Obras maestras del terror - Enrique Carreras (1960)

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Obras maestras del terror - Enrique Carreras (1960)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 11. Jun 2018, 13:01

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Originaltitel: Obras meastras del terror

Produktionsland: Argentinien 1960

Regie: Enrique Carreras

Darsteller: Narciso Ibáñez Menta, Mercedes Carreras, Narciso Ibáñez Serrador, Inés Moreno, Francisco Cárdenas

Die argentinische TV-Serie OBRAS MAESTRAS DEL TERROR, deren erste Staffel im Jahre 1959 es auf insgesamt drei Episoden bringt, muss mit ihren auf Kurzgeschichten von Edgar Allen Poe basierenden Schauerstücken ein wahrer Publikumserfolg gewesen sein. Anders lässt es sich wohl nicht erklären, dass die Argentinia Sono Film S.A.C.I. sich bereits im Folgejahr dazu entschließt, alle drei Folgen noch einmal zu verfilmen – erneut mit Narciso Ibáñez Menta in der jeweiligen Hauptrolle, nunmehr aber zu einem Kinofilmstrauß zusammengebunden.

Eingebettet sind EL CASEO DEL SENOR VALDEMA (nach THE FACTS IN THE CASE OF M. VALDEMAR, 1845), EL TONEL DE AMONTILLADO (nach THE CASK OF AMONTILLADO, 1846) und EL CORAZÓN DELATOR (nach THE TELL-TALE HEART, 1843) in eine quirlige Rahmenhandlung: Die Herrschaften sind ausgeflogen, der Liebste lässt sich nicht zum Gesellschaftleisten überreden, also vertreibt die junge Bedienstete sich den Abend damit, im Salon ihrer Arbeitgeber ein zufällig herumliegendes Büchlein mit Erzählungen Poes zu durchschmökern. Was zartbesaitete Gemüter die Nacht kein Auge hätte zubekommen lassen – ich denke nur an meine erste Begegnung mit Poe als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger; "it gave me the creeps"! –, ringt unserer Heldin jedoch nur ein müdes Gähnen ab, und selbst solche fiesen Attacken aus dem Arsenal plakativer Grusel-Effekte wie ein vom draußen tobenden Unwetter aufgestoßener Fensterladen oder eine plötzlich wie von Sinnen zu kreischen anfangende Katze steckt das Dienstmädchen locker weg. Nur am Ende ist es ein ihr vor die Füße huschendes Mäuschen, das sie komplett die Fassung verlieren lässt. Da lacht die Gänsehaut…

Freilich ist OBRAS MAESTRAS DEL TERROR aber nun wirklich auch kein Werk, das einem geeichten Connoisseur einschlägiger Genre-Ware heute noch das Blut in den Adern zum Gefrieren bringt. Allein die Laufzeit von über zwei Stunden nährt den sich in der Folge bestätigenden Verdacht, dass die sich löblicherweise weitgehend an den literarischen Vorlagen entlanghangelnden Episoden stellenweise sehr dialoglastig und langatmig inszeniert worden sind. Wenn in EL CASEO DEL SENOR VALDEMA ein Wissenschaftler seinen todkranken Freund noch nach dessen Ableben per Mesmerismus am Leben hält, worauf dieser, obwohl äußerlich ohne Lebensanzeichen, mittels Geisterstimme aus dem Off bzw. Jenseits Rede und Antwort auf penetrante Fragen zu leisten imstande ist, und wenn in EL TONEL DE AMONTILLADO ein gehörnter Ehemann furchtbare Rache an seiner treulosen Ehegattin und deren Liebhaber nimmt, indem er letzteren bei lebendigem Leib in seinem Weinkeller einmauert, und wenn in EL CORAZÓN DELATOR ein junger Mann von seinem Arbeitgeber, einem menschenfeindlichen Geizhals, der seine zusammengerafften Schätze nachts unter den Bodendielen seines Antiquitätengeschäfts hervorholt, um sich irre gackernd an ihnen zu laben, in einem Moment des Wahns erstickt und zerstückelt, dann bringt OBRAS MAESTRAS DEL TERROR das auf durchweg konventionelle Weise auf die Leinwand, deren wenig impressiven Kameraarbeit, soliden Studiokulissen und kaum memorablem Orchesterscore man nicht nur die Verwurzelung im TV-Metier ansieht/anhört, sondern deren Drehbücher einen auch spüren lassen, dass Regisseur Enrique Carreras manchmal Mühe gehabt haben muss, die knackigen, pointierten, geradlinigen Originalgeschichten zu einer Länge zwischen dreißig bis fünfzig Minuten aufzuplustern, ohne sie komplett von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Negativ fällt das auf, wenn zum Beispiel die dritte (und längste) Episode etliche Szenen damit totschlägt, die ambivalente Beziehung zwischen dem einäugigen Antiquar und seinem Famulus zu schildern bzw. das inhumane Verhalten des argentinischen Ebenezer Scrooge bedürftigen Witwen und Waisen gegenüber, oder wenn die erste Episode von einer weitgehend storyfernen Rückblende künstlich gestreckt wird: Es ist zwar nicht uninteressant, wenn eine junge Frau zunächst beinahe vergewaltigt wird, dabei der sich in ihrer Obhut befindliche Säugling zu Tode kommt, und sie schließlich, traumatisiert von dem Vorkommnis, in einer Nervenheilanstalt von einem entlaufenen Lüstling in den Selbstmord getrieben wird, wirklich erschlossen hat sich mir die Verbindung zwischen dieser fiebrigen Märtyrererzählung und dem Plot um Herrn Valdema nicht – mal abgesehen davon, dass der Suizid seiner Patientin Valdemas behandelnden Arzt Dr. Eckstorm bei seinen Kollegen in den Ruf eines Scharlatans versetzt. Eine schon gelungenere Idee ist es, die zweite Episode ins Jahrmarktsmilieu zu verpflanzen. Als da Bänkelsänger auftraten, und bunte Fahnen wehten, und man betrunken auf Tischen tanzte, dachte ich schon kurzzeitig, man habe THE TELL-TALE HEART mit HOP-FROG vermengen wollen.

Dass OBRAS MAESTRA DEL TERROR letztlich mehr ist als ein Artefakt von rein filmhistorischem Interesse, bei dem die Kollision zwischen den beiden Aspekten „Poe-Verfilmung“ und „Argentinien 1960“ für einen Exoten-Bonus sorgt, der keinen Cinephilen kaltlassen dürfte, kann man, meiner Meinung nach, auf zwei Hauptgründe zurückzuführen. Der erste hat mit Narciso Ibáñez Menta zu tun, einem wahren Veteranen des spanischsprachigen Kinos, der fürs argentinische Fernsehen den Grafen Dracula (OTRA VEZ DRÁCULA, 1970) und Adolf Hitler (EL MONSTRUO NO HA MUERTO, 1970) gab, für Paul Naschy (EL RETORNO DE HOMBRE LOBO, 1980) und Léon Klimovsky (TRES CITAS CON EL DESTINO, 1954) vor der Kamera stand, und dessen Karriere von Anfang der 1940er bis in die 2000er hinein reicht. In vorliegendem Film leiht er den antagonistisch-absonderlichen Figuren jeder Episode nicht nur ein leidenschaftlich-theatralisches Schauspiel, sondern ebenso einen durch Maskeraden im Stil Lon Chaneys verfremdeten Körper. Ob sich nun sein von einem Ziegenbart dominiertes Gesicht mit dem einen, blinden Auge in einem expressionistischen Gefecht zwischen Scheinwerferlicht und Schlagschatten zu einer grotesken Fratze verzieht, oder ob er als Dr. Eckstorm wild gestikulierend seine Akademiekollegen davon zu überzeugen versucht, dass sein Freund Valdemar nicht nur im Wachkoma liegt, sondern tatsächlich klinisch tot ist, oder ob er als Señor Samivet diabolisch gackernd sein immer betrunkener werdendes Opfer immer tiefer in die Katakomben seines Weinlagers lockt – Menta versteht es, den Poe’schen Anti-Helden das aristokratische Grandeur weltgewandter, gebildeter Lebemänner zu verleihen, sie zugleich aber als manische, von ihren Affekten geführte oder gleich komplett abgrundtief böse Charaktere zu zeichnen, bei denen höflichen Gesten jederzeit in schlicht irreale Handlungen umschlagen können. Der Vergleich zu den Rollen, die Vincent Price in den AIP-Poe- bzw. -Pseudo-Poe-Produktionen Roger Corman ebenfalls ab 1960 bestreitet, liegt derart nahe, dass man ihn kaum noch zu erwähnen braucht – zumal Price und Menta sich rein physiognomisch nicht unähnlich sehen. Ebenfalls sollte klar sein, dass gegen Mentas extrovertiertes Spiel kaum einer der übrigen Darsteller ankommt. Erwähnenswert – allein wegen der ihm geschenkten Laufzeit – ist wohl noch Narciso Ibáñez Serrador, der Jüngling in EL CORAZÓN DELATOR, der als Regisseur und Drehbuchautor immerhin 1969 respektive 1976 mit LA RESIDENCIA und QUIÉN PUEDE MATAR A UN NINO? zwei Klassiker des spanischsprachigen Horrorkinos geschaffen hat.

Der zweite Grund, weshalb ich kein bisschen bereue, OBRAS MAESTRAS DEL TERROR nun schon zwei Abende meiner Lebenszeit gewidmet zu haben, sind drei wohlbesonnene Schock-Effekte. Das Finale von EL CASEO DE SENOR VALDEMAR liefert jedem Trickspezialisten dankbare Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen. Erweckt aus seinem Totenschlaf, holt der Leichnam des titelgebenden Mesmerisierten die Zeit zwischen seinem Ableben und der Gegenwart im Eiltempo nach, und verwandelt sich vor den Augen seines Arztes und dessen Kollegen innerhalb weniger Sekunden in einen halbverwesten Kadaver. Da glibbert und blubbert es, dass Lucio Fulci seine Freude daran hätte. Wohl seit dem italienischen Experimentalfilm IL CASO VALDEMAR von 1936 hat sich keine Verfilmung des Stoffs derart im genüsslichen Zelebrieren des Übergangs von organischer in unorganischer Materie ergangen. Verglichen dagegen ist Vincent Prices posthumes Ableben in TALES OF TERROR (1962) eine harmlose Leichenschau für die ganze Familie. Genauso drastisch habe ich das Ende von EL TONEL DE AMONTILLADO empfunden - jedoch nicht so sehr wegen des jungen Mannes, der dort mit der Aussicht, gefesselt in undurchdringlicher Dunkelheit hinter einer hochgezogenen Mauer elendig zu krepieren, sondern wegen der beiläufigen und dadurch umso unmenschlicheren Geste, mit der der rachsüchtige Ehegatte seinem Opfer das Schicksal von dessen Geliebter unter die Nase reibt. Nur ein Handgriff von der bereits fast bis zur Decke errichteten Mauer entfernt steht ein Wassertank, aus dem Menta die klatschnass triefende Leiche der jungen Frau herausfischt, und sie höhnisch der Kamera entgegenhält, bevor er sie wieder in ihr feuchtes Grab sinken lässt. Der dritten Episode fehlt ein derart graphischer Abschluss, dafür empfängt sie uns mit einer Reminiszenz an UN CHIEN ANDALOU: Der Großaufnahme des Auges irgendeines Schlachtviehs, das bereits zerhackt auf der Ladentheke eines Metzgers liegt, wo dieser die Fleischstücke mit seinem Beil weiter emsig bearbeitet. Solche überfallartigen Schock-Momente sucht man in dieser Form in den zeitgleich aufkeimenden AI-Produktionen vergeblich. Dafür sind die aber bunter, unterhaltsamer, flotter erzählt als OBRAS MAESTRAS DEL TERROR, den ich unterm Strich dann doch eher fortgeschritteneren Poe-Fanboys empfehle, die die bekannten Corman-Adaptionen bereits im Schlaf mitsprechen können, und denen der Sinn nach neuen Kicks steht.

Ins englischsprachige Ausland hat es OBRAS MEASTRAS DEL TERROR übrigens ebenfalls geschafft - wenn auch mit fünfjähriger Verspätung - und zwar unter der Oberaufsicht des verdienten Trash-Produzenten Jack H. Harris. Was dieser allerdings unter dem Titel MASTER OF HORROR 1965 in die Drive-In-Kinos schickte, hat mit dem Originalfilm nicht mehr allzu viel gemein: Kurzerhand fiel die gesamte letzte Episode der Schere zum Opfer, und auch die verbliebenen beiden sind um die eine oder andere Szene erleichtert, teilweise umgeschnitten und mit einem neuen Vorspann versehen worden. Besser lief es im argentinischen Fernsehen, wo es OBRAS MAESTRAS DEL TERROR bis 1962 auf noch zwei weitere Staffeln mit zwölf Episoden geschafft hat. Deren Titel - EL FANTASMA DEL OPÉRA, LA FIGURA DE CERA, LAS HUELLAS DEL DIABLO - lassen jedoch darauf schließen, dass sie mit Poe nun exakt rein gar nichts mehr zu tun haben, sondern dort stattdessen andere Schauerstoffe der Weltliteratur geplündert werden.
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