Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

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Moderator: jogiwan

Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 20. Nov 2018, 21:21

Der Gendarm von St. Tropez

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Die Gendarmen-Filme von Louis de Funés sind ja irgendwie bislang spurlos an mir vorüber gegangen, obwohl die auch immer wieder im österreichischen Fernsehen gezeigt wurden. Der Auftakt ist ein netter, wenn auch zugegeben doch etwas altbackener wirkender Komödienspaß, in dem ein pedantischer Mensch und Gendarm seine menschliche Seite entdeckt und nebenher noch mit Nudisten, Gangstern und sonstigen skurrilen Personen im Urlaubsort St. Tropez zu tun bekommt. Zwischendrin gibt es auch noch Platz für eine solide Musikdarbietung und ein sehr junger Gabriele Tinti ist als Gangster ist ebenfalls mit von der Partie. Also alles im grünen Bereich und Louis de Funés ist natürlich wieder einmal der Schrei und fuchtelt und grantelt durch die Gegend, nur um dann festzustellen, dass hinter seinem Rücken erst wieder so gar nicht nach seinen Vorstellungen läuft. „Der Gendarm aus St. Tropez“ ist dann auch eine eher leichte Sommerkomödie mit Anleihen im Slapstick, dem Culture-Clash, der Verwechslungskomödie und beim Gangsterfilm, dass hier alles recht ansehnlich zusammengerührt wird und -wenig verwunderlich - auch den Geschmack des breiten Publikums getroffen hat.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 21. Nov 2018, 21:01

Das Geheimnis des Lebens

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Lobbschykiller hat mir ja mit seinen Worten wieder große Lust auf den Streifen gemacht, der beim ersten Mal ja irgendwie nicht so richtig gezündet hat. Das lag aber rückblickend wohl größtenteils an einer etwas falschen Erwartungshaltung und die erneute Sichtung in deutscher Sprachfassung hat mir nun auch besser gefallen. Irgendwie ist „Das Geheimnis des Lebens“ ja doch sehr interessant, gerade weil er sich völlig zwischen die Stühle setzt und mit Erotik, Thriller, Sci-Fi und Drama einfach sehr viel mitnimmt und sich bis zum Ende auch nicht auf ein bestimmtes Genre oder eine klare Deutung einlässt. Vielmehr punktet „Lifespan“ dann auch auf der atmosphärischen Ebene und dem spannenden Gedankenexperiment, was geschehen würde, wenn der Mensch das Altern als Krankheit betrachtet und mit bestimmten Mitteln diesen Alterungsprozess aufhalten könnte. Dabei ist auch Amsterdam als Handlungsort sehr hübsch gewählt und auch der Soundtrack und die Voice-Over-Kommentare aus der Gedankenwelt des Protagonisten unterstützen die medizinische Schnitzeljagd und die schönen Bilder ebenfalls auf sehr angenehme Weise. „Lifespan“ ist jedenfalls nicht der einfache Genre-Film von Nebenan, sondern ein durchaus lohnendes Erlebnis, wenn man sich als Zuschauer darauf einzulassen vermag.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 22. Nov 2018, 20:13

Dreamscape

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Was hätte man aus „Dreamscape“ nicht alles machen können? Vom familientauglichen Sci-Fi-Film, über Verschwörungsthriller bis hin zum packenden Horrorfilm wäre mit einem guten Drehbuch eigentlich alles realisierbar gewesen. Dummerweise ist Joseph Rubens Streifen aber nichts von alledem und aus den guten Ansätzen und spannenden Ideen hat man leider nur einen arg mittelprächtigen Film gezaubert, der sehr, sehr weit hinter den eigentlichen Möglichkeiten zurückbleibt. Zuerst kommt „Dreamscape“ ewig nicht in die Puschen und am Ende überschlagen sich dafür dann die Ereignisse und dabei verzettelt sich der Streifen in allerlei Nebensächlichkeiten. Spannend ist ja der Teil mit den Träumen, der eigentlich viel zu kurz kommt bzw. scheinbar nebenher abgehandelt wird und je länger ich darüber nachdenken, desto mehr komme ich zum persönlichen Schluss, dass „Dreamscape“ einfach völlig falsch angegangen wurde. Wären da nicht ein paar Sympathiepunkte bei der Besetzung und das durchaus spannende Finale, meine Wertung würde ja ziemlich desaströs ausfallen. So bekommt „Dreamscape“ gerade noch die Kurve, aber bleibt dennoch ein Paradebeispiel vergebener Möglichkeiten.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 23. Nov 2018, 20:26

Onkel Paul, die große Pflaume

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Der cholerische Paul hat reich geheiratet, besitzt ein kleines Firmenimperium und ist gerade dabei, seinen Sohn mit der Tochter eines wohlhabenden und befreundeten Industriellen zu verheiraten, als ihn eines Tages eine skurrile Nachricht ereilt. Der Großvater seiner Gattin – einst in jungen Jahren bei einer Expedition in Grönland verschollen – wurde unversehrt im Eis gefunden, aufgetaut, erfreut sich nun bester Gesundheit und ist auch rechtmäßiger Eigentümer von Pauls Firma. Dummerweise glaubt er aber sich im Jahr 1905 zu befinden und jeglicher Zivilisationsschock könnte das Aus bedeuten. Also schmiedet Paul den perfiden Plan, den jungen auf diese Weise los zu werden, während dem Rest der Familie so tut, als würde man sich noch immer in der Vergangenheit befinden…

Auch „Onkel Paul, die große Pflaume“ ist trotz seltsamer deutscher Titelgebung natürlich ein typischer Louis de Funés-Film über einem cholerischen Industriellen, der sich auf einmal mit allerlei seltsamen Situationen konfrontiert sieht. Dabei handelt es sich aber nicht nur um die üblichen Problemchen mit der Verwandtschaft, die man sich nicht aussuchen kann, sondern hier kommt auch noch dazu, dass es sich um jemanden handelt, der im Eis konserviert wurde und glaubt, sich immer noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zu befinden. Das führt natürlich von einer skurrilen Situation in die nächste und der Streifen ist wie üblich auch sehr turbulent inszeniert, auch wenn die Lacher hier eher überschaubar sind. Viel eher geht der Streifen auch in Richtung skurriler Familienfilm mit einer Prise Sci-Fi, der irgendwann beim Kostümfilm landet. Der ständige Genre-Wechsel ist aber durchaus spaßig anzusehen und das Zusammenspiel von Louis de Funés und Claude Gensac ist wieder einmal absolut herrlich. Überraschend hier auch neuerlich die zeitgemäß-moderne Inneneinrichtungen, die ich so überhaupt nicht in Erinnerung hatte. Alles in allem bekommt man also auch hier wieder einmal alles serviert, was man sich in einem Film mit Herrn de Funés erwartet.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 24. Nov 2018, 20:07

Mandy

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„Mandy“ zählt wohl zu den Geschmacksspaltern des Jahres und während die einen Zuschauer diesem fiebertraumartigen Rausch begeistert beiwohnen werden, wird die weniger wohlwollende Fraktion diese "avantgardistische anmutende Kunstfilm-Installation mit Genre-Bezug" wohl weit weniger prickelnd finden. Ich mochte ja „Beyond the Black Rainbow“ schon sehr und auch hier geht es abermals mehr um Bilder, Stimmungen und Abgründe, die von Panos Cosmatos perfekt eingefangen werden, als um eine herkömmliche Geschichte. Dabei bietet „Mandy“ eine Figuren-Konstellation, die auch gar nicht viele Erklärungen benötigt, ideal besetzt ist und Bilder, in denen man versinken möchte und nach einer eher ruhigen Stunde kommt es dann auch zum fulminanten Rachefeldzug, in dem Herr Cage dann auch aufdrehen darf. Wie Nello schon anmerkte, braucht der Film aber keinen Cage und auch sonst keine bekannten Namen – der wäre auch mit jeden anderem Darsteller großartig gewesen und „Mandy“ ist dann auch nicht „wegen“, sondern „trotz“ Nicolas Cage ein wunderbares rauschhaftes und entrücktes Ereignis von einen Film, der in seiner elegischen Erzählweise hübsch gegen aktuelle Sehgewohnheiten gebürstet ist und für den man aber sicherlich auch die richtige Stimmung und Aufgeschlossenheit aufbringen muss.

PS: ersetzt man die Ballerina durch einen Holzfäller, die Hexen durch Jesus-Freaks und verlegt das Ganze in den Elfenwald statt in eine Balletschule - so ist "Mandy" dann auch das "Suspiria"-Remake, dass ich mir immer gewünscht habe. ;)
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 25. Nov 2018, 20:13

United Trash

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In Ruanda gibt es ein UNO-Camp, in dem der deutsche UNO-General Werner Brenner sein Unwesen treibt. Der ist eigentlich mit Martha verheiratet, hat aber noch nie Sex mit dieser gehabt und steigt auch lieber mit dem alternden Bodybuilder Lund ins Bett und arrangiert sich mit gewaltbereiten Diktatoren. Als Maria ein schwarzes Kind namens Peter Panne gebärt, wird dieses als neuer Messias verehrt und zahlreiche Personen versuchen den neuen Heiland für ihre Zwecke einzuspannen. Einerseits Werner um seine Macht zu erhalten, der Priester Pierre um den Vatikan zu stürzen, sowie ein durchgeknallter Diktator um dem amerikanischen Präsidenten zu töten. Als Peter dann aber auch noch eine Vagina auf dem Kopf wächst, ist das Chaos endgültig perfekt und der kollektive Wahnsinn nimmt seinen Lauf.

Provokateur Christoph Schlingensiefs Streifen über die UNO, Missionare, Pädophile, Diktatoren und sonstige schlechte Menschen nach einem Drehbuch von Oskar Röhler ist natürlich nichts anderes als ein Frontalangriff auf die Befindlichkeiten des Zuschauers, der hier ein Panoptikum an Absurditäten vor den Latz geknallt bekommt. Nach herkömmlichen Gesichtspunkten kann man „United Trash“ auch gar nicht bewerten und die Figuren und die bizarren Ereignisse sind natürlich völlig jenseitig und so gestaltet, dass sich im Verlauf auch wirklich jeder Zuschauer provoziert fühlen darf. Die künstlerische Abrechnung Schlingensiefs mit dem Genozid in Ruanda und die Rolle der UNO ist jedenfalls ziemlich herb. Dazu gibt es etwas Splatter, Körperflüssigkeiten, Kitten Natividad und deutsche Darsteller, die sich in Overacting überbieten, während die afrikanischen Laiendarsteller gute Miene zum scheinbar bösen Spiel machen und sich offensichtlich köstlich darüber amüsieren. Bei Schlingensief weiß man aber schon im Vorfeld auf was man sich einlässt und so ist „United Trash“ auch kein Unterhaltungsfilm im üblichen Sinn, sondern eher ein experimentelles Ereignis für Zuschauer mit Durchhaltevermögen und Hang zum Bizarren, die sich auch nicht so leicht provozieren lassen. Otto Normalzuschauer wird „United Trash“ einfach nur schrecklich furchtbar und unzumutbar finden, während der wohlwollendere Rest wohl ebenfalls ein bisschen froh sein wird, bis zum Abspann durchgehalten zu haben. Dennoch wird einem mit derartigen Werken erst wieder bewußt, wie sehr doch solche Menschen wie Schlingensief doch vor allem heutzutage der bequem gewordenen Gesellschaft fehlen.

Die letzte Party deines Lebens

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Julia befindet sich mit ihren Klassenkameraden der 8b auf Matura-Reise in Kroatien, wo beim X-Jam mit viel Alkohol zu billigen Technobeats gefeiert wird. Als sie sich eines Abends mit ihrer besten Freundin und Zimmerkollegin Jessica streitet, bekommt sie wenig später im Drogenrausch noch schemenhaft mit, wie diese von einem maskierten Menschen attackiert wird. Am nächsten Tag ist Jessica verschwunden, doch niemand der feierwütigen Meute glaubt der jungen Frau und auch die örtliche Polizei ist keine große Hilfe. Als wenig später eine weitere Kollegin vom Dach fliegt, ist ebenfalls rasch die übliche Unfall-Theorie zur Hand, während Julia fest davon überzeugt ist, dass es jemand auf sie und ihre Klasse abgesehen hat und damit auch recht behalten wird…

Regisseur Dominik Hartl kennt man ja bereits von „Die Lederhosen Zombies“, der zwar sympathisch, aber leider doch nicht sonderlich gelungen ist. Mit „Die letzte Party deines Lebens“ legt der Jung-Regisseur aber einen großen Qualitätssprung hin und überzeugt in der hübsch aussehenden Indie-Produktion mit einem gelungenen Teenie-Slasher-2.0.-Revival der Snapchat- und Instagram-Generation hin. Zwar wirken die Figuren und die Dialoge für ältere Semester bisweilen etwas künstlich, aber offensichtlich reden jungen Menschen mittlerweile einfach so miteinander. Der Rest kann sich jedenfalls ziemlich sehen lassen und auch das Drehbuch ist überraschend solide und spannend ausgefallen. Das sogenannte „X-Jam“ ist ja mittlerweile so etwas wie das Spring-Break für österreichische Maturanten/Abiturienten und dass hier „on location“ mit tausenden feierwütigen Menschen gedreht wurde, bekommt dem Streifen ebenfalls sehr gut. Angesichts des vergleichsweise geringen Budgets hat Dominik Hartl jedenfalls einen überraschend soliden Slasher gedreht, der sich nicht hinter anderen Produktionen verstecken muss und dem man als Indie-Produktion auch kleinere Mängel auf technischer Ebene gerne verzeiht und mit einem Kauf unterstützt. Der österreichische Genre-Film ist ja in letzter Zeit durchaus stark präsent und so darf es für mein Empfinden auch gerne weitergehen.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 26. Nov 2018, 20:50

Wenn die Gondeln Trauer tragen

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In memoriam Nicolas Roeg:

Der große Klassiker des britischen Gruselfilms, auch wenn ich „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ eher in die Drama-Ecke stecken würde, der nur nebenher das Übernatürliche streift. Hier geht es vorwiegend um ein Paar, dass den Tod der gemeinsamen Tochter nur scheinbar überwunden wird und im winterlichen Venedig mit der dunklen Vergangenheit und Zukunft konfrontiert wird. Neben dem Thema der Trauer geht es auch um Vorahnung, Bestimmung und dem Schicksal, dem man scheinbar nicht entrinnen kann. Dabei punktet „Don’t look now“ vor allem durch seine morbide Stimmung und das Venedig, dass man hier zu Gesicht bekommt, stimmt wohl nicht so ganz mit der touristischen Version davon überein. Hier präsentiert sich die Lagunenstadt menschenleer entrückt und feindseelig heruntergekommen und das englische Paar wie ein Fremdkörper, dass früher oder später einfach darin verloren gehen muss. Alles wunderbar eingefangen und noch geschickter aneinander montiert von Nicolas Roeg, der den Zuschauer immer weiter in ein Labyrinth aus Emotionen, Vorahnungen und seltsamen Ereignissen schickt, ehe er am Ende dann das berühmte As aus dem Ärmel zaubert und Donald Sutherland und auch dem Zuschauer die Deutung des zuvor gesehenen erst so richtig bewusst werden. Ein wunderbarer Film, wie geschaffen für Tage mit schlechten Wetter und nachdenklicher Stimmung.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 27. Nov 2018, 20:26

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

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Rosa von Praunheim hat sich mit „Nicht der Homosexuelle…“ ja nicht sehr viele Freunde gemacht und der Streifen über das Leben von Schwulen in der Großstadt bietet Stereotype und Klischees ohne Ende, die dann noch einmal hübsch überzeichnet und mit einem bissigen Kommentar versehen werden. Getreu dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ hat sich der schwule, deutsche Mann Anfang der Siebziger nach der Liberalisierung eines Gesetzes ja ganz bequem gemacht und vögelt lieber durch die Gegend und pflegt einen unreflektierten Körper- und Jugendkult, als sich über seine eigene Lage Gedanken zu machen um diese gesellschaftlich zu verbessern. Erst im letzten Abschnitt bekommt „Nicht der Homosexuelle…“ ja dezent die Kurve und portraitiert politisch aktive Männer, die nicht mehr bereit sind, ein Leben im gesellschaftlichen Abseits zu verbringen und bereit sind, für ihre Ideale und ihre Recht aufzustehen. Damit es aber soweit kommt, muss man den Schwulen wohl zuerst einen Arschtritt verpassen, was Rosa von Praunheim mit diesen doch sehr polarisierenden Werk auch sehr eindrucksvoll gelungen ist. Auch das Bonusmaterial der DVD ist sehr interessant und zeigt neben der Podiumsdiskussion in der ARD, die eher einem Tribunal gleicht auch eine Diskussion mit New Yorker Aktivisten, die von dem bewusst überzeichneten Werk ja so gar nicht angetan waren und die mehrfach an der Kippe zum Abbruch steht. Rückblickend natürlich ein sehr wichtiger Film, der viel für die Akzeptanz homosexueller Menschen bewirkt hat, auch wenn Rosa von Praunheim einen Weg wählt, der nicht vielen gefällt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 28. Nov 2018, 21:22

Das deutsche Kettensägenmassaker

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Auch wieder so ein Film, der sehr viele am falschen Fuß erwischt und die Zuschauerschaft ziemlich polarisiert. Einen Horrorfilm sollte man sich bei Schlingensiefs „Das deutsche Kettensägenmassaker“ ja nicht erwarten, selbst wenn die Figuren-Konstellation beim thematischen Vorbild ausgeborgt wurde. Hier geht es trotz splattriger Momente um Themen wie neu gewonnene Freiheiten und Perspektiven durch die deutsche Wiedervereinigung, die dann auf der Schlachtbank ein jähes Ende finden. Dabei erinnert der bisweilen chaotisch wirkende Streifen ja eher an Impro-Theater, als an herkömmliches Erzählkino und die vielen Darsteller haben auch sichtlich Spaß an dem hysterischen Treiben, dass bisweilen auch etwas an den Nerven der Zuschauer zerrt. Andererseits ist „Das deutsche Kettensägenmassaker“ auch wieder spaßig und überdreht und wer außer Schlingensief könnte Gesellschafts- und Kapitalismuskritik als Statement zur deutschen Wiedervereinigung schon in dieser überzeichneten Form bringen? Alles in allem ein eher künstlerisches Experiment mit Politik-, Trash- und Genre-Bezug für aufgeschlossene und humorvolle Menschen, der sich irgendwo zwischen provokant, unterhaltsam und völlig gaga einpendelt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 29. Nov 2018, 20:11

Balduin, der Geldschrankknacker

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Balduin Garnier ist der Besitzer eines kleinen Jagdladens, der eines Tages vom Direktor der gegenüberliegenden Bank durch einen fragwürdigen Aktientipp um sein gesamtes Erspartes gebracht wird. Als er völlig blank und wenig später bei einer Predigt in der Kirche erfährt, dass der Zweck manchmal die Mittel heiligt, beschließt er kurzerhand die Bank auszurauben. Als er der verblüfften Familie von seinem Plan erzählt, halten alle zusammen und beschließen den perfekten Plan zu erstellen, wie man zu dem Geld kommen, wobei nicht nur Balduin, sondern auch der Rest der Familie eine erstaunlich kriminelle Energie entwickeln, die wenig später durch allerlei Verwicklungen ins Stocken gerät…

Lustiger, aber auch nicht sonderlich aufregendes Frühwerk mit Louis de Funés aus dem Jahr 1964, der hier einen cholerischen Ladenbesitzer mimt, der von einem Bankdirektor um sein Erspartes gebracht wird und durch das Graben eines Tunnels sein Geld wieder zurückholen möchte. Das geht natürlich nicht ohne allerlei Problemchen und bald stehen neugierige Nachbarn, die ungeliebte Verwandtschaft, ein liebestoller Bankbeamter und ein überambitionierter Polizist auf der Matte. Dabei ist der in schwarz-weiß gedrehte Streifen recht unterhaltsam, aber auch nicht mehr und die nachfolgenden Werke sind schon um Klassen besser. Hier ist alles noch etwas brav und nett, auch wenn das hier von mir nicht negativ gemeint ist. Ein bisschen subversivere Herangehensweise und ein paar Überraschungen im Drehbuch hätten vielleicht nicht geschadet - das flotte Tempo und der tolle Cast reißen aber vieles raus und machen die Sichtung auch so zu einem sympathischen Vergnügen.
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