Herzflimmern - Louis Malle (1971)

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Herzflimmern - Louis Malle (1971)

Beitragvon jogiwan » 16. Jan 2014, 09:19

Herzflimmern

Bild

Originaltitel: Le souffle au coeur

Alternativtitel: Dearest Heart / Murmur of the Heart

Herstellungsland: Frankreich, Italien, Deutschland / 1971

Regie: Louis Malle

Darsteller: Lea Massari, Benoît Ferreux, Daniel Gélin, Michael Lonsdale, Ave Ninchi, Gila von Weitershausen

Story:

Laurent ist 14 und möchte endlich seine Unschuld verlieren. Er wächst in einem großbürgerlichen Haushalt der 50er Jahre auf, von seinem Vater fühlt er sich missverstanden und die beiden älteren Brüder nehmen ihn nicht ernst, obwohl sie ihn mit Alkohol, Zigaretten und Mädchen bekannt machen. Allein bei seiner Mutter Klara findet er Verständnis und sinnliche Freude am Leben, dafür vergöttert er sie. Als bei ihm ein leichter Herzfehler diagnostiziert wird, fährt er mit ihr zur Kur. Nach einem feuchtfröhlichen Abend kommt es zwischen Mutter und Sohn zu Intimitäten… (quelle: dvd-cover)
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Re: Herzflimmern - Louis Malle (1971)

Beitragvon jogiwan » 16. Jan 2014, 09:29

Interessanter "Coming-of-Age"-Streifen und unkommentiertes Sittenbild der gehobenen, französischen Bürgerlichkeit in den Fünfzigerjahren, in dem ein 14jähriger seine ersten Erfahrungen mit allerlei Laster macht und in dem auch das Thema Inzest angerissen, aber nicht ausgeschlachtet wird. Obwohl die Inhalte durchaus skandalös daherkommen ist der ganze Streifen überraschend unaufgeregt erzählt und der moralische Zeigefinger bleibt immer in der Hosentasche. "Herzflimmern" ist dann auch Drama, Komödie und Sittenbild in einem und besticht neben den tollen Darstellern und dem scheinbar müheloses Umschiffen gesellschaftlicher und moralischer Klippen vor allem durch sein Engagement, der Jugend eine Stimme zu geben und die Wirren der Pubertät aus der Sicht der Betroffenen zu erzählen. Schöner Film!
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Re: Herzflimmern - Louis Malle (1971)

Beitragvon Arkadin » 6. Mai 2014, 09:43

Der 15-jährige Laurent Chevalier (Benoît Ferreux), wächst in den 1950er Jahren im französischen Dijon auf. Zu seinem Vater Charles (Daniel Gélin) hat er nur ein sehr distanziertes Verhältnis, dafür liebt er seine italienische Mutter Clara (Lea Massari) über alles. Von seinen beiden älteren Brüdern wird Laurent animiert heimlich Bars zu besuchen, Alkohol zu trinken und Zigarren zu rauchen. Auch sein erstes sexuelles Erlebnis mit der Prostituierten Freda (Gila von Weitershausen) wird von seinen Brüdern arrangiert. Als bei Laurent eine Herzschwäche diagnostiziert wird, fährt er mit seiner Mutter in einen Kurort, wo sich beide ein Zimmer teilen müssen…

Louis Malle gehörte zwar in das nahe Umfeld der Nouvelle Vague, war aber selber nie ein Teil von ihr. Sein Spielfilmdebüt “Fahrstuhl zum Schafott” kam bereits ein Jahr vor dem Startschuss der Nouvelle Vague “Sie küssten und sie schlugen ihn” in die Kinos, und auch später war sein Platz im Spannungsfeld zwischen den jungen Filmemachern, die alle als Filmkritiker im Film Magazin ” Les Cahiers du cinéma“ ihre Sporen verdient hatten, und dem französischen „Qualitätskino“. Aber gerade hier baute Malle sein eigenes Spielfeld auf. Das Interessante an seiner Arbeit ist, dass er sich nie auf einen bestimmten Stil festgelegt hat. Vergleicht man seine Arbeiten “Zazie” und “Das Irrlicht“, so könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Oftmals wirken seine Werke, als ob hier verschiedene Regisseure am Werk gewesen wären. Denn der gelernte Dokumentarfilmer (er begann seine Filmlaufbahn als Assistent von Jaques Cousteau bei dessen Unterwasser-Dokus) erfand sich mit jedem seiner Filme neu. Der Inhalt seiner Filme bestimmten am Ende ihr Aussehen und nicht etwa irgendein Markenzeichen. In den 70er und 80er Jahren verarbeite Louis Malle auch viel Persönliches in seinen Filmen. Besonders ausgeprägt in den beiden biographischen Filmen „Auf Wiedersehen, Kinder“ und vor allem in „Herzflimmern“.

„Herzfilmmern“ erzählt von einer Jugend im Frankreich der 50er Jahre. Malle selber war zwar in den 40ern aufgewachsen, doch die Themen, denen er sich hier widmet, sind zeitlos. Es geht um die Schwelle im Leben, an der aus dem Kind ein Mann wird. Mit all den Verwirrungen, physischen und psychischen Veränderungen, dem hin und her gerissen sein zwischen der Suche nach Geborgenheit und dem eigenen Weg. Der 15-jährige Laurent ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Auf dem Weg in das Erwachsenenleben durchläuft eine Reihe von Initiationen. Die erste Zigarre, der erste Alkohol, der erste Sex. Doch noch steckt auch noch der Junge in ihm, der seine Mutter vergöttert, auch mal bockig sein kann und kindlich ausgelassen. Dem die Naivität aber bereits abhanden gekommen ist und der anfängt die Welt zu durchschauen. Benoît Ferreux spielt Laurent mit einer großen Natürlichkeit. Malle leitet seinen jungen Schauspieldebütanten präzise an, genau diesen sehr speziellen Zeitpunkt im Leben eines jungen Menschen wiederzugeben. Dabei wird nichts verklärt oder verteufelt. Laurent verhält sich natürlich auch unmoralisch. Aber Malle hebt nicht den Zeigefinger oder thematisiert dies. Er zeigt einfach nur, dies allerdings mit viel Liebe für seine Figuren und die Details. Und jeder dürfte sich in Laurent wiederfinden. Das Austesten von Grenzen, das bewusste Provozieren, um eine Reaktion hervorzurufen, das Forschen und Tasten – aber gleichzeitig auch das noch nicht ganz in der Welt der Erwachsen angekommen sein. Das Unsichere, manchmal über die Stränge schlagende und die großen und kleinen Überraschungen, die das Leben bietet.

Laurent gleicht dem jungen Malle mit seinem Interesse für Albert Camus, der Faszination von dem Thema Selbstmord, der tiefen Liebe zum Jazz, dem Aufwachsen in einem gut bürgerlichen Haushalt und die Schulzeit in einen streng katholischen Schule. Man kann sich gut vorstellen, dass auch Louis Malle seine Platten gestohlen hat, mit dem Klingelbeutel durch die Straßen gelaufen ist und mit seinen älteren Brüdern gestritten und Unfug getrieben hat. Wie er selber sagt, war er sogar – wie Laurent – einmal mit seiner Mutter nach einem Herzproblem in der Kur und musste mit ihr in einem Zimmer schlafen, was er „bizarr“ fand. Im wahrem Leben ist es aber nicht zu dem Äußersten gekommen ist, wie es der Film zeigt. Diese Inzest-Szene, die den Zuschauer recht unvorbereitet trifft, hat „Herzflimmern“ den Ruf eines Skandal-Films eingebracht. Doch selten sah man dieses Tabu-Thema so leicht und unbeschwert umgesetzt. Es wird nicht moralisch hinterfragt, und wie der Zuschauer dies bewertet, wird ihm selbst überlassen. Malle erliegt auch nicht der Versuchung, die Szene auszuwalzen und exploitiv zu verwenden. Alles verläuft eher nebenbei und nicht wie eine große Sensation. Vor allem entspannt die nachfolgende Szene, in der Laurent die von ihm verehrte Elaine aufsucht, um dann bei deren Freundin Daphne zu landen, die Situation. Und das gemeinsame Lachen der Familie am Ende verhindert ebenfalls, dass man mit einem eher flauen Gefühl im Magen den Film verlässt. Laurent hat nun mit seiner Kindheit abgeschlossen und tritt als junger, freier Mann in die Welt hinaus.

Die junge Mutter Clara wird von der bezaubernden Lea Massari gespielt. Ein wahrer Wildfang, der so gar nicht zu dem konservativen, steifen Vater passt. Und doch spürt man noch ihre Zuneigung zu dem Mann, der scheinbar auch andere Seiten hat, als die, die seine Kinder von ihm kennen. Was Malle in einer Szene andeutet, in der Laurents Vater leicht angetrunken ist. Dass Clara ihn betrügt, liegt nicht an mangelnder Liebe zu ihrer Familie, sondern daran, dass sie noch jung ist und das Leben in vollen Zügen und unabhängig genießen will. Lea Massari legt so viel Energie und übersprudelnde Lebendigkeit in ihre Darstellung, dass man sich ein wenig in sie verlieben muss. Auch die anderen Nebenrollen sind exzellent besetzt. Sei es Daniel Gélin als strenger Vater, der wie oben beschrieben seiner eigentlich recht eindimensional Rolle Tiefe verleiht und eben nicht, wie ein eiskaltes Monster daher kommt, wie es in anderen Filmen mit autoritären Vaterfiguren oft der Fall ist. Besonders herauszuheben ist auch Michael Lonsdale als Priester und Lehrer Laurents. In ihren gemeinsamen Szenen vibriert er förmlich vor Begehren nach dem Jungen, ohne dass Malle dabei zu offensichtlich wird oder es aussprechen muss. Kleine Gesten, wie das etwas zu lange die Hand auf die Schulter legen oder da gedankenverlorene anfassen des nackten Oberschenkels sprechen aber Bände. Überhaupt ist es Malles großer Verdienst, nie mit erhobenem Zeigefinger oder mit der Hand im Nacken des Zuschauers zu agieren.

Die große Entdeckung des Filmes ist aber natürlich Benoît Ferreux, der den Laurent mit einer großen Natürlichkeit und nervösen Lässigkeit spielt. Auch physisch passt er perfekt in die Rolle des Kindes an der Schwelle zum Mann. Seine Glieder wirken noch unproportional lang zum Rest des Körpers, seine Bewegungen erscheinen manchmal noch etwas ungelenk und Laurent schwankt stetig zwischen kindlicher Begeisterung an der Entdeckung der Welt der Erwachsenen, als auch tiefes Grübeln darüber, ob er dort überhaupt hineinpassen möchte. Sein Gegenspieler ist François Weber als Hubert. Ein reicher Schnösel, der die snobistischen Phrasen, die seine Eltern ihm eingepflanzt haben, nachplappert und sich dabei als etwas Besser generiert. Dabei steckt dahinter keinerlei Substanz, die scheinbare Abgeklärtheit ist Fassade und so ist es am Ende Laurent, der den „Sieg“ davonträgt. Weil er handelt, statt nur zu reden.

„Herzflimmern“ ist einer der schönsten und persönlichsten Filme des Meisterregisseurs Louis Malle. Er lässt die Welt des französischen Bürgertums der 50er Jahre detailverliebt wieder auferstehen und zeigt auf sehr sensible Weise das Freud und Leid eines 14-jährigen Jungen, der auf der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenenalter steht, und in diesem Moment in keine der beiden Welten gehört. Auch „der große Skandal“ wird angenehm beiläufig und ohne moralischen Zeigefinger inszeniert. Nicht nur in Louis Malles Schaffen ist „Herzflimmern“ ein Höhepunkt, sondern auch in dem Genre der „Coming of Age“-Filme.

Dem Berliner Label CMV ist es zu verdanken, dass dieses Kleinod nun endlich auf DVD vorliegt. Das Bild ist gut und gibt kein Anlass zur Beschwerde. Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Der Ton liegt nur auf Deutsch und nicht auf Französisch vor. Das ist sehr ärgerlich, da die deutsche Synchronisation zwar ausgezeichnet ist, die bekannten Sprecher für die Rollen der Jugendlichen aber viel zu alt wirken. Dies gilt insbesondere für Benoît Ferreux, der von Hans-Georg Panczak, der deutschen Synchronstimme von Luke Skywalker in den „Krieg der Sterne“-Filmen synchronisiert wird. Auch Fabien Ferreux als sein Bruder Thomas klingt zu alt, wenn er von Thomas Dannenberg (alias Arnold Schwarzenegger/Sylvester Stallone) gesprochen wird. Hört man im – ebenfalls auf der DVD enthalten – Original-Trailer, so klingen die echten Stimme viel jünger, was dem Film entgegen kommt. Zudem ist der Ton in der Szene nach dem Inzest kurz sehr asynchron, was ziemlich verwirrt. Nichtsdestotrotz muss man CMV dankbar sein, sich dieses Filmes angenommen zu haben.

Screenshots: http://www.filmforum-bremen.de/2014/02/ ... zflimmern/
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Re: Herzflimmern - Louis Malle (1971)

Beitragvon Adalmar » 1. Nov 2014, 16:29

Ich bin ja ein großer Fan von Malles "Black Moon", aber das hier ist natürlich ein komplett anderer Film. So recht überzeugt hat mich dies hier nicht. Klar werden hier Themen, die oft viel ernster oder geradezu düster angegangen werden, betont leichtfüßig behandelt, aber mitunter wirkt gerade das total aufgesetzt. So kam mir der Schluss, mit dem hektisch klargestellt wird, dass sich Laurent trotz des Vorfalls mit seiner Mutter normal entwickeln wird, reichlich angeklebt vor und das gemeinsame Lachen der Familie fand ich so künstlich-bizarr, dass bei mir eher so etwas wie Unbehagen aufkam. Dazu kommen in der deutschen Fassung natürlich wie bereits angesprochen die viel zu alten Stimmen der Brüder, die die Szenen mit diesen geradezu grotesk rüberkommen lassen. Ansonsten nicht schlecht, aber dann bleibe ich doch lieber bei "Black Moon".
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Re: Herzflimmern - Louis Malle (1971)

Beitragvon buxtebrawler » 22. Nov 2014, 14:44

Erscheint voraussichtlich am 28.11.2014 bei cmv auf Blu-ray:

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Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Herzflimmern - Louis Malle (1971)

Beitragvon buxtebrawler » 29. Jan 2015, 22:00

„Ich hasse Mittelmäßigkeit!“

Der als leichtfüßiges Drama inszenierte Coming-of-age-Film „Herzflimmern“ des der Nouvelle Vague nahestehenden französischen Filmemachers Louis Malle („Fahrstuhl zum Schafott“) aus dem Jahre 1971 sorgte bei seinem Erscheinen für einen Skandal, da er den Inzest zwischen einer jungen Mutter und ihrem heranwachsenden Sohn thematisiert, ohne ihn moralisch zu verurteilen. Doch es geht um viel mehr:

Dijon im Jahre 1954: Laurent (Benoît Ferreux, „Das Ritual“), Sohn des konservativen französischen Gynäkologen Charles Chevalier (Daniel Gélin, „Der Mann, der zuviel wusste“) und der attraktiven, lebenslustigen jungen Mutter Clara (Lea Massari, „Die abgetrennte Hand“) lebt mit beiden sowie zwei älteren Brüdern und der rigorosen, temperamentvollen Haushälterin Augusta (Ave Ninchi) unter einem Dach. Hauptbezugsperson ist seine Mutter, die ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Jüngsten pflegt. Zusammen mit seinen Brüdern entdeckt der jazzbegeisterte Laurent die Welt der Erwachsenen, konsumiert Alkohol und macht erste sexuelle Erfahrungen, verliert seine Jungfräulichkeit bei einer Prostituierten (Gila von Weitershausen, „Blutiger Freitag“). Als er mit den Pfadfindern auf Exkursion fährt, wird der titelgebende Herzfehler bei ihm diagnostiziert, woraufhin er sich zusammen mit seiner Mutter auf Kur begibt. Im Kurhotel spitzt sich die Beziehung beider schließlich zu…

„Krieg ist eine viel zu ernste Sache, die kann man unmöglich den Militärs überlassen!“

Über weite Strecken porträtiert Malle zu einem aufgeregt dudelnden Jazz-Soundtrack humorvoll das Aufwachsen des pubertierenden Laurents, der Grenzen austestet und übertritt, auch schon einmal einen Ladendiebstahl begeht, nach sexuellen Erfahrungen dürstet und sich mit seine Brüdern balgt. All dies geschieht vor dem Hintergrund eines Kriegs, in dem sich Frankreich befindet und dazu beiträgt, dass die Jugendlichen sich politisch interessiert zeigen und am Esstisch diskutieren. Laurent ist Messdiener, beichtet beim Pater (Michael Lonsdale, „Der Name der Rose“), welcher das Gespräch in Richtung Onanie drängt und Laurent droht, Gott werde sich von ihm abwenden, dabei jedoch offensichtlich pädophiles oder homosexuelles Interesse an Laurent hegt. In der Kirche soll schließlich für „Kriegshelden“ gebetet werden. Mutter Clara wiederum unterhält eine Affäre mit einem jüngeren Mann, was ihr Ehemann entweder nicht weiß oder stillschweigend hinnimmt. „Herzflimmern“ verteilt also reichlich Seitenhiebe gegen eine vermeintlich heile Welt, unter deren Oberfläche es kräftig brodelt.

„Entweder, oder: Zigarre oder Frauen! Beides geht nicht!“

So entsteht ein interessantes Zeit- und Sittengemälde, denn die drei Brüder zeigen sich von der Spießigkeit ihres Vaters, den sie offenbar wenig ernstnehmen, ebenso unbeeindruckt wie von staatlicher Politik und Klerikus und veranstalten eine Party, sobald die Eltern aus dem Haus sind, spielen ihnen Streiche, vergleichen ihre Geschlechtsteile und suchen Bars und Bordelle auf. Die älteren Brüder machen sich gar einen Spaß daraus, Laurent bei seinem ersten Mal mit einer Prostituierten zu stören. Von der vielzitierten Bravheit der 1950er auch kurz vor Ausbruch des Rock’n’Roll-Fiebers demnach keine Spur, auch nicht in jener bourgeoisen Familie, was Malle in angenehmer Unaufgeregtheit und ohne jeden Moralismus, dafür mit viel auch mal deftigerem Humor genüsslich skizziert.

„Jazz ist was zum Anhören, aber nicht zum Tanzen!“

Auf der Kur präzisiert sich Laurents Beziehung zu seiner Mutter nicht für den Zuschauer, sondern auch für beide Beteiligten. Auf der Suche nach sexuellen Abenteuern stellt Laurent zwar dem einen oder anderen Mädchen nach, empfindet aber auch starke Eifersucht, wenn seine Mutter von anderen angesprochen wird oder sich mit ihrer Bettaffäre trifft. Er beobachtet sie beim Baden, äußert sich abfällig gegenüber ihren Männerbekanntschaften etc. und als er sie in angetrunkenem Zustand nach einem gemeinsamen Partybesuch zurück ins Hotel bringt und beide schließlich engumschlungen und kuschelnd im Bett liegen, passiert es und sie haben Geschlechtsverkehr. Malle deutet dies jedoch lediglich an, statt es in irgendeiner Form auszuschlachten. Ebenso wenig bewertet der Film den Vorfall, der von Laurents Mutter als einmaliger Akt beschrieben wird, der mahnende Zeigefinger bleibt aus. Am nächsten Morgen redet Clara mit ihrem Sohn darüber und es scheint alles in Ordnung zu sein, es gibt keine Schuldgefühle. Als wolle die Handlung beweisen, dass es der sexuellen Entwicklung Laurents nicht geschadet habe, lässt sie ihn auch noch bei Daphne, einer jungen Dame seiner Altersklasse, im Bett landen.

Obwohl sich dann doch hier und da ein paar Längen eingeschlichen haben, schafft es „Herzflimmern“, über die volle Länge interessant zu bleiben, was nicht zuletzt an seiner erfrischenden Frechheit und den herausragenden schauspielerischen Leistungen liegt. Lea Massari, die mit italienischem Akzent spricht, ist in der Tat ein echter Hingucker, der nur schwerlich zu seinem Ehemann passen will, doch Gegensätze sollen sich ja anziehen. Nackte Tatsachen bekommt man im Prinzip lediglich in Form der Oberweite der Prostituierten zu sehen und so sehr es Laurent um eigene sexuelle Aktivitäten geht, so wenig geht es dem Film um Zurschaustellung derselben. Was er mit seiner Mutter erlebt, hat dann auch weniger mit Sex als vielmehr mit Liebe zu tun – nichtsdestotrotz, gerade deshalb oder wie auch immer ist das natürlich der Knackpunkt; zumal Malle am Ende suggeriert, dass alles in Ordnung wäre, jedes einzelne Familienmitglied glücklich, alle vergnügt miteinander lachen. Malle ignoriert sämtliche möglichen negativen psychischen Folgen, war aber auch stets darauf bedacht, den hier vollzogenen Inzest nicht als Missbrauch, sondern als einvernehmliche, spontane, natürliche Entscheidung in einer Ausnahmesituation darzustellen. Durch den glaubwürdigen, differenzierten und ambivalenten Aufbau seiner Rollen ist man geneigt, „Herzflimmern“ dies abzunehmen. Wie es in der Realität aussähe, steht jedoch auf einem anderen Blatt, wobei ich nicht komplett ausschließen möchte, dass etwas Derartiges tatsächlich auch ohne Folgen stattfinden kann, nicht zwangsläufig ein Missbrauch Ursache und ein psychischer Defekt die Folge sein müssen. Ich empfinde „Herzflimmern“ als ein zeitgemäß provokantes und Voyeure bewusst unbefriedigt zurücklassendes Plädoyer für allgemeine sexuelle Freizügigkeit zu Zeiten der sexuellen Revolution und der Enttabuisierung des Kinos. Ich erlaube mir aber, die Frage in den Raum zu werfen, ob der Film heutzutage einen ähnlich guten Leumund hätte, hätte in ihm ein junger Vater mit seiner pubertierenden Tochter Sex gehabt – womit sich auch die Frage nach letztlich sexistischen Geschlechterrollenklischees ergibt, weniger in Bezug auf den Film als mehr auf sein ihm zugeneigtes Publikum.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Herzflimmern - Louis Malle (1971)

Beitragvon Arkadin » 30. Jan 2015, 15:03

buxtebrawler hat geschrieben:Ich erlaube mir aber, die Frage in den Raum zu werfen, ob der Film heutzutage einen ähnlich guten Leumund hätte, hätte in ihm ein junger Vater mit seiner pubertierenden Tochter Sex gehabt – womit sich auch die Frage nach letztlich sexistischen Geschlechterrollenklischees ergibt, weniger in Bezug auf den Film als mehr auf sein ihm zugeneigtes Publikum.


Sehr interessanter und richtiger Punkt, der mir beim Anschauen des Filmes tatsächlich nicht in den Sinn gekommen ist. Lohnt sich mal drüber nachzudenken.
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Re: Herzflimmern - Louis Malle (1971)

Beitragvon buxtebrawler » 4. Jun 2018, 17:35

Erscheint voraussichtlich am 08.06.2018 bei cmv-Laservision noch einmal auf DVD:

Bild

Extras:
- Original Trailer
- Bildergalerie
- Deutscher Titelvorspann
- Trailer zu THE NATURE OF NICHOLAS, BOYS IN THE BAND und TEOREMA

Quelle: https://ssl.ofdb.de/view.php?page=fassu ... &vid=86220
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