Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

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Moderator: jogiwan

Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 29. Sep 2018, 18:15

Why don't you play in Hell?

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Die „Fuck Bombers“ sind ein vierköpfiges Kollektiv aus ambitionierten und hoffnungsfrohen Filmemachern und Akteuren, die seit Jahren auf ihren Durchbruch warten. Doch wohl jeder bekommt im Leben die eine Chance und diese scheint auch gekommen zu sein, als der Yakuza-Boss Muto dringend innerhalb weniger Tage aus familiären Gründen einen Film mit seiner rebellischen Tochter Mitsuko in der Hauptrolle realisieren möchte. Regisseur Hirate plant mit dem Geld der Verbrecher auch sogleich großes Kino auf 35mm und ein Action-Werk, das Maßstäbe setzen soll und Kritik wie Publikum nachhaltig begeistern soll. So wird die Idee geboren, einen Übergriff auf einen verfeindeten Yakuza-Clan zu filmen und schon wenig später gehen Filmemacher und Verbrecher mit vollem Eifer zur Sache, was natürlich nicht ohne blutige Konsequenzen für alle Beteiligten bleibt…

mmer wieder Shion Sono und seine völlig verrückten Filme: hier ist es eine Hommage an das analoge Kino und an die Yakuza-Filme vergangener Jahrzehnte, die hier in einer unterhaltsam-blutigen Satire völlig auf die Spitze getrieben werden. Die Geschichte ist ja wie üblich völlig gaga und irgendwie wurde ich auch aufgrund der Optik, der Kleidung und der musikalischen Untermalung den Verdacht nicht los, dass hier vor allem auch die berühmte Badehaus-Szene von „Kill Bill 1“ veräppelt werden sollte. Doch das geht so nebenher in einem Film, der ohnehin völlig überdrehte Charaktere und eine durchgeknallte Geschichte bietet, die im Finale ja wieder einmal so richtig durch die Decke geht. Rücksicht auf Verluste und Genre-Konventionen hat Herr Sono ja auch noch nie genommen und so ist es auch wenig verwunderlich, dass neben surrealen Szenen am Ende auch ein wahres Blutbad auf den staunenden Zuschauer wartet. Dennoch ist „Why don’t you play in Hell?“ kein Downer, sondern über weite Strecken überdreht und komödienhaft inszeniert und würde bei dem Regisseur selbst wohl unter die Kategorie „Gute Laune“-Film fallen. Zwar könnte man bemängeln, dass „Why don’t you play in Hell?“ etwas Zeit braucht, bis er in Fahrt kommt und alle Handlungsstränge letzten Endes zusammenfinden, aber ist das erst einmal passiert, ist das alles wieder ganz, ganz großartig.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 30. Sep 2018, 18:36

A Whisper in The Dark

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Mit „A Whisper in the Dark“ hat Regisseur Marcello Aliprandi einen Film geschaffen, mit dem sich offensichtlich ein Großteil der Zuschauer relativ schwer tut. Wer bei dem 1976 entstandenen Streifen einen Geisterfilm mit Giallo-Anleihen erwartet, wird wohl auch nicht nur aufgrund der eher ruhigen und unaufgeregten Erzählweise enttäuscht werden. Vielmehr geht es in dem Streifen um Themen wie Verlust, Trauer, Schuldgefühle und Einsamkeit und wie diese auf unterschiedliche Weise Auswirkungen auf die verschiedenen Mitglieder einer sehr gut situierten Familie haben. Auf plakative Effekte wird verzichtet und auch das Finale ist nicht Höhepunkt des Films, sondern lässt diesen langsam zu Ende gehen. Trotzdem ist „A Whisper in the Dark“ ein interessanter Beitrag, der sich wohl auch sehr bewusst zwischen alle Stühle setzt und sich inhaltlich vieles offen lässt, was der jeweilige Zuschauer wohl auch aufgrund seiner eigenen Lebenserfahrungen interpretieren oder verorten kann. Ich kann mich leider nicht mehr erinnern, wie Aliprandis Werk bei der ersten Sichtung und in jüngeren Jahren auf mich gewirkt hat, aber gestern hat mir dieses melancholische Drama mit Geisterfilm-Anleihen und seinen bisweilen entrückt wirkenden Momenten durchaus gemundet, auch wenn mir bewusst ist, dass Aliprandi den Geschmack des breiten Genre-Publikums mit seinem Werk vermutlich wohl sicher nicht getroffen hat.

Pepi, Luci, Bom und die anderen Mädchen vom Haufen

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Eines Tages wird die junge Pepi in ihrer Madrider Wohnung von einem Polizisten aus der Nachbarschaft aufgesucht, dem ihre Cannabis-Pflanzen am Balkon nicht entgangen sind. Als sie ihm daraufhin eine Gefälligkeit anbietet, fällt der Polizist über sie her und vergewaltigt sie, obwohl sie ihre Jungfräulichkeit eigentlich meistbietend verkaufen wollte. Pepi sinnt auf Rache und lässt ihn durch eine Gruppe befreundeter Musiker verprügeln, die dummerweise jedoch den Zwillingsbruder erwischen. Daher muss Luci, die Ehefrau des Polizisten herhalten, die sich jedoch als masochistische Lesbe entpuppt und sich in die Sängerin Bom verliebt. In weitere Folge verstricken sich die drei Frauen in weitere Abenteuer, die sie geradewegs in den Madrider Underground führen, der sich nach dem Ende der Franco-Ära als pulsierende Kulturmetropole präsentiert.

Gestern im Rahmen meiner kleinen Retrospektive geguckt ist „Pepi, Luci, Bom…“ ja schon eine lustige Sache, die aber – ich widerspreche mich schon wieder – doch eher für den Fan des Regisseurs interessant ist, der in dem eher episodenhaften Frühwerk schon vielen Damen begegnet, die im weiteren Verlauf des spanischen Regisseurs eine gewichtige Rolle spielen sollten. Hier ist aber von der großen Erzählkunst und dem künstlerischen Auge noch nicht so viel zu merken und in dem sehr episodenhaften und grellen Werk werden auch eher Grenzen ausgetestet und das Mainstream-Publikum auf ihre Toleranz getestet. Dennoch vergisst Almodóvar natürlich nicht auf einen Unterhaltungswert und portraitiert mit seiner Geschichte über ein ungleiches Damen-Trio eine Zeit des kulturellen Aufbruchs, dass Spanien nach Ende der Franco-Ära ereilt hat. Der gesellschaftliche Neubeginn und die Abkehr von der Diktatur beginnen hier mit der Demontage von althergebrachten Rollenbildern und dem Ausloten von Grenzen und daher muss ich an dieser Stelle auch wieder den Verweis an John Waters bringen, der wohl im Geiste über dem ganzen Werk schwebt, mit dem mein spanischer Lieblingsregisseur den Grundstein seiner eindrucksvollen Karriere gelegt hat.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 1. Okt 2018, 18:27

Beyond the Black Rainbow

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Cosmatos neuestes Werk „Mandy“ hat ja bei uns einen regulären Kinostart bekommen und was liegt da näher, als auch gleich „Beyond the Black Rainbow“ nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Film ist ja ein Fest für alle Menschen wie mich, die satte Farben mögen und einen retrofuturistischen Stil stehen. Die beunruhigend erscheinende Geschichte über einen zwielichtigen Forscher, eine Frau in einer medizinischen (?) Einrichtung und mysteriösen Geheimnissen des Lebens wird sehr behäbig und bruchstückhaft erzählt und als Zuschauer muss man sich wohl auch auf den sehr langsamen Erzählfluss einlassen, ehe man immer weiter versinkt in der abstrakten Geschichte, den wunderbaren Settings und dem verstörenden Sounddesign, das die Augen des Zuschauers auf den Bildschirm bannt um ja keinen Frame zu verpassen. Wer in Filmen immer nach einer logischen Erklärung sucht, ist hier definitiv an der falschen Adresse, aber aufgeschlossenen Menschen mit Hang zu besonderen Werken kann man „Beyond the Black Rainbow“ auch nur empfehlen. Irgendwie scheint mir dieser Streifen auch so etwas wie der geistige Zwilling von Jonathan Glazers „Under the Skin“ zu sein und wer diesen Geschmacksspalter zu schätzen weiß, sollte sich auch Panos Cosmatos ungemein schönes Langfilm-Debüt keinesfalls entgehen lassen.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 2. Okt 2018, 19:31

Kloster zum heiligen Wahnsinn

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jogiwan hat geschrieben:Pedro Almodovars dritter Langfilm aus dem Jahr 1983 ist eine unterhaltsame Mischung aus Drama, Komödie und Nunploitation und erzählt eine groteske Geschichte über eine Nachtclub-Sängerin, die in ein Konvent von Nonnen flieht, dass sich zur Aufgabe gemacht hat Mörderinnen, Drogensüchtige und Prostituierte wieder auf den rechten Weg zu bringen und dabei selbst seltsamsten Lastern frönen. Dabei ist „Das Kloster zum heiligen Wahnsinn“ ein typisches Frühwerk des spanischen Regisseurs, der hier auch grell, bunt und unterhaltsam die moralischen Befindlichkeiten seines damals noch erzkonservativen Landes bissig auf die Schippe nimmt, ohne dabei zu destruktiv oder beleidigend zu sein. Hinter der Fassade des Klosters, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat und der braven und weltverbessernden Nonnen verbergen sich dann auch ziemliche Abgründe, die hier in einem lustigen Streifen mit grandioser Darsteller-Riege inkl. Julieta Serrano, Marisa Paredes und Carmen Maura genüsslich entzaubert werden. Unterm Strich ein unterhaltsames Werk irgendwo zwischen Arthouse, Soap und Genrefilm und viel Musik und unerwarteten Überraschungen, der auch Leutchen gefallen dürfte, die mit seinen eher dramatischen Werken ansonsten nicht so viel anfangen können.


Auch den obigen Zeilen gibt es eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Beim "Kloster zum heiligen Wahnsinn" ist der Name Programm und Almodóvar teilt in seinem Frühwerk hübsch in Richtung katholische Kirche aus, ohne dabei gehässig zu sein. Viel mehr entzaubert er den vorauseilenden Mythos der Büßerinnen und betenden Schwestern und macht daraus einen unterhaltsamen Film, der auch nie seine Vorliebe für Kitsch, Klatschspalten und Regenbogenpresse verheimlicht. Sicherlich aufgrund seiner Rahmenbedingungen nicht der beste Streifen aus dem Schaffen des spanischen Regisseur – eine unterhaltsame Sache voller verrückter Ideen und bekannter Gesichter ist das „Kloster zum heiligen Wahnsinn“ aber trotzdem geworden.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 3. Okt 2018, 19:30

Matador

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jogiwan hat geschrieben:„Matador“, Pedro Almodóvars fünfter Langfilm ist nicht nur ein für seine damaligen Verhältnisse überraschend düsterer Thriller, sondern auch gleichzeitig eine ungewöhnliche Hommage an das europäische Genre-Kino der Siebziger-Jahre. Die Geschichte über einen Torero und einer Anwältin, die als Art Seelenverwandte vom Akt des Todes magisch angezogen werden ist dabei brutal, provokant und lässt seine zahlreichen Figuren wie Getriebene erscheinen, die aus unterschiedlichen Gründen geradewegs ins Verderben laufen. Schon der Auftakt, in der Diego zu brutalen Szenen aus Francos „Säge des Todes“ und Bavas "Blutige Seide" onaniert ist sicherlich etwas, dass man sich in einem derartigen Streifen aus der Arthouse-Schiene wohl nicht erwarten würde. Trotz der düsteren Thematik gibt es aber auch die üblichen Trademarks, wie die skurrilen Charaktere und eine farbenfrohe Inszenierung mit Blick für besondere Details. Am Ende geht „Matador“ zwar etwas die Puste aus und auch die deutsche Synchro ist nicht wirklich gelungen, aber ein interessanter und vor allem sehr ungewöhnlicher Streifen ist der 1986 gedrehte Streifen aber dennoch geworden.


„Matador“ ist wirklich sehr düster und provokant ausgefallen und mischt Almodóvars Interesse an abgründigen Leidenschaften mit Elementen des Genrefilms aus den Siebzigern. Herausgekommen ist ein zugegeben etwas sperrig erscheinender Streifen über seelenverwandte Serienkiller und einem sensiblen jungen Mann mit Todesvisionen, der die Taten der Beiden im Geiste miterleben muss und daran zu zerbrechen droht. Dazu kommen die üblichen Themen wie Lust, Sex, verdrängte Homosexualität und Bigotterie und ein buntes Panoptikum an unterschiedlichsten Figuren und Film-Zitaten, die hier munter miteinander vermengt werden. Bei der ersten Sichtung war ich über die „Umkehrung“ seiner üblichen Handlungslinien auch etwas irritiert und wo ansonsten Lebensfreude und Hoffnung herrscht, gibt es hier nun einmal latente Todessehnsucht und tiefe Verzweiflung. Die optimistischen Werke liegen mir auch immer noch näher, aber „Matador“ wächst mit jeder Sichtung und dürfte auch Leutchen hier gefallen, denen die restlichen Werke aus der Schaffensperiode zu grell und bunt ausgefallen sind.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 4. Okt 2018, 19:35

Mein blühendes Geheimnis

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„Mein blühendes Geheimnis“ ist so etwas wie ein Quasi-Best-of des Regisseurs seiner mittleren Schaffensperiode mit einer großartigen Marisa Paredes als gebeutelte Liebesroma-Autorin, die nach allerlei Rückschlägen wieder ihren Platz im Leben finden muss. Allerdings ist das hier von Almodóvar irgendwie auf eine fast schon lustlos routiniert erscheinende Weise in Szene gesetzt und das Schicksal der Hauptfigur ist auch nicht so mitreißend, wie in früheren Filmen. Dazu ist der Charakter auch viel zu selbstsüchtig und erscheint im Figurenkosmos des Regisseurs seltsam farblos und schwach. Aber selbst ein mittelmäßiger Almodóvar ist auch immer noch ein guter Film und da macht auch dieser hier dank einer wunderbaren Marisa Paredes keine Ausnahme und man könnte in ihm auch eine Art Vorstudie zu „Alles über meine Mutter“ sehen, mit dem er ja wenig später den Oscar gewinnen sollte. Lustig natürlich auch die von Arkschi erwähnte Buch-Sache im Film, bei dem von den Protagonisten mehrfach erwähnt wird, dass diese Geschichte von Bigas Luna (!) verfilmt wird. Ob kleiner Seitenhieb oder nette Geste unter Kollegen lässt sich auf die Schnelle wohl nicht sagen, was sich aber sagen lässt ist, dass „Mein blühendes Geheimnis“ zwar okay, aber auch nicht mehr geworden ist. Eher mehr eine kurze und selbstreferenzielle Verschnaufpause vor der Weltkarriere mit einem sehr guten Cast, einer soliden Inszenierung und seiner meines Erachtens konventionellsten Geschichte, die sich stets etwas zu sehr auf altbekannte Formeln verlässt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 5. Okt 2018, 18:15

Das Gesetz der Begierde

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Pablo Quintero ist ein erfolgreicher Regisseur und Autor, der mit seiner Schwester Tina in Madrid lebt. Doch während der schwule Pablo beruflich einen Höhenflug nach dem anderen erlebt, gleicht sein Gefühlsleben eher einer Katastrophe. Er ist verliebt in den jungen Juan, der seine Liebe jedoch aufgrund seiner besitzergreifend-destruktiven Art nicht erwidern möchte. Als sich Pablo in eine Affäre mit dem jungen Antonio stürzt, versucht dieser mit allen Mittel Pablo für sich zu gewinnen und so geraten alle Beteiligten nach und nach in ein gefährliches Spiel aus Verlangen und Obsessionen, dass schon wenig später eskaliert.

Ich weiß nicht, wie oft ich „Das Gesetz der Begierde“ in meinem Leben schon gesehen haben, aber dieser Streifen ist wohl einer meiner absoluten Lieblinge im Schaffen von Pedro Almodovar, der hier auch alles bietet, was seine Filme so besonders macht. In einer Mischung aus Komödie, Drama und Thriller wird hier ein Netz aus Geheimnissen und Obsessionen gesponnen, in dem sich die Protagonisten samt Zuschauer verlieren und bei dem auch gleich einmal ersichtlich ist, dass diese Konstellation aus Liebe und Begehren wohl nicht gut enden wird. Dabei ist der Film voller interessanter und vor allem sehr vielschichtiger Figuren, denen Almodovar auch ausreichend Platz einräumt und dabei auf Wertungen wie Gut oder Böse gänzlich verzichtet. Hier sind selbst die etwaig Bösen nur Getriebene ihrer eigenen Begierden, denen sie hilflos ausgeliefert sind und ein Verbrechen aus Leidenschaft nur die logische Konsequenz daraus, vor dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Wer hat auch nicht schon selbst in hormoneller Verblendung irgendeinen Blödsinn gemacht, den man hinterher bitter bereut. Das alles und noch viel mehr verarbeitet Almodóvar in einem sehr persönlichen Film, der mit seiner Darstellung von homo- und transsexuellen Themen wohl auch sein Publikum im Jahr 1987 vor eine kleine Herausforderung stellte. Die volle Breitseite gegen konservative Befindlichkeiten in einem wunderbar vielschichtigen und zugleich unterhaltsamen Film mit Carmen Maura in ihrer schönsten Rolle.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 6. Okt 2018, 18:35

High Heels

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Die Fernsehmoderatorin Rebeca leidet zeit ihres Lebens an der Zurückweisung ihrer Mutter Becky, die als Sängerin im Ausland Karriere gemacht hat und das Kind in Madrid bei ihrem leiblichen Vater zurückgelassen hat. Als Becky nach 15 Jahren wieder nach Madrid kommt, wird sie daher schon sehnsüchtig von Rebeca erwartet, doch an der Grundsituation hat sich wenig geändert und Becky ist noch immer gleich selbstsüchtig und wenig am Leben der Tochter interessiert. Das ändert sich, als Rebeca ihren Ehemann vorstellt, der sich als Jugendfreund Beckys entpuppt, der jedoch voller Vorurteile und Aggressionen steckt. Als dieser wenig später ermordet wird, gibt es drei Verdächtige und Richter Dominguez hat alle Hände voll zu tun, das Verbrechen aus Leidenschaft aufzuklären und die wahre Schuldige zu finden.

„High Heels“ ist ein Streifen, der irgendwie im Schaffen von Almodovar etwas untergeht, da er den Übergang von den grellen Komödien in Richtung Drama markiert und sich damit wohl etwas zwischen die Stühle setzt. Dabei bietet der Streifen eigentlich alles, was man sich erwartet und bietet neuerlich interessante Figuren, eine packende Geschichte und vor allem ein ganz tolles Frauen-Duo in der Hauptrolle, die hier auch schwere emotionale Geschütze auffahren. Vordergründig geht es um ein Verbrechen aus Leidenschaft, doch eigentlich ist es die stetige Suche nach Anerkennung, die Almodóvar in seinem 1991 gedrehten Streifen auf interessante Weise verarbeitet. Dabei richtet sich „High Heels“ auch eher an ein erwachseneres Publikum und ist eben nicht der sexuell aufgeladene Erotik-Thriller mit plakativen Elementen, der vielleicht vom Cover suggeriert wird. Irgendwie habe ich den Streifen aus mir unbekannten Gründen auch bislang immer etwas ignoriert, doch gestern hat mir das alles sehr gut gefallen und begeistert. Victoria Abril in der Darstellung der gebeutelten Tochter ist einfach großartig - Marisa Paredes als selbstsüchtige Diva ebenfalls und auch die farbenfrohe Inszenierung der eher düsteren Geschichte ist natürlich genau mein Dingens. Der landet in Zukunft wieder öfters im Player.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 7. Okt 2018, 18:33

Live Flesh

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Mit „Live Flesh“ tue ich mir schon seit Anbeginn etwas schwer und hier bestätigt auch die neuerliche Sichtung meine eher etwas zwiespältigen Eindrücke zu dem 1997 gedrehten Drama. Zwar ist der Streifen immer noch gut, aber die Geschichte und die Art und Weise wie sie erzählt wird, fällt im Vergleich zu den anderen Werken doch etwas ab. Eine Rachegeschichte, die im Grunde auch gar keine ist, passt imho irgendwie auch nicht zu Almodóvar und deswegen rückt er auch wieder andere Dinge ins Zentrum einer tragischen Geschichte, die erstmals auch Themen der Franco-Diktatur am Rande aufgreift. Bei Filmen des spanischen Regisseurs erwarte ich mir persönlich immer starke Frauenfiguren bzw. große Gefühle und irgendwie hadere ich hier mit der Hauptfigur des Victors, der von allen fünf Hauptcharakteren des Streifens irgendwie die Farbloseste ist. Wo Almodóvar normalerweise mehrere Handlungsebenen und Schicksale kunstvoll miteinander verwebt, werden hier die Abläufe in drei Zeitebenen einfach chronologisch präsentiert, was dem Film auch einen episodenhaften Charakter verleiht. Sicherlich ist der Streifen schön gemacht und darstellerisch ebenfalls sehr gut, aber irgendwie kann es mein spanischer Lieblingsregisseur doch irgendwie besser, als er es uns in „Live Flesh“ präsentiert.


Fessle mich!

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Ricky lebt in einem Irrenhaus und kümmert sich dort um das seelsiche und auch körperliche Wohl seiner Mit-Patienten und Betreuer. Als er eines Tages von einem Richter für zurechnungsfähig erklärt wird, macht er sich auf, um seinem großen Schwarm, die Ex-Pornodarstellerin Marina zu treffen, zu heiraten und mit ihr Kinder zu bekommen. Doch die weiß gar nichts von dessen Existenz - geschweige denn seinen Plänen und ist auch gerade eher mit Dreharbeiten zu einem Horrorfilm und ihrer Drogensucht beschäftigt. Als Ricky mit gestohlenen Schlüsseln bei Marina einbricht, ist diese natürlich wenig erfreut und versucht zu fliehen, doch der eigentlich herzensgute Ricky ist für die Durchsetzung seines Planes zu allem bereit...

Almodóvars wohl umstrittenster Film mit der Musik von Ennio Morricone, den man heutzutage wohl auch nicht mehr so ohne weiteres bringen könnte, ohne das gleich einige Organisationen auf die Barrikaden steigen würden. Wer sonst, außer einem schwulen Regisseur dem die Frauen sehr am Herzen liegen, könnte auch so eine Geschichte erzählen, in dem ein herzensguter Psychopath die Liebe einer süchtigen Ex-Pornodarstellerin erzwingt. Das Stockholm-Syndrom und große Gefühle liegen bei Almodóvar auch nah beieinander und dass „Fessle mich!“ nicht überall gut ankommt, ist auch wenig verwunderlich. Wer sich eigehender mit dem Schaffen des Regisseurs auseinandersetzt wird in dem Streifen auch das erkennen, worum es Almodovar geht und im Grunde geht es wieder einmal um bedingungslose Liebe in Ausnahesituationen und am Ende siegt diese auch märchenhaft über alle Widrigkeiten. Die Inszenierung ist wie gewohnt quietschbunt und nebenher auch noch eine sympathische Verbeugung vor dem spanischen Genrefilm vergangener Jahrzehnte. Alles in allem ein hübsch kontroverser, schrecklich unterhaltsamer Streifen mit großartigen Darstellern und einem Thema, das in seinem überzeichneten Szenario sicherlich die ein- oder andere Diskussion auslösen wird.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 8. Okt 2018, 18:27

Alles über meine Mutter

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„Alles über meine Mutter“ zählt ja zu meinen absoluten Lieblingsfilmen und das Oscar-prämierte Drama habe ich über die Jahre auch schon unzählige Male gesehen. Das erste Mal im Kino hat mich dieser Film ja total erwischt und auch heute noch ist der Streifen ein sehr packendes Drama, dass trotz seiner schrillen Charaktere und thematischer Überzeichnung eine großartige Geschichte über Frauen in Ausnahmesituationen und deren Solidarität erzählt. Dabei schreckt Almodóvar wie üblich auch nicht vor sehr schrägen Figuren und ganz großen Dramen zurück und schickt den Zuschauer auf eine emotionale Berg- und Talfahrt, die aber trotz aller Schicksalsschläge auch optimistisch bleibt und zeigt, dass gemeinsam und solidarisch auch die schlimmsten Widrigkeiten des Lebens überstanden werden können. Eine wunderbare Botschaft in einem wunderbaren Film, bei dem andere Regisseure wohl jeden einzelnen Charakter einen eigenen Film gewidmet hätten.
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