Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo (1971)

Bava, Argento, Martino & Co. Schwarze Handschuhe, Skalpell & Thrills

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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon Santini » 16. Jun 2011, 23:21

Ein sehr lesenswerter Artikel zum Film aus

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Ausgabe Februar 1974

(Enthält Spoiler! ;) )

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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon DrDjangoMD » 17. Sep 2011, 21:15

Bei mir kommt der Streifen leider nicht so gut weg...Naja wir wissen, dass Di Leo ansonsten tolles geleistet hat und einen Tiefpunkt wird man sich ja erlauben dürfen:

Handlung:
Dr. Keller (Klaus Kinski) ist Arzt in einem Aufenthaltsort für Nymphomaninnen, Nudistinnen und Lesben einer Irrenanstalt. Eines Nachts tötet ein unbekannter Mörder in diesem Gemäuer irgendwelche Leute. Werden seine Taten entdeckt bevor er das ganze Gebäude entvölkert oder nicht?

Kritik:
„Das Schloss der Blauen Vögel“ handelt von dummen Leuten, die sich für sehr klug halten und wurde gedreht von dummen Leuten, die sich für sehr klug halten (Sollte keine Beleidigung sein, Herr Di Leo, ich achte Sie für ihre anderen Werke).
Mit letzterem meine ich, dass Di Leo offenbar Ideen für tolle Einstellungen und rasante Schnitte hatte, diese durch seine fehlende Erfahrung aber nicht zielführend umsetzten konnte, wodurch wir obskur inszenierte Szenen bekommen, die nicht atmosphärisch sondern albern wirken. Kunstgriffe wie das Bild plötzlich zu spiegeln, Zeitlupe einzusetzen oder rasch zwischen zwei entgegengesetzten Kameraperspektiven hin- und herzuschneiden können beeindrucken, wenn sie mit dem richtigen Timing umgesetzt werden, hier wirkt es allerdings zu hastig und fördert weniger die Spannung und mehr die Kopfschmerzen des Zusehers.
Dies verhinderte auch, dass der Film für mich in die Rubrik „billige Unterhaltung“ fällt. Eine sture Aneinanderreihung sinnloser Nacktszenen, wie sie Joe D’Amato so gerne hatte, ist vielleicht nicht künstlerisch wertvoll, hält aber bei Laune. Di Leo will hier sowohl etwas künstlerisch Wertvolles schaffen als auch eine sinnlose Aneinanderreihung von Nacktszenen inszenieren, wodurch er meiner Meinung nach weder das eine noch das andere erreicht.
Allerdings kann ich ihm diese Schwächen noch halbwegs verzeihen, er schafft zwar nicht, was er sich vorgenommen hat, versucht aber einen tollen Film zu inszenieren und das allein ist schon lobenswert. Was jedoch völlig in die Hose gegangen ist und absolut unverzeihlich bleibt ist das grenzdebile Drehbuch, welches ebenfalls von Di Leo stammt. Und es schmerzt mich wirklich, mich über ein Script des Mannes zu beklagen, der die Vorlagen zu solchen Perlen wie „Das Gold von Sam Cooper“, „Ringo kommt zurück“ und meinen geliebten „Django“ schrieb, alles Werke, die über eine wunderbare Geschichte und geniale Charaktere verfügen.
Hier hat er sich allerdings nicht so angestrengt. Die Morde machen absolut keinen Sinn! Verschiedene Leute werden von dem Killer mit verschiedenen Waffen umgebracht, wir bekommen gegen Ende eine lächerliche Erklärung die nur notgedrungen funktioniert, aber dann kommt es zu weiteren Morden, die nicht mal halbwegs mit dieser Erklärung einhergehen.
Die Polizei handelt dumm wie noch nie. „Uh, in einer Nacht wurden fünf Menschen ermordet. Sollen wir Fingerabdrücke nehmen, sollen wir eine Durchsuchung tätigen, sollen wir Verstärkung anfordern? Nein, das würden dumme Leute tun, WIR nehmen irgendeine Patientin aus irgendeinem Grund als Köder für den Mörder, was ohnehin nicht funktionieren wird, da die Morde sowieso völlig sinnfrei erscheinen, was das Köderprinzip zum scheitern verurteilt!“
Weitere Sinnfehler findet man wie Sand am Meer: Warum hängen in einem Sanatorium für suizidale Frauen überall Waffen herum? Warum nimmt der Mörder gegen Anfang schon seine Kopfbedeckung ab, so dass wir seine charakteristischen Haare sehen können (Das war vielleicht clever, da wir einen anderen Typen mit der selben Frisur verdächtigen, aber es war nicht sinnig)? Warum???
Musik ist standart, Darsteller halbwegs, Subplots zahlreich…mir hat’s nicht gefallen!
Fazit: Di Leo schrieb ein sinnloses und dämliches Drehbuch und scheitert mit dem Versuch es durch Kunstgriffe in einen tollen Film zu verwandeln. Selbst trashige Unterhaltung konnte ich keine daraus beziehen, aber Geschmäcker sind unterschiedlich und einigen Trashliebhabern könnte diese Mixtur aus Blut, nackter Haut und viel Idiotie durchaus zusagen. 4/10
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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon ugo-piazza » 22. Okt 2011, 12:14

Der Ugo hat auch noch was schönes aus einer Zeitschrift namens SMART Anfang der 70er:

(Achtung, SPOILER!!)

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Hat den mal jemand auf italienisch, englisch oder was auch immer gesehen und kann mir deshalb bestätigen, dass die "Konsalikisierung" (Schloß Hohenschwand, Dr. Keller, Prof. Dorian, Dr. Kamphausen, Sassner) NUR in der DF stattfindet?
Deutscher Verleih war ja Avis, also Dietrich, und der hat ja gerne an Filmen rumgebastelt...


Für den gleichnamigen Konsalik-Roman hätte ich mir übrigens eine Verfilmung durch Alfred Vohrer gewünscht, was wäre das für eine Sleaze-Granate geworden. Wer das Buch mal billig auf dem Flohmarkt finden sollte, sollte nicht lange überlegen. Lesestoff, der einen ins Delirium stürzt und bei dem man sich fragt, welche Drogen Heinz G. sich damals eingeworfen hat.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon jogiwan » 22. Okt 2011, 12:31

sehr politisch korrekt - diese "Smart" :kicher:

Es wird echt Zeit, dass ich mir den mal anschaue - immerhin hab ich schon mindestens zweimal damit angefangen und nie zu Ende geguckt... :D
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon kinski » 17. Jan 2012, 23:08

Ich kann nicht anders, ich liebe diesen Film! Und das, obwohl „Das Schloß der blauen Vögel“ zugegebenermaßen grausliger Schrott ist. Aber wie bei so vielen anderen Filmen ist dieser Schrott schon wieder Kult. Einem Jess Franco gleich bietet Regisseur Fernando DiLeo eine krude Mischung aus Psychodrama, Horrorschocker und Erotikfilm, der phasenweise die Grenze zur Pornografie streift.
Mit der grandiosen Romanvorlage von Heinz G. Konsalik hat die Verfilmung mit Klaus Kinski nicht mehr allzu viel gemeinsam. Konsaliks Roman hatte die Figur des Gerd Sassner in den Mittelpunkt gerückt. Sassner, der nach einer ziemlich misslungenen Gehirnoperation durch den genialen Professor Dorian zur mordenden Bestie mutiert. In der filmischen Version spielt sich die Handlung komplett in der Irrenanstalt des Professor Dorian ab. Dort sind netterweise nur weibliche Patienten untergebracht, alle recht ansehnlich und gut gebaut. Unter ihnen ist auch Luise, die Frau von Gerd Sassner, der hier allerdings kaum über den Status einer Randfigur hinauskommt. Die Rollen sind dieselben wie im Roman, und auch der Täter ist am Ende identisch. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf.

Klaus Kinski spielt in „Das Schloß der blauen Vögel“ Dr. Bernd Keller, den ersten Assistenten von Dorian. An seiner Seite steht wieder einmal die umwerfende Margaret Lee als Luise Sassner. Desweiteren kommt man in den Genuss von Rosalba Neri („Marquis de Sade – Justine“), die als Männer fressende Nymphomanin zwar mehr mit ihren körperlichen Vorzügen als mit Schauspielkunst überzeugen kann – aber wen interessiert das schon bei dieser Aussicht ?

In Hohenschwandt, der Anstalt Dorians, treibt ein unbekannter Mörder sein mörderisches Unwesen. Mit einer Kapuze maskiert schleicht sich der Killer nachts durch die Anstalt und bedient sich der netterweiser überall herumliegenden Folter- und Mordinstrumente wie z.B. Schwerter, Armbrüste, Eiserne Jungfrauen und Morgensterne. War auch wirklich rücksichtsvoll von der Anstaltsleitung, das Mordinventar gleich mitzuliefern !!!

Während in Konsaliks Roman Kinskis Dr. Keller noch ein Verhältnis mit Dorians Tochter Angela hatte, vergnügt sich dieser in der Filmversion lieber (und verständlicherweise) mit Margaret Lee alias Luise Sassner, die vom Leben als Ehefrau des gehirnoperierten Gerd die Nase voll hat. Angela (Monika Strebel) lebt in recht bunten Bildern ihre lesbische Neigung mit einer - praktischerweise meistens nackten - dunkelhäutigen Schönheit (Jane Garret) aus. Doch bevor die Nettigkeiten zwischen den beiden richtig ausarten können, wird die Schoko-Schönheit leider per Armbrust gemeuchelt. Und da wäre dann noch die nymphomanische Anne Palmer (Rosalba Neri), die sich als junges Mädchen mit ihrem Bruder vergnügte, und seitdem einen leichten Knacks hat. Sie treibt es vogelwild mit dem Gärtner … und wer sonst noch gerade verfügbar ist.

„Das Schloß der blauen Vögel“ (im Roman war dieses Schloß übrigens die Zuflucht des irren Sassner, wo er seine eigenen netten Operationen vornahm) ist purer Trash. Anders kann man diesen Film nicht bezeichnen. Er ist im höchsten Maße absurd und konfus. Die Story ist eigentlich nur Nebensache und dient als Alibi für mehr oder weniger geschmackvolle Meuchelmorde und Sexspielchen. Eine richtige Hauptfigur ist nicht auszumachen. Kinski und Margaret Lee stehen zwar ganz oben in der Darstellerliste, sind aber auch nicht häufiger in Aktion zu sehen als die anderen illustren Mimen.
Hätte man die Romanvorlage original übernommen, wäre für Klaus Kinski sicher die Rolle des Dorian ideal gewesen. Dorian, ein Wissenschafter, der mit Affenhirnen experimentiert und noch nie zuvor gewagte Gehirneingriffe vornimmt – das wäre doch ein klassischer Kinski gewesen. So stellt er jedoch ´nur´ den Dr. Keller dar, läuft stets mit Kippe im Mund wichtig erscheinend durch die Klinik und darf ab und an mal Margaret Lee an die Wäsche gehen.
Die Lee selbst lässt hier mal endgültig alle Feuchtträume wahr werden und zeigt sich in kompletter Schönheit, womit der Film eigentlich gleich zu Beginn seinen Höhepunkt hatte. Von textlicher Seite her erfüllt ihre Rolle allerdings höchstens den Anspruch eines sprechenden Papageien.
Doch wird hier sowieso mehr Augenmerk auf schöne Körper gelegt, die sich zu einer schummrigen Musik (begleitet durch das anscheinend Tag und Nacht aktive Waldkäuzchen) mehr oder weniger lasziv durch den Film „spielen“. Fazit: „Das Schloß der blauen Vögel“ ist ein Film, der sich nur schwer in eine Katergorie einordnen lässt. Und das wiederum passt doch hervorragend zu Klaus Kinski, der selbst auch nie so recht in eine Schublade passen wollte. Hier stört es noch nicht einmal, dass Kinski nicht der unbedingte Mittelpunkt der Geschichte ist. Der irre Kinski in einer Anstalt – und das als Arzt mitten unter völlig Durchgeknallten! Was kann es Schöneres geben?

Auszug aus einer Kritik des Magazin ´Vampir´ von 1974 : „Von Vögeln ist nichts zu sehen (erst recht nicht von blauen), vom Vögeln dafür um so mehr. Kulisse und Milieu einer Nymphomaninnen-Klinik geben schließlich sattsam Gelegenheit, eine sehr dünne und dazu noch reichlich primitiv inszenierte Story mit Bilderbuch-Sex derart prall zu überladen, dass der ´Sache´ besser gedient wäre, wenn man die Story ganz weggelassen hätte…“. Ich sagte ja – ich liebe diesen Film !

10/10
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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon kinski » 26. Jan 2012, 03:14

Santini hat geschrieben:Bild


... und die restlichen Seiten :

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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon kinski » 26. Jan 2012, 14:10

aus dem Kunstwerk "Die schlechtesten Filme aller Zeiten":

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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon kinski » 31. Jan 2012, 16:15

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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon Nello Pazzafini » 31. Jan 2012, 19:28

:lol: man kann es auch "leicht" übertreiben :lol:
aber cool wenn die sucht ausgelebt wird :D
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Re: Das Schloss der blauen Vögel - Fernando Di Leo

Beitragvon ugo-piazza » 17. Jul 2012, 19:04

Gestern noch einmal geschaut. Klar ist, dass unter Logikgesichtspunkten hier permanent :palm: angesagt ist.

Aber ist das nicht das, worauf es ankommt? Wer hat schon mal eine Psychoklinik gesehen, in der am laufenden Band historische Mord- und Folterinstrumente herumstehen?

Rosalba Neri zeigt sich als inzestuös vorgeschädigte Nymphomanin ("Männer sind alles, was ich brauche"), die den Killer, die mitten in der Nacht mit Axt auftaucht, kurzerhand erstmal anbaggert.

Macht schon Spaß! :lol:


Ich werde in den nächsten Wochen auch mal was über den Konsalik-Roman schreiben, der angeblich dem Film zugrunde liegt (NOT!), der ist nämlich auch ein delirierendes Werk zwischen grandios und gaga.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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