Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino (1971)

Bava, Argento, Martino & Co. Schwarze Handschuhe, Skalpell & Thrills

Moderator: jogiwan

Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Adalmar » 26. Feb 2012, 12:39

Meine Rezension mit Bildimpressionen:

"La coda dello scorpione" - und hier stimmt der deutsche Titel ausnahmsweise mal mit dem italienischen Originaltitel überein - ist der zweite Giallo von Sergio Martino nach "Lo strano vizio della Signora Wardh" ("Der Killer von Wien"). Er hatte im selben Jahr Premiere in Italien. Neben Sergio Martino weist der Film noch weitere Gemeinsamkeiten mit dem Vorgänger auf. So spielt in beiden Produktionen George Hilton die männliche Hauptrolle. Sergios Bruder Luciano Martino produzierte beide Filme. An den Drehbüchern arbeiteten Ernesto Gastaldi und Eduardo Manzanos Brochero, die Kamera führte jeweils Emilio Foriscot. Jedoch sind die Unterschiede ebenso auffällig wie die Gemeinsamkeiten. Die Stimmung in "Schwanz des Skorpions" ist eine ganz andere als die durch die träumerischen, in Erotik schwelgenden Rückblenden aufgebaute sinnliche Atmosphäre des vorhergehenden Werks.

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Das zeigt sich schon in der Wahl der weiblichen Hauptdarstellerin - oder besser gesagt, Hauptdarstellerinnen. Während Edwige Fenech als Julie Wardh in erster Linie Empfindsamkeit, Fragilität und Weiblichkeit im Höchstmaß ausstrahlte, sind in "La coda dello scorpione" mit Ida Galli (alias Evelyn Stewart) als Millionärswitwe Lisa Baumer (die etwa ein Drittel des Films als temporäre weibliche Hauptfigur bestreitet) und Anita Strindberg als Journalistin Cléo Dupont zwei nordisch-kühle und deutlich rationaler wirkende Damen im Einsatz, deren Figuren sich bis zu einem gewissen Punkt durchaus selbstbestimmt in einer männlich dominierten Umgebung zu entfalten wissen. Bei Lisa Baumer, die in der einleitenden Straßenszene mit rotem Hut als "cappuccetto rosso", sprich Rotkäppchen, einherschreitet - ein trügerisches Bild scheinbarer Unschuld? - geht das einher mit einer sich langsam enthüllenden moralischen Korruption. Sie steht im Verdacht, einen Flugzeugabsturz verursacht zu haben, um eine Million Dollar aus des Gatten Lebensversicherung zu kassieren. Dass das nicht lange gutgeht, sollte außer Frage stehen. Wir ahnen, zumindest wenn wir den Fall der Mrs. Wardh nicht mehr klar vor Augen haben, aber noch nicht, dass diese Korruption aber im weiteren Verlauf des Films nahezu alle Figuren zu betreffen scheint. Selbst Figuren, die korruptes Handeln zu bekämpfen scheinen, werden unverhofft selbst als gierig und betrügerisch präsentiert - ein Motiv, das damals auch in der kreuz und quer verzweigten Mordgeschichte in Bavas "Reazione a catena" drastischen Ausdruck fand. Reichtum und vor allem die Aussicht darauf werden allenthalben als moralisches Gift ausgewiesen, mitunter in Kombination mit außerehelicher Sexualität. Anita Strindberg ermöglicht dabei, wie auch in anderen Rollen, Einblicke in die Kinderstube der plastischen Chirurgie.

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Als anscheinende Gegenkraft werden Presse und Polizei dargestellt, vertreten von Cléo Dupont sowie dem Interpol-Mann John Stanley und dem Athener Inspektor Stavros, die von Albert de Mendoza und Luigi Pistilli gegeben werden. Aber auch hier scheint die Harmonie nicht ungetrübt, denn zwischen Stanley und Stavros gibt es Kompetenzgerangel und auch in ihrer charakterlichen Anlegung beißen sich das weltmännische Gehabe und die Verdachtsfreudigkeit Stanleys mit dem bodenständigen Skeptizismus von Stavros, der zudem recht asexuell erscheint, was ihn in eine klare Opposition zu Lynch bringt, den er schon aufgrund dessen lockeren Lebenswandels nicht unverdächtig zu finden scheint. Ein typisches Giallomotiv ist, dass die Polizei mit ihren Ermittlungen oft hinterherhinkt, und dies wird im Fall von Stavros durch ein Puzzle verdeutlicht, das er nicht zusammenzusetzen imstande ist. Statt seiner beendet Versicherungsagent Peter Lynch (George Hilton) das symbolkräftige Puzzle, was in dessen Fall eine besondere Ironie hervorbringt.

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Bei Lynch selbst jedoch gibt es das aus vielen Gialli, vor allem den von Argento gedrehten, geläufige Motiv des vergessenen Details oder des Anhaltspunktes, von dessen Vorhandensein die männliche Hauptfigur überzeugt ist, ohne ihn jedoch identifizieren zu können. Bei Argento hat dies eine psychologische Konnotation; das Gedächtnis funktioniert selektiv und blendet aus, was das Auge sieht, aber nicht in den Denkhorizont des Sehenden passt. Dieses Detail wird in einem versteckten Winkel des Gedächtnisses abgelegt, wo seine Gegenwart spürbar, es selbst aber nicht sichtbar ist. In "La coda dello scorpione" läuft dieses per se spannungsfördernde Element jedoch aufgrund der Handlungsentwicklung am Ende weitgehend ins Leere. An Stelle des Argento'schen oft von Traumata und Verdrängtem geprägten psychologischen Ansatzes stehen hier - wie auch schon im Falle des vorhergehenden "Killers von Wien" - als Triebkraft der Handlung Geldgier und Vergnügungssucht einer amoralischen feinen Gesellschaft, wie sie auch in den Filmen etwa Bunuels oder Chabrols zu finden ist, immer begleitet von dem unterschwelligen Paradoxon, dass die Reichen und Gutaussehenden zwar als intrigant und gierig verworfen werden, der Film aber schon aus optischen Gründen auf sie angewiesen ist, um durch Schauwerte wie Körper, Mode und luxuriöse Innenausstattungen ein elegantes und vielseitig kameraästhetisch verwertbares Gesamterscheinungsbild zu schaffen.

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Martino und Kameramann Foriscot sowie Assistent Giancarlo Ferrando wissen nicht nur das Breitwandformat gezielt und virtuos zu nutzen, das dynamisch und fantasievoll, ob mit Nahaufnahmen von sich einander zärtlich nähernden Händen oder panisch weglaufenden Mordopfern, gefüllt wird. Sie haben sich auch hier wieder sehr viel einfallen lassen, um verschiedensten Momenten im Film eine eigentümliche Prägung zu geben. Ein Höhepunkt ist hierbei sicher der Doppelmord an Erpresserin Lara Florakis (Janine Reynaud) und ihrem gorilla-artigen Anwalt (Luis Barboo). Reynaud, die zuvor von Jess Franco beispielsweise in "Necronomicon - Geträumte Sünden" als Sexsymbol in Szene gesetzt wurde, agiert hier als missgünstige Schreckschraube. Der Mord bezieht eine Glasscheibe mit ein, an die sich das Opfer drückt, und erinnert damit an einer Szene aus Argentos späterem Horror-Klassiker "Suspiria", für die auch die optische Verzerrung des menschlichen Gesichts, der plötzliche Umschlag von Schönheit zu Schrecken, charakteristisch ist. Aber auch ungewöhnliche Kamerawinkel kommen hier zur Genüge ins Spiel. Zudem ist die Tongestaltung der Szene spannend gelöst. Der Ton erscheint, korrespondierend mit einer Zeitlupe, zeitweise verlangsamt - beim Mord selbst schweigt die Musik, wo Argento vermutlich eine hämmernde Goblin-Melodie eingesetzt hätte - erst beim Fließen des Blutes setzt requiemartig Nicolais wehmütige Cembalo-Melodie ein. Blut fließt nicht nur an dieser Stelle im Film, zumindest eine Szene bietet auch eine für die damalige Zeit drastische Nahaufnahme. Betroffen ist das Auge, das auch an anderen Stellen des Films in bizarren Arrangements (Puppen, Gemälde) als Symbol für die von Intriganten gefürchtete Beobachtung eingesetzt wird. Die dynamische Einbettung und gelungene Platzierung der expliziten Gewaltaufnahmen vermögen die dem Stand der Zeit entsprechenden, teils recht offensichtlichen Spezialeffekte aufzuwiegen.

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Bemerkenswert ist weiterhin eine Polizeiverhör-Szene, in der das Bild um 90 Grad rotiert erscheint; so können Figuren der Länge nach abgebildet werden, durch Drehung der offenbar auf der Seite liegenden Kamera werden Schuss und Gegenschuss realisiert. Eine ähnliche Einstellung ist in Giuliano Carnimeos "Perchè quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer" ("Das Geheimnis der blutigen Lilie") zu sehen, wo aber nicht Foriscot, sondern der spätere Actionregisseur Stelvio Massi die Kamera führte. Solche waghalsigen Einstellungen zeigen, wie viel visuell gesehen im Giallo und im italienischen 70er-Genrekino allgemein möglich war, es wurde vieles hingebungsvoll ausprobiert, was heutiges Kino wohl dem Diktat glatter Bildoptimierung opfern würde. Ein Kleinod des Films ist sicher die (mit einem niedlichen Modell durchgeführte) Szene einer Flugzeugexplosion, die parallel mit dem Liebesakt eines Paares montiert ist - die Explosion bildet so gleichzeitig den Höhepunkt des Aktes ab. Kriminalität und Sexualität erscheinen auffällig verschränkt.

Ohne dass er die ästhetische Brillanz seines Vorgängers, des "Killers von Wien" alias "Lo strano vizio della Signora Wardh", erreichen könnte oder ein gleich faszinierendes Schauspielerensemble böte, belegt auch der "Schwanz des Skorpion" die Klasse und Experimentierfreude der Beteiligten. Wie auch andere zeitnah entstandene Gialli Martinos gehört er zum Kernbestand des Genres.
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon buxtebrawler » 26. Feb 2012, 14:02

Sehr gelungene Kritik, Adalmar! :thup:
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon DrDjangoMD » 26. Feb 2012, 16:40

buxtebrawler hat geschrieben:Sehr gelungene Kritik, Adalmar! :thup:


:nick: und mit wirklich exzellenten Shots, die echt gut die Schönheit des Filmes widerspiegeln!
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Adalmar » 26. Feb 2012, 18:26

Danke euch. Ich hoffe, dass ich demnächst wieder öfter dazu komme, meine Gialli-Rezensionen fortzuführen.
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon horror1966 » 28. Feb 2013, 01:17

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Der Schwanz des Skorpions
(La Coda dello scorpione)
mit George Hilton, Anita Strindberg, Alberto de Mendoza, Ida Galli, Janine Reynaud, Luigi Pistilli, Tom Felleghy, Luis Barboo, Lisa Leonardi, Tomas Pico, Franco Caracciolo, Fulvio Mingozzi
Regie: Sergio Martino
Drehbuch: Ernesto Gastaldi / Eduardo Manzanos Brochero
Kamera. Emilio Foriscot
Musik: Bruno Nicolai
FSK 18
Italien / Spanien / 1971

Nachdem der jungen Witwe Lisa eine Versicherungspolice von 1 Million Dollar ausgezahlt wird, scheint ein Wettlauf um das Geld zu beginnen. Menschen sterben, die Polizei ist ratlos und ein maskierter Killer treibt sein erbarmungsloses Unwesen. Jeder verdächtigt jeden, doch die Wahrheit ist viel schlimmer!


Sergio Martino hat bei seinen Giallo-Beiträgen ein Gespür für äußerst gelungene-und spannungsgeladene Thriller bewiesen, was einem spätestens bei seinem Meisterwerk "Der Killer von Wien" aufgefallen sein dürfte, der kurz nach dem hier vorliegenden Werk erschienen ist. Zwar kann "Der Schwanz des Skorpions" nicht ganz an dessen Genialität heranreichen, doch auch hier wird dem Zuschauer eine sehr atmosphärische und zudem gut durchdachte Story präsentiert, in der einmal mehr Sunny-Boy George Hilton die männliche Hauptrolle spielt, was in diesem Genre durchaus noch öfter der Fall sein sollte. Sieht man den guten Mann doch ansonsten eher an der Seite der wunderschönen und sinnlichen Edwige Fenech, so wurde ihm in diesem Fall mit Anita Strindberg viel eher der Typ unterkühlte Schönheit zugeordnet, was jedoch keinesfalls als negative Kritik zu verstehen ist. Die hübsche Schwedin macht ihre Sache nämlich ganz ordentlich, kann aber auf keinen Fall die durchschlagende Präsenz einer Edwige Fenech erreichen, so das ihr Stellenwert im Geschehen auch keine sonderlichen Ausmaße erreicht. Umso mehr trumpft dafür Hilton auf, der einmal mehr durch eine hervorragende Performance aufwartet.

Der Film lebt hauptsächlich von seinem gekonnten Spannungsaufbau, denn in dieser Beziehung schöpft Martino aus dem Vollen. Immer wieder eingestreute Kleinigkeiten machen es dem Betrachter relativ schwer, sich auf einen Verdächtigen festzulegen, der für die Mordserie verantwortlich zeichnet. Dabei mangelt es keineswegs an Verdächtigen, denn äußerst geschickt werden im Laufe der Zeit immer neue Verdachtsmomente aufgeworfen, die den Kreis der möglichen Mörder nicht unbedingt verkleinern.Es entwickelt sich also im Prinzip das typische Giallo-Muster und dennoch wird man die ganze Zeit über das Gefühl nicht los, das diesem Werk der zarte Anstrich eines Agenten-Thrillers anhaftet. Dabei kann man gar nicht genau definieren woran das eigentlich liegt, aber diversen Passagen wohnt eine ganz spezielle Stimmung bei, die man schwerlich in Worte fassen kann. Vielleicht mag es an der Thematik des Szenarios liegen, denn Hintergrund für die etlichen Morde ist immerhin die Summe von 1.000.000 $ die aus einer Lebensversicherung stammt und mit Peter Lynch (Hilton) wird ein Detektiv der Versicherung damit beauftragt, die Witwe des Toten ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. In diesem Aspekt wird sicherlich das teilweise aufkommende Agenten-Flair begründet sein, das man dem Film meiner Meinung nach nicht absprechen kann.

Wie dem aber auch sei, "Der Schwanz des Skorpions" zählt in meinen Augen zu den sehr guten Vertretern seiner Art, was in mehreren Punkten begründet ist. Zuerst einmal wären da die verschiedenen Schauplätze des Geschehens, wobei man insbesondere bei den in Griechenland spielenden Szenen fast schon vom Fernweh erfasst wird. Im Gegensatz zum kühlen London herrscht hier Traumwetter vor und man bekommt richtiggehend Urlaubsgefühle, die von den schönen Unterwasser-Aufnahmen noch zusätzlich unterstützt werden. Andererseits muss man ganz bestimmt die herausragende Kameraarbeit von Emilio Foriscot erwähnen, der dem Betrachter brillante Bilder und manchmal auch sehr außergewöhnliche Einstellungen anbietet, die das Film-Erlebnis nennenswert aufwerten. Wenn das Werk überhaupt einen wirklichen Schwachpunkt erkennen lässt, dann ist es ganz sicher die für einen Giallo ansonsten übliche Erotik. Zwar bekommt man die handelsüblichen Liebesszenen zwischen Herrn Hilton und Frau Strindberg serviert, nur erscheinen diese absolut unterkühlt und lassen keinerlei erotisches Knistern erkennen. Und an diesem Punkt muss dann doch noch einmal die gute Edwige Fenech erwähnt werden, denn von ihrer Sinnlichkeit ist weit und breit nichts zu spüren. Zwischen ihr und dem Eisberg Strindberg liegen ganz einfach Welten, so das die erotischen Szenen des Filmes irgenwie künstlich und aufgesetzt erscheinen. Wie erwähnt ist dies aber das einzig wirkliche Manko in einer Geschichte, die ansonsten vortrefflich zu unterhalten weiß.

Letztendlich ist "La Coda dello scorpione" aber immer noch ein Giallo, der sich weit über dem Durchschnitt ansiedelt und sehr atmosphärische wie auch spannende Thriller-Kost bietet. Auch wenn sich die Ereignisse phasenweise fast überschlagen, ist der Eindruck einiger konstruierter Ereignisse immer noch im Rahmen, so das die Story insgesamt recht gut durchdacht daherkommt. Hat Regisseur Sergio Martino schon mit diesem Film einen äußerst guten Genre-Vertreter kreiert, so sollte er kurz danach mit "Der Killer von Wien" ein absolutes Meisterwerk präsentieren, das wohl ohne wenn und aber zum Besten zu zählen ist, was das Sub-Genre des Giallo je hervorgebracht hat. Und das liegt nicht nur in der Tatsache begründet, das man dort Frau Fenech an der Seite von herrn Hilton zu sehen bekommt.


Fazit:


Alles in allem bekommt man hier sehr gute Kost geliefert, auch wenn die kleinen Mankos nicht gänzlich zu übersehen sind. Dennoch ist im Prinzip alles enthalten was ein Film dieser Gattung braucht, lediglich von den weiblichen Darstellerinnen geht keinerlei glaubhafte Erotik aus. Und genau das lässt das Gesamtbild ein wenig unterkühlt erscheinen, was einen noch besseren Gesamteindruck verhindert.


8/10
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Theoretiker » 9. Aug 2013, 21:48

Neben Dario Argento ist Sergio Martino wohl der wichtigste Regisseur des Giallo-Genres.

Ist Argento mehr der Künstler, dessen Gialli durch unverwechselbare Inszenierungen, wie Kameraführung, Bild und Farbkompositionen geprägt sind, ist Martino mehr der solide "Handwerker", dessen Gialli aufgrund der spannenden Storys hervorzuheben sind oder wie "Torso" als Wegbereiter eines anderen Genres (Slasher) gelten.

Der vorliegende Film besticht durch eine spannende und temporeiche Story, viel Flair aufgrund der Locations (London, Athen), giallo-typische Tatverläufe und harte Kills (Flasche).

Natürlich dürfen auch die hübschen weiblichen Darstellerinnen immer wieder leichtbekleidet durchs Bild huschen, allen voran die bildschöne Anita Strindberg. Ihr zur Seite steht George Hilton, der eine souveräne Leistung abliefert.

Im Vergleich zum Meisterwerk Martinos, dem herausragenden "Killer von Wien" fällt "Der Schwanz des Skorpions" im Hinblick auf die lineare Story aber etwas ab.


Fazit:

Alles in allem ist "Der schwanz des Skorpions" ein konventioneller, aber spannender und ordentlich inszenierter Giallo, der aber nicht an die besten Vertreter des Genres herankommt.

7,5/10
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Blap » 23. Sep 2013, 15:06

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DVD: filmArt (Giallo Edition #002)



Der Schwanz des Skorpions (Italien, Spanien 1971, Originaltitel: La coda dello scorpione)

Anita & George im Nahkampf

Lisa Baumer (Ida Galli) verliert ihren Ehemann durch einen Flugzeugabsturz. Auf die attraktive Frau wartet ein üppiges Trostpflaster, sie erhält eine Million US-Dollar aus der Lebensversichrung ihres verschiedenen Gatten. In Athen lässt sich unsere lustige Witwe die gesamte Summe in bar aushändigen. Bald trübt sich die Stimmung deutlich ein, Lisa wird von der resolut auftretenden Lara Florakis (Janine Reynaud) massiv unter Druck gesetzt, soll die Hälfte des Geldes abliefern. Kurz darauf fällt Lisa einem brutalen Mörder zum Opfer, das Geld ist verschwunden. Versicherungsdetektiv Peter Lynch (George Hilton) arbeitet eifrig an der Aufklärung der Vorgänge, ebenso interessiert befasst sich Journalistin Cléo Dupont (Anita Strindberg) mit dem Fall. Während der zuständige Inspektor Stavros (Luigi Pistilli) Peter Lynch für verdächtig hält, mit Unterstützung des Interpol-Ermittlers und John Stanley (Alberto de Mendoza) Nachforschungen anstellt, kommen sich Peter und Cléo langsam näher. Weitere Morde geschehen, wer steckt hinter den grausamen Taten ...???

Unbestritten war die erste Hälfte der siebziger Jahre die große Zeit des Giallo. Sergio Martino gehört zu den wichtigsten Regisseuren dieser Epoche, lieferte in dieser frühen Phase seiner Karriere fünf relevante Beiträge zum Genre ab. Es folgt eine kurze Übersicht der Werke neben "Der Schwanz des Skorpions":

• Der Killer von Wien (Lo strano vizio della Signora Wardh)
• Die Farben der Nacht (Tutti i colori del buio)
• Your vice is a locked room and only I have the key (Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave)
• Torso - Die Säge des Teufels (I corpi presentano tracce di violenza carnale)

"Der Killer von Wien" erfeut (nicht nur) das Auge mit überschäumender Sinnlichkeit und herrlichen Wendungen. "Die Farben der Nacht" punktet mit okkult-pulsierender Schlagseite, während sich Grenzgänger "Your vice ..." -auf Poe-Fundament- in prickelnd-bedrohlicher Dreiecksbeziehungskistensuhle (und viel mehr) aalt. "Torso" lebt (teils) von boshaft-sadistischen Momenten, ist fraglos einer der wichtigsten Proto-Slasher neben Bavas "Im Blutrausch des Satans" (Reazione a catena). So mutet "Skorpion" auf den ersten Blick fast ein wenig unscheinbar an, vermeintlich fehlen ganz besondere Momente. Mit jeder Sichtung offenbart der Streifen mehr Potential! Sergio Martino beschränkt sich hier zwar auf bewährte Strickmuster, präsentiert uns diese jedoch nahezu formvollendet, garniert mit kleinen Spielereien und Höhepunkten. Martino mag kein Genie des Kalibers Mario Bava oder Dario Argento sein, ihn jedoch lediglich als geschäftstüchtigen Handwerker zu bezeichnen scheint mir unangemessen, viel Liebe zum Detail wird dem aufmerksamen Zuschauer nicht entgehen, mindestens Handwerkskunst lasse ich gelten. Freilich darf die hervorragende Kameraarbeit von Emilio Foriscot nicht unerwähnt bleiben, gleiches gilt für den grandiosen Score aus der Feder des zuverlässigen Bruno Nicolai.

Auch das Ensemble wird bei Freunden des italienischen Genrekinos für Begeisterung sorgen, nicht nur die Hauptrollen wurden mit bekannten und geschätzten Gesichtern besetzt. George Hilton darf den smarten Schnüffler geben, natürlich erliegt die weibliche Hauptrolle seinem Charme, wir dürfen Hilton und Strindberg in vielen gemeinsamen Szenen genießen, packendes Finale inklusive. Immer wieder begeistert mich die kühle Schönheit der Schwedin Anita Strindberg, hinter deren nordischer Edelfassade es verlockend brodelt. Ein Blick hier, eine Geste da, trallala. Luigi Pistilli liefert erwartungsgemäß hohe Qualität. Leider gelang dem großartigen Schauspieler nie der ganz große Durchbruch, obschon in Italien ebenso als Theaterdarsteller geschätzt, sein Leben endete 1996 durch Selbstmord. Alberto de Mendoza gibt den gönnerhaft angehauchten Interpol Mitarbeiter, Ida Galli dominiert die Aufwärmphase, Janine Reynaud sorgt für fiese Momente, unterstützt durch Luis "Fratzengeballer" Barboo. Leider bleibt nicht viel Raum für die wunderschöne Lisa Leonardi, deren Filmographie unerfreulicherweise nur wenige Einträge aufweist.

Wir bekommen einen Killer in schwarzen Klamotten und schwarzen Handschuhen zu sehen, Martino zeigt uns Morde voll blutroter Schönheit, gibt sich allerdings nicht allzu ausufernden Gewaltszenen hin, ähnliches gilt für die erotischen Momente. Unbeschwert wird Hitchcock aus der Schublade geholt, stilsicher gewählte Schauplätze sind sowieso garantiert, Einsatz von Zeitlupe und ungewöhnlichen Kameraperspektiven würzen das ohnehin schmackhafte Menü zusätzlich. Geldgier und Verdorbenheit lassen gierige Geiferlinge aus dem Boden sprießen, der Mensch ist eine Sau. Die Lösung des Falls setzt Martinos stilsicherer Inszenierung die Krone auf. "Der Schwanz des Skorpions" mag nicht mein Liebling im Giallo-Kosmos sein, er ist auch ich nicht mein Favorit aus dem Schaffen Sergio Martinos. Dennoch schaue ich mir den Film immer wieder sehr gern an, kann mich an jeder Sekunde dieser gekonnten Zielgruppenbedienung erfreuen. Bestens für Einsteiger geeignet, dicke Empfehlung!

In Deutschland erfuhr "Der Schwanz des Skorpions" bereits einige Auswertungen auf unterschiedlichen Formaten, die neue DVD von filmArt deckelt vorherige Veröffentlichungen. Im Vergleich zur DVD aus dem Hause X-Rated wurde die Bildqualität verbessert, neben der Videosynchronisation befindet sich nun auch die Kinosynchronisation an Bord. Ferner wird italienischer Ton angeboten, dazu ein interessantes Interview mit Sergio Martino, diverse Trailer, alternativer Vor- und Abspann, Vergleich zwischen 35mm und 16mm, abgerundet durch ein lesenswertes Booklet. Auch Besitzer älterer Ausgaben dürfen zugreifen, Einsteiger sowieso, klarer Kauftipp!

Es bleibt bei dicken 8/10 (sehr gut)!


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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Onkel Joe » 23. Sep 2013, 18:30

Gekauft!
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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon Franz Branntwein » 25. Sep 2013, 12:35

Inhaltlich ist zum Film eigentlich alles gesagt. Neben DER KILLER VON WIEN der klassische Vorzeige- bzw. Einstiegsgiallo.
Vor 15 Jahren hatte ich bei Woolworth die schrammelige VHS Kassette für 5 Mark gekauft. Die "Schwanzlänge" des Skorpions umfasste ganze 77 Minuten und propagierte das Töten als eine absolut unblutige Angelegenheit. Ich hegte damals schon den leisen Verdacht, dass Woolworth selbst die Schnitte angesetzt hatte.
Heute: Die Film-Art Version lässt diesen schmucken Italo in ganzer Pracht erscheinen. Die etwas behäbige Narration störte mich hier überhaupt nicht. Wenn George Hilton ins Bild rückte, erwartete ich immer eine schwangere Mia Farrow im Schlepptau, zu frappierend die Ähnlichkeit mit John Cassavetes. Naja ... und bei Frau Strindberg bzw. Frau Stewart spielten sich eher unterleibszentrierte Gedanken ab.
Insgesamt: Tolle Atmo, inspirirende Locations, gelungene Dialoge, blutige Morde ... Giallo Her ... was willst du mehr. Gerne hätte ich mir auf der VÖ einen Audiokommentar von Christian Keßler gewünscht ... aber man kann nicht alles haben.

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Re: Der Schwanz des Skorpions - Sergio Martino

Beitragvon sergio petroni » 23. Nov 2013, 16:40

Hatte schon viel zu lange keinen Giallo mehr gesehen. Also kurzerhand die filmart-Ausgabe von
diesem hier herausgezogen, in den Player geworfen und mich gleich wohlig-kuschelig zuhause
gefühlt in diesem Proto-Giallo. Das Ende war zwar natürlich schon bekannt, dafür konnte man
umso intensiver die hervorragende Kameraarbeit von Emilio Foriscot bewundern. Auch mit Bruno
Nicolai war natürlich ein Profi am Werk, der das Ohr des Giallo-Fans umschmeichelt.
Ein sehr gelungener Ausflug in's Genre mit vielen bekannten Gesichtern und ebenso vielen
roten Heringen. Für das Entstehungsjahr 1971 geht's bei den Morden auch recht
gut zur Sache.
Warum wird sowas heute nicht mehr gedreht?
Oder bin ich einfach zu alt!?
7,5/10



Edit: Habe mir gerade nochmal den Kommentar von blap durchgelesen, dabei fiel mir folgendes
Zitat auf: "Leider bleibt nicht viel Raum für die wunderschöne Lisa Leonardi, deren Filmographie unerfreulicherweise nur wenige Einträge aufweist."
Damit wurden genau meine Empfindungen getroffen! :knutsch:
Ich hab's halt nicht so mit Blondinen...
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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