Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Moderator: jogiwan

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Adalmar » 9. Mai 2018, 12:51

buxtebrawler hat geschrieben:Der ehemalige Chefredakteur der Nürnberger Abendzeitung Andreas Hock veröffentlichte 2014 nach seinem Trash-Debüt, genauer: einer Biographie über die idiotischen neureichen Prolls Carmen und Robert Geissen, einem Buch über Panini-Bilder sowie einem Begleitband zur Nerd-Sitcom „Big Bang Theory“ im Jahre 2014 die sich mit dem Verfall der deutschen Sprache auseinandersetzende, rund 190 Seiten umfassende Polemik „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“ im Riva-Verlag. Zwischendurch gab es jedoch bereits ein Werk namens „Like mich am Arsch – wie unsere Gesellschaft durch Smartphones, Computerspiele und soziale Netzwerke vereinsamt und verblödet“, dessen Titel Hocks konservativen Kulturpessimismus bereits erahnen lässt.


Das Unsympathische an solcher kulturpessimistischen Schwarzmalerei finde ich immer, dass der Autor sich selbst ja anscheinend als Ausnahme ansieht, da er sonst diese Verblödung doch gar nicht als solche entlarven könnte, oder?

Zum Thema Computerspiele fand ich einen Fernsehbeitrag mal ganz lustig, in dem ein älterer Herr auch die Verdummung der Jugend durch Computer- bzw. Videospiele festzustellen meinte. Das wollte er auch an sich selbst belegen, da er laut eigener Aussage mal "süchtig" nach einem simplen Geschicklichkeitsspiel aus der Steinzeit der Computerspiele war. Das Ausmaß, in dem Spiele seit dieser Zeit an Komplexität zugenommen haben, schien ihm nicht bewusst zu sein bzw. schien er nicht wahrhaben zu wollen. Ich glaube auch, dass für viele schon deshalb PC- oder Videospiele ein schlechtes Ansehen haben, weil man nicht an der frischen Luft ist und seinen Körper stählt. Das kann dann ja auch nicht gut fürs Gehirn sein.
https://www.youtube.com/watch?v=U8CNHQV_q08

Seit es soziale Netzwerke gibt, sieht man viele Kommentare, die eine schlichte Denkweise offenbaren. Das gab es aber vorher auch schon, nur dass diese Äußerungen lediglich mündlich in der privaten Konversation stattfanden.

Warum wird es eigentlich nie positiv kommentiert, dass seit es Internet und soziale Medien gibt, das Ausmaß an veröffentlichter Schriftlichkeit (ich gehe zumindest mal davon aus) enorm zugenommen hat?

Sprachkritik ist für mich ein sehr interessantes Thema, aber nicht unter diesem Leitmotiv der allgemeinen Verblödung, sondern nur wenn der Autor konstruktive Gegenvorschläge zu bieten hat.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon karlAbundzu » 9. Mai 2018, 13:20

Arkadin hat geschrieben:Deutsches Comic? Da traut sich wieder einer ran?

Ja, da wird es wohl aber nichts weiteres geben. Aber auch mit umfangreichen redaktionellen Teil vorne dran.
Ansonsten gab es doch auf deutsch nur die kurzlebige Reihe bei Ehapa, anfang der Nullerjahre, oder?

Was ich noch sah, aber erst mal liegen liess, ist für dich auch interessant:
http://www.avant-verlag.de/comic/lovecraft
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Adalmar » 9. Mai 2018, 13:34

Sieht sehr interessant aus, enthält auch die Adaptation einer meiner Lieblingsgeschichten von Lovecraft, "Das Ding auf der Schwelle".
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Arkadin » 9. Mai 2018, 13:35

karlAbundzu hat geschrieben:
Arkadin hat geschrieben:Deutsches Comic? Da traut sich wieder einer ran?

Ja, da wird es wohl aber nichts weiteres geben. Aber auch mit umfangreichen redaktionellen Teil vorne dran.
Ansonsten gab es doch auf deutsch nur die kurzlebige Reihe bei Ehapa, anfang der Nullerjahre, oder?


Genau. Die habe ich auch komplett. Aber dann ging es nicht weiter. Was mich daran erinnert, mal wieder zu gucken, ob es Neues von Dylan Dog gibt und ob ich irgendwo preisgünstig meine Sammlung vervollständigen kann.

karlAbundzu hat geschrieben:Was ich noch sah, aber erst mal liegen liess, ist für dich auch interessant:
http://www.avant-verlag.de/comic/lovecraft


Hui. Sieht toll aus.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 15. Mai 2018, 00:02

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Simon Schwartz – drüben!

2009, zum 20-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, erschien Simon Schwartz’ Diplomabschlussarbeit an der HAW Hamburg, der 120 Seiten starke Comicband „drüben!“, im Avant-Verlag. Der 1982 in Erfurt geborene und in Berlin aufgewachsene Schwartz hat sich für sein Buch intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt und beschreibt, wie und warum seine Eltern einst einen Ausreiseantrag in der DDR stellten, was damit verbunden war und wie sie schließlich zu dritt 1984 in die BRD übersiedeln konnten.

Den besonderen inhaltlichen Reiz des Werks machen einerseits die über weite Strecken wertungsfreien, unaufgeregten Beschreibungen der Werdegänge seiner Eltern und sogar Großeltern aus, die die jeweiligen Beweggründe gerade auch für ein Leben in der DDR verständlich machen. So fanden mit Vater und Mutter Schwartz ein zunächst sehr regierungstreuer junger Mann und eine aufgeschlossenere junge Frau mit Westkontakten zueinander. Andererseits sind es die bewusst aus kindlich-naiver Sichtweise geschilderten Beobachtungen und Erinnerungen des kleinen Simon, welche im Kontrast zu den von zahlreichen Abwägungen und von Rationalität geprägten Entscheidungen seiner Familie stehen, aus denen sich der Charme des Buchs speist. Letztlich ausschlaggebend für die Ausreiseentscheidung der Eltern wurde die massive Remilitarisierung der DDR und die an Simons Vater adressierte Erwartung, den Afghanistankrieg der UdSSR gegenüber Schülern zu rechtfertigen – eine Gewissensentscheidung also. Doch auch gewissermaßen nebenbei erhalten die Leserinnen und Leser einen Einblick in den DDR-Alltag und seine Besonderheiten – zu deren negativen Auswüchsen die Schikanen zählen, denen sich seine Eltern nach ihrem Ausreiseantrag ausgesetzt sahen.

Leider verfällt dann auch Schwartz in seinem ohnehin in Graustufen gehaltenen Zeichnungen in eine Art Schwarzweißmalerei, wenn er seinem Inhalt zu mehr Ausdruck verhelfen will, indem er mit negativen Konnotationen arbeitet und DDR-Systemtreue ausschließlich mit unfreundlichen, brüllenden Beamten und sozialistischen Plattenbauten illustriert. Das wäre gar nicht nötig gewesen und verleiht seinem Buch einen tendenziösen Anstrich, der sich indes mit den negativ behafteten Erinnerungen seiner Eltern erklären lässt. Überwiegend dominiert ein zeichnerischer Stil irgendwo zwischen naturalistisch und cartoonhaft, mit klarem Strich in aufgeräumten Panels, die von ihrem Vierer-Grid immer mal wieder abweichen und die Gestaltung dadurch auflockern. Etwas schwer tut sich Schwartz noch mit den Proportionen seiner Figuren, dennoch gelingt es ihm, ihnen Leben und Emotion einzuhauchen. Die Zeitsprünge erfordern ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit, halten die Erzählung aber durchaus spannend, sodass man geneigt ist, sie in einem Rutsch durchzulesen.

Dazu, dass Schwartz’ Familie wie im Comic beschrieben so gut in der BRD aufgenommen wurde, möchte man ihr gratulieren, denn leider erging es nicht allen so: Andere Ausreisende wurden im Westen von Behörden und Staatsschutz gegängelt, weil man ihnen misstraute, gar für „Spione“ hielt, oder von der Kriegsgeneration und ihren Nachkommen als „von den Russen kommend“ verunglimpft und gesellschaftlich ausgegrenzt. Der Kalte Krieg wurde auf beiden Seiten gekämpft. Dies ist jedoch gar nicht Thema von „drüben!“, das dank seiner subjektiven Sicht und seiner Beschränkung auf das Schicksal einer einzelnen Familie das größere Ganze begreifbarer zu machen hilft und auf anrührende Weise nachvollziehbar macht, wie der Wettstreit der Systeme auf deutschem Nachkriegsboden Familien entzweien konnte – auch über den Untergang der DDR hinaus.

Ergänzt wird der Softcover-Band (zumindest in der mir vorliegenden erweiterten sechsten Auflage) von einem Interview mit Schwartz und zwei seiner Kurzgeschichten.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Salvatore Baccaro » 31. Mai 2018, 22:24

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(Clemens Setz, "Gedicht über eine alte Katze", in: Ders., Bot. Gespräch ohne Autor, Frankfurt a. M. 2018, Letzte Seite.)
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon purgatorio » 11. Jun 2018, 04:53

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Nach neuem Datenschutzgesetz hat der Bremer Filmgelehrte Christian Keßler den Neustart gewagt. Nun in Blog-Form das Alte und Neue vom Herrn Allesglotzer:
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Im Prinzip funktioniere ich wie ein Gremlin:
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