Die schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino (1974)

Grusel & Gothic, Kannibalen, Zombies & Gore

Moderator: jogiwan

Re: Die Schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino

Beitragvon ugo-piazza » 15. Feb 2014, 22:02

jogiwan hat geschrieben:Die FSK-Homepage listet eine Prüfung mit 11.11.2013, also ein Datum, nach der Ösi-Veröffentlichung des Mediabooks vom 17.07.2013. Vielleicht wollte man hier erst einmal das generelle Intersse abchecken, bevor man sich an die Kosten einer Prüfung wagt. Das der mühelos durch die FSK kommt, dürfte ja auch von vornherein klar gewesen sein. Die integrale Fassung des Mediabooks dauert mit 110:29 Minuten übrigens genauso lange wie die geprüfte.

http://www.fsk.de/index.asp?SeitID=491& ... st&search=


Und was lernen wir daraus? Das gleiche wie bei "Loreley's grasp": Nimm dir Zeit!
Benutzeravatar
ugo-piazza
 
Beiträge: 8629
Registriert: 12.2009
Geschlecht: männlich

Re: Die Schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino

Beitragvon TufkaT » 15. Feb 2014, 22:24

Okay, danke. Dann wird bei Gelegenheit die Single-BD erworben. :)
TufkaT
 
Beiträge: 4614
Registriert: 06.2012
Geschlecht: männlich

Re: Die Schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino

Beitragvon jogiwan » 23. Dez 2014, 08:22

"Die Mutter aller Exorzismus-Filme" "Das Original aus 1974" :?

Auch die Zweitsichtung in größerer Runde hat natürlich nicht enttäuscht und auch wenn "Die schwarze Messe der Dämonen" mittlerweile unter "Der Antichrist" läuft, ist Alberto De Martinos Exorzisten-Rip-Off ein schwer unterhaltsamer und teils überraschender Streifen, der zwar etwas Anlaufzeit braucht und Trick-technisch vielleicht nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit ist, aber doch immer die Sympathien auf seiner Seite hat. Carla Gravina rockt ordentlich die Hütte und kennt Wörter, die man sich normalerweise nicht einmal zu denken wagt. Ganz groß auch Mel Ferrer, der wohl aus dem originellsten Grund ever mit seiner hübschen Studentin Schluss machen darf. Das Ambiente ist dem schicken Palais ist ebenfalls wunderbar schick und morbide zugleich und sowieso und überhaupt fallen mir zu dem Werk keine Kritikpunkte ein. Plagiatskino at it's best!
it´s fun to stay at the YMCA!!!



» Es gibt 1 weitere(n) Treffer aus dem Hardcore-Bereich (Weitere Informationen)
Benutzeravatar
jogiwan
 
Beiträge: 32259
Registriert: 12.2009
Wohnort: graz / austria
Geschlecht: männlich

Re: Die Schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino (1974)

Beitragvon buxtebrawler » 7. Mär 2015, 17:29

„Der Teufel denkt nicht daran, sich zu verstecken!“

Nach der ebenso schockierenden wie erfolgreichen Okkult-Horror-Referenz „Der Exorzist“ von William Friedkin sah sich natürlich die italienische Plagiatskino-Maschinerie inspiriert, das Konzept aufzugreifen und auf der Besessenheits-Horrorwelle mitzuschwimmen. Zu den dreistesten, aber auch gelungensten Italo-Rip-Offs zählt dabei mit Sicherheit Genrefilmer Alberto De Martinos („Puma Man“) „Der Antichrist“, auch bekannt als „Schwarze Messe der Dämonen“ oder „The Tempter“, der 1974, also im Jahr eins nach Friedkins „Exorzist“, in die Kinos kam.

„Sie schloss sich einer Satanssekte an. Sie war zu allem bereit. Sie wollte weiter nichts als Freiheit und Liebe. Eine tragische Figur, die Mitleid verdient.“

Als Ippolita (Carla Gravina, „Tödlicher Hass“) zwölf Jahre alt war, starb ihre Mutter bei einem Autounfall. Seitdem ist sie an den Rollstuhl gefesselt und sehr unglücklich. Ihr Vater (Mel Ferrer, „Die Killermafia“) hat sich eine junge neue Freundin (Anita Strindberg, „Der Schwanz des Skorpions“) gesucht, auf die sie mit Eifersucht reagiert. Als sie als junge Frau zudem Anzeichen von dämonischer Besessenheit entwickelt, versetzt sie ein Psychologe (Umberto Orsini, „Der Mann ohne Gedächtnis“) in Hypnose und findet heraus, dass sie die Reinkarnation einer vor 400 Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannten Ketzerin ist. Ihr Zustand verschlimmert sich, gleichzeitig entwickelt sie übernatürliche Kräfte. Sie beginnt, ihre Familie zu terrorisieren Obwohl sich ihr Vater lange dagegen wehrt, weiß man schließlich keinen schulmedizinischen Rat mehr und lässt sich auf einen Exorzismusversuch ein…

Nach einem fiebrigen Beginn mit irren Szenen religiöser Riten entwickelt De Martino in behäbigem Tempo seine Geschichte, statt gleich auf die Exploitation-Tube zu drücken. Dadurch gewinnen die Charaktere an Profil und wird der Zuschauer trotz unmissverständlich nahenden Unheils gewisserweise in trügerischer Sicherheit gewogen. Dieser kann sich an der ordentlichen Darstellerriege und vor allem dem prunkvollen, herrschaftlichen Ambiente erfreuen, das in Richtung Gothic-Horror tendiert und atmosphärische Zeichen setzt. Schließlich jedoch beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen, urplötzlich kann Ippolita wieder gehen, vergisst sie die Etikette und schlingt am Esstisch, stößt unvergleichliche Schimpfkanonaden aus, spricht mit fremder Stimme, versetzt das Zimmer in Bewegung und bekommt Schaum vorm Mund. Auf diesen großartig inszenierten Besessenheitsausbruch musste man länger warten, doch es hat sich gelohnt. Bei einem laienhaften ersten Exorzismus-Versuch schwebt sie durchs Fenster und wieder zurück, zaubert glühende Kohlen und eine Würgehand herbei, verhöhnt den Wunderheiler (Mario Scaccia, „Schade, daß Du eine Kanaille bist“) und zwingt ihn, grüne Kotze zu lecken.

Ihr Vater sieht sich nun gezwungen, Opfer zu bringen und beendet die Liaison mit seiner Freundin, was Ippolita jedoch mittlerweile einen feuchten Kehricht interessiert: Sie prügelt und beschimpft ihn, stranguliert ihn per Telekinese. Dass sie inzwischen immer fertiger aussieht, hält sie nicht davon ab, ihren Bruder Filipo (Remo Girone, „Der Aufstieg des Paten“) sexuell zu belästigen. Als Nächster versucht sich ihr Onkel (Arthur Kennedy, „Die Viper“), ein eher glaubensschwacher Priester, an einem Exorzismus, doch der Teufel wehrt sich und Onkelchen bleibt erfolglos. Nun ist klar: Ein Profi muss her, da beißt die Maus keinen Faden ab. Man beauftragt einen österreichischen Bettelmönch (George Coulouris, „Mord im Orientexpress“), der sich mit tanzenden Möbeln, einem regelrechten Orkan, Regen mitten im Haus und entfachtem Feuer konfrontiert sieht. Ippolita bzw. das, was von ihr Besitz ergriffen hat, spuckt grünen Schleim und wird immer entstellter. Erst ist sie plötzlich doppelt da, dann rennt sie weg, doch man ist ihr auf den Fersen…

Wie bereits eingangs erwähnt, handelt es sich um ein unschwer als solches zu identifizierendes „Der Exorzist“-Rip-Off, das jedoch sorgfältig eigene Ideen einpflegt und sich an den Schlüsselmomenten des Vorbilds orientiert, die es bisweilen fast 1:1 kopiert, oft genug jedoch mittels eigener Ideen gekonnt variiert. Das Umfeld ist dann auch ein ganz eigenes, ebenso individuell sind die Charaktere, lediglich das Kernstück aus Friedkins Film blieb erhalten. Eine Produktion aus der Diskont-Ecke ist „Der Antichrist“ dann auch augenscheinlich keinesfalls, die Ausstattung kann sich ebenso sehen lassen wie die Make-up-Arbeit und Aristide Massaccesis (alias Joe D’Amato) hervorragende Kameraarbeit, die das Potential dieses Mannes beweist. An den Spezialeffekten hat der Zahn der Zeit etwas genagt, doch funktionieren sie noch immer prima, in Kombination mit Ippolitas krudem Gebaren verfehlen sie ihre Schock- und Ekelwirkung nicht – wo der Horrorfaktor nicht ganz mit Regan mithalten kann, wird eben auf zusätzliche Übertreibung gesetzt, so dass De Martinos Film herrlich obszön, schmuddelig (inkl. Masturbationsszene) und blasphemisch ausgefallen ist. Die ausführliche Exposition mag ihre Längen haben und hätte etwas Straffung hinsichtlich der Dialoge und des Schnitts sicherlich vertragen, aber De Martino beweist durchaus Gespür für die psychologische Komponente, die zunächst nur diffuse, latente okkulte Bedrohung und langsame Entfaltung der Handlung sowie ihrer Zuspitzung. Neben dem Prolog lockert eine Rückblende in das Leben Ippolita seniors die Szenerie wunderbar auf und sorgt für Tapetenwechsel. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist das eines geköpften Reptils und ebenso kopflos schien man beim Entwurf der finalen Pointe gewesen zu sein, denn das Ende fällt in seiner unspektakulären Art doch stark ab – hier hätte es gern noch etwas mehr sein dürfen, gern auch eine Rückkehr zum psychologischen Aspekt der körperlich eigentlich gesunden, dennoch gelähmten und unter Ängsten und wenig Selbstvertrauen leidenden Ippolita.

Das Ensemble von internationalem Format lässt sich überraschenderweise bisweilen von der aufdrehenden Carla Gravina an die Wand spielen, der zuzusehen als Okkult-Horror-Freund die reinste Wonne ist. Untermalt wird die dämonische Szenerie von Musik aus den Federn Morricones und Nicolais, die Kirchenorgeln mit experimentell anmutenden Streicherklängen etc. paaren und dem Wahnsinn Ippolitas akustisch Ausdruck verleihen. Ja, in dieser Form macht das vielgescholtene „italienische Plagiatskino“ mächtig Spaß, weshalb „Der Antichrist“ kurzum in jede anständige Horror-Sammlung gehört! Und für diejenigen, die nie mit den offiziellen „Der Exorzist“-Fortsetzungen warm geworden sind, ist dies hier evtl. gar der Film, den man sich als zweiten Teil gewünscht hätte.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!

Suche (dt. Sync): Dr. Jekyll und Mr. Hyde ('31) / The Last Song (Permanent Record)
Benutzeravatar
buxtebrawler
Forum Admin
 
Beiträge: 28301
Registriert: 12.2009
Wohnort: Wo der Hund mit dem Schwanz bellt.
Geschlecht: männlich

Re: Die Schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino (1974)

Beitragvon buxtebrawler » 19. Jun 2016, 23:07

Erscheint voraussichtlich am 31.08.2016 bei Film Art als Blu-ray/DVD-Kombination im Mediabook:

Bild

Extras:
- Integrale Fassung ca 110 Min. (BD only)
- englischer Trailer
- XXL-Booklet mit Texten zum Film von: Pelle Felsch, Oliver Nöding, Dr.Marcus Stiglegger, Martin Beine (tenebrarum), Heiko Hartmann & Christian Keßler
- XXL-Booklet inklusive dem KOMPLETTEN deutschen Kinoaushang, dem deutschen Presseheft und Pressefotos
- XXL-Booklet inklusive offizieller Stellungnahme der Diözese Mailand zum Film! (italienisches Original + deutsche Übersetzung)

Bemerkungen:
- Mediabook mit Lederoptik
- ablösbare Banderole
- Blu-Ray & DVD Combo (Repack der Tiberius-Discs)
- Limitiert & Nummeriert auf 888 Stück

Quelle: http://www.ofdb.de/view.php?page=fassun ... &vid=72718
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!

Suche (dt. Sync): Dr. Jekyll und Mr. Hyde ('31) / The Last Song (Permanent Record)
Benutzeravatar
buxtebrawler
Forum Admin
 
Beiträge: 28301
Registriert: 12.2009
Wohnort: Wo der Hund mit dem Schwanz bellt.
Geschlecht: männlich

Re: Die schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino (1974)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 7. Jul 2017, 12:27

Vier - mehr oder minder ausführliche - Beobachtungen zu Alberto De Martinos Horrorschocker L'ANTICRISTO

1. Die ersten acht Minuten von L’ANTICRISTO dürften möglicherweise das Beste sein, was Alberto De Martino jemals inszeniert hat – genauso wie der diesen ersten acht Minuten nachfolgende Film möglicherweise das beste Gesamtwerk ist, an dem er in seiner immerhin weit über zwei Dekaden langen Karriere mitgewirkt hat. L’ANTICRISTO beginnt mit dokumentarischen Aufnahmen einer Wallfahrtsprozession zu irgendeiner Madon-nenstatue, von der sich die zumeist unter seelischen und/oder körperlichen Martern leidenden Gläubigen Linderung erhoffen. Mittels eines Schnitts, der rastlos ist wie die der Gottesmutter zufliegenden Herzen, entsteht der (möglicherweise sogar korrekte) Eindruck, man würde parallel mehreren unterschiedlichen Zeremonien beiwohnen, von denen De Martino und sein Team an unterschiedlichen Orten Aufnahmen gesammelt, um sie dann, einem Mondo-Film vergleichbar, zu einer assoziativen Gesamtsymphonie zusammenzumontieren. Wir werden aus dem Gotteshaus, in dem die Madonna auf ihre Groupies wartend stilecht angekleidet wird – man bestückt die in monotoner Güte in die Menge starrende Statue mit ihrer Himmelsköniginnenkrone, und pfropft Stiletten in ihre Rippengegend –, vor die Kirchenpforten gezerrt, wo zahllose Heilssucher mit Regenschirmen, Fackeln und in weißen Ku-Klux-Klan-Roben darauf drängen, ebenfalls über die Heilige Schwelle gelassen zu werden, und letztlich mitten hinein in ebenso zahllose, wie beiläufig eingefangene Details gestoßen: Ein Mann zuckt in religiöser Ekstase auf den Bodenfliesen. Eine endlose Kette aus Kerzen schwenkt im finsteren Kirchenraum hin und her. Nackte Büßerfüße mit schwarzen, eingewachsenen Nägeln schleppen sich im Gänsemarsch dem Altar entgegen. Ein Jesus-Imitator mit offensichtlich falschem Bart und Haupthaar wird auf einem Eselchen durch die Menge geführt. Da sind Hände voller lebender Schlangen. Da sind verzerrte Frauengrimassen, die sich gegen die Stäbe pressen, durch die die Madonna vor allzu aufdringlichen Besuchern geschützt wird. Da ist der bloße Marienfuß, der auf dem Kopf eines scheußlichen Drachen ruht. Einmal abgesehen davon, dass all diese Bruchstücke mit einer exzellenten Ausleuchtung gesegnet sind, die gerade solche Farbphänomenen wie das leuchtende Bunt der Lichter oder Gewänder oder Kirchenfenster überwältigend hervorstreicht, kann man die Montage einfach nur als virtuos bezeichnen: Offenbar zeitlich und räumlich voneinander getrennte Partikel werden in eine juxtapositionale Reihung gebracht, die einen unglaublichen visuellen Dolby-Surround-Effekt evoziert, sprich: Ich habe, wie gesagt, das Gefühl, ich schaue mich nur nicht eine einzige Prozession mit anschließendem ekstatischem Taumel an, sondern eine Vielzahl von ihnen, die zu so etwas wie einer Universalmetapher für so ziemlich alles, was die römisch-katholische Kirche an suggestiven Massenevents zu bieten hat, vereint wurden. Dass manche Szene nicht länger als ein, zwei Sekunden dauert, dass oftmals auf ein und dasselbe Ereignis aus verschiedenen, sich teilweise widersprüchlich kreuzenden Perspektiven rasch hintereinander geschaut wird, oder dass man als Betrachter in dem ganzen Gewühl und Gedränge und Gekreische und Gebete sowieso bald die Übersicht verliert, hat zusätzlich einen, wenn man so will, brutalen Nebeneffekt: Hilflos ausgeliefert den brodelnden Bilder nimmt man weniger an einer Querschau süßlicher Frömmigkeit teil, sondern vielmehr an einer Parade aus sensualistischen Momentaufnahmen, hinter denen eine Gewalt versteckt scheint, die jeden Moment zur Eruption kommen muss, kann und wird.
Dieser Ausbruch kommt dann natürlich auch, und zwar dadurch, dass die dokumentarischen Aufnahmen welchen zu weichen beginnen, in denen unsere Hauptfigur Ippolita Oderisi etabliert wird - verschreckt und schüchtern steht sie am Rande der Prozession auf Krücken, deren Anwesenheit allein ausreicht, uns wissen zu lassen, was genau sie an diesen Ort verschlagen hat. Zusammen mit ihrem Papa Massimo ist sie hierher gepilgert, um endlich die unsichtbare Last von ihren Beinen loszuwerden, die auf ihnen seit einem Autounfall lastet, für den sie sich die Schuld gibt: Damals ist ihre Mutter gestorben, sie selbst mit einer Querschnittslähmung davongekommen. Die Idee für die Wallfahrt stammt übrigens nicht von ihr selbst: Ihr Elternhaus ist ein erzkatholisches, ihr Onkel sogar Bischof im Vatikan. Die Gottesmutter jedoch hat keine Rose, sondern eine Enttäuschung für sie – was allein schon das überaus exzellent montierte Blickduell anzeigt, das Ippolita und Maria sich über die Masse der Frommen hinweg leisten. Statt dass sie nur nicht geheilt die Kirche verlässt, tut sie das zu allem Überfluss auch noch traumatisiert. Ein Rasender, den man gegen seinen Willen zu Füßen der Madonna schleppt, schafft es, sich von seinen Betreuern loszureißen, flüchtet aus dem Gotteshaus und stürzt sich nahebei von einem Felsen in den Tod – das Ganze vor den Augen unserer jungen Heldin und quasi direkt in die Kameralinse hinein, was einen Spezialeffekt nötig gemacht hat, mit dem die Zeit nun wirklich nicht gerade gnädig umgesprungen ist. Auch deshalb fassen diese ersten – ich kann das nicht oft genug erwähnen! –schlicht großartigen Minuten auch ein grundlegendes Dilemma von L’ANTICRISTO zusammen: Wenn man dem Film nämlich einen Vorwurf machen kann, dann den, viel zu sehr der Verlockung erlegen zu sein, sich mit plakativen Schauwerten und dem einen oder anderen albernen Effekt einem Publikum anzubiedern, dessen Kinosessel gerade von Friedkins THE EXORCIST in Elektrische Stühle verwandelt worden sind, und das nun nach noch mehr okkulten Stromstößen dieser Machart dürstet.

Bild

2. Dabei ist gerade das ein Fehler, über den man beim oberflächlichen Überfliegen der nicht wenigen online oder im Print publizierten Rezensionen zu De Martinos Film häufig stolpert: L’ANTICRISTO als pures Rip-Off des Besessenheits-Schockers von jenseits des Atlantiks zu interpretieren, greift, meines Erachtens, derart kurz, dass ich mich frage, ob die Leute, die so etwas behaupten, vorliegendes Werk überhaupt gesehen haben. Die Differenzen beider Filme stechen schon im oben skizzierten Prolog ins Auge: Während THE EXORCIST – sowohl Romanvorlage wie Verfilmung – seine Geschichte in einem urbanen, weitgehend säkularisierten Raum verortet, und im Subtext vor allem eine Parabel über Kinder und Heranwachsende erzählt, die sich, wie es im Zuge von Hippie-Bewegung, Anti-Vietnam-Protesten und 68er-Revolte seinerzeit an der Tagesordnung war, gegen die Autorität ihrer Eltern resp. des Staates/der Kirche auflehnen, um dann wieder durch die Autorität der Trias Eltern/Staat/Kirche in ihre Schranken verwiesen zu werden, erweist sich bereits das Milieu, in dem L’ANTICRISTO spielt, als ein gänzlich anderes: Wir befinden uns im Alten Europa mitten in einer Gesellschaftsschicht, die man früher als aristokratisch bezeichnet hätte, und dort wiederum in Familienstrukturen, die wesentlich traditioneller gezeichnet sind als das Schema „Alleinerziehende Mutter mit Liebhaber“ bei Friedkin: Die Mutter ist zwar verstorben, und der Vater bandelt mit der Krankenpflegerin Ippolitas an, irgendwie, hat man zumindest zu Beginn das Gefühl, gleicht das aber das gute Verhältnis wenigstens teilweise aus, das Bruder und Schwester zueinander haben, die mütterliche Ersatzrolle, die die Haushälterin einnimmt, und das heilsspendende Vorhandensein des Bischofsonkels, der regelmäßig zum Kaffee vorbeikommt. Dass das trotzdem nicht eitel Sonnenschein ist, zeigt allein die Tatsache, dass vorliegender Film existiert: Ippolita ist eifersüchtig auf Papas neue Freundin, zudem innerlich aufgewühlt von der Überdosis Katholizismus-Riten, denen man sie ausgesetzt hat, und nicht zuletzt aus der Bahn geworfen durch die Hypnose-Session eines befreundeten Psychiaters, nach der sie glaubt, die Reinkarnation einer frühneuzeitlichen Nonne zu sein, die sich dem Teufel als habittragende Gespielin angedient hat, und zusammengemixt ergeben all diese Ingredienzien unterm Strich freilich ganz ähnliche Szenen wie die, die Linda Blairs Körper-Performance den Horror-Annalen als stilprägend eingeschrieben hat. Dennoch: Gerade das Ambiente des Films – diese herrschaftlichen Säle mit ihren hohen Decken, diese langen, roten Flure voller Büsten wie eine Antikengalerie, diese Treppenhäuser mit den breiten Stufen und hohen Marmorsäulen – verleiht L’ANTICRISTO eine derart (im positiven Sinne) altbackene, delikate, schwülstige Atmosphäre, dass ich versucht bin, schon gar von einer Anti-These zu den modernen Wohnungen, sterilen Arztpraxen und verkehrslärmgetränkten Plätzen in THE EXORCIST zu sprechen. Ein bisschen wie bei Argento -, an dessen PROFONDO ROSSO mich vor allem besagter Flur mit den aus der Wand wachsenden Antikenhäuptern erinnert, die, mal belustigt, mal skeptisch, den an ihnen vorbeigehenden Personen wie ein griechischer Chor hinterherzuschauen scheinen, der seine Zunge verschluckt hat -, oder wie bei Visconti -, dessen Huldigung an Pomp und Prunk eines Fin-de-siècle-Italiens unter dem ästhetischen Postulat D’Annunzios in L’INNOCENTE mir genauso zwangsläufig in den Kopf springt -, beschwört De Martinos Kulissenwahl eine seltsam zeitentrückte Welt herauf, in der es weit weniger irrplausibel erscheint, dass eine junge Frau vom Satan besessen wird, als in der funktionalistischen, technologisch durchorganisierten, in der Linda Blair es mit einem vorderasiatischen Flügeldämon zu tun bekommt.
Im Sinne eines Gothic Horrors, von dem Friedkin nun schon recht weit entfernt ist, wird nicht nur das Gemäuer, in dem die Familie Oderisi seit Jahrhunderten schon liebt, lebt und stirbt, sondern die gesamte Familiengeschichte zu einer Kiste mit mehreren doppelten Böden, aus denen – wie es im vorliegenden Film geschieht – offenbar prob-lemlos irgendwelche dunklen Geheimnisse hervorgezaubert werden können: Dass eine von Ippolitas Ahninnen tatsächlich eine Satansnonne gewesen sein soll – übrigens ein Subplot, der allein schon einen veritablen Nunsploi-tation-Reißer abgeben würde -, erscheint so wenig erstaunlich wie die Spukerscheinungen, die alsbald Haus und Insassen terrorisieren. Dadurch, dass L’ANTICRISTO von der allerersten Szene an in einem dezidiert katholischen Umfeld siedelt, kann De Martino darauf verzichten, religiöse Figuren umständlich und wenig plausibel einzuführen, sondern sich stattdessen ganz auf seine dezente, d.h. weitgehend ohne paukenschlaghafte Blasphemien auskommende Kritik an einer Gesellschaftsschicht konzentrieren, die, völlig im Koordinatensystem des Katholizismus verstrickt, jeder Abweichung von der Norm sofort mit Kreuz und Bibel zu Leibe rücken muss. Dabei lässt L’ANTICRISTO – was ihn allein schon klüger als THE EXORCIST macht – allerdings auch die moderne Wissenschaft nicht ungeschoren davongekommen. Ippolitas merkwürdige Wandlung vom Mauerblümchen zur Bestie kann man, wie erwähnt, auf drei Ursachen zurückführen, wenn man den ganzen Höllenlärm denn nicht dem Leibhaftigen in die Schuhe schieben möchte: Ist es die zu Beginn am Beispiel der Madonnenzeremonien gezeigte kulminierende Irrationalität, die ihren Geist verwirrt, ihre Verlustängste bzgl. des Vaters, oder nicht etwa doch die Rückführungs-Hypnose, die man mit ihr anstellt? – ihr wisst schon, eine dieser Séancen, in denen der Delinquent zumindest mental in ein früheres Leben zurückversetzt werden soll, und dann z.B. feststellt, dass er mal ein flämischer Bauer im sechzehnten Jahrhundert gewesen ist. Möglicherweise gehen all diese Dinge auch in Hand und Hand, könnte man aus laienpsychologischer Sicht denken, wenn da nicht die letzten zehn bis fünfzehn Minuten wären, die vieles von dem kaputtmachen, was auf narrativer Ebene zuvor derart durchdacht als Kaleidoskop an Optionen entworfen worden ist, die zunehmend wüster werdende Handlung des Films doch noch irgendwie rational zu erden. Ippolita spuckt grüne Galle, Ippolita spricht mit Teufelsstimmen, Ippolita schwebt – erneut dieser peinliche Spezialeffekt, bei dem man einfach den liegenden Körper Carla Gravinas in Szenen hineinkopiert hat, wo die sonstigen Darsteller dann so tun müssen, als würden sie ihm mit den Augen durch den Raum folgen – aus dem Fenster in die Nacht, Ippolita verrückt Möbel, öffnet und schließt Fenster, und spricht die Geliebte des Papas in obszönem Deutsch an, das sie eigentlich gar nicht beherrschen sollte (wüssten wir nicht auch hier, dass sie kurz zuvor einem deutschen Touristenbuben im wahrsten Wortsinne den Kopf verdreht hat.) Tja, und bei dem ganzen Brimborium ringt zumindest mir selbst der obligatorische Exorzist, ein Bettelmönch, der kurz vor Torschluss endlich in der obligatorischen Gewitternacht vor dem Oderisi-Anwesen aufschlägt, nur ein müdes Lächeln ein, wenn er mit tiefer Stimme brummt: „I am Father Mitner!“

Bild

3. Das Ende mag sehr versöhnlich, sehr katholisch, sehr bedenklich, so mancher Ekeleffekt zuvor schlicht unnötig, manche Rolle überflüssig sein – z.B. Anita Strindberg, die kaum von den schmucken Requisiten in den opulent eingerichteten Wohnräumen zu unterscheiden ist, oder Mario Scaccia als Wunderdoktor, der wirkt, als sei er geradewegs aus Raffaele Andreassis an dieser Stelle noch einmal nachdrücklich empfohlenen Dokumentation über Hexerei im modernen Rom, LE STREGHE von 1963, gestolpert, und dem Ippolita mit ihren Satanskünsten eine derart lange Nase zieht, dass es fast schon wieder witzig ist -, die eigentlichen Qualitäten hat L’ANTICRISTO für mich sowieso an ganz anderen Stellen – nämlich genau denen, die mich schon den Prolog wie besinnungslos haben abfeiern lassen. Dass ich die Kulissen, ihre Ausleuchtung, die malerischen Farben weiter oben schon mit Argento und Visconti verglichen habe, gibt den Weg der Lobhudeleien vor, die nun noch folgen werden. Zuallererst und allem voran: Montage und Kameraarbeit befinden sich teilweise ganz dicht an der Grenze zur Genialität, stellenweise sogar knapp darüber. Vincenzo Tomassi, der in seinem Leben wohl mehr italienische Genrefilme montiert haben dürfte als ich jemals gesehen habe, bringt Einstellungen in einen Dialog zueinander, der oftmals eine leichte Spur zu abgedreht ist, um nicht einen sachten surrealen Effekt zu verursachen. Ich erinnere an eine Szene etwa bei Minute Fünfzig: Ippolita hat Freigang, d.h. sie vertritt sich die plötzlich beweglichen Beine, wenn niemand hinsieht, zum Männerfang, und fährt mit einem PKW durchs Grüne. Ebenfalls unterwegs: Ein Bus voller deutscher Schüler, die scheinbar einen Ausflug zu irgendwelchen historisch interessanten, für sie aber sicherlich todlangweiligen Römerruinen unternehmen. Wir sehen, wie der Bus von rechts nach links an einer dieser Ruinen vorbeibraust. Dann Schnitt zur Großaufnahme eines hübschen Jünglings, der sich in einem Sitz aufrichtet, und angestrengt nach rechts aus dem Bild guckt, als habe er etwas Bemerkenswertes entdeckt. Schnitt zu einem Gebüsch, aus dem zwei kleine Mädchen schlüpfen, die mit verspieltem Gekicher nach rechts einen Hang hinauflaufen, während die Kamera ihrerseits ohne große Eile in die Höhe fährt, erst eine Wiese enthüllt, dann Ippolitas Auto, das am Seitenrand einer öden Landstraße parkt, und schließlich, rechts auf einem der spärlich gesäten Hausdächer, ein kleines Kreuz, fast wie eine Warnung. In der nächsten Szene wird Ippolita, ohne Gehhilfe, aus dem Auto steigen, und damit beginnen, durch die Gegend zu spazieren, die Schülergruppe treffen, den fraglichen Buben verführen und mutmaßlich grausig ermorden – was bedeutet, (und die Montage unterstreicht das noch), dass der Blick ihres späteren Opfers aus dem Bus in keinem geographischen Zusammenhang mit Ippolita gestanden haben kann, obwohl Schnitt und Kamera uns zu ihrem parkenden Wagen führen, als würden wir geradewegs der Perspektive des Knaben folgen. Öfter finden sich in L’ANTICRISTO solche Finten, die einem Rezipientenblick gelten, dem durch die Kino-Konventionen die Abenteuerlust abtrainiert worden ist., und der, scheinbar bewusst, vielleicht nicht unbedingt in die Irre, aber in Situationen geführt wird, die wenigstens gelinde irritierend wirken.
Mehr noch: Gerade Joe D’Amato – hier noch brav-bürgerlich als Aristide Massaccessi unterwegs – entlockt seiner Kamera vollkommen unaufgeregte Fahrtbewegungen, die oft allein darin bestehen, dass sie, von einem fixen Standpunkt zum nächsten, ein, zwei Meter elegant durch die Szenerie gleitet, und mir einige wirklich wunder-schöne Momente auf die Netzhaut brennen. Als beispielweise Alida Valli unsere Heldin in ihre Stube begleitet hat, kurz nachdem die wiederum endlich ihren Verdacht hat erhärten können, dass zwischen Papa und ihrer Pflegerin mehr läuft als eine bloße Geschäftsbeziehung, schwenkt die Kamera in einer dieser für den Film typischen balletthaft choreographierten Bewegungen langsam von links nach rechts, und enthüllt dabei, dass auf Ippolitas Schreibtisch nur ein einziges Photo steht: Ihr Papa, Mel Ferrer, als großes Schwarzweißbild. Mehr als jedes erklärende Wort sagt mir allein diese wenige Sekunden dauernde Kamerafahrt, welchen Stellenwert der Vater im Leben seiner Tochter haben muss. Ein weiteres Beispiel dafür wie exquisit D’Amato in vorliegendem Film seinen technischen Apparat dazu benutzt, Blickrichtungen zu fokussieren, Räume zu durchmessen, oder schlicht beein-druckende Bildkompositionen aus dem Ärmel zu schütteln: Alida Valli hat es nicht mehr ausgehalten, Ippolita leiden zu sehen – zumal die Exponentin einer extrem frommen Volkskultur vermutet, dass Ippolita ihren Bruder Filippo in inzestuöse Fesseln gelegt haben könnte. Sie fährt zu einem vermeintlichen Wunderheiler in die Stadt, und führt ihn, als die Herrschaft außer Haus ist, diesen roten Flur mit den Antikenbüsten entlang, in den ich mich unsterblich verliebt habe. Ihre Fahrt beginnt die Kamera direkt auf den vier gelockten, an aufklärerische Gelehrte erinnernden Köpfen rechts an der Wand, die ihre Gesichter der Tür zugeneigt haben, hinter der Ippolitas Schlafkammer liegt. In einer exakt arrangierten Choreographie streicht sie von dort aus zunächst zu besagter Tür bis nur noch deren Holzverkleidung den Bildkader füllt. Wir hören unheimliches Zischeln, Geflüster, Gequieke, während die Kamera weiter nach links schwenkt, über die Köpfe vom Anfang hinweg zu denen auf der gegenüberliegenden Wandseite, die genau in die entgegengesetzte Richtung schauen, nämlich zu dem Fahrstuhl am Ende des Flurs, der sich gleich öffnen, und Alida Valli und Mario Scaccia ausspucken wird. Während beide auf Zehenspitzen durch den Flur schleichen, haftet die Kamera als Bezugspunkten ausschließlich an ihren Körper, fährt dabei zurück und nach rechts, erneut zu Ippolitas Tür, die ihre Hausdame ohne zu klopfen öffnet, hinter sich schließt, und den Quacksalber einen Moment allein mit wenig erfreutem Gesichtsausdruck direkt vor der Kamera stehen lässt. Nachdem sie ihn hereingewinkt hat, und er der Einladung gefolgt ist, endet die Fahrt wieder genau an dem Punkt, von wo sie ihren Anfang genommen hat: Auf den vier uns bzw. der Tür zugeneigten vier Gelehrtenköpfe, die wie Pflanzenstängel aus der Wand wachsen.

Bild

4. Ach ja, in L’ANTICRISTO gibt es natürlich auch noch einen Horror-Subplot, der sich schlicht deshalb nicht in schlechten Kopien der aufsehenerregenderen Szenen von THE EXORCIST erschöpft, weil er im Konzept von Friedkins Film gar nicht funktioniert hätte. Die Rede ist einmal mehr von Ippolitas unter Hypnose herbeigeführten Visionen, bei denen sie sich gleich dreimal in die Rolle einer längst auf dem Scheiterhaufen zu Knochen und Aschen verbrannten Ordensfrau imaginiert. Symbol dieser Koppelung an die wenig rühmliche katholische Vergangenheit Europas ist eine Kröte, der man den Kopf abgerissen hat – und für die höchstwahrscheinlich, es sei denn, Carlo Rambaldi hatte die Finger im Spiel, tatsächlich eine aus Fleisch und Blut hat herhalten müssen. Nicht nur beim Gottesdienst in der Kirche des Bischofsonkels taucht das malträtierte Tier auf, sondern auch in einer Rückblende beim Autounfall, der Ippolitas Mutter das Leben kostet, sowie beim nominellen Höhepunkt des gesamten Films: Jener Szene, in der die schlafende Ippolita ins Zentrum eines Hexensabbats versetzt wird, den Hans Baldung Grien nicht besser hätte malen können. Die Kakophonien, mit denen Enrico Morricone und Bruno Nicolai nicht geizen, und einige dann doch vielleicht nicht allzu geschmackvolle Details – ich denke da vor allem an das herzhafte Ausschlecken eines Ziegenbockafters – tun das Übrige dafür, dass die phantasmagorische Studiokulisse, in der De Martino nackte kopulierende Leiber, silbern-bläulich beleuchtete Farnwedel und spindeldürre Sträucher sowie ein hünenhaftes Scheusal mit Hörnermaske, überaus plastisch vor Augen führt, eine Intensität entwickelt, wie ich sie nur aus Benjamin Christensens Okkultismus-Klassiker HÄXAN von 1922 kenne. Gewissermaßen ist diese Szene dann auch eine Antithese – und zwar nicht nur zu Friedkins THE EXORCIST, sondern zu den ersten acht Minuten von L’ANTICRISTO selbst. Wo dort der Großteil der Aufnahmen wenig bis gar nicht inszeniert erscheint, d.h. De Martino offenbar wirklich authentisches Bildmaterial authentischer christlicher Riten und Festlichkeiten verwendet hat, regiert bei der Hexensabbats-Szene eine derart offensive Künstlichkeit, dass der Analogieschluss sich wie von selbst für mich einstellt: Auf der einen Seite das (gesellschaftlich legimitierte) Ausagieren unterdrückter Triebe und Sehnsüchte in Form einer kirchlichen Praxis, auf der andern Seite das (gesellschaftlich sanktionierte) Ausagieren der gleichen Triebe in Form einer satanischen Praxis. Ob er es nun will oder nicht, stellt L’ANTICRISTO, indem er diese beiden Möglichkeiten der spirituellen Transgression einander auch ästhetisch gegenüberstellt – der vermeintlich objektiven Blick des Dokumentaristen vs. den verklärt-verzerrten Blick einer Kamera, die vor allem durch jahrhundertealte Bildtraditionen schwarzmagischen Treibens linst -, eine für die Lektüre des Films (und unserer Leben), wie ich finde, ganz essentielle Fragen – nämlich danach, woher die Validität eines Ritus rührt?, was wir, sofern wir ihn als valide annehmen, mit ihm anstellen dürfen?, und was er wiederum mit uns, wenn wir ihn für uns als nicht valide erkannt haben?
Benutzeravatar
Salvatore Baccaro
 
Beiträge: 1903
Registriert: 09.2010
Geschlecht: nicht angegeben

Re: Die schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino (1974)

Beitragvon karlAbundzu » 24. Okt 2019, 17:31

Ein weiterer Exorzistennachfolger und mit Ossessa bildet das auch die ganze Bandbreite ab.
Doch erst kurz zum Film: Der Bein-gelähmten Ippolita hilft kein Arzt und auch keine Wunderbewanderte Madonna, sie verzweifelt langsam, und betrachtet noch misstrauisch das Verhältnis ihres Vaters mit der amerikanischen Studentin. Vatern hat nämlich in einer Unachtsamkeit ein Unfall gebaut, was Muttern das Leben und eventuell Ippolita die Gehkraft raubte. Ein hipper Psychiater, der auf Hypnose steht und an Wiedergeburt glaubt, öffnet leider die falschen Türen, in Ippolita lebt wohl die Seele einer Frau, die sich schon vor 400 Jahren dem Teufel verschrieb. Und der Beezlebub wütet auch immer mehr in der Bessessenen: Obzönitäten, Telekinese, tiefe Stimme (Bud Spencers deutsche?), irgendwann wird halt erst der Pastor Onkel geholt und dann ein Spezialist und die Luzie geht ab.
Das ist alles hervoragend gefilmt, spannend erzählt und bierernst. Und genau so macht das Spaß und nimmt ein wirklich mit, trotz des von aussen betrachteten hanebüchenen Zeug an manchen Stellen. Der semidokumentarische Rückblick ist auch stimmig und auch high end Sleaze.
Wo Ossessa der Bodensatz ist, ist hier das Meisterstück, mir gefällt der besser als das Original. Und auf Leinwand eben noch mehr als auf der schraddeligen vhs, die ich einst sah. Super Abschluss
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
Benutzeravatar
karlAbundzu
 
Beiträge: 6115
Registriert: 11.2012
Geschlecht: nicht angegeben

Re: Die schwarze Messe der Dämonen - Alberto De Martino (1974)

Beitragvon nico giraldi » 24. Okt 2019, 20:40

Hier sind wir wirklich einmal an der Quelle des Bösen , im alten Rom der 70er Jahre, hier braucht man ja nicht lange nach brauchbaren Kulissen zu suchen , die hat man vor Ort.
ANTICHRIST kommt auf der grossen Leinwand weitaus besser , als auf dem heimischen Bildschirm. Den Film dieses Mal zum ersten Mal im Kino gesehen. Im Heimkino wirkten manche Effekte manchmal etwas kitschig und ich fand das sie nicht mit dem Exorzisten Orginal mithalten konnten , aber im Kino war das alles wie weggeblasen.
Allein der Anfang mit der Prozession von Gläubigen , irgendwo im Süden Italiens , gefilmt von Aristide Massaccesi ist beeindruckend realistisch.
Der Film dann, vor Ort, in Rom spielend , praktisch vor der Haustür des Vatikans , hervoragend besetzt mit Mel Ferrer , Arthur Kennedy , Umberto Orsini , Alida Valli etc . und Carla Gravini als Besessene, was dann auch noch mal ein grosses Plus ist und vergleichbare Filme aus dem Genre nicht zu bieten haben.
Die „ Schwarze Messe „ mit Satan persönlich auch sehr professionell gefilmt .
Das Finale im , oder am Rande des Colloseums in Rom, der Film hat das richtige Lokalkolorit.
Der Film besitzt wirklich im Gedächtnis bleibende Szenen.
Im Exorzisten Genre belegt der Film nach dem Orginal von William Friedkin bei mir die Nummer Zwei.
Nun möchte ich einmal HOLOCAUST 2000 von Alberto de Martino auf der grossen Leinwand sehen.
8 von 10
nico giraldi
 
Beiträge: 29
Registriert: 11.2015
Geschlecht: nicht angegeben

Vorherige

Zurück zu "Horror"


 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

cron