Zeit der Geier - Nando Cicero (1967)

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Zeit der Geier - Nando Cicero (1967)

Beitragvon Arkadin » 13. Mai 2013, 10:11

Bild

OT: Il tempo degli avvoltoi

Italien 1967

Regie: Nando Cicero

Kitosch (George Hilton) arbeitet auf der Farm des Großgrundbesitzers Don Jaime Mendoza (Eduardo Fajardo). Hier sorgt er mit amourösen Ausschweifungen besonders bei den Ehefrauen seiner Kollegen für Unruhe. Als er eines Tages mit der Frau von Don Mendoza erwischt wird, flüchtet er von der Ranch. Doch Don Mendoza hetzt den Sheriff auf Kitosch und so landet er im Gefängnis. Hier wird er von dem berüchtigten „Schwarzen Tracy“ (Frank Wolff) befreit. Die beiden bilden schon bald ein Team. Tracy ist hinter einem ehemaligen Freund her, der ihn einst an den Sheriff ausgeliefert hat. Auf der Suche nach dem Verräter erkennt Kitosch immer mehr, mit was für einem gefährlichen Mann er da unterwegs ist…

„Die Zeit der Geier“ lockt den Zuschauer zunächst auf eine falsche Fährte. Der Film beginnt mit einer fröhlichen Prügelei und führt den vom Uruguayer George Hilton gespielten Kitosch als Schürzenjäger und unbekümmerten Hallodri ein. Das passt auch gut zu Regisseur Nando Cicero, der in den 70ern fast ausnahmslos Komödien drehte. Hilton verkörpert hier zunächst einen jugendlichen Draufgänger, so dass man sich in dieser Rolle auch sehr Giuliano Gemma vorstellen könnte.

Doch bald schon ändert sich die Stimmung des Filmes. Bereits am Anfang, wenn Kitosch gebrandmarkt wird und später von den Männern seines Arbeitgebers (Eduardo Fajardo in einer für ihn typischen Rolle) verfolgt und bedroht wird, schwingt eine raue Brutalität mit, die so gar nicht zu dem Anfang passen will. Ganz finster wird es, wenn der von Frank Wolff bravourös gespielte „Schwarze Tracy“ auf einer Totengräberkutsche und Sarg auftaucht. Frank Wolff spielte in der Regel gutmütige – wenn auch manchmal etwas korrupte – Charaktere. Als Bösewicht sah man ihn eher selten. Vielleicht hat er nur darauf gewartet, seine dunkle Seite zeigen zu können. Hier lässt er den Zuschauer schon recht bald erschauern. Obwohl er bereits in der ersten Szene keine Skrupel zeigt, zahlreiche Ordnungshüter über den Haufen zu schießen, so glaubt man zunächst daran, dass sich zwischen ihm und Hilton so etwas, wie eine Vater-Sohn- oder zumindest Großer-Bruder/Kleiner-Bruder-Beziehung entwickeln könnte. So wie zwischen Lee van Cleef und Giuliano Gemma in „Der Tod ritt dienstags“. Das tut es auch, aber anders als geglaubt.

Tracy ist ein Psychopath und Sadist, der in seiner Mordlust weder vor unbewaffneten Bürgern, noch wehrlosen Frauen zurückschreckt. Er mordet und quält mit einer Leidenschaft, die ihn – neben Kinskis Loco in „Leichen pflastern seinen Weg“ – zu einer der erschreckensten Figuren in der Geschichte des Italo-Western werden lässt. Wie Hilton mehr und mehr in seinen Bann gerät und mit der Zeit alle Skrupel verliert, ist spannend und in dreckigen, rauen Bildern erzählt. Die Fotografie von „Zeit der Geier“ besitzt keinerlei Eleganz, unterstützt aber gleichzeitig durch ungewöhnliche Winkel und Bildausschnitte das psychotische seiner Hauptfiguren.

Der Film liegt nun erstmals vollständig in Deutschland vor. Für die Kinoauswertung waren damals zahlreiche Szenen geschnitten worden, in denen Tracy immer wieder an epileptischen Anfällen leidet. Vielleicht dachte der Verleih damals, es könnte eine Verbindung zwischen der Krankheit und Tracys eiskaltem Sadismus hergestellt werden. Neben den überzeugenden Hauptdarstellern sei hier auch die feine Musik von Piero Umiliani erwähnt und ein früher Auftritt der schönen Femi Benussi , die hier sehr gut ihr Mieder füllt.

„Zeit der Geier“ ist einer der Filme, die Quentin Tarantino 2007 im Rahmen einer Italo-Western-Retrospektive auf dem Filmfest in Venedig zeigte. Die Bildqualität ist durchwachsen und reicht von leicht milchig bis sehr scharf. Das stört aber nicht sonderlich. Der Ton liegt auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. Die im Kino fehlenden Szenen wurden auf Italienisch mit deutschen Untertiteln eingefügt. Die Extras bestehen aus einer 12-minütigen Doku mit dem schönen Namen „Liebesgrüße aus Uruguay“, in der George Hilton über seine Karriere erzählt. Neun Minuten dauert die Doku „Mit Kitosch kam der Tod“ in dem der Filmhistorikers Fabio Melelli über „Die Zeit der Geier“ seine Einordnung im Italowestern spricht. Leider taucht hier erstmals das Problem auf, dass Melellis Ausführungen mit derart schlechten Untertiteln versehen sind, dass der Sinn teilweise untergeht.

Screenshots: http://www.filmforum-bremen.de/2013/02/ ... furchtete/
Früher war mehr Lametta
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Re: Zeit der Geier - Nando Cicero (1967)

Beitragvon buxtebrawler » 28. Mai 2016, 21:02

Erscheint voraussichtlich am 11.08.2016 bei Koch Media auf Blu-ray:

Bild

Extras:
Interviews mit Darsteller George Hilton und Filmhistoriker Fabio Melelli, Bildergalerie

Quelle: http://www.ofdb.de/view.php?page=fassun ... &vid=71802
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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