäre „Mad Max: Fury Road“ auch Gefahr gelaufen, sein eigenes Konzept zu untergraben oder zumindest zu verwässern. Das Ding wirkt auf mich wieder der lange erfüllte Jugendtraum eines 70 Jahre alt gewordenen Regisseurs, der ein Budget in einer Höhe zur Verfügung gestellt bekommen hat, den ultimativen Endzeit-Action-Road-Movie zu verwirklichen, die Messlatte, die er selbst mit „Mad Max II“ gelegt hat, zu überspringen, es schneller, größer und lauter krachen zu lassen, alles an visuellen Ideen und Action einfließen zu lassen, was ihm im Laufe der Zeit zugefallen ist, wenn die postapokalyptische Muse ihn geküsst hat, ohne jeden Anflug von Altersmilde oder „Reife“ – „Mad Max: Fury Road“ ist im positiven Sinne „jung“, erinnert an die überbordende Fantasie von Kindern, die in der Sandkiste wüste Karambolagen mit ihren Spielzeugautos und Actionfiguren veranstalten. Und anstatt sich dem Multiplex-Publikum anzubiedern, gelingt es Miller und seinem Team tatsächlich, es nicht nur zu überraschen, sondern es auch kräftig durchzunehmen und letztlich vollends befriedigt zurückzulassen. Sicherlich auch inspiriert von zahlreichen modernen Filmen ist der jüngste „Mad Max“-Spross endlich einmal wieder ein Big-Budget-Straßenfeger mit hoher Oktanzahl, der so richtig rockt! Seine 3D-Effekte dürften im Lichtspielhaus das Vergnügen noch einmal gesteigert und die Scheiße so richtig zum Kochen gebracht haben. Sicherlich so etwas wie ein moderner Klassiker, der auch in Jahrzehnten als zeitlos gelten dürfte. Die lediglich marginale Handlung bin ich da zu verzeihen bereit – wer tieferschürfende, nachdenkliche Dystopien sucht, musste schon immer kurz vor Millers nach Reifen, Öl, Benzin und Feuer müffelnder Schrauberwerkstatt schräg abbiegen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 24. Sep 2018, 20:07

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Inception

Satte 160 Millionen Dollar hatte der britische Filmemacher Christopher Nolan („Batman Begins“) für seinen 2010 veröffentlichten Science-Fiction-Heist-Action-Thriller „Inception“ zur Verfügung. Sein Budget sieht man dem Film an. Aber macht das den vierfachen Oscar-Gewinner wirklich zu einem herausragenden Erlebnis?

Dominick Cobb (Leonardo DiCaprio, „The Beach“) ist der Kopf einer Geheimorganisation, die eine Technik entwickelt hat, in die Träume anderer Menschen einzudringen und dort Informationen zu stehlen („Extraction“). Cobb ist es darüber hinaus möglich, neue Informationen ins Unterbewusstsein träumender Menschen einzupflanzen („Inception“). Der Vorgang ist hochkomplex und nicht ungefährlich, was Cobb selbst am besten weiß, seit er seine Frau Mal (Marion Cotillard, „Public Enemies“) bei einem missglückten Experiment verlor und seither von Schuldkomplexen geplagt wird. Da es zudem so aussah, als habe er seine Frau getötet, musste er ohne seine Kinder aus den USA fliehen. Als eine „Extraction“ aus dem Geschäftsmann Saito (Ken Watanabe, „Flags of Our Fathers“) fehlschlägt, wird Cobb von ebenjenem engagiert, am Konzernerben Fischer (Cillian Murphy, „28 Days Later“) eine „Inception“ durchzuführen, damit dieser das Unternehmen zerschlägt und somit eine Monopolbildung verhindert wird. Skeptisch nimmt Cobb den Auftrag an, weil Saito ihm zusagt, sich im Gegenzug um eine Amnestie für Cobb zu bemühen und dafür zu sorgen, dass er seine Kinder wiedersehen könne…

Fürwahr, das nenne ich erst einmal ein originelles und intelligentes Drehbuch, das Lust auf die Geschichte und die damit verbundenen Gedankenexperimente macht. Und auch optisch macht „Inception“ einiges her, wartet mit tollen visuellen Effekten auf. Fast schon simplizistisch mutet es angesichts der Handlung mit ihrem komplexen Regelwerk an, wenn ein Fahrstuhl als Metapher für verschiedene Bewusstseinsebenen herhält. Leider ist „Inception“ mit all seinen ineinander verschachtelten Realitäts- und Traumebenen und von Ariadne (Ellen Page, „An American Crime“) architektonisch erschaffenen Traumwelten so sehr überkonstruiert, dass er schnell keine rechte Freude mehr bereitet. Da wird es schwierig, den Überblick zu bewahren. Um dafür Motivation aufzubringen, bräuchte es Empathie oder Spannung, doch letztere leidet unter der Beliebigkeit der Handlung, in der schlicht alles möglich scheint, und erstere unter der emotionalen Kälte des wie ein steriler Bürokomplex wirkenden Films.

Und „Inception“ nimmt sich Zeit, erklärt unheimlich viel, zögert Informationen hinaus – und streckt sich so auf beinahe zweieinhalb Stunden! In dieser langen Zeit gerät er immer mal wieder zum hektisch geschnittenen Hochglanz-Action-Thriller mit wüsten Ballerszenen, weil vermutlich auch ein Nolan wusste, was das Publikum sehen möchte. Doch auch diese Momente lassen größtenteils kalt, drohen gar, die Prämisse der Handlung zu sehr in den Hintergrund zu rücken. Wird diese wieder prominenter, wird’s jedoch schnell wieder zu kompliziert, sodass letztlich auch die finale Pointe wirkungslos verpufft. Der hochkarätig, in Nebenrollen mit Namen wie Michael Caine („Der tödliche Schwarm“), Tom Hardy („Sucker Punch“) und Tom Berenger („Platoon“) besetzte Film bleibt unterkühlt und seelenlos – und das, obwohl er Träume und menschliches Bewusstsein zum Inhalt hat! Dieser Widerspruch ist das Hauptproblem dieses antiseptischen Bombastkinowerks, das es nie aus seiner Künstlichkeit herausschafft. Damit wird „Inception“ seiner beeindruckenden Technik, seiner visuellen Opulenz und seines psychologischen Anspruchs zum Trotz zu einer Enttäuschung, insbesondere vor dem Hintergrund des Hypes, den er auslöste. Geht es um Träume, bevorzuge ich also weiterhin Freddy Krueger und stelle fest, dass ich mit Nolans Filmen außerhalb der „Batman“-Trilogie nicht wirklich warm werde.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 26. Sep 2018, 14:18

Tatort: Die fette Hoppe

Realitätskonformes Stresskonzept

War Humor in der öffentlich-rechtlichen TV-Krimireihe „Tatort“ bisher eher die Domäne der Münsteraner um Jan Josef Liefers und Axel Prahl, lief ihnen 2013 der MDR mit dem ursprünglich als einmaliges Weihnachtsgeschenk am 26.12.2013 geplanten Weimarer „Die fette Hoppe“ um das Ermittlungsduo Nora Tschirner („Keinohrhasen“) und Christian Ulmen („Herr Lehmann“) den Rang ab. Das Drehbuch des „Bullyparade“-Autors Murmel Clausen und des erfahrenen „Tatort“-Schreibers Andreas Pflüger verfilmte Franziska Meletzky, die zuvor bereits toternste Beiträge der Reihe gedreht hatte, z.B. mit vier „Stromberg“-Episoden aber auch komödiantische Erfahrung sammeln konnte und für „Dr. Psycho“ bereits mit Ulmen zusammengearbeitet hatte.

Der Hamburger Kommissar Lessing (Christian Ulmen) wird nach Weimar versetzt, wo er seine schwangere Kollegin Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) im Rahmen seines ersten Einsatzes kennenlernt: Ein Maskierter hat das Rathaus überfallen und Dorn als Geisel genommen. Lessing kann den Übeltäter überwältigen, doch der Vorfall stellt sich lediglich als Übung heraus, in die er nicht eingeweiht war. Der erste echte Fall lässt jedoch nicht lange auf sich warten: Brigitte Hoppe (Elke Wieditz, „Die Leiden des jungen Werthers“), Besitzerin der örtlichen Großfleischerei, Anbieterin der beliebten Rostbratwurst „Fette Hoppe“ und zugleich meistgehasste Person Weimars, gilt als vermisst, seit ihr Wagen mit Blutspuren aufgefunden wurde. Dorn und Lessing beginnen ihre Ermittlungen bei Hoppe-Sohn Sigmar (Stephan Grossmann, „Tatort: Dinge, die noch zu tun sind“), der zur jungen, jedoch bereits zweimal verwitweten Nadine Reuter (Palina Rojinski, „Männerherzen“) eine Affäre unterhält. Ein Erpresser meldet sich bei Sigmar und verlangt 45.000 Euro Lösegeld. Die Summe macht stutzig: Handelt es sich tatsächlich um eine Entführung und das Opfer ist noch am Leben? Ins Visier geraten ferner Kutscher Caspar Bogdanski (Dominique Horwitz, „Ein tödliches Wochenende“) sowie die die fingierte Geldübergabe vermasselnde Behördenmitarbeiterin Frau Olm (Ramona Kunze-Libnow, „Stromberg“) …

„Die fette Hoppe“ ist erfrischend anders, auch als die häufig so bemüht witzige Konkurrenz aus Münster. Die Charaktere der beiden Ermittlerfiguren sind nicht grell überzeichnet, sind keine Parodien. Dafür haben sie einen sympathischen Hang zur Selbstironie, aber auch zu einem abgeklärten Sarkasmus, was ihnen eine gewisse Distanz zum Fall zu wahren behilflich ist. Diesen lösen sie schließlich mit Intelligenz, List und der Unterstützung von Spurensicherung, Technik & Co. Eine nicht ungefähre Rolle spielt dabei auch die Menschenkenntnis: In Weimar kennt jeder jeden, was das Drehbuch ebenso hervorhebt, wie es die Kleinstadt als Kulturmetropole herauskehrt. Das klassische Whodunit? kommt dabei nicht zu kurz, ganz im Gegenteil: Es lässt sich fröhlich miträtseln. Der Humor speist sich aus unorthodoxen Ermittlungsmethoden, den Seitenhieben Dorns und Lessings aufeinander und viel Wortwitz. Dem Fall an sich geht dafür noch etwas das überzeichnete, karikierende Skurrile ab, das in späteren Weimarer Beiträgen zur Reihe auf die Spitze getrieben werden sollte – es blieb nämlich nicht bei diesem einmaligen Weimarer „Tatort“, Dorn und Lessing ermitteln in unregelmäßigen Abständen weiter und ihre Figuren wurden weiter ausgearbeitet.

Klugscheißer Lessing wirft mit erfundenen Statistiken um sich („Na und? In 99 % aller Fälle komme ich damit durch!“), wovon sich Dorn reichlich unbeeindruckt zeigt. Weshalb die Chemie zwischen beiden von Anfang an trotz gegenseitiger Sticheleien so gut ist, enthüllt das Drehbuch schließlich als große Überraschung, was beinahe ein bisschen schade ist, da sie die Beziehung beider zueinander, insbesondere die nassforsche Art Dorns, stark relativiert. Nichtsdestotrotz: „Die fette Hoppe“ ist ein gelungener Spagat zwischen Humor und klassischer Krimikost, ist lustig und spannend zugleich und bietet einige echte Lacher. Die Besetzung ist auch in den Nebenrollen stark; Rojinski als heiße männermordende Füchsin, Horwitz als trunksüchtiger, verbitterter Kutscher und Grossmann als vermeintliches „Würstchen“ wissen allesamt zu überzeugen. Auch musikalisch lässt dieser Fall aufhorchen, allem voran die verschiedenen Neuinterpretationen der bekannten „Tatort“-Titelmelodie. Alles in allem ein sehr würdiger Weimarer Einstand.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 4. Okt 2018, 14:23

Tatort: Der scheidende Schupo

Kinderkacke

Für gewöhnlich flimmern die Weimarer „Tatorte“ ums Ermittlungsduo Lessing/Dorn (Christian Ulmen/Nora Tschirner) an einem Feiertag oder ähnlich bedeutsamen Datum über die Mattscheibe. Der vierte Fall dieser Reihe datiert seine Erstausstrahlung auf den 05.02.2017, laut schneller Netzrecherche der „Tag der Wetterleute“ in den USA, der „Runeberg-Tag“ in Finnland sowie der Welt-Nutella- oder auch der Hast-du-gepupst?-Tag. Zumindest die beiden Letztgenannten würden so etwas wie einen Bezug zumindest erahnen lassen, dazu später mehr. Wie üblich stammt das Drehbuch von den Weimar-„Tatort“-Stammautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, während der für Thriller-ähnliche „Tatorte“ bekannte Regisseur Sebastian Marka („Tatort: Es lebe der Tod“) erstmals unter Beweis stellen darf, dass er „auch lustig kann“.

Schutzpolizist Ludwig Maria Pohl (Arndt Schwering-Sohnrey, „Anatomie“), von allen nur „Lupo“ genannt, trifft eine folgenschwere Entscheidung: Seit langem (un)heimlich in Kommissarin Dorn verliebt, beendet er seine Beziehung zu Andrea Münzer (Florentine Schara, „Rammbock“). Aus allen Wolken fallend zerstört sie aus Rache in Rage seine geliebten Rosenbeete, wobei sie jedoch die Explosion einer unter ihnen deponierten Bombe auslöst und seither „größtenteils vermisst wird“. Zweifelsohne galt dieser Anschlag eigentlich Lupo, und der Mörder scheint auf Nummer sicher gehen zu wollen: Mit einer Rizinvergiftung, gegen die kein Kraut gewachsen ist, wird Lupo ins Krankenhaus eingeliefert. Er hat nur noch 72 Stunden zu leben. Dorn und Lessing nehmen die Ermittlungen auf, die in eine Porzellanmanufaktur führen, in der die Schwestern Desiree (Katharina Heyer, „Stellungswechsel“) und Amelie Scholder (Laura Tonke, „Bittere Unschuld“) um ein Millionenerbe streiten – auf das, wie sich überraschend herausstellt, auch Lupo einen Mitanspruch hat, seit seine mütterliche Freundin Olga (Carmen-Maja Antoni, „Rosa Roth“) einen Vaterschaftstest durchgesetzt hatte. Diese wiederum ist die Mutter des Kleinkriminellen Ringo Kruschwitz (Florian Panzner, „Kleinruppin Forever“), den kein Geringerer als Lupo einst ins Gefängnis brachte…

Dieser sehr verschachtelte Fall, der nach und nach diverse Verwandtschafts- und Beziehungsverhältnisse bis ins Inzestuöse offenlegt, führt in die Welt des feinen, doch so zerbrechlichen Porzellans, das dann sprichwörtlich auch viel zerschlagen wird. Im Mittelpunkt steht dabei diesmal der bemitleidenswerte Lupo, der groß auftrumpfen darf, wenn er kurzerhand seinen eigenen Chef als Geisel nimmt und auch von der Schusswaffe Gebrauch macht. Den Überblick zu bewahren erfordert einige Konzentration, wofür die interessant und ambivalent konzipierten Figuren entschädigen. Klassische Spannung tritt diesmal deutlich in den Hintergrund, was vor allem daran liegt, dass das Informationsdefizit des Publikums das Miträtseln erschwert; neue, überraschende Erkenntnisse liefern fortwährend neue Motive und Verdächtige. Der Humor geriet sehr trocken, wobei nicht jeder Wortwitz sitzt, die generelle Ironie nicht nur des Schicksals Lupos dafür umso besser. Lessing klugscheißt diesmal botanisch und psychologisch und muss sich in einem dann doch unvorhergesehen nervenaufreibenden Showdown behaupten. Der Epilog löst schließlich sämtliche Handlungsfäden und Fährten auf, durchaus befriedigend, wenn auch bewusst und vielleicht etwas bemüht kurios. Und natürlich muss Lupo nicht das Zeitliche segnen, wofür man leider eine denkbar schwache Erklärung findet. Das lässt das Drehbuch dann doch etwas unrund wirken.

Zu den eingangs erwähnten Tagen passt das Chemieklo voller Babykot, das die Ermittler im Kofferraum ihres Autos durch die Gegend kutschieren und anscheinend nicht dicht genug ist, um tatsächlich alle Gerüche in sich zu bewahren – sehr zum Leidwesen auch anderer das Fahrzeug Annektierender. Geruchsfernsehen gibt es ja aber glücklicherweise nicht und so gibt es über meine genannten Kritikpunkte hinaus nichts, worüber es die Nase zu rümpfen gelte. Trotz allem halte ich Porzenit aber für eine wirklich gute Idee...
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 30. Okt 2018, 13:41

Tatort: HAL

„Das Gefühl, das Sie beschreiben, setzt einen biochemischen Prozess voraus. Er dient der Fortpflanzung und letztlich dem Arterhalt. Das Problem des Arterhalts stellt sich nur vor dem Hintergrund der Sterblichkeit. Ich aber kann nicht sterben. Ich kann mich nur verbessern.“

Der 19. Fall des Stuttgarter „Tatort“-Ermittlungsduos Thorsten Lannert und Sebastian Bootz (Richy Müller und Felix Klare) ist ein durchaus gewagter Gehversuch auf fremdem Terrain: dem der Science-Fiction. Der mit seinem Titel an den ein Eigenleben entwickelnden Supercomputer „HAL 9000“ aus Stanley Kubricks visionärem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ angelehnte „Tatort“ wurde 2016 produziert und erstausgestrahlt, spielt jedoch in der nahen Zukunft des Jahres 2017. Die Regie führte der erfahrene „Tatort“-Autor und -Regisseur Niki Stein, der auch das Drehbuch verfasste.

Die Schauspielschülerin Elena Stemmle (Sophie Pfennigstorf, „Öl - Die Wahrheit über den Untergang der DDR“) wird tot am Neckarufer geborgen. Für den Online-Escortservice „Love Adventure“ verdingte sie sich als Edelprostituierte und stand außerdem dem Social-Analysis-Programm des Software-Unternehmens Bluesky zur Verfügung. Deren Entwickler David Bogmann (Ken Duken, „Die Nacht der Engel“) und Geschäftsführerin Mea Welsch (Karoline Eichhorn, „Der Felsen“) werten Big Data aus, um individuelle Profile zu entwickeln und diese gewinnbringend einzusetzen – beispielsweise um Verbrechen vorauszusagen. Die Ermittler stoßen auf ein Snuff-Video, das Stemmles Erstickungstod beim Sex zeigt – es wurde von Bogmanns IP-Adresse ins Darknet geladen. Damit ist er der Hauptverdächtige. Doch kann man diesem Video trauen? Bogmann beteuert seine Unschuld...

„Du kannst mich ja liken, wenn’s dir gefallen hat.“

„HAL“ greift das beliebte Motiv der sich verselbständigenden, ihren Schöpfern über den Kopf wachsenden und schließlich zur tödlichen Bedrohung werdenden künstlichen Intelligenz auf (für die der etwas in Vergessenheit geratene „Des Teufels Saat“ ein frühes Beispiel ist) und vermengt es mit aktuellen, ganz realen Entwicklungen um die Nutzbarkeit von Big Data sowie die Manipulationsmöglichkeiten von bewegten Bildern. Die deftigen (natürlich nicht realen) Snuff-Bilder haben Verstörungspotenzial und leiten über in eine drei Monate vorm Leichenfund einsetzende Rückblende, die Bluesky und Bogmann näher umreißt. Die Ermittlungsarbeit der Polizei gestaltet sich daraufhin nicht einfach, wobei ihr mitunter auch ihre eigene Naivität im Weg steht: KI-Avatare werden für echte Menschen gehalten und einem Chatroboter der Dienstausweis gezeigt. Interessanter ist da der zunehmend eskalierende Konflikt zwischen Bogmann und der Bluesky-Software, deren Selbsterhaltungsmaßnahmen er kaum etwas entgegenzusetzen hat, wie er erstaunt feststellen muss, und das sich schließlich gegen ihn richtet. Nebenschauplätze wie zwischenmenschliche Beziehungen wurden mal mehr, mal weniger passabel in die Handlung eingewoben, verblassen neben dem Kampf Mensch versus Technik jedoch.

Die Vorbilder sind etwas zu groß für diesen „Tatort“. Den sich durch die zahlreichen Anspielungen auf „2001“ (Eingangssequenz, das „Hänschen klein“-Lied, Namensähnlichkeiten etc.) aufdrängenden Vergleichen hält man nicht stand und auch das Kafkaeske, das die nach Werken Franz Kafkas benannten Filmkapitel suggerieren, bleibt man weitestgehend schuldig. Am spannendsten ist, wie der digitale Overkill unterschiedlicher Ausrichtung zusätzlich mit dagegen fast banal erscheinender analoger Sexualität vermischt wird, der sich auch kein noch so intelligenter Entwickler entziehen kann. Diverse visuelle Kabinettstückchen wie Point-of-View-Perspektiven, Kamerafahrten und technokratische Kulissen stehen im Kontrast zu bisweilen etwas steifen Dialogen, etwas vielen Klischees und letztlich einem allzu dicken Auftragen nach dem Motto „Übertreibung veranschaulicht“, zu Ungunsten von kriminologisch und gesellschaftlich Relevanterem wie z.B. der Einstellung der Ermittler und des LKAs zum fragwürdigen Verbrechenspräventionsanspruch Blueskys. Dennoch ist „HAL“ ein Fall, der sich angenehm technikkritisch gibt, ohne kulturpessimistisch zu sein, zum verantwortungsbewussten Umgang mit den immer zahlreicher werdenden Möglichkeiten der Datenauswertung mahnt und nicht zuletzt auch den kritischen Blick auf vermeintlich authentisches Material schärft.

Schade, dass er wirkt, als habe er einen Spagat zwischen klassischer „Tatort“-Unterhaltung und Science-Fiction-Sujet versuchen müssen, ohne eines von beiden wirklich konsequent zu bedienen. Da wäre mehr drin gewesen. Dennoch stimmt die Richtung und wird der Beweis angetreten, dass ein „Tatort“ mit Science-Fiction-Motiven durchaus funktionieren kann. Wohlwollende 6,5 von 10 Love Adventures dafür.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 1. Nov 2018, 20:07

Tatort: Blut

„Die Kehle ist völlig zerfetzt!“

Nachdem der erste Halloween-„Tatort“ 2017, der Frankfurter „Fürchte dich“, ein Volltreffer war, griff man das Konzept der Spezialausgabe anlässlich der Gruselfeierlichkeiten 2018 erneut auf und präsentierte mit „Blut“ einen Horrorkrimi mit Vampir-Thematik ums Bremer Ermittlungsduo Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen). Für Regisseur Philip Koch („Picco“) wurde es der bereits vierte Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe, das Drehbuch verfasste er zusammen mit Holger Joos.

Drei junge Frauen sehen sich gemeinsam einen Horrorfilm an und verabschieden sich schließlich voneinander. Auf dem Heimweg wird Julia Franzen (Lena Kalisch, „Wolkenbruch“) von Nora Harding (Lilith Stangenberg, „Wild“) angefallen und derart stark in den Hals gebissen, dass sie verblutet. Anna Welter (Lilly Menke, „Tatort: Tiere der Großstadt“) ist Zeugin der Tat, wird von Nora verfolgt und schließlich vollkommen paralysiert aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Erscheinen Annas Aussagen zunächst noch unglaubwürdig, bestätigt auch Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner, „Der Zimmerspringbrunnen“), dass die Bissverletzungen von keinem Tier stammen können. Lürsen und Mommsen begeben sich auf die Suche nach der Mörderin und Germanistikprofessor Syberberg (Stephan Bissmeier, „Stadtgespräch“) versucht die Polizei davon zu überzeugen, dass Vampire real seien. Stedefreund beschäftigt sich mit Syberbergs Buch und wird schließlich selbst von Harding gebissen…

Kein Whodunit?, dafür Horror: Der Auftakt ist nichts anderes als ein (gelungenes) „Scream“-Zitat und bringt auch darüber hinaus typische Slasher-Suspense-Szenen in einen „Tatort“ – das ist ungewöhnlich und für Freunde jenes Subgenres besonders schön. Der Mord im Park ist schockierend und perfekt inszeniert, die ganze Exposition damit auf hohem Niveau. Im weiteren Verlauf dominiert ein ruhiges Erzähltempo, unterbrochen von Gewalt- und Emotionseruptionen. Der Germanistikprof tritt als Van-Helsing-Verschnitt in Erscheinung; die Handlung entwickelt sich in Richtung eines Horrordramas mit deutlichen Versatzstücken aus „So finster die Nacht“: Nora entpuppt sich als einsame Seele, die mit einem älteren Mann zusammenlebt, der seine schützende Hand über sie hält, in diesem Fall ihr kranker Vater Wolf (Cornelius Obonya, „Erik & Erika“). Das ist eher als Hommage denn als Plagiat zu verstehen, dennoch hätte etwas mehr Eigenständigkeit dem Fall sicherlich nicht geschadet.

Angenehm originell ist jedoch, wie sich Stedefreund immer stärker in die Vampirthematik hineinsteigert, bis er sogar von einer nackten Vampirin träumt (dankenswerterweise visualisiert, bringt dies doch einen Klecks Erotik in den Film) oder im Fieberwahn gar glaubt, selbst zum Vampir zu werden. Welche Streiche einem die eigene Psyche spielen kann, ist hier sehr anschaulich in die Handlung eingewoben worden. Ein wahres Pfund ist zudem die Verpflichtung Lilith Stangenbergs. Wenn der geschätzte Kollege Santini schreibt, sie wecke den Beschützerinstinkt des Zuschauers, gleichzeitig wolle man jedoch nicht mit ihr in einem Raum sein, und von einer „äußerst gelungenen schauspielerische Gratwanderung“ schreibt, kann ich ihm nur beipflichten. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

Lange Zeit bezieht dieser Fall gerade auch aus der Frage, ob es sich bei Nora tatsächlich um einen Vampir handelt oder lediglich um eine junge Frau mit einem psychischen Defekt, seine Spannung. Die Auflösung ist dann nicht gänzlich gelungen und wirkt mitsamt des Finals zu überkonstruiert, der Quasi-Cliffhanger zum nächsten Bremer „Tatort“, nach dem Mommsen bereits seinen Ausstieg bekannt gegeben hat, hat es dafür umso mehr in sich. Man darf gespannt sein und sich bis dahin über diesen größtenteils wirklich gut gelungenen, blutigen, schaurigen und atmosphärisch herbstlich bedrückenden Halloween-„Tatort“ freuen.

P.S.: Stephan Bissmeier wurde vorrangig wegen seines Namens gecastet, oder…?
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 2. Nov 2018, 14:37

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See No Evil

„Dein Schicksal klopft an die Tür!“

US-Regisseur Gregory Dark ist eigentlich Pornofilmer („New Wave Hookers“), wurde jedoch von der ins Spielfilmgeschäft eingestiegenen WWE (World Wrestling Entertainment) verpflichtet, den Slasher „See No Evil“ zu inszenieren, der 2006 veröffentlicht wurde und in der Rolle das Maniac on the loose mit dem hünenhaften Zwei-Meter-Fünfzehn-Wrestler Kane aufwartet.

„Er ist die Hand Gottes!“ (Maradona, bist du’s?)

Eine Gruppe jugendlicher Sträflinge soll das verlassene Blackwell-Hotel aufmöbeln, um eine Haftverkürzung zu erlangen. Doch was sie nicht weiß: In den alten, verwinkelten Gemäuern treibt Jacob Goodnight (Kane) sein Unwesen, ein derangierter, grobschlächtiger Serienmörder, der einst einem Polizisten einen Arm abschlug und den auch eine Revolverkugel in den Kopf nicht zur Strecke bringen konnte. Goodnight hat es besonders auf die Sehorgane seiner Opfer abgesehen und löscht bald einem Teenager nach dem anderen das Augen- und Lebenslicht aus…

„Siehst du nicht das Böse in ihren Augen?“

Der brutale Prolog, der die Armamputation des Police Officers ebenso zeigt wie trickreiche Zooms in leere Augenhöhlen, macht die Marschrichtung bereits klar; als ein weiterer Bulle einen Haken durch den Unterkiefer geschlagen bekommt, weiß man: Ob nun Porno oder Horror, Dark versteht es, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Das Drehbuch ist da – eine weitere Parallele zum Fleischfilm – eher übersichtlich und greift bereitwillig zahlreiche Subgenre-Klischees auf: Die grob skizzierten Opferfiguren wirken wie Karikaturen jener Eigenschaften, die sie verkörpern sollen, die Mädels sind keine Hässletten, ziehen auch mal blank und fast alle haben Bock auf Petting und Dope. Wer will es ihnen verdenken?

Na, neben der US-Strafjustiz natürlich Jacob Goodnight, der im Schmuddelambiente des sich näher am Zerfall denn am fünften Stern befindenden, übergroßen Hotels einige verdammt fiese Drehbucheinfälle in ebensolchen Szenen umsetzt. Neben mehreren ausgerupften Augäpfeln muss die Vegetarierin unter den Opfern dran glauben, indem sie von Hunden gefressen wird. Diese Szene wird zwar lediglich angedeutet, verdeutlicht aber den pechschwarzen, politisch inkorrekten Humor des Streifens. Kurze Rückblenden in Goodnights Kindheit lassen die Ursprünge seines Wahnsinns erahnen, ohne dass man sie weiter ausgewalzt hätte. Goodnight ist fast den gesamten Film über stumm wie ein Fisch bzw. wie ein Jason oder Michael – auf den letzten Filmmetern legte man ihm aber doch noch ein paar Worte in den Mund.

Die Pointe, die hier nicht verraten ist, ist gelungen, den Abschlussgag hätte man sich jedoch ebenso sparen können wie die grausame Abspannmusik. „See No Evil“ bleibt stets im enggesteckten Rahmen seines Subgenres und damit alles andere als experimentierfreudig, dafür aber mit rund 80 Minuten Spielzeit kurz und kompakt. Atmosphärisch kann er den großen Vorbildern kaum das Wasser reichen – davon einmal abgesehen ist die Gregory-Dark/WWE-Kollaboration aber ein kompromissloser, brutaler Oldschool-Slasher, wie man ihn liebt oder hasst.
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