Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Moderator: jogiwan

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon sid.vicious » 2. Feb 2020, 01:29

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Die britischen Crass waren eine der wichtigsten und einflussreichsten Bands der europäischen Punk- und Hardcore-Bewegung. Ihre vom Geist des Anarchismus geprägten Texte und ihr Kampf gegen musikalischen Mainstream, Sexismus, Tierversuche sowie die reaktionäre Politik der 1980er-Jahre trugen maßgeblich zur Politisierung der Szene bei. Auch das collagenhafte Schwarzweiß-Layout ihrer Schallplatten war für die gesamte Bewegung stilbildend. (Klappentext)


Habe ich heute in die Finger bekommen. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas auf dem deutschen Buchmarkt gibt.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon purgatorio » 2. Feb 2020, 09:45

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WIE DIE SCHWEINE von Agustina Bazterrica

Kürzlich erschien bei suhrkamp dieses kleine Brett einer argentienischen Autorin. Geschildert wird eine Welt nach den großen Katastrophen, Klima, Hunger, Seuchen, Überbevölkerung. Ein eigenartiges Virus hat die Tierwelt hochinfektiös gemacht. Zugleich auch ungenießbar für die Menschen. Ergo wurde die Industrie umgestellt: Mensch statt Tier. Eine Übergangsphase zur Gewöhnung wird notwendig, anschließend verfällt die Welt in Lethargie. Vielleicht kann man Tiere aber noch essen und die Regierungen regulieren durch staatlich gelenkten Kannibalismus nur die Überbevölkerung? Richtig wissen tut das keiner. Und interessieren tut es auch keinen mehr. Jedenfalls folgen wir einem jungen Mann, der im Schlachthaus arbeitet. Und hier liegen die Stärken des Romans: Die Abläufe industrialisierter Massentötung zur Nahrungsmittelgewinnung sind in ihrer Parallelisierung zum heutigen Tierschlachtbetrieb überaus durchdacht und bedrückend. Zugleich entwickeln sich Schwarzmärkte, Sekten, Randgruppen... Es gibt Gewinner und Verlierer in einer Welt, in der die Menschheit längst verloren hat. Gebettet ist diese Geschichte in ein spartanisches, häufig indirekt gesprochenes Sprachgerüst, das in seiner Karkheit an THE ROAD erinnert. Im Angesicht des Untergangs versagt die Sprache - ein Motiv, das mir sehr gefällt und das hier abermals sehr bedrückend und eindrucksvoll aufgebaut wurde. Da wäre es fast zu vernachlässigen, dass die kurze Geschichte zwischen der nüchternen Schilderung dieser Gesellschaft wenig spektakulär und überraschend daher kommt. Schlicht, unbeeindruckend, schade. Dennoch lohnt das Büchlein, denn die Dominanz der nüchternen Tötungen, die immer wieder Assoziationen zu Auschwitz zulassen, die unbeeindruckt Mensch und Schlachtvieh gleichstellen, diese Dominanz im Buch ist eindrucksvoll und interessant!
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon karlAbundzu » 2. Feb 2020, 12:48

@sid
zum Glück habe ich um die Ecke einen Buchladen, in dem sowas einfach so rumsteht, daher kurz nach Erscheinen gekauft. Hat mir sehr gut gefallen, ich befürchtete ein bittere Abrechnung, aber gar nicht.
Damals habe ich das ja nur so halb mitbekommen, war ja nicht so einfach Infos über die Szenerie zu bekommen, alles voller Gerüchte und so.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon sid.vicious » 2. Feb 2020, 16:46

Damit ist der Mund noch mehr gewässert. Bin gespannt, was der Mann zu erzählen hat.

Die Colchester-Punks (jedenfalls diese) mochten Crass ja nicht wirklich.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 2. Feb 2020, 16:54

sid.vicious hat geschrieben:Damit ist der Mund noch mehr gewässert. Bin gespannt, was der Mann zu erzählen hat.

Die Colchester-Punks (jedenfalls diese) mochten Crass ja nicht wirklich.


Auch andere Punkbands hatten Anti-Crass-Texte. "Punk's Not Dead" von The Exploited beispielsweise war eine direkte Reaktion auf Crass. Crass hatten sich halt ziemlich aus dem Fenster gelehnt, auch mit Texten, in denen sie die Szene und ihre Protagonisten angriffen. Aus heutiger Sicht ein überflüssiger Kleinkrieg, wobei ich Crass nach wie vor größtenteils unhörbar finde. Viele gute Bands wurden aber maßgeblich von Crass beeinflusst.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon karlAbundzu » 3. Feb 2020, 15:05

Ich fand Crass waren ja ein Gegenentwurf innerhalb der Punk-Szene, also Anarchie mal ernst nehmen, ohne Widersprüche selber leben. Und die Musik eben ehe so: Experimentell, subversiv. Ja, teils kaum anzuhören, aber immer spannend in ihrer Entstehung und Aussage. Für viele war das eher Hipppietum, aber so halt auch Vorbild für viele Anarcho-Land-WGs, die es mit Anti-System so halbwegs ernst nahmen. Das Gegenteil ist dann ja beinahe Exploited: Selbstzerstörerisch, hedonistisch, eigensinnig und musikalisch konservativ. Was soll ich sagen, ich mag das alles.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon sid.vicious » 3. Feb 2020, 23:52

Textlich sind Crass schon eine ganz besondere Güteklasse. Allein der Umfang sprengt jeden Punküblichen Rahmen. REALITY ASYLUM liefert mehr Worte als ein komplettes Exploited-Alben. Von Exploited mag ich nur das TROOPS OF TOMORROW Alben, der Rest ist nicht meine Tasse Tee. Anders sieht es bei Discharge aus, die fand ich, bevor der Sänger zu quieken begann, hervorragend.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon FarfallaInsanguinata » 4. Feb 2020, 02:31

Zwiespältig ... nach wie vor.
Wenn die Sozialisation eher in die Richtung Oi!/Skinhead stattfand, wie bei mir, waren CRASS nahezu ein natürliches Feindbild ---> Hippie Punks ;)
Aber etwas entspannter betrachtet hatten CRASS durchaus interessante Aspekte, so fand ich ihre anklagende Szene-interne Haltung (---> Punk is dead) sogar so treffend, dass es sich auf meiner Jacke wiederfand und auch "The Feeding of the 5000", "Stations of the Crass" und die "Bullshit Detector"-Sampler verirrten sich zu mir.
Vergessen werden sollte dabei selbstverständlich auch nicht, dass die Band eine Art Blaupause entwarf, wenn auch nicht unbedingt musikalisch, so doch von inhaltlichem Anspruch und Grafik her, und ohne ihre Existenz hätte es weder die britische, noch die europäische Anarcho-Punk-Szene der 80er gegeben. Was ganz schön schade wäre, wenn ich so tolle LPs wie "In Darkness, there is no Choice" von Anti-Sect oder "Onward Christian Soldiers" von Icons of Filth auf meinen Plattenteller lege.
Trotzdem, vor die Wahl gestellt würde ich 4Skins oder The Business vorziehen. Glücklicherweise müssen wir ja aber nicht wählen, sondern dürfen alles hören, was uns gefällt. :D
***Hail to Mexican Beer***

jogiwan hat geschrieben:Eigentlich ist das ziemlicher Mist, was du da schreibst, um es mal dezent auszudrücken.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 4. Feb 2020, 10:41

karlAbundzu hat geschrieben:Das Gegenteil ist dann ja beinahe Exploited: Selbstzerstörerisch, hedonistisch, eigensinnig und musikalisch konservativ.


Mit ihrem Fast-schon-Punk/Hardcore/Thrash-Crossover-Sound auf der "Troops of Tomorrow" waren sie progressiv. ;)

@sid.vicious: Das dritte Album, "Let's Start A War...", ist meines Erachtens auch noch ein ziemlicher Knaller, und mit "Beat The Bastards" lieferte man in den Neunzigern noch mal einen richtig heftigen Brocken ab.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon sid.vicious » 8. Feb 2020, 00:25

Habe ein altes Bild (1981) von mir gefunden. Das Ganze war ein Fake, aber die Schutzmänner in der Wache sahen es nicht ein, dass sich jemand vor der Karre fotografieren lässt, kamen aus der Wache gelaufen und der Fotograf und ich mussten sich an die Wand stellen und wurden nach Waffen durchsucht. Unglaublich.

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