Violent Shit: The Movie - Luigi Pastore (2015)

Grusel & Gothic, Kannibalen, Zombies & Gore

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Violent Shit: The Movie - Luigi Pastore (2015)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 20. Feb 2018, 22:12

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Originaltitel: Violent Shit: The Movie

Produktionsland: Italien 2015

Regie: Luigi Pastore

Darsteller: Vincenzo Peppopane, Steve Aquilina, Giovanni Lombardo Radice, Enzo G. Castellari, Luigi Cozzi

Für alle, die während des Filmgeschichtsunterrichts in der Schule geschlafen haben, vorab ein kleiner Exkurs: Ende der 80er spart sich der gebürtige Hamburger Horror-Fan Andreas Schnaas, der sich Filme von Joe D’Amato oder Lucio Fulci primär nicht anschaut, um ihre meditative Atmosphäre oder ihre surreale Montagepraxis zu genießen, sondern sie für ihre drastischen Gore-Szenen abfeiert, knappe fünftausend Mark zusammen, verfrachtet eine Gruppe Laienschauspieler in irgendein Waldstück im Umkreis von Pinneberg, und kurbelt dort innerhalb weniger Wochenenden seinen Debut-Film herunter: VIOLENT SHIT, wie das gute Stück letztendlich heißt, ist nicht nur einer der ersten – wenn nicht sogar DER erste – deutsche direct-to-video-Amateur-Splatterfilme überhaupt, sondern setzt außerdem paradigmatisch die Parameter, die für das Genre fortan stilprägend sein sollten. Auf Schauspielkunst, logische Drehbücher (oder überhaupt Drehbücher im Allgemeinen), irgendwelche dramaturgischen Ansätze, oder gar filmästhetische Stilmittel soll man tunlichst verzichten; bevorzugte Schauplätze müssen unbedingt der bundesdeutsche Forst sowie Felder und Äcker sein; und im Vordergrund dürfen sowieso nur die arg derben und genauso billigen Effekte stehen, in denen Menschen auf die grausamste Weise um ihr Leben gebracht werden. Folgerichtig bietet VIOLENT SHIT neben endlosen Füll-Szenen, in denen Protagonisten wahllos mit ihren Autos hin und her fahren, und den Mordtaten eines noch namenlosen, von Schnaas höchstselbst verkörperten Killers, die dieser wahllos an eben diesen nummernrevueartig ihm in die Falle tapsenden Protagonisten vollzieht, exakt keinen Mehrwert. Sicherlich kann man über die von christlicher Symbolik überfrachtete Schlussszene, in der Schnaas dem leibhaftigen Gekreuzigten gegenübersteht, unbefleckt einen Sohn gebiert und daraufhin verstirbt, lange und breit in Kunstwissenschaftskursen diskutieren – es aber auch einfach seinlassen, und sich darüber wundern, dass dieses Machwerk dem Hauptverantwortlichen selbst im Nachhinein nicht derart hochnotpeinlich gewesen ist, dass er seinen Vertrieb und Verkauf mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterbinden versucht hat.

Stattdessen schenkt Schnaas seiner Fangemeinde, die es offenbar für seinen Erstling gegeben haben muss (bzw. wohl immer noch gibt), drei Jahre später mit VIOLENT SHIT II: MOTHER MY HOLD HAND ein Sequel, in dem der im Finale von Teil Eins das Licht der Welt erblickende Säugling, inzwischen zum stattlichen Mann herangereift, den Spuren seines seligen Vaters folgt, d.h. die gleichen stumpfen, dramaturgisch und moralisch vollkommen entgleisten Bubenstücke begeht. Dieser Killer hat nun einen Namen – nämlich Karl the Butcher jr. –, ein memorables Gesicht bzw. eine Kühlergrillmaske vor demselben, (hinter der immer noch sein unverbesserlicher Schöpfer steckt), – und eine Hitchcock’sche Übermutter an der Seite, die ihn bei seinen Gewaltorgien anheizt. Nur eine konkrete Motivation fehlt ihm noch immer, auch wenn in einer Rahmenhandlung ein Reporter diese herauszufinden versucht (und am Ende des Films beschließt, seiner Leserschaft die brandheiße Story dann doch nicht zu präsentieren, da diese angeblich zu komplex für sie sei.) Zwar werden Schnaas‘ Filme tatsächlich mit der Zeit ebenfalls komplexer, kostenintensiver, kinematographischer – was aber alles heißt, nur nicht, dass der mittlerweile dritte Aufguss VIOLENT SHIT III: INFANTRY OF DOOM, der Karl nebst Entourage im Jahre 1999 auf einer angeblich Insel versammelt, und dort munter mit Zombies, Ninjas und Cyborgs mixt, in irgendeiner Weise ein konsumierbarer Film wäre. Erneut ohne die geringsten Spurenelemente kreativen Talents in der Gegend um Hamburg abgedreht, fällt auch der plakativ mit Selbstironie protzende Streifen hauptsächlich durch seine nichtvorhandene Handlung, seine uninspirierten Raubzüge durch Topoi und Motive des Exploitation-Kinos, seine billige Optik und natürlich die Blutbäder auf, die mich diesmal wohl hauptsächlich erheitern sollen, mir aber eher die Mundwinkel in der Horizontalen im Gesicht festnageln.

Vor vielen Jahren hatte ich das zweifellose Vergnügen, die gesamte Trilogie bei einer äußerst dubiosen Veranstaltung in einem südpfälzischen Keller in chronologischer Reihenfolge sehen zu dürfen. Es ist erstaunlich, wie leidensfähig der menschliche Körper ist, wenn man ihn mit genügend Alkohol stillstellt. Genauso erstaunlich aber finde ich es, wie präzise sich das menschliche Gedächtnis noch Jahre später an Dinge erinnert, die den Ausschlag dafür gegeben haben, dass man den Körper überhaupt erst mit Fusel stilllegen musste: Ich musste mir vor Abfassen vorliegenden Textes nur ein paar Ausschnitte und Bilder aus Schnaas‘ gewalttätiger Jauchegrube anschauen, und schon stand mir wieder alles plastisch vor Augen, was mich damals in jenem Keller zutiefst befremdete, anekelte, ungnädig stimmte. Wie blödsinnig die Reporterfigur in VIOLENT SHIT II agiert. Wie sehr das Finale von VIOLENT SHIT I nach dem aussieht, was dabei herauskommen könnte, wenn jemand, dem die Gorehound-Brille auf der Nase festgewachsen ist, sich an Symbolik à la Jodorowsky oder Pasolini versucht. Wie präpubertär Witze sein können wie die, die in VIOLENT SHIT III von erwachsenen Männern in lachhaften Kostümen vorgetragen werden. Selbst wenn ich kürzlich nicht ANTHROPOPHAGOUS 2000, Schnaas‘ Hintergassen-Neuaufguss von D’Amatos Klassiker, gesehen hätte, hätte Schnaas von mir für sein Lebenswerk bereits eine Himbeere überreicht bekommen, die nicht golden, sondern grünlich-gelb vor Schimmel ist. Hätte ich allerdings kürzlich nicht ANTHROPOPHAGOUS 2000 gesehen, säße ich jetzt nicht hier, und würde nicht über die absoluten Pesthöhlen der Filmgeschichte schreiben. Zufällig stolpere ich nämlich bei meinen Recherchen zu Schnaas über einen Fakt, der meine ungesunde Neugierde sofort anfixt: Im Jahre 2015 dreht der Italiener Luigi Pastore, dessen Filmographie bislang offenbar maßgeblich nur aus dem kaum positive Eindrücke hinterlassenden COME UNA CRISALIDE (2010) besteht – wenn ich mich recht erinnere, ist das eine Art Discount-Version von Cattets und Foranzis AMER; vor allem deshalb, weil der Film reichlich disparat Reminiszenzen an den italienischen Giallo und Horrorfilm aneinandertackert ohne die experimentelle Grundhaltung des genannten belgischen Meisterwerks zu besitzen – ein Werk des Titels VIOLENT SHIT: THE MOVIE. Mit dabei: Zahllose Größen des italienischen Genre-Kinos in Gast- und Nebenrollen wie Luigi Cozzi, Enzo G. Castellari, Giovanni Lombardi Radice, Barbara Mangolfi – und Meister Schnaas höchstselbst kann man ebenfalls auf der Stabsliste entdecken. Habe ich schon erwähnt, dass ich unter einer ganz ungesunden, grünlich-gelb schimmernden Neugierde leide, die mich schon mehrmals in die Bredouille gebracht hat – (und meine Sehnerven zum Verzweifeln)?

Zunächst wirkt alles wie beim Alten: Da keiner der drei offiziellen VIOLENT-SHIT-Teile nennenswert auf seinen Vorgänger aufbaut, kann Pastore in seiner Prologsequenz sich eine eigenständige, wenn auch nicht besonders originelle Hintergrundgeschichte zum Schlächter-Karl aus den Fingern saugen. Irgendwo in Deutschland wird Karl von seiner herrischen Mutter einmal mehr für eine Nichtigkeit – er ist zu spät vom Spielplatz nach Hause gekommen – in den verhassten, stockfinsteren Keller eingesperrt, da hilft alles Betteln nichts. Unerwartete Hilfe indes erfährt der wimmernde Bub von einem Ungeheuer, das wohl nur in seinem traumatisierten Kopf existiert, ihm aber exakte Handlungsanweisungen erteilt, wie man der Mutter ihr Strafregime heimzahlen könnte. Als die Mama die Kellertür öffnet, um ihren Zögling in die Freiheit zu entlassen, steht dieser plötzlich mit einem Kühlergrill vorm Gesicht vor ihr, und bedankt sich bei ihr für Jahre der Rabenmütterlichkeit, indem er sie zerhackstückt. So weit, so bekannt. Auf den zweiten Blick ist dann aber doch wenig beim Alten. Es fällt nicht nur auf, dass Pastore explizite Gewaltdarstellungen, obwohl das Potential dafür durchaus vorhanden gewesen wäre, in einer Weise im Zaum hält, die Schnaas wohl nicht mal, wenn er per Vertrag dazu verpflichtet wäre, derart hinbekommen hätte, sondern vor allem, dass VIOLENT SHIT: THE MOVIE seinem Namen vielleicht nicht alle Ehre macht, aber ihn doch im direkten Vergleich mit der Original-Trilogie durchaus mit Sinn und Verstand trägt. Die Kameraarbeit, die Montage, das Sound-Design – im Grunde jeder einzelne technische Aspekt steht meilenweit über allem, was jemals mit Andreas Schnaas in Berührung gekommen ist (was wiederum dazu führt, dass ich mir die Frage stelle, ob Pastores Zusatz THE MOVIE nicht als Affront gegenüber seinem deutschen Kollegen gemeint sein kann – ich meine, disqualifiziert dieses Etikett nicht die gesamte Original-Trilogie als „echte“ Filme, und behauptet es nicht, dass Pastores VIOLENT SHIT das erste Werk dieses Namens ist, das die Bezeichnung „Film“ überhaupt verdiene?)

VIOLENT SHIT: THE MOVIE mag ein „richtiger” Film sein, aber, frage ich rhetorisch, ist es auch ein guter? Meiner Meinung nach krankt er an zwei Hauptproblemen, die interessanterweise wenig bis gar nichts (und das ist dann eigentlich ein drittes Hauptproblem!) miteinander zu tun haben: Zum einen an seinen inflationär vor die Kamera gezerrten Gast-Stars, zum andern daran, dass die Fäden, die ihn mit der originalen VIOLENT-SHIT-Reihe verbinden, derart brüchig sind, dass es nur einiger Schnitte an der richtigen Stelle bedürfte, und irgendein Konnex wäre überhaupt nicht mehr festzustellen. Worum geht es nun aber eigentlich in VIOLENT SHIT: THE MOVIE? Ist es ein Remake, ein Sequel, ein Prequel? Nein, nichts von alldem – was genau dieser Film darstellen soll, kann ich allerdings auch nicht sagen. Es beginnt wie in einem konventionellen Giallo, indem Rom von einer brutalen Mordserie heimgesucht wird. Die Ermittlungen von Inspektor Aristide D’Amato – (ich schätze, ich sollte jetzt schmunzeln; tue ich aber nicht) – treten solange auf der Stelle bis ihm ein gewisser Hans Ebert der Hamburger Interpol (?) dahingehend unter die Arme greift, dass er den Verdacht äußert, bei dem Killer könne es sich um den seinerseits Norddeutschland unsicher machenden Karl the Butcher handeln. Der ist zwar schon lange tot und begraben, und weshalb es ihn, selbst wäre er das nicht, ausgerechnet in die italienische Hauptstadt verschlagen haben sollte, weiß Ebert ebenfalls nicht zu sagen, doch kaum steht die Vermutung mal im Raum, bemüht sich unser nominelles Helden-Duo darum, sie durch Fakten zu untermauern. Das äußert sich in langem und breitem Rätselraten über irgendwelche okkulte Symbole, dem Aufsuchen und Ausfragen irgendwelcher Informanten und vor allem endlosen Dialogszenen. Gerne lasse ich mich von der Handlung eines Spielfilms überfordern, und ich bin nun wirklich niemand, der bei etwas verzwickteren Plot-Linien allzu schnell die Flinte ins Korn wirft, weil er es bevorzugt, dass das Kino ihm nun wirklich jede Story-Entwicklung detailliert erläutert unter die Nase reibt, aber was das immerhin von drei Autoren gestemmte Drehbuch schon etwa zwanzig Minuten nach Filmbeginn an konfusen Kapriolen schlägt, das habe ich ab einem bestimmten Punkt kein bisschen mehr nachvollziehen können. Prostituiertenmorde, ein gewisser Professor Vassago, der mit irgendwelchen sinisteren Mächten in Kontakt steht, eine Okkultistin, die offenbar die Reinkarnation Karl the Butchers vorausahnt und der darüber der Verstand platzt, eine ausgewalzte Sex- und Drogen-Orgie – der Topf, aus dem Pastore seinen flickenteppichartigen Handlungsbrei zusammenrührt, quillt über vor nicht ineinanderpassenden Zutaten, dass der angenehme Eindruck zu Beginn, es wenigstens nicht mit den anti-ästhetischen Handkamera-Konvulsionen eines Andreas Schnaas zu tun zu haben, sondern sich die Verantwortlichen wenigstens darum bemühen, ein paar ansprechende Kamerawinkel zu wählen oder ihre Bilder digital so nachzubearbeiten, dass sie nicht allzu billig ausschauen, bald schon verflogen ist, und dem ernsthaften Grübeln weicht, ob in der mir vorliegenden Fassung nicht immer mal wieder minutenlange Story-Blöcke fehlen.

Allerdings wird schnell klar, dass die beiden von mir oben an den Pranger gestellten Kernprobleme nicht die wenigste Schuld daran tragen, dass VIOLENT SHIT: THE MOVIE ein derart verunglückter Kauderwelsch geworden ist. Kommen wir zunächst zu all den vertrauten Gesichtern, die wohl den Großteil von Pastores 150.000-Dollar-Budget verschlungen haben dürften. Was tun zum Beispiel Enzo G. Castellari und Luigi Cozzi in diesem Film? Ersterer gibt den Chefinspektor der römischen Polizei, zweiter ist der Forensik-Spezialist. Insgesamt haben sie zwei Auftritte, bei denen Castellari sich darauf beschränkt, Ebert und D’Amato (also den intradiegetischen Charakter, der so heißt) herunterzuputzen und lautstark herumzubellen, dass früher alles besser war, und er in seiner Zeit adäquatere Ermittlungen geführt habe als all die gegenwärtigen Polizisten, die sich nur noch auf ihre moderne Technologie verlassen (ein metareflexiver Kommentar Castellaris zum Kinogeschäft?) Während Castellari in seiner Rolle als blaffender, grantiger alter Mann regelrecht aufblüht, steht Cozzi die meiste Zeit eigentlich nur daneben, schaut ein bisschen verloren aus der Wäsche, und hat nicht mehr als zwei bis drei Zeilen Dialog. Vor allem aber: Für die Handlung des Films – (sofern denn eine existieren würde) – sind die Cameos der beiden Ausnahme-Regisseure irrelevant wie man nur sein kann. Sie stehen vereinzelt für sich, ohne dass das Drehbuch oder die Montage sie irgendwie sinnvoll in die umliegenden Szenen einbauen würden. Genau das trifft im Grunde aber auf fast jede Szene dieses Films zu: Ein Antiquar – gespielt von Fabrizio Cappuci, der seit 1978 in keinem Film mehr zu sehen war, und zuvor unter anderem in Massimo Dallamanos QUELLI DELLA CALIBRO 38 (1976) und, als halbes Bübchen noch, in Carlo Campogallianis IL TERRORE DEI BARBARI (1959) mitwirkte – kopuliert in einem Museum mit einer mindestens ein halbes Jahrhundert jüngeren Dame, und wird danach (im Off, wo sich weiterhin die meisten der Gewaltstücke entfalten) abgemurkst. Von wem? Wieso? Ich kann der Geschichte nicht folgen. Eine Prostituierte wird in einem Park von einem typischen Giallo-Meuchler zerschnitten? Weshalb? Warum zeigt der Film uns das? Ich weiß es nicht. Am Ende darf Barbara Magnolfi für ein, zwei Minuten ebenfalls noch ihren Hals als Mordopfer herhalten. Sinnigerweise nennt der Abspann ihre Rolle einfach nur „Final Victim“. Ich hoffe, mein Punkt wird allmählich klar: Pastore hat seinen Film derart mit Cameos vollgestopft, dass er darunter nicht nur kongenial auseinanderfällt, sondern sich überhaupt nie zu einer harmonischen Einheit zusammenschließt. Die bescheuertste Szene ist wohl diejenige, die als einzige in Hamburg spielt. Ebert ruft dort seinen Informanten von Interpol an, der ihm doch bitte alle wichtigen Dokumente zu Karl the Butcher zuschicken soll. Besagter Kontaktmann ist niemand anderes als Andreas Schnaas, der nach erledigtem Telefonat (und dem hölzernsten Schauspiel, das ich seit langem erdulden musste) auf einmal meint, überall auf den Straßen der Hansestadt Schlächter mit Kühlergrillmasken zu sehen. Meine persönliche Erklärung dieser Szene wäre ja, dass Schnaas den Italienern die Rechte des VIOLENT-SHIT-Franchise nur verkauft hat, wenn er im Gegenzug eine Rolle in Pastores Film übernehmen darf, aber, andererseits, wer soll das schon so genau wissen, wenn offenbar nicht mal Regisseur und Drehbuchautoren so genau wissen, wohin sie mit ihrer Chose wollen. Nicht mal unser nominelles Heldengespann D’Amato und Ebert dienen dabei als Identifikationsfiguren – schon allein deshalb, weil sie das letzte Drittel nicht mehr lebend erreichen, sondern vorher wie beiläufig plötzlich von Karl the Butcher abgefrühstückt werden, ohne dass ihre Nachforschungen, denen der Film freilich bis dahin mindestens die Hälfte seiner Laufzeit geopfert hat, in irgendeine klar erkennbare Richtung gelaufen wären (oder auch nur einen Hauch von Spannung und Thrill generiert hätten).

Ein Wort noch zum Darsteller des Hans Ebert, der zwar keine bekannte Nase, aber ein vertrauter Name ist – zumindest, wenn man sich, wie ich, als junger Mensch durch Schnaas‘ Frühwerk gequält hat. Bei Steve Aquilina handelt es sich nämlich um niemand Geringeres als Schnaas‘ Stammkameramann in den 90ern, sprich, den Mann, der die regelrecht abstoßenden, weil ohne ein Mindestmaß an jedwedem kinematographischen Gefühl inszenierten Bilder der VIOLENT-SHIT-Trilogie verbrochen hat. Man wird es mir nicht glauben, aber, soviel ist nach Pastores Potpourri sicher: Aquilina ist ein genauso miserabler Kameramann wie Schauspieler. Dass man sein radebrechendes Englisch, dem ein deutscher Akzent Silbe für Silbe sämtliche Knochen bricht, nicht nachsynchronisiert hat, ist ein weiteres Rätsel, das mir dieser Film aufgibt, ohne dass ich an einer Lösung interessiert wäre. Wenigstens einer der Gaststars – (eigentlich der heimliche Hauptdarsteller) – hat seinen sichtlichen Spaß und immense Screentime: Giovanni Lombardi Radice, der mit seinem kahlrasierten Schädel und seinem theatralischen Gebaren wirkt wie Klaus Kinski als Nosferatu auf sehr aufpeitschenden Amphetaminen. Als Professor Vassago tut er zwar auch unablässig Dinge, die ich nicht begreife – weshalb lädt er Silikon-„Schönheiten“ in seine Villa, damit die sich dort mit aalglatten Gigolos und Koks vergnügen?, wieso hält er Karl the Butcher in einem Privatverließ gefangen?, was genau sind seine Verbindungen zu irgendwelchen okkultistischen Geheimgesellschaften, die kurzzeitig angedeutet werden? –, allerdings wird es mir immerhin nicht langweilig, sobald Radice in Großaufnahme manisch lacht, kryptische Monologe von sich gibt, oder, mit zunehmender Laufzeit, seinen Schützling Karl beim Massakrieren anfeuert. Gegen Ende wird es dann nämlich doch noch recht schmodderig – und zwar erneut technisch weit kompetenter als die Schweinedärme und Tomatensauce bei Schnaas, wenn auch genauso effekthascherisch: Frauenrücken müssen mit Messern eröffnet werden, Köpfe rollen unter Blutspucken von Rümpfen, und sogar ein Penis wird in aller Deutlichkeit hygienisch eher bedenklich amputiert – (ein Querverweis auf Radices bestes Stück in CANNIBAL FEROX, wo es die gleiche Prozedur erdulden muss?) Natürlich macht das den Film keinen Deut besser, sondern verstärkt nur den Eindruck, da seien mindestens vier oder fünf Konzepte ohne Fingerspitzengefühl zum Wolpertinger vernäht worden: Eine Okkult-Story um Professor Vassago und seine undurchsichtigen Machenschaften. Eine Giallo-Handlung von der Stange, inklusive langwieriger Polizeiarbeit ohne Ecken und Kanten. Eine ganze Filmrolle nur mit Auftritten von mehr oder minder bekannten Schauspielern und Regisseuren der Goldenen Zeitalter des italienischen Genre-Kinos. Natürlich zu allem Überfluss noch ein bisschen Karl the Butcher in Aktion, wobei der, obwohl gewissermaßen titelgebender Anreiz des Vehikels, vergleichsweise derart marginal in Erscheinung tritt, dass es Pastores Disharmonie in Bildern weder besser noch schlechter gemacht hätte, wäre er gar nicht anwesend. Gleiches gilt übrigens für die Musik von Claudio Simonetti (bzw. "Claudio Simonettis Goblin"), der, wie schon in Pastores Langfilm-Debut fünf Jahre zuvor, mehr schlecht als recht die eigene akustische Vergangenheit verwaltet, und ansonsten auf atmosphärischen Elektro-Muzak setzt, der derart memorabel gewesen ist, dass ich beinahe vergessen hätte, ihn überhaupt zu erwähnen. In den besten Momenten klingt das nun auch nicht anders, als ob ein einigermaßen talentierter Soundtüftler einen Soundtrack hinzubiegen versucht hätte, der sich anhört wie eine modern aufgepuschte Variante der klassischen Goblin-Argento-Scores.

Obwohl ich nicht unbedingt sagen kann, dass mich dieser Mumpitz nicht doch auf unfreiwillig komische Weise leidlich unterhalten und im Ansatz amüsiert hat, ist VIOLENT SHIT: THE MOVIE nun wirklich kein Film, den ich irgendwem guten Gewissens empfehlen kann – sollte man nicht einmal Enzo G. Castellari beim Pöbeln sehen wollen, oder Giovanni Lombardi Radice beim gnadenlosen Overacting, oder Luigi Cozzi wie er stillschweigend am Bildkader-Rand steht und einfach nur verloren in die Gegend guckt. Eine Sache erfreute mich dann aber doch, wenn auch aus autobiographischen Gründen: In einer Szene stolpern Ebert und D’Amato über eine weitere heiße Spur – ein Satzpalindrom namens SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS, das man, sobald man es in Quadratform bringt, horizontal, vertikal, rückwärts und vorwärts lesen kann, und das aus dem Lateinischen übersetzt so viel bedeutet wie: Der Sämann Arepo (vermutlich ein Eigenname) hält mit Mühe Räder. Unsere hoffnungslosen Ermittler schwadronieren freilich viel unverständliches Zeug über diesen elaborierten Althistorikerwitz, mich indes hat das Worträtsel an meinen Lateinlehrer in der fünften bis siebten Klasse erinnert, der mit solchen Spielereien bei uns die Lust an ausgestorbenen Sprachen zu wecken versucht hat. Eine schöner Moment kurzer Nostalgie, tatsächlich – für die der Film aber sowas von nichts kann…
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Re: Violent Shit: The Movie - Luigi Pastore (2015)

Beitragvon Arkadin » 21. Feb 2018, 10:10

Salvatore Baccaro hat geschrieben: Bei Steve Aquilina handelt es sich nämlich um niemand Geringeres als Schnaas‘ Stammkameramann in den 90ern,


Hat/Hatte der nicht auch in Hamburg einen Filmladen, zu dem die Leute in Prä-Internet-Zeiten in Scharen gepilgert sind? "Hard to get"? Oder dieser andere, dessen Name mir entfallen ist?
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Re: Violent Shit: The Movie - Luigi Pastore (2015)

Beitragvon buxtebrawler » 21. Feb 2018, 10:47

Salvatore Baccaro hat geschrieben:Vor vielen Jahren hatte ich das zweifellose Vergnügen, die gesamte Trilogie bei einer äußerst dubiosen Veranstaltung in einem südpfälzischen Keller in chronologischer Reihenfolge sehen zu dürfen.


Es dürfte sich eher um ein zweifelhaftes Vergnügen gehandelt haben... ;)

Salvatore Baccaro hat geschrieben:(was wiederum dazu führt, dass ich mir die Frage stelle, ob Pastores Zusatz THE MOVIE nicht als Affront gegenüber seinem deutschen Kollegen gemeint sein kann – ich meine, disqualifiziert dieses Etikett nicht die gesamte Original-Trilogie als „echte“ Filme, und behauptet es nicht, dass Pastores VIOLENT SHIT das erste Werk dieses Namens ist, das die Bezeichnung „Film“ überhaupt verdiene?)

Welch schöne Vorstellung :kicher:

Danke, dass du uns diesen Film nähergebracht und uns an deinen Eindrücken hast teilhaben lassen...
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Violent Shit: The Movie - Luigi Pastore (2015)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 21. Feb 2018, 11:19

Arkadin hat geschrieben:
Hat/Hatte der nicht auch in Hamburg einen Filmladen, zu dem die Leute in Prä-Internet-Zeiten in Scharen gepilgert sind? "Hard to get"? Oder dieser andere, dessen Name mir entfallen ist?

Das wusste ich nicht, aber unter http://hardtoget-horror.de/history/ kann man lesen:
"Steve Aquilina und Andreas Schnaas, haben sich am 23 Februar 1991 dazu entschlossen eine Videothek zu eröffnen, die mit Filmen dienen konnte, die man sonst nie zu Gesicht bekam. Es wurde aus aller Herren Länder Material herbeigeschafft, um die Kundschaft stets mit neuen Perlen zu überraschen."
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Re: Violent Shit: The Movie - Luigi Pastore (2015)

Beitragvon jogiwan » 21. Feb 2018, 13:11

buxtebrawler hat geschrieben:
Salvatore Baccaro hat geschrieben:(was wiederum dazu führt, dass ich mir die Frage stelle, ob Pastores Zusatz THE MOVIE nicht als Affront gegenüber seinem deutschen Kollegen gemeint sein kann – ich meine, disqualifiziert dieses Etikett nicht die gesamte Original-Trilogie als „echte“ Filme, und behauptet es nicht, dass Pastores VIOLENT SHIT das erste Werk dieses Namens ist, das die Bezeichnung „Film“ überhaupt verdiene?)

Welch schöne Vorstellung :kicher:



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