Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino (1971)

Bava, Argento, Martino & Co. Schwarze Handschuhe, Skalpell & Thrills

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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon horror1966 » 24. Nov 2013, 16:51

sergio petroni hat geschrieben:Warum wird sowas heute nicht mehr gedreht?
Oder bin ich einfach zu alt!?



Diese beiden Fragen stelle ich mir auch oft genug. Wenn man sieht was in der heutigen Zeit manchmal für ein Müll erscheint, dann wäre es wirklich wunderbar wenn zumindest ab und zu noch solche Perlen gedreht werden.
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon sergio petroni » 24. Nov 2013, 17:04

horror1966 hat geschrieben:
sergio petroni hat geschrieben:Warum wird sowas heute nicht mehr gedreht?
Oder bin ich einfach zu alt!?



Diese beiden Fragen stelle ich mir auch oft genug. Wenn man sieht was in der heutigen Zeit manchmal für ein Müll erscheint, dann wäre es wirklich wunderbar wenn zumindest ab und zu noch solche Perlen gedreht werden.

:thup: :prost:
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Arkadin » 25. Nov 2013, 11:04

Nachdem ihr Ehemann Kurt Baumer bei einer mysteriösen Flugzeugexplosion ums Leben gekommen ist, kassiert die junge und attraktive Witwe Lisa Baumer (Ida Galli) eine Million Dollar aus seiner Lebensversicherung. Als ihr drogenabhängiger Ex-Liebhaber ermordet wird, flüchtet sie nach Athen, wo sie sich das Geld auszahlen lassen will. Gefolgt wird sie von dem Versicherungsagenten Paul Lynch (George Hilton), der herausfinden soll, ob bei dem Tod Baumers alles mit rechten Dingen zuging. Lynch heftet sich auf Lisas Fersen und kommt gerade rechtzeitig, als Lisa von einem geheimnisvollen Pärchen bedroht wird, die sie beschuldigen, ihren Ehemann umgebracht zu haben. Kurz darauf geschieht ein weiterer Mord…

Sergio Martino legte zwischen 1971 und 1973 eine beeindruckende Serie von fünf Gialli hin, die alle zu dem Besten zählen, was das Genre hervorgebracht hat. „Der Schwanz des Skorpions“ war der zweite Film dieser Reihe und von daher ungewöhnlich, als dass Edwige Fenech nicht mit von der Partie war und sich das Ganze stark an die Edgar-Wallace-Filme mit ihren tödlichen Erbschaften anlehnt. So hat der Killer nichts von den sexuell aggressiven Gestalten, die noch in „Der Killer von Wien“ oder später in „Torso“ das Messer schwangen. Dieser hier wirkt wie das was er ist: Ein Killer und kein vom Wahnsinn durchdrungener Mörder. Auch gibt es keine große Intrige, um jemanden in den Wahnsinn zu reißen. Etwas despektierlich könnte man „Der Schwanz des Skorpions“ daher als „konventionell“ bezeichnen, auch wenn das dem Werk nicht gerecht würde.

Obwohl das Drehbuch von Giallo-Spezialist Ernesto Gastaldi im Grunde eine recht simple Geschichte erzählt, wählt Martino doch für seinen Film sehr verschlungene Pfade, die von vielen Nebenfiguren bevölkert werden. Allen vorweg das seltsame Pärchen Janine Reynaud und Luis Barboo. Die Reynaud kennt man aus einigen Franco-Filme der späten 60er, vor allem „Necronomicon – Geträumte Sünden,“ und das Wiedersehen hier macht große Freude, auch wenn sie ein wenig zu sehr in ihrer Rolle aufgeht. Luis Barboo agiert demgegenüber etwas zurückhaltender und darf sein Narbengesicht mysteriös im Hintergrund halten. Dann gibt es da noch einen freundlichen, aber undurchsichtigen Scotland Yard-Inspektor (gespielt von Alberto de Mendoza); eine immer wieder auftauchende Stewardess und ihr geheimnisvoller Gast, sowie natürlich den immer wieder gern gesehenen Luigi Pistilli als griechischer Ermittler. Genug Personal also, um den Zuschauer bei der Tätersuche aufs Glatteis zu führen, und andererseits, ausreichend Beute für den Killer bereit zu halten.

Für einen gelungenen Giallo ist auch immer die Musik wichtig und hier kann „Der Schwanz des Skorpions“ ganz aus dem Vollen schöpfen. Diese stammt von Ennio Morricones langjährigen Mitarbeiter Bruno Nicolai, der sich spätestens Ende der 60er vom großen Maestro emanzipierte (tatsächlich wird gemunkelt, dass Nicolai für einige Morricone-Soundtracks federführend verantwortlich sei) und für zahlreiche Filme wundervolle Melodien komponierte. Was auch den beiden belgischen Filmemachern Hélène Cattet und Bruno Forzani aufgefallen ist, die die Nicolais Musik aus „Der Schwanz des Skorpions“ für ihren Neo-Meta-Giallo „Amer“ wiederverwendeten.

Die Hauptrolle des Versicherungsagenten Peter Lynch übernahm der ehemalige Italo-Western-Star George Hilton, der noch häufiger in Martinos Filmen auftauchen sollte. Immer in einer ähnlichen Rolle: Dem gutaussehenden Sonnyboy und Womanizer, der aber irgendetwas Dunkles und Bedrohliches ausstrahlt. Statt mit der Fenech, spielt er hier mit der blonden Schwedin Anita Strindberg zusammen, deren wunderschönes, ebenmäßiges Gesicht nicht so ganz zu ihrem leicht ausgemergelt wirkenden Körper passt. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Die Strindberg tauchte Anfang der 70er plötzlich in zahlreichen italienischen Genrefilmen auf, bevor sie einen amerikanischen Millionär ehelichte und sich nach nur wenigen Jahren im Rampenlicht, aus dem Filmgeschäft zurückzog. Die erste falsche Fährte legt Martino mit der hübschen, und von mir immer wieder gern gesehenen, Ida Galli (alias „Evelyn Stewart), die er zunächst als Protagonistin einführt. Leider bleibt die Galli ungewohnt blass, und dass sie nicht als Hauptdarstellerin in den Titeln aufgeführt wird, gibt schon einen dezenten Hinweis darauf, wie die falsche Fährte aussehen mag.

Ungewöhnlich bei „Der Schwanz des Skorpions“ ist der unbedingte Wille zur kreativen Bildgestaltung, die sonst bei Martino in einem solchen Extrem nicht zu finden ist. Zwar setzt Martino gerne mal punktuell surreale Szenen in seinen Gialli ein, in der in der Regel geht er aber eher sachlich, aber effektiv zu Werke. Hier tobt er sich bei den Mordszenen regelrecht aus. Jeder Mord wird wie ein eigener kleiner Film inszeniert und unterschiedet sich vom Stil her deutlich von den anderen. Besonders gelungen ist ein in Zeitlupe gefilmtes Kabinettstückchen. Ein andermal wird mit einer farbintensiven Ausleuchtung Bava gehuldigt und die Farbexzesse eines Argento vorweggenommen. Ungewöhnlich auch die grafische Brutalität, die ihrer Zeit vorweg greift. Doch nicht nur in den Mordsequenzen lässt Martino seinen Spielereien freien Lauf. So wird in einer normalen Verhörszene auch mal die Kamera für mehrere Minuten um 90 Grad gekippt.

„Der Schwanz des Skorpions“ ist nicht der Beste der fünf legendären Gialli, die Sergio Martino zwischen 1971 und 1973 drehte. Dafür ist seine Geschichte zu hanebüchen und die Auflösung eher lächerlich. Trotzdem kann er dem neugierigen Giallo-Einsteiger durchaus ans Herz gelegt werden, denn er besitzt alle Elemente, die einen Giallo auszeichnet: Einen wunderbaren Soundtrack, schöne Menschen, blutige Morde und einen enormen Einfallsreichtum bei der optischen Gestaltung. Und für Liebhaber des Genres ist der Film, trotz seiner kleinen Schwächen, definitiv ein Muss.

Der Film ist als zweiter Teil der filmArt Giallo-Collection herausgekommen. Das Bild ist leicht über dem Durchschnitt und im korrekten Format von anamorphen 1:2,35. Hier gibt es nichts zu Meckern. Für den Ton konnte neben der italienischen Originalfassung und der Videosynchronisation auch die alte Kinosynchro ausgegraben werden. Diese finde ich selber der Video-Synchro gegenüber überlegen, da die Stimmen hier voller und lebendiger wirken. Interessanterweise tritt in beiden Fassungen Edgar Ott auf. Nur synchronisiert er in der Kinofassung Alberto de Mendoza und in der Videofassung Lugi Pistili, Was lustig ist, weil die Beiden fast all ihre Szenen zusammen haben. Der deutsche Vor- und Abspann und den Trailer ist noch als Extra dabei, aber das Herzstück ist ein halbstündiges, sehr interessantes Interview mit Sergio Martino über seine Karriere. Ein gut geschriebenes Booklet von Rochus Wolff über den Giallo, rundet dieses schöne Paket ab.

Screenshots: http://www.filmforum-bremen.de/2013/11/ ... skorpions/
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Onkel Joe » 6. Jan 2014, 19:04

Hier macht man mit der neue DVD von Filmart nichts verkehrt. Die Kino Synchro wertet diesen Film deutlich auf, der Unterschied ist enorm und die DVD gehört in jede gut Sortierte Giallo Collection!
Kauf Tipp!!
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Captain Blitz » 7. Jan 2014, 11:30

Onkel Joe hat geschrieben:Hier macht man mit der neue DVD von Filmart nichts verkehrt. Die Kino Synchro wertet diesen Film deutlich auf, der Unterschied ist enorm und die DVD gehört in jede gut Sortierte Giallo Collection!
Kauf Tipp!!


So isses, gutes Ding. Ich bin mal gespannt, ob man wirklich das neue Booklet für alle Käufer bringen wird. Irgendwas war da mit einem Plakatmotiv.
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon ugo-piazza » 27. Jan 2014, 23:08

Nachdem ich den Film bisher nur von VHS (Arcade Glasbox + Today) kannte, hab ich mir nun auch mal die FilmArt-Scheibe gegönnt. Zum Film selbst wurde ja alles relevante bereits gesagt, er ist gut, aber Sergio hat im gelben Genre noch Besseres zustande gebracht. Sehr schön sind aber gewiss seine optische Spielereien (Mord durch die Glasscheibe gefilmt, Zeitlupeneinsatz, quergestelltes Bild). Auch über die Besetzung mit George Hilton, Luigi Pistilli, Anita Strindberg, Janine Reynaud und Evelyn Stewart aka Ida G(i)alli kann man nicht meckern.


Ein besonderes Dankeschön gebürt FilmArt dafür, die originale Kinosynchro wieder ausgegraben zu haben, die zwar an einigen Stellen qualitativ abfällt (hier musste von einer 16mm-Kopie aufgefüllt werden), sonst aber nicht zu kritisieren ist.

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Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Captain Blitz » 28. Jan 2014, 07:38

ugo-piazza hat geschrieben:Ein besonderes Dankeschön gebürt FilmArt dafür, die originale Kinosynchro wieder ausgegraben zu haben, die zwar an einigen Stellen qualitativ abfällt (hier musste von einer 16mm-Kopie aufgefüllt werden), sonst aber nicht zu kritisieren ist.


Amen, das hat mich als Synchronfan und mehr oder weniger in dem Geschäft arbeitender auch sehr gefreut, da hat man sich richtig Mühe gegeben. Rein von den Sprechern her nehmen sich die beiden Synchros eigentlich nichts, aber die Kinosynchro ist dann noch einen Zacken besser.
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino (1971)

Beitragvon Il Grande Racket » 6. Mär 2016, 22:43

So, auch gesehen. Der ist ja vor allem optisch interessant, Martino experimentiert hier viel mit seinem Kamera-Mann. Die Auflösung ist aber nicht sehr überraschend, das wusste ich schon nach 20 Minuten. Es ist hier aber auch mal wieder geschickt konstruiert, dass eine Protagonistin als Hauptfigur aufgebaut, die dann nach einem Drittel des Film ins Gras beißt, und dann der Film einer eigentlichen Nebenfigur weiter folgt. Sowas mag ich gerne, das gibt so einen schönen Bruch im Geschehen und kündet normalerweise von einer, darauf folgenden, stetigen Spannungssteigerung. Hierin kann der Film dann leider nicht so richtig punkten, bleibt aber durchgehend interessant, auch weil der liebe Sergio bei den Morden voll draufhält. Ein recht starker Film, von dem es mich auch schwer wundert, dass der allgemein meistens als "ganz okay" abgefrühstückt wird, ist er doch ein mustergültiger Genre-Beitrag. 7,5/10
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino (1971)

Beitragvon ugo-piazza » 11. Feb 2017, 19:57

"Der Killer von Wien" ist gewiss der bessere Film, aber mit seiner Mischung aus klassischem Handschuh-Giallo und fluffig-mediterranem Urlaubsfeeling seh ich den ja doch ganz gerne. Ganz gerne gesehen sind ja auch die Eurokult-Allstars wie George Hilton, Anita Strindberg, Luigi Pistilli, Ida G(i)alli, Alberto de Mendoza und Janine Reynaud. Ich sah den nun mit der Kinosynchro, habe aber hinterher das letzte Kapitel noch mal mit allen drei Tonspuren laufen lassen. Dabei scheint die Videosynchro näher am Original zu sein, schießt aber im letzten Satz übers Ziel bzw. über den O-Ton hinaus,
wenn sie andeutet, dass Cleo und der Interpol-Inspektor sich bereits kannten und nun gemeinsam nach dem Geld suchen wollen
, dies im Original aber nicht zur Sprache kommt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino (1971)

Beitragvon jogiwan » 4. Jun 2018, 07:44

Am 16.07.2018 bringt Arrow Video Sergio Martinos "Der Schwanz des Skorpions" auf Blaustrahl.

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quelle: amazon.co.uk
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