bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 7. Feb 2020, 14:59

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Maribel, die Sekretärin

„In London verwirklicht sich die Frau, indem sie sich auszieht!“

Der spanische Regisseur Francisco Lara Polop („Das Haus im Nebel“) inszenierte als eines seine frühen Werke das Liebesdrama „Maribel, die Sekretärin“ um die italienische Schauspiel- und Erotikikone Ornella Muti („Die Nonne von Verona“), das als spanisch-italienische Koproduktion 1974 in die Kinos kam.

„Du bist ein göttliches Wesen!“

Die attraktive junge angehende Sekretärin Maribel (Ornella Muti) befindet sich auf der Zielgeraden ihrer Berufsausbildung. Ihr Vater macht sie mit Ignacio (Philippe Leroy, „Das wilde Auge“) bekannt, dem Chef eines renommierten Unternehmens. Dieser zögert nicht lang und stellt Maribel ein – und geriert sich darüber hinaus der Familie gegenüber als Gönner, der ihr eine neue Wohnung besorgt und Maribels Eltern einen Kredit bei sich aufnehmen lässt. Der Grund für sein Verhalten: Er möchte Maribel für sich gewinnen. Während einer London-Reise gesteht er ihr seine Liebe, was nach kurzer Bedenkzeit auf Gegenseitigkeit beruht: Maribel lässt sich auf eine geheime Affäre mit dem verheirateten Familienvater ein. Es handelt sich um eine offene Beziehung, Maribel darf sich zunächst auch mit anderen Männern treffen. Doch sie leidet unter der Situation und fühlt sich oft einsam. Als sie von Ignacios vergangener Affäre mit einer gewissen Esperanza (África Pratt, „The Priest“) erfährt, wird sie misstrauisch. Und als sich der Journalist Carlos (Emilio Gutiérrez Caba, „In the Folds of the Flesh“) an sie heranschmeißt, geht sie mit ihm aus, woraufhin Ignacio eifersüchtig reagiert. Tatsächlich verliebt sie sich in Carlos und macht mit Ignacio Schluss. Dieser aber zwingt sie, weiter mit ihm zu schlafen, bis ihre Eltern den Kredit abbezahlt haben. Maribel sieht sich gezwungen, ihre Beziehung zu Carlos zu beenden…

Die Bilder Londons gleichen denen eines Reiseführers, als habe Polop die verführerische Schönheit der großen Stadt in ästhetischer Hinsicht in Verbindung mit der Verführung Maribels durch Ignacio bringen wollen. Die Dialoge sind mitunter zeitgenössisch etwas schlüpfrig, die sexuelle Revolution hat ihre Spuren hinterlassen – was sich auch in der Option der offenen Beziehung äußert. Die erotisch aufgeladene Atmosphäre unterstreicht der gemeinsame Besuch ein Strip-Lokals, im krassen Gegensatz dazu stehen die schrecklichen Bilder des Stierkampfs, den Maribel mit Carlos besucht. Immerhin äußert Maribel ihren Unmut darüber. In ihrer Rolle ist Ornella Muti einmal mehr eine wahre Augenweide, die man jedoch lediglich im Bikini zu sehen bekommt. Der Fokus dieses Films liegt nämlich keineswegs auf der Erotik, sondern in der ungesunden Beziehung Maribels zu Ignacio. Diese macht aus der Handlung im Prinzip ein Sozialdrama, denn der vermögende Ignacio verwickelte Maribels Eltern bewusst in Abhängigkeiten, um ihre Tochter ausnutzen zu können.

Parallel dazu verläuft die Liebesgeschichte zwischen Maribel und Carlos, der schließlich frustriert und betrunken eine öffentliche Preisverleihung an Ignacio sprengt und dort lauthals den Stand der Dinge verkündet, nachdem Maribel ihn gezwungenermaßen in die Wüste geschickt hatte. Hier prallt die aufrichtige, emotionale Liebe auf den kalkulierten Besitzanspruch, was zugleich den dramaturgischen Höhepunkt der Handlung darstellt. Das Happy End ist dann auch nur ein halbes, denn zwar finden Maribel und Carlos wieder zueinander, doch ob und wenn ja, wie die Probleme mit Ignacio gelöst werden, bleibt offen und der Fantasie des Publikums überlassen.

So warnt der seriös, zugleich temperamentvoll und einnehmend geschauspielerte „Maribel, die Sekretärin“ vor ein derartiges soziales Ungleichgewicht aufweisenden libidinösen Beziehungen und vor der Verstrickung in Abhängigkeiten, sensibilisiert für die Verführbarkeit unerfahrener junger Frauen und zeigt, wie Geld und Macht den Charakter verderben, wenn Ignacio seine Maske fallen lässt. Als Allegorie auf gesellschaftliche Besitzverhältnisse darf der hier und da etwas inszenatorisches Straffungspotential offenbarende Film daher sicherlich auch verstanden werden. Ob er als Lehrfilm in südeuropäischen Sekretärinnen-Berufsgenossenschaften zum Einsatz kam, ist nicht überliefert.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon karlAbundzu » 10. Feb 2020, 13:47

buxtebrawler hat geschrieben:Ob er als Lehrfilm in südeuropäischen Sekretärinnen-Berufsgenossenschaften zum Einsatz kam, ist nicht überliefert.

:D :kicher:
bestimmt.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 10. Feb 2020, 20:45

Tatort: Miriam

„Schimanski, du hast wohl lange keine mehr auf die Schnauze gekriegt!“

Der sechste Fall des Duisburger Kripo-Duos Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) wurde am 04.04.1983 erstausgestrahlt und stammt von Regisseur Peter Adam, der zuvor bereits den vierten Duisburger „Tatort: Das Mädchen auf der Treppe“ inszeniert hatte und 1980 mit „Der Zeuge“ für die Krimireihe debütiert hatte. Für Adam sollten noch vier weitere „Tatort“-Episoden folgen. Das Drehbuch verfasste er zusammen mit Horst Vocks und Thomas Wittenburg.

„Ich warte auf den Tag, an dem die Vögel tot vom Himmel fallen!“

Virks, ein Mitarbeiter des Privatdetektivs Heinz Scholl (Will Danin, „Deep End“), wird ermordet aufgefunden. Erste Ermittlungen ergeben, dass Scholl und Virks sich mit zwei Diebstählen beschäftigten – dabei scheinen sie auf brisante Informationen gestoßen zu sein. Doch Scholl ist untergetaucht und weder die mit Virks in Kontakt gestanden habende Miriam Schultheiß (Sunnyi Melles, „Wer spinnt denn da, Herr Doktor?“) noch ihr Vater (Paul Albert Krumm, „Jonathan“), ein vermögender Industrieller, sind eine große Hilfe. Immerhin kann Schimanski in Erfahrung bringen, dass Miriams Mutter vor 20 Jahren einen tödlichen Verkehrsunfall erlitten haben soll, nachdem sie zuvor einen Spieler erstach. Schultheiß ehelichte danach seine Geliebte, weshalb Miriam seither nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Offenbar hatte sie Virks mit Nachforschungen in dieser Angelegenheit betraut. Wer hat so viel zu verbergen, dass er bereit ist, Virks umzubringen?

Der „Tatort“ beginnt humorvoll, denn nachdem Thanner von seiner Freundin Sylvia vor die Tür gesetzt wurde, wohnt er bei Schimanski, schmeißt den Haushalt und geriert sich immer mehr wie eine Ehefrau. Geht jedoch sein Liebeskummer mit ihm durch, betrinkt er sich. Sylvia scheint etwas mit einem Surflehrer angefangen zu haben, den man jedoch nicht zu Gesicht bekommt – im Gegensatz zur Wunde, die er Thanner offenbar im Zuge einer nonverbalen Auseinandersetzung zugefügt hat. Eine tragikomische Rahmenhandlung, in der nun Thanner den emotionalen Part übernimmt. Dadurch braucht George hier nicht mehr den Krawallero mimen, sondern bekommt verstärkt die Möglichkeit, seiner Rolle differenziertere Facetten zu verleihen, was er mit Bravour meistert.

Die Kriminal- bzw. Ermittlungshandlung liefert eine reichlich undurchsichtige und fintenreiche Geschichte, die in mühsamer Polizeiarbeit entwirrt wird und damit zunächst einmal relativ glaubwürdig erscheint. Durch den komplett fehlenden Bezug des Publikums zum Opfer und dessen Umfeld hält sich die Spannung jedoch lange Zeit sehr in Grenzen. Erschwerend hinzu kommt, dass die titelgebende Miriam Schultheiß eisig unterkühlt von Sunnyi Melles gespielt wird, einer richtigen, etwas an die 1920er-Jahre erinnernden Filmschönheit, die die Unnahbarkeit ihrer Rolle perfekt verkörpert. Hat sich erst einmal herausgestellt, dass am Tode Miriams Mutter etwas faul zu sein scheint, gewinnt diese Episode an Spannung, bleibt jedoch ungewöhnlich ruhig erzählt. Umso effektiver wirkt es dafür, wenn es Scholl plötzlich an den Kragen geht und es zum Schusswaffeneinsatz kommt. Ein paar kleinere Autostunts hat man auch untergebracht und leitet schließlich eine Wendung ein, die die Ereignisse auf den Kopf stellt. Die Geduld wird also belohnt.

In schöner urbaner Atmosphäre voller zeitgenössischer Filialketten und Reklame, befeuert auch durch die nach „Das Mädchen auf der Treppe“ erneute Verpflichtung der visionären Synthie-Progger Tangerine Dream (ihr insgesamt dritter „Tatort“, zu dem sie die Musik beisteuerten), erhält man außerdem Einblicke in die Versicherungsbranche, erlebt einen kooperativen Kripokollegen Dr. Born (Christoph Hofrichter), darf über Schimmi beim Anstecken einer Roth Händle (ohne Filter!) schmunzeln – und fassungslos einmal mehr bestätigt sehen, wie die Oberschicht das einfache Volk nicht nur mit Füßen tritt, sondern auch über Leichen geht und dabei nicht einmal Rücksicht auf die eigene Familie nimmt, wenn es gilt, einen persönlichen Vorteil zu erzielen. So gibt es dann auch kein Happy End, wenngleich der Fall gelöst wird. Dazu passt die Gefühlskälte dieses „Tatorts“, die nicht nur auf Seiten der Kriminellen zu finden ist, ganz hervorragend.

Bedächtig, aber fortwährend entwickelt dieser „Tatort“ seinen Anspruch und spielt seine Qualitäten aus, die erneut gerade auch in klugen gesellschaftlichen Beobachtungen und einem sozialen Gewissen zu finden sind. Trivium zum Schluss: Schultheiß-Schauspieler Paul Albert Krumm spielte bereits im allersten „Tatort: Taxi nach Leipzig“ mit!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 12. Feb 2020, 14:14

Tatort: Die goldene Zeit

„Wenn ein Bauer im Dorf stirbt, schlachtet man einen Hammel und isst zusammen, bevor man seine Herde übernimmt.“

Falke (Wotan Wilke Möhring) zum Dreizehnten, Falke mit Grosz (Franziska Weisz) zum Siebten: Das Hamburger BKA-Ermittlungsduo ruft es in Regisseurin Mia Spenglers („Back For Good“) „Tatort“-Debüt auf den Kiez. Das Drehbuch stammt von Georg Lippert. Erstausgestrahlt wurde der im Frühjahr 2019 gedrehte Fall am 9. Februar 2020, seine Premiere hatte er da aber bereits am 29. September 2019 auf dem Filmfest Hamburg gefeiert.

Der junge Rumäne Matei Dimescu (Bogdan Iancu, „Oh, Ramona!“) ersticht auf Hamburg-St. Pauli Johannes Pohl (Till Butterbach, „Systemsprenger“), den Filius des ehemaligen Rotlichtmagnaten Egon Pohl (Christian Redl, „Spreewaldkrimi“), brutal vor dessen Wohnung, lässt jedoch u.a. sein Smartphone am Tatort zurück. Zu dumm, dass er sein Rückfahrticket in die Heimat lediglich auf dem Gerät gespeichert hat. Es handelte sich um einen Auftragsmord für eine lächerlich geringe Summe, was neben der Bundespolizei auch Pohls ehemaligen Bediensteten Michael Lübke (Michael Thomas, „Import Export“) auf den Plan ruft, der die Leiche als Erster entdeckt hatte. Er macht den Jungen ausfindig, eigentlich fest entschlossen, ihn umzubringen. Er bringt es jedoch nicht fertig und entwickelt andere Pläne für den Nachwuchs-Killer. Bei der Frage nach den Auftraggebern fällt der Verdacht schnell auf die albanische Kiezmafia um Krenar Zekaj (Slavko Popadic, „Bonnie & Bonnie“), die erfolglos versucht hatte, einen Bordellbetrieb von Roman Kainz (Roland Bonjour, „Heute oder morgen“) zu übernehmen, dessen Schwester Carolin Sehling (Deborah Kaufmann, „Zuckersand“) als Betreiberin einer Stiftung zur Förderung hochtalentierter, aber mittelloser Kinder wiederum mit dem ganzen Milieu so wenig wie möglich zu tun haben möchte. Als die Bundespolizei auf Lübke trifft, treffen sich zwei alte Bekannte wieder: Falke und Lübke kennen sich aus ihrer gemeinsamen Kiezzeit, Falke hatte dort einst als Türsteher gearbeitet…

Das klassische Whodunit? wird abgewandelt, denn der eigentliche Täter steht von vornherein fest, seine Tat wird direkt zu Beginn in an die Nieren gehenden Bildern festgehalten: Der rumänische Junge ist kein Profikiller, sondern ein ultranervöser Amateur, der sich für eine Handvoll Euro hat anheuern lassen. Es stellt sich jedoch die Frage nach dem Hintermann und dessen Motiv. Beides scheint indes schnell auf der Hand zu liegen: Die ins Rotlichtmilieu drängenden Albaner waren’s, weil man ihnen keinen gut laufenden Bordellbetrieb überlassen wollte. Schluss macht „Die goldene Zeit“ jedenfalls mit jeglicher Kiezromantik, nicht aber mit Kieznostalgie: In urbaner Neo-Noir-Atmosphäre wird mit unruhiger, permanente Anspannung suggerierender Kamera ein realistisch-dreckiges Bild der „sündigen Meile“ gezeichnet. Sex-Arbeit als knallhartes Geschäft zwischen gescheiterten Existenzen und Gewalt, allen Beteuerungen des aalglatten Roman Kainz zum Trotz, streng seriös und legal zu operieren.

Die Nostalgie bricht sich Bahn, wenn der abgehalfterte Lübke an die titelgebende „goldene Zeit“ zurückdenkt, in der der mittlerweile demente und auf Pflege angewiesene Egon Pohl große Teile des Geschäfts bestimmte – und Lübke mit Falke befreundet war. In schummrigen Spelunken trifft man sich nun und lässt vergangene Zeiten sehnsüchtig und melancholisch Revue passieren. Die Freundschaft zwischen Lübke und Falke ändert jedoch nichts daran, dass Lübke der Polizei wichtige Informationen vorenthält, während sich zwischen ihm und dem trotz allem fast schon bemitleidenswerten Jungen eine besondere Beziehung irgendwo zwischen Beschützerinstinkt und Manipulation entwickelt – in ihrer Sensibilität und Ambivalenz eines der Glanzlichter dieses „Tatorts“. Als neue Figur wird LKA-Kollege Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) eingeführt, der Falke und Grosz bei ihrer Arbeit unterstützt, ansonsten aber nicht weiter auffällt.

Reales Vorbild dieses Falls: Im Jahre 2018 soll das Hamburger Mongols-Oberhaupt blutige Rache am Hells-Angels-Boss genommen haben, indem er einen Mitte zwanzigjährigen Bulgaren mit dessen Mord beauftragt habe. Der eigens aus Bulgarien angereiste Auftragsmörder gab auf offener Straße mitten auf dem Kiez mehrere Schüsse auf sein Opfer ab, das den Anschlag überlebte, seither jedoch querschnittsgelähmt ist. Tatsächlich gab es immer mal wieder Versuche ausländischer Clans und Gangs, die Vormachtstellung im Rotlichtgeschäft auf dem Hamburger Kiez zu erlangen, Medienberichterstattungen zufolge halten jedoch nach wie vor die Hells Angels die Zügel fest in der Hand.

Insofern vermittelt dieser „Tatort“ vermutlich einen recht falschen Eindruck. Andererseits handelt es sich um einen fiktionalen Fall, was insbesondere die finale Wendung, die zur Lösung führt, verdeutlicht. Diese ist einmal mehr der überbordenden Fantasie der Autorenschaft zuzuschreiben und umgeht eine eindeutige Schuldzuweisung innerhalb des mörderischen Milieukonflikts, die wiederum ihren Höhepunkt auf der Dachterrasse des Albanerquartiers in Form eines tragisch-dramatischen Showdowns findet, reichlich dick aufträgt und innerhalb der „Tatort“-Logik der Gerechtigkeit genüge tut. Als halbwegs stimmige Annäherung ans Kiezmilieu weitab von Party, Romantisierung oder überzeichnetem Action-Thrill ist „Die goldene Zeit“ jedoch recht sehenswert. Und nicht zuletzt sehe ich mich darin bestätigt, welche Gefahr von ausschließlich auf mobilen Endgeräten gespeicherten Tickets ausgeht...
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Feb 2020, 12:45

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Der Mann nebenan

„Und, was kann man hier anstellen?“ – „Nichts, rein gar nichts – außer saufen.“

Die deutsche Regisseurin Petra Haffter („Der Kuss des Tigers“) bekam Anfang der 1990er Jahre die Gelegenheit, mit „Psycho“-Star Anthony Perkins zusammenzuarbeiten. Das Ergebnis ist der 1991 erschienene – na klar – Psycho-Thriller „Der Mann nebenan“, eine Verfilmung des (mir unbekannten) Romans „A Demon in My View“ aus der Feder Ruth Rendells, veröffentlicht im Jahre 1976.

„Das Wetter ist der Jahreszeit entsprechend.“

Der alleinstehende Arthur Johnson lebt noch immer im selben verdammt hellhörigen Haus in der Trinity Road des tristen (fiktionalen) Londoner Vororts Kenbourne Vale, in dem vor 20 Jahre seine Mutter starb – und wo ein nie überführter Triebmörder sein Unwesen trieb. Bei diesem handelt es sich um Arthur persönlich, dessen einem psychischen Defekt geschuldeten Taten im Widerspruch zu seiner gutbürgerlichen Fassade stehen, die er stets aufrechtzuerhalten versteht. Doch als der junge Hamburger Student Anthony Johnson (Uwe Bohm, „Yasemin“), jemand mit einem ganz ähnlichen Namen also, ebenfalls das Mehrparteienhaus bezieht, gerät Arthurs Alltag durcheinander: Anthony, der versucht, seine Affäre Helen (Sophie Ward, „Begierde“) davon zu überzeugen, ihren Ehemann (Hans Peter Hallwachs, „Otto – Der Außerfriesische“) für ihn zu verlassen, entdeckt Arthurs Schaufensterpuppe. Nicht ahnend, dass diese Projektionsfläche für Arthurs Obsessionen und von elementarer Bedeutung für dessen psychisches Gleichgewicht ist, verwendet er sie für eine traditionelle Feierlichkeit zum 5. November, auf der sie zu Arthurs Entsetzen verbrannt wird – und öffnet damit die Büchse der Pandora…

Nach aufgrund des eigentlichen Handlungsorts überraschenden Bildern Hamburgs geht Haffters Film unmittelbar in seinen Stil aus Parallelmontagen von Rückblenden in Arthurs Kindheit in Form visualisierter Erinnerungen und Gegenwartsszenen über, die in ihren Übergängen äußerst reizvoll erscheinen, wenn Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart sich gleichen. Perkins variiert hier seine Paraderolle als psychisch derangiertes Muttersöhnchen und mimt einen von Erinnerungen Visionen, die nach und nach auf Gewaltverbrechen in seiner Biographie schließen lassen, geplagten Spießer, der zurückgezogen lebt, bei dem stets alles akkurat erscheint und der heimlich eine Schaufensterpuppe liebt. Als Junge stach er ein Baby mit einer Sicherheitsnadel, was angesichts dessen, was noch folgen wird, harmlos anmutet. Denn nachdem seine geliebte Puppe ein Raub der Flammen wurde, steigert er sich in Gewaltfantasien gegen Anthony bzw. dessen Wohnung, liest er dessen Post und verfasst sogar eine Fälschung unter dem Namen von Anthonys Freundin – und tötet schließlich die Frau eines Freunds Anthonys. Daraufhin werden Arthurs zurückliegende Morde in einer Analepse visualisiert. Und das Sterben nimmt auch in der Gegenwart weiter seinen Lauf.

Der mit Pino Donaggios schöner ‘80er-Saxophon-Titelmelodie und von säuselnd-umgarnend zu dramatisch wechselnden Streicher- und Klavier-Arrangements unterlegte „Der Mann nebenan“ ist ein wenig origineller Psycho-Thriller, dessen Parallelen zu anderen, weitaus stärkeren Psychokiller-Filmen wie „Maniac“ oder „Deranged“ und natürlich „Psycho“ unverkennbar sind und wie sie natürlich auf die realen Vorbilder Ed Gein & Co. referenziert. Ähnlich wie in „Psycho“, vor allem aber mehr noch als in späteren eindeutig dem Horrorgenre zuzuordnenden Verfilmungen dieses Topos wird der Mörder hier nicht als Monster, sondern eher als bemitleidenswertes Geschöpf dargestellt. Weniger als um einen Horrorfilm handelt es sich bei „Der Mann nebenan“ vielmehr um einen Psycho-Thriller mit starken dramatischen Aspekten, also keinesfalls um spekulative blutige Unterhaltung.

Trotz bemühten Spannungsaufbaus lässt der Film von vornherein kaum einen Zweifel daran, was mit Arthur nicht stimmt, sich den Zuschauer aber über eine Stunde lang gedulden, bis Arthur den ersten Mord onscreen begeht. In seiner Dramaturgie ist der im typischen Anfang-der-‘90er-Look gehaltene „Der Mann nebenan“ damit ebenso gewöhnungsbedürftig wie mit seiner etwas schwächelnden deutschen Synchronisation (gedreht wurde offenbar auf Englisch) und seinem fast unfreiwillig komisch anmutenden Ende. Dieses wirkt sehr abrupt und platt – und überrascht auch damit, dass es trotz Arthurs Phantombild im TV zu keinerlei Konfrontation mit der Polizei kommt.

Alles in allem wirkt „Der Mann nebenan“ also ziemlich unrund, ist andererseits aber eine interessante deutsche Beinahe-Genre-Produktion mit gemischtem britisch-deutschem Ensemble sowie eine der letzten Möglichkeiten, Perkins in seiner Paraderolle vor seinem viel zu frühen Tod zu sehen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 16. Feb 2020, 16:52

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Bilitis

„Ich habe mich nackt ausgezogen, um auf einen Baum zu klettern. Meine bloßen Schenkel berühren die glatte, feuchte Rinde. Meine Sandalen wandern über die Äste. Ganz hoch oben und doch noch unter dem schützenden Dach der Blätter, im Schatten der Hitze der Nacht ließ ich mich auf ein Pferd gleiten, auf die mächtige Gabelung eines Astes und meine Füße balancieren im Nichts.“

Nach der Dokumentation „Hildegard Knef und ihre Lieder“ debütierte der britische Aktfotograf David Hamilton („Zärtliche Cousinen“) im Jahre 1977 im Spielfilmbereich mit dem in französisch-italienischer Koproduktion entstandenen Kassenschlager „Bilitis“. Das Coming-of-Age-Erotikdrama basiert auf einem Drehbuch Catherine Breillats, das wiederum eine freie Adaption des Gedichtbands „Lieder der Bilitis“ des Dichters Pierre Louÿs aus dem Jahre 1894 darstellte.

„Es hat geregnet. Wassertropfen fallen und rollen an meinem Köper, meiner Haut herunter. An meinen Händen hängen Fasern von Moos und meine Zehen sind rot von zertretenen Blumen. Ich fühle das Leben in dem wunderbaren Baum, wenn der Wind leise durch ihn hindurchstreicht. Ich presse meine Beine noch mal zusammen, lehne mich ganz weit vor und hefte meine geöffneten Lippen auf den behaarten Nacken eines Zweiges.“

Die Internatsschülerin Bilitis (Patti D'Arbanville, „Flesh“), zarte 17 Jahre jung, verguckt sich in den Fotografen Lucas (Bernard Giraudeau, „Die perfekte Erpressung“), verbringt ihre Sommerferien jedoch an der Côte d’Azur bei ihrer erwachsenen, verheirateten Freundin Melissa (Mona Kristensen). Nachdem sie Zeugin wurde, wie Melissas Ehemann Pierre (Gilles Kohler, „Ein irrer Typ“) seine Frau vergewaltigt, lassen sich Bilitis und Melissa auf eine gleichgeschlechtliche Affäre miteinander ein. Diese beendet Melissa jedoch nach kurzer Zeit wieder, um mit Bilitis‘ ursprünglichem Schwarm Lucas anzubändeln, was Bilitis akzeptiert. Etwas verwirrt, alleinstehend, jedoch um libidinöse Erfahrungen reicher kehrt Bilitis in ihr Internat zurück.

„Ich geniere mich ein bisschen.“

Am berüchtigsten war Hamilton für seine Aktfotografien prä- bis frühpubertierender Mädchen, die zu ihrer Veröffentlichungszeit mangels Problembewusstsein jedoch lediglich in generell reaktionären, prüden, natürlichkeits- und sexualitätsfeindlichen Kreisen wie denen der Kirche auf Kritik stießen. Mit „Bilitis“ hat das zunächst einmal nicht allzu viel zu tun, da die Hauptdarstellerin eine bereits 17-Jährige spielt und damals selbst bereits Mitte 20 war. Hamiltons fotografischer Stil jedoch wurde auf den Film übertragen: Das Bild wird vom Weichzeichner und von Pastelltönen dominiert und zeigt mit Vorliebe leicht- oder unbekleidete Mädchen und junge Frauen in einem in der Gegenwart angesiedelten, jedoch jeglicher Realität entrückt scheinendem Ambiente aus Prunk und hyperidyllischen Landschaften, das dem Film etwas Traumwandlerisches verleiht. Daran großen Anteil haben auch die dick auftragenden Synthesizer-Melodien Francis Lais, die ihrerseits von den Bildern zu schwelgen scheinen und jegliche Ecken und Kanten ablegen, um in einem warmen Strudel gefangenzunehmen.

Die schnell nacherzählte Handlung hat lediglich Alibicharakter für Szenen voller Zärtlichkeit, die im Kontrast zum brutalen Vorgehen Pierres stehen. Nichts ist hier anschließend mehr vulgär oder obszön, womit „Bilitis“ einen Gegenpol zu Softsex-Schmuddel, den verklemmten Albereien so vieler Nackedei-Komödien, aber auch zu Anspruch und Härte manch weniger poetischen Erotikdramas bildet. Die Erotikszenen sind wahrlich großes Kino und überaus ästhetisch; Hamilton verstand sein „Handwerk“, das hier zweifelsohne zur Kunst wird, ganz eindeutig. Andererseits ist „Bilitis“ aber auch unfassbar harmlos, eigentlich in keinerlei Hinsicht provokant, erhellend oder in sonstiger Weise über seinen erotisch-ästhetischen Gehalt und seine Bildgewalt hinaus anregend. Die arg naiv gezeichnete Bilitis, die ihre Erlebnisse bisweilen aus dem Off kommentiert, ist ein weitestgehend eigenschaftsloser Platzhalter für aufkeimendes sexuelles Bewusstsein, für ein Mädchen, das seine Gefühlswelt gerade erst erkundet und sich von ihr treiben lässt, das erste leidenschaftliche Erfahrungen macht. Ferner scheint sie eine Art Katalysator- oder Durchlauferhitzerfunktion für die sich anbahnende Beziehung zwischen Melissa und Lucas einzunehmen. Als stiller Voyeur spielt Mathieu Carrière („Parapsycho – Spektrum der Angst“) am Rande gar eine noch eindimensionalere Rolle.

Der Sinnlichkeit am Rande zum Kitsch und Harmlosigkeit seines Films zum Trotz sah sich Hamilton jedoch aufgrund seiner eingangs genannten fotografischen Obsession zunehmend zumindest nachvollziehbaren Pädophilie-Vorwürfen ausgesetzt. Diese gipfelten in konkreten, von Hamilton jedoch abgestrittenen Vergewaltigungsvorwürfen mehrerer ehemaliger minderjähriger Fotomodelle, die kurz vor seinem Tod durch Suizid im Jahre 2016 publik wurden. Dies hinterlässt ein sehr unangenehmes Gefühl bei der Auseinandersetzung mit seinem Œuvre und stimmt nachdenklich.

Francis Lais Soundtrack indes verkaufte sich zigtausendfach und begann mit seinem Einzug in die bürgerlichen Haushalte ein vom Film unabhängiges Eigenleben zu entwickeln. Ein Kuriosum, das sich eventuell mit den diversen realen Härten seiner Entstehungszeit erklären lässt: Offenbar befriedigte er ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Harmonie und Eskapismus.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 20. Feb 2020, 14:47

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Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

Not just boys’ fun

„Der Joker und ich haben Schluss gemacht. Ich wollte neu anfangen. Aber wie sich zeigte, war ich nicht die Einzige in Gotham, die nach Emanzipation suchte…“

Der achte Beitrag zum „DC Extended Universe“, jener lose zusammenhängenden bzw. im selben Universum spielenden, auf den DC-Superhelden-/-Detektiv-/-Schurken-Comics basierenden Kinofilmreihe, gehört einem der Fan-Favoriten, der bereits 2016 in „Suicide Squad“ die beste Figur von allen machte: dem weiblichen Joker-Pendant Harley Quinn alias Dr. Harleen Quinzel, erneut verkörpert von Margot Robbie („The Wolf of Wall Street“), die sich auch als Produzentin des Films in Erscheinung trat. Die Actionkomödie wurde nach einem Drehbuch der „Bumblebee“-Autorin Christina Hodson von der gebürtigen Chinesin Cathy Yan als ihr erster abendfüllender Spielfilm inszeniert und kam Anfang 2020 in die Lichtspielhäuser. Konkret basiert „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn” auf der DC-Comicserie „Birds of Prey”.

„Nichts verschafft dir die Aufmerksamkeit eines Typen so sehr wie Gewalt!“

Gotham City: Zwischen dem grausamen, psychopathischen Schurken Joker, dem Harlekin des Hasses und Clownprinz des Verbrechens, und seiner Gespielin, der ehemaligen Arkham-Asylum-Psychiaterin Harley Quinn (Margot Robbie), ist es aus. Zunächst behält sie diese Information für sich, doch nach dem einen oder anderen Kummertrunk beschließt sie, es öffentlich zu machen und sich endgültig von ihrem grünhaarigen Ex, der sie erst zu dem machte, was sie heute ist, zu emanzipieren. Also knackt sie einen Tanklaster und steuert ihn in die Chemiefabrik, in der ihre Wandlung zur durchgeknallten Schurkin Harley Quinn einst besiegelt wurde und sie sich mit dem Joker verlobt hatte. Die zerstörerische Explosion wird nicht nur in der Unterwelt richtig gedeutet – und Polizistin Renee Montoya (Rosie Perez, „Perdita Durango“) behält recht, als sie konstatiert, dass Harley damit die Jagd auf sich selbst eröffnet habe. Tatsächlich steht sie nun nicht mehr unter dem Schutz des gefürchteten Jokers und zieht rachsüchtige Gangster ebenso wie andere Mitmenschen, die eine Rechnung mit ihr offen haben, an wie das Licht die Motten. Darunter auch Roman Sionis (Ewan McGregor, „Trainspotting“) alias Black Mask, einer der berüchtigtsten und sadistischen Gangsterbosse Gothams, der unliebsamen Gegenspielern bei lebendigem Leibe die Gesichter abzieht, offiziell aber lediglich als Betreiber eines Nachtclubs in Erscheinung tritt. Harleys Glück: Black Masks rechte Hand, der vernarbte Serienmörder Victor Zsasz (Chris Messina, „Devil“), hat sich von der jungen Taschendiebin Cassandra Cain (Ella Jay Basco) einen äußerst wertvollen Diamanten stehlen lassen. Harley bietet Sionis an, ihm den Edelstein wiederzubeschaffen, wenn er sie gehen lässt. Der Verbrecher lässt sich auf den Deal ein. Doch als Harley Cassandra ausfindig gemacht und aus dem Polizeigewahrsam befreit hat, nimmt sie sie unter ihre Fittiche. Sionis setzt daraufhin seine widerwillige Clubsängerin Dinah Lance (Jurnee Smollett-Bell, „One Last Thing“) alias Black Canary zusammen mit Zsasz auf Cassandra und Harley an. Dinah jedoch hatte Harley in deren Trennungsphase bereit einmal gerettet und verfügt zudem über ein besonderes Talent: Dank besonderer Stimmfähigkeiten kann sie nicht nur sehr gut singen, sondern auch einen markerschütternden Sonarschrei ausstoßen. Und mit der eiskalten Armbrust-Killerin Huntress (Mary Elizabeth Winstead, „Final Destination 3“) auf ihrem Rachefeldzug gegen alle Beteiligten des Mafia-Clans, der einst ihre ganze Familie auslöschte, hat Black Mask nicht nur die bald suspendierte und sich somit nicht mehr an strenge Vorschriften gebunden fühlende Montoya gegen sich…

„Muss sie denn immer reden wie ein Bulle aus einem schlechten 80er-Jahre-Film?“

Die Figur Harley Quinn hat eine interessante Entwicklung hinter sich: Statt in einem Comic trat sie erstmals 1992 in der Zeichentrickserie „Batman: The Animated Series“ auf, hielt später auch Einzug in die Comicreihen und avancierte zu einem enorm unterhaltsamen Charakter sowie zu einem Sexsymbol aufgrund ihres Auftritts im etwas durchwachsenen „Suicide Squad“-Spielfilm. Dort wie auch in der Quasi-Fortsetzung „Birds of Prey“ beweist Schauspielerin Margot Robbie eine große Wandlungsfähigkeit, die ihre nicht von der Hand zu weisende natürliche Attraktivität unter bleichem Make-Up, Tätowierungen, dick aufgetragenem Lippenstift und Hang zum Grimassieren regelrecht vergräbt. Gefärbte Haare und körperbetonte knappe Kleidung runden ihr Erscheinungsbild ab. In Robbies Harley Quinn finden sich Referenzen auf Tank Girl und die Punk-Subkultur ebenso wie auf Roller Girls, Pippi Langstrumpf sowie – natürlich – auf die Konzeption der Joker- und anderer Spaßmacher- und Clown-Charakteristika ins Gegenteil verkehrender Figuren und die zwischen Gut und Böse mäandernde Ambivalenz beispielsweise einer Catwoman. Harley Quinn ist aufmüpfige Göre, psychopathische Wahnsinnige, begnadete Kampfkünstlerin, anarchische Rebellin und zerbrechliches Girlie zugleich und das weibliche Pendant zu besonders exzentrischen Schurken wie neben dem Joker auch dem Pinguin oder dem Mad Hatter.

Ihre bisherige Biographie inklusive ihrer Beziehung zum – überraschenderweise darüber hinaus überhaupt nicht in den Film involvierten – Joker wird in einem animierten Prolog abgehandelt, der bereits die Weichen für den in beeindruckender Konsequenz im Comic-Stil inszenierten Film stellt. So finden im weiteren Verlauf, insbesondere zu Beginn, immer wieder diverse Cartoon-Elemente in den Film, von denen die Harleys Gegner grob skizzierenden comichaften Texteinblendungen zu den auffälligsten und zugleich witzigsten zählen. Eine Vielzahl gelungener Späße zieht sich durch den Film, der frisch und frech statt anbiedernd und gefällig wirkt. Auch ohne die Comic-Vorlagen zu kennen ist unverkennbar, dass dieser Film eine bestimmte Art comictypischen Humors trifft und mit popkulturellen Zitaten, Selbstironie, persiflierenden Elementen und Lakonie auch an Positivbeispiele aus den jüngeren Marvel-Verfilmungen wie „Deadpool“ oder „Guardians of the Galaxy“ erinnert. An Comic-Ästhetik erinnert auch das bunte Ambiente des sonst eher düsteren Gothams, das die bunten Farben Harleys, ihres Charakters und ihrer Weltsicht angenommen zu haben scheint. Diese sind Schauplatz sich prima einfügender Actionelemente wie turbulenten Verfolgungsjagden, perfekt durchchoreographierten Kampfkunsteinlagen und gefährlichen Schusswechseln, die kreativ mit den Unwahrscheinlichkeiten der Comics spielen und in Bezug auf ihre Dramaturgie, ihren Schnitt und ihr hohes Tempo sicherlich state of the art sind.

Größtes Alleinstellungsmerkmal des Films ist die spezielle Variante der unzuverlässigen Erzählerin: Harley Quinn ist nicht nur onscreen zu sehen, sondern führt auch als Sprecherin aus dem Off durch die Handlung. Dabei zeigen sich nicht nur amüsante Diskrepanzen zwischen ihrer geschilderten Sicht der Dinge und den unbestechlichen, die (filmische) Realität darstellenden Bildern, sondern sie plappert auch munter drauflos, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Die Figur spielt mit dem Tratschtanten- und Sabbelliesen-Klischee, während der Film streng Harleys achronologischer Narration folgt. Daraus entsteht ein verrücktes Sammelsurium durcheinandergeworfener Handlungsfäden, Abschweifungen, Rückblenden und extremen Zeitsprüngen, cliffhangender Freeze Frames sowie (scheinbar) nebensächlicher Details. Diese chaotische Erzählweise dürfte manch Linearfetischist(inn)en zur Verzweiflung treiben, macht jedoch den besonderen Reiz des Films aus – zumal es gelingt, alle Fäden am Ende zusammenzuführen. Doch der Weg ist dorthin ist ein wilder Ritt in ungewohnter Dynamik.

Dem großen Humoranteil zum Trotz zeichnet gerade auch Oberschurke Sionis alias Black Mask für einige verdammt unangenehme Szenen verantwortlich. Der eitle, überhebliche Mafiaboss will zwanghaft möglichst alles und jeden besitzen und kommt als überzeichnete Karikatur daher – auf Mafiosi, auf tief im Innersten verunsicherte dandyhafte, schmierige Protzer, aber auch auf skrupellose Materialisten und Kapitalisten. In seiner Boshaftigkeit und der beunruhigenden Ruhe, die er ausstrahlt, bildet er den idealen Gegenpol zur schrillen, überdrehten Harley. Die Konfrontationen der neu gegründeten „Birds of Prey“-Zweckgemeinschaft mit ihm und seinen Handlangern ziehen im großen, in einem stillgelegten Vergnügungspark stattfindenden Finale oben beschriebene Kampfhandlungen nach sich, die dem Actiongenre immanent sind, aber trotz ihrer Qualitäten letztlich weniger interessant sind als der kurvenreiche Weg zum Showdown. Dank des weitestgehenden Verzichts auf CGI wirkt „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ dennoch geerdeter als manch vergleichbare Produktion. Schade, dass man sich nicht noch weiter von gängigen Superheldenfilmen abgrenzt, indem man auch auf jegliche übernatürlichen Kräfte verzichtet – Black Canary darf dann doch eine Schallwellenattacke reiten.

Der grundlegende, auf Abhängigkeitsbeziehungen und Geschlechterrollen zielende emanzipatorische Ansatz indes gelingt, ohne dass er einem ständig daumendick aufs Brot geschmiert würde: Kraft der Solidarität und der angesichts all des Hasses und Zynismus um sie herum letzten Anflüge von Menschlichkeit behaupten sich Harley & Co. gegen frauenverachtende, patriarchale Fieslinge – und dies ohne, dass Harley die Ambivalenz ihres Charakters aufgeben müsste, im Gegenteil: Sie ist fester Bestandteil des Films und wichtig für die Entfaltung der Handlung. Noch wichtiger jedoch ist die Aussage des Films: Frauen können auch stark sein, ohne Männer bzw. männliche Verhaltensmuster kopieren zu müssen. Dass sich aus der einen oder anderen vernichtenden Kritik mutmaßlich aus der Incel- oder allgemeinen Sexisten-Ecke regelrechter Hass gegen diesen Umstand herauslesen lässt, bestätigt den Film in seiner Herangehensweise.

Mit dem poprockigen Soundtrack beschreitet man ähnliche Wege wie einst „Guardians of the Galaxy“, mit dem Unterschied, dass der Fokus auf weiblichen Interpreten liegt, inkl. glam- und hardrockiger Hits wie „I Hate Myself For Loving You“ von Joan Jett oder „Barracuda“ von Heart, die Harley Quinn plötzlich wie auf den Leib komponiert erscheinen. Wer diesen Charakter vorher noch gar nicht oder lediglich aus „Suicide Squad“ kannte, dem wird er hier (noch mehr) ans Herz wachsen. Es dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Margot Robbie ins Quinn-Kostüm schlüpfte – ob nun mit einem besseren Tanga als Beinkleid oder wie hier weniger offensiv in herkömmlichen Hot Pants bzw. güldenem Zirkus-Overall – und auch davon unabhängig wird man von dieser Frau noch viel hören und sehen. Eine direkte „Birds of Prey“-Fortsetzung erscheint angebracht, dann jedoch gern mit Black Canary oder Huntress im Mittelpunkt, deren Schauspielerinnen hier ebenso wie Rosie Perez und die fürs Kinoformat formidabel debütierende Ella Jay Basco eine prima Figur abgeben, jedoch (noch) eindeutig zu zweite Geige spielen.

„Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn” ist sowohl der erhoffte große Spaß voller Charme und Esprit als auch die polarisierende, herausfordernde „Love it or hate it“-Angelegenheit geworden, die mit einer großen Tüte Popcorn im bequemen Kinosessel vorzüglich unterhält.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 25. Feb 2020, 19:26

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Schulmädchen-Report, 11. Teil - Probieren geht über Studieren

Hiergeblieben und mitgebumst

„Hoffentlich müssen wir nicht so viel wegschneiden!“

Erstmals seit Teil 8 führte der Österreichische Sexploitation-Regisseur Ernst Hofbauer wieder bei einem „Schulmädchen-Report“ die Regie: Der sage und schreibe elfte Teil der Reihe, „Probieren geht über Studieren“, kam 1977 in die Kinos.

„Wegen ‘nem kleinen Kuss auf den Arsch braucht man ja nicht gleich zu heiraten!“

Den Rahmen des episodischen Pseudoreports bildet diesmal eine fingierte Gesprächsrunde fürs Radio, innerhalb derer Jugendschutzgesetze diskutiert werden sollen. Die Redebeiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden wie gewohnt in Episodenform visualisiert. Kriminalkommissar Jenkel (Ulrich Beiger, „Mädchen beim Frauenarzt“) weiß von der 17-jährigen Gymnasiastin Martina zu berichten: Diese lässt sich im Unterricht vom geilen Rolf befummeln, der ihr auch Nachhilfe gibt, denn Martina ist eine schlechte Schülerin. Für seine Dienstleistung verlangt er jedoch Bezahlung in Geschlechtsverkehr, worauf sich Martina einlässt, denn sie mag Rolf. Also lässt sie sich von ihm entjungfern und treibt es von nun an regelmäßig mit ihm – doch als er eine neue Freundin (Jane Iwanoff, „Wenn die prallen Möpse hüpfen“) hat, wird sie tablettenabhängig, verzweifelt am Schuldruck und stirbt an einer Überdosis. Mit etwas Wohlwollen ginge diese Episode noch als Guilty-Pleasure-Erotikdrama durch, zumal der schöne Kameraeffekt, in dem sich der nackte Rolf in Martinas Pupille spiegelt, ungewöhnlich originell für diese Reihe anmutet und aufmerken lässt. Die Figuren bleiben dennoch schablonenhaft und die Inszenierung – natürlich – spekulativ.

„Ich will doch nicht mein ganzes Leben masturbieren!“

In der nächsten Episode erzählt die 18-jährige Regine (Karine Gambier, „Mädchenpensionat“) einem Staatsanwalt (Gert Wiedenhofen, „Hauptsache Ferien“), dass sie von ihrem Nachhilfelehrer Werner Hinterkofler (Claus Tinney, „Die liebestollen Apothekerstöchter“) vergewaltigt worden sei. Diese Vergewaltigung wird zum Zuschauervergnügen gezeigt, doch daraufhin erzählt Werner seine Version der Ereignisse: Er sei verführt worden. Da sich herausstellt, dass Regine tatsächlich gelogen hatte, wird das Verfahren eingestellt. Eine typische „Schulmädchen-Report“-Episode also, in der einmal mehr Altherrenfantasien bedient werden und man weiter am Märchen strickt, als Mann könne man sich vor jüngeren Schülerinnen, die einen ins Bett zu kriegen versuchen, kaum retten. Ekelhaft.

„Du bleibst hier und bumst mit, ist das klar?!“

Auch Aufnahmeassistentin Gila erzählt ihre Geschichte: Sie will sich mit ihrer lispelnden Freundin Gabi (Alexandra Bogojevic, „Eros-Center Hamburg“) von zwei Jungs, Hansi und Traugott (Claus Obalski, „Schulmädchen-Report, 9.+10. Teil“), von denen einer stottert, entjungfern lassen. Doch weder Hansi noch Traugott konnten bisher sexuelle Erfahrungen sammeln. Sie treffen sich in einem Schuppen, Hansi rammelt wie ein Karnickel und am Ende landen Farbeimer auf den Jugendlichen. Hierbei handelt es sich um eine peinliche Schmierenkomödie, wie man sie schon unzählige Male innerhalb dieser Reihe gesehen hat. Für Amüsement sollen einmal mehr Sprachfehler und billiger Slapstick sorgen. Zum Fremdschämen!

Der nächste „Fall“ wird von Dr. Wolters (Peter Böhlke, „Herzblatt oder Wie sag ich's meiner Tochter?“) geschildert: Michaelas Schulleistungen brechen plötzlich ein. Sie plant ihren Suizid, doch Dr. Wolters findet rechtzeitig den an ihn adressierten Abschiedsbrief und schreitet in letzter Sekunde ein. Nun wird visualisiert, was sie ihm daraufhin als Gründe nennt: Sie fand einen 100-Mark-Schein, der einer Gruppe Rowdys gehörte. Sie leugnete den Fund ihnen gegenüber, doch sie fanden die Banknote bei ihr. Sie erpressten sie, ihr Anführer zwang sie gar zum Sex. Die Lüstlinge fotografierten Michaela heimlich und erpressten sie nun auch mit diesen Aufnahmen, die sie an einen Baron (Hasso Preiß, „Geilermanns Töchter - Wenn Mädchen mündig werden“) verscherbelten. Sie missbrauchten Michaela schließlich nicht nur weiter, sondern zwangsprostituierten sie sogar, bis ein gutherziger Ibrahim sie endlich aus ihrer Hölle befreite. Von alberner Klamotte nun also zum Drama um gruppenmäßige Vergewaltigung und Zwangsprostitution – und natürlich wurde auch diese Episode rein auf Voyeurismusbefriedigung hin inszeniert und hinterlässt damit aller ansonsten demonstrativen Ernsthaftigkeit zum Trotz einen schalen Nachgeschmack.

„Wenn bei den Männern die Schwellung zurückgeht, fängt sie bei den Frauen meist an!“

Heidi ist die 18-jährige Tochter einer der Gesprächsrundenteilnehmerinnen und bekommt zum Geburtstag die Anti-Baby-Pille. Heidis Freundin berichtet von ihrem ersten Mal mit ihrem Freund Gustav im Grünen. Eine andere Freundin erzählt von ihrer Entjungferung durch Werner. Susi (Sandra Atia, „Bei Anruf Liebe“) und Wolfi (Rolf Kochenhofer, „Heiße Träume auf der Schulbank“) liefern den dritten Initiationsbericht: Sie verführte ihn im Stroh. Daneben stand übrigens ein Pony, dessen Pimmel die Kamera in Großaufnahme einfängt… Jedenfalls wollen Heidis Freundinnen sie nun mit Ullas Cousin Achim (Heiner Lauterbach, „Schulmädchen-Report, 9.+10. Teil“) zusammenbringen. Sie schließen beide in einem Zimmer ein, auf dass sie sich paaren mögen. Doch anstatt die Situation schändlich auszunutzen und Heidi zum Beischlaf zu drängen, zeigt sich Achim sensibel und verständnisvoll. Gemeinsam tun sie nur so, als hätten sie Sex, indem sie entsprechende Laute simulieren – wohlwissend, dass die Freundinnen lauschen. Da man sich gegenseitig sympathisch ist, lernt man sich in der Folge näher kennen und kommt schließlich tatsächlich zusammen. Wie bereits manches Mal zu vor schließt auch dieser „Schulmädchen-Report“ mit einer versöhnlichen Episode, die verglichen mit ihren krawalligen und sexploitativen Epigonen eher unspektakulär ausgefallen ist, deren Inszenierung und Aussage aber weitestgehend in Ordnung gehen (wenngleich man dem schmierigen Lauterbach seine Rolle kaum abnimmt): Niemand braucht sich zum Sex drängen zu lassen, auch nicht unter Gruppenzwang. Es handelt sich um keinen Wettbewerb und jede(r) muss für sich selbst entscheiden, wann er oder sie mit wem und unter welchen Umständen dafür bereit sind.

Mit der letzten sowie mit Abstrichen der ersten Episode punktet dieser „Schulmädchen-Report“, der jedoch kaum etwas Neues bietet und mit seinen übrigen Episoden aus genannten Gründen viel kaputtmacht. Dass man die Reihe ohnehin derart lange fortgeführt hat, um mittels Jung- und Laiendarstellerinnen und -darstellern immer noch ein paar Märker Gewinn zu erzielen, ist ohnehin ein kreativer Offenbarungseid. Eben jene Jungmimen sind es jedoch nach wie vor, die den Film halbwegs ansehbar machen, denn die jugendliche Unbedarftheit, mit der man jegliche Prüderie ablegte und sich für Produktionen wie diese zur Verfügung stellte, ist in gewisser Weise faszinierend – und natürlich wäre es glatt gelogen, den Darstellerinnen jegliche Attraktivität abzusprechen. Was man ihnen versprochen hat, steht jedoch möglicherweise auf einem ganz anderen Blatt – ebenso, für welches Publikum man eigentlich produzierte…
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 25. Feb 2020, 19:29

Tatort: Ich hab im Traum geweinet

„Mit der Tatverdächtigen trinken – du bist doch bescheuert!“

Regisseur Jan Bonny („Wintermärchen“) inszenierten mit dem fünften Fall des Freiburger Ermittlungsduos Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) nach einem Drehbuch Jan Eichbergs einen weiteren Karnevals-„Tatort“: „Ich hab im Traum geweinet“. Bonnys nach „Borowski und das Fest des Nordens“ zweiter „Tatort“ wurde saisongerecht am 23.02.2020 erstausgestrahlt, gedreht jedoch wurde er bereits ein Jahr zuvor.

„Du bist so eine blöde Kuh!“ – „Ich hasse dich!“

In Freiburg feiert man „Fasnet“, was so viel wie Fasching bedeutet. Die Kommissare Franziska Tobler und Friedemann Berg lassen es ebenfalls krachen, betrinken sich und haben, obwohl Tobler anderweitig liiert ist, Sex miteinander. Am nächsten Morgen jedoch will ein Mordfall aufgeklärt werden: Der Karlsruher Richter Philipp Kiehl (Andreas Döhler, „Die Stunde des Wolfes“) wird totgeschlagen in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Tags zuvor hatte er noch seine Frau Elena (Bibiana Beglau, „1000 Arten Regen zu beschreiben“) zu ihrer Gesichtsstraffung bei einem plastischen Chirurgen begleitet. Tatverdächtig sind die Krankenschwester und Prostituierte Romy Schindler (Darja Mahotkin, „Dogs of Berlin“), die lediglich halbherzig versucht, ihre Tätigkeit als käufliche Dame hinter sich zu lassen und mit ihrem ehemaligen Kunden Kiehl kurz vor dessen Tod erneut Sex hatte, sowie ihr Lebensgefährte David Hans (Andrei Viorel Tacu, „Jagdzeit“), der naturgemäß Techtelmechtel und Fremdgeherei seiner Freundin argwöhnisch beäugt. Und dann ist da auch noch Burk Giebenhain (Ronald Kukulies, „Als wir träumten“), ein weiterer ehemaliger Kunde Romys, der davon überzeugt ist, der leibliche Vater ihres Kindes zu sein…

Zu sehen bekommt das Publikum zunächst einmal heftige Gewalt gegen Romy, die zuvor bereits von Kostümierten auf der Straße belästigt worden war (deren Aufdringlichkeit wird sich wie ein unlustiger Running Gag durch den weiteren Verlauf ziehen). Es wird nicht die einzige Gewaltattacke gegen die junge Frau bleiben, was sie jedoch nicht daran hindert, sich immer wieder mit gewalttätigen Männern einzulassen. Dass sie gar nicht anders könne, da man sie mit dem Wissen um ihre „Vergangenheit“ als Prostituierte erpresst, erscheint als vorgeschobener Grund – in Wirklichkeit wirkt Romy nymphoman. Ob diese Wirkung beabsichtigt oder lediglich Bonnys Inszenierung geschuldet ist, ist fraglich, denn fast alle Figuren des Ensembles inkl. der Polizei verhalten sich ausgesprochen dämlich, neigen zu Über- oder auch Unterreaktionen, erscheinen verhaltensgestört und neurotisch – bis auf Toblers Freund, der das einzig Richtige tut und auszieht (nicht sich, sondern aus der gemeinsamen Wohnung).

Letzteres zu betonen ist keinesfalls ausschließlich einem albernen Wortspiel geschuldet, sondern dem hohen Anteil an Sexszenen dieses „Tatorts“, die meist reichlich unmotiviert erscheinen, bisweilen jedoch zumindest für einen gewissen Erotikfaktor sorgen (Szenen mit Romy, die es mit allem und jedem treibt), bisweilen aber auch nicht (Szenen mit Tobler und Berg, die es miteinander treiben). Die Provokation des prüden und konservativen Anteils der Zuschauerschaft dürfte damit nichtsdestotrotz gelungen sein, die des nach einer nachvollziehbaren, plausiblen Handlung verlangenden jedoch ebenfalls: Nach einer langen Exposition, aus der kaum erkennbar wird, worum es überhaupt geht und die das Schäferstündchen der Kommissare miteinander wie einen Triumph hochhält, kommt es nicht nur zum Leichenfund und zum wenig erwachsenen oder empathischen Umgang Toblers und Bergs miteinander, sondern auch zur Entfaltung einer an den Haaren herbeigezogenen Handlung.

Diese Handlung taugt weder als Psychogramm einer Nymphomanin noch als Sozialdrama um eine Ex-Hure oder als Sittenbild einer beziehungsunfähigen Gesellschaft und schon gar nicht als Kriminalfilm. Sämtliche Aspekte werden nur unzureichend angerissen und gehen zwischen Party- und Suffszenen unter, für die die Karnevalsfeierlichkeiten als Begründung und Alibi herhalten müssen, jedoch komplett abtörnend und in ihrer Frequenz repetitiv, ermüdend und unglaubwürdig sind. Eine Identifikationsfigur gibt es nicht, nicht einmal Sympathieträger(innen), aber eben auch überhaupt nichts, an das sich irgendwie emotional andocken ließe. Die dramaturgisch hoffnungslos missglückte Auflösung funktioniert weder als Pointe noch als Überraschung, Bestätigung oder sonst irgendetwas und wird ebenso beiläufig zur Kenntnis genommen wie alles andere, so man denn bis dorthin durchgehalten hat. Die nervig tatterige Handkamera, der miese, schwerverständliche Ton und die von Filmmusikkomponist Jens Thomas höchstselbst gesungene, titelgebende Heinrich-Heine-Nummer „Ich hab im Traum geweinet“, die melancholisch und romantisch klingen soll, jedoch einfach nur prätentiös und schräg tönt, geben diesem „Tatort“ den Rest.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 3. Mär 2020, 18:06

Tatort: Kielwasser

Ein gutes Näschen

„Edler Charakter, bisschen frech… fruchtiges Schwänzchen!“

Der siebte, am 25. März 1984 erstausgestrahlte „Tatort“ des Duisburger Ermittlungsduos Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) war eine weitere Zusammenarbeit des klassischen Teams: Das Drehbuch stammte von Hänschen-Darsteller Chiem van Houweninge, Regie führte Schimanski-Miterfinder Hajo Gies.

„Die einen gebrauchen ihren Verstand, die anderen ihre Fäuste.“ – „Jemand, der seinen Verstand gebraucht, der sagt so was nicht zu einem, der seine Fäuste gebraucht!“

Der Allgemeinmediziner Dr. Waldorf (Felix von Manteuffel, „Tatort: Maria im Elend“) platzt auf dem Polizeirevier mitten in Schimanskis und Thanner Vernehmungen mutmaßlicher Mitglieder des Drogenkonsumentenmilieus und beschuldigt den Industriellen Harry Baumgarten (Hermann Treusch, „Tatort: Flieder für Jaczek“), wissentlich den Tod eines Mitarbeiters in Kauf genommen zu haben, indem er ihn illegal hochgiftige Abwässer aus seinem Chemiewerk im Rhein verklappen lassen habe. Schimanski und Thanner fühlen sich nicht zuständig und nehmen den Arzt auch nicht sonderlich ernst, doch am nächsten ist ein waschechter Mordfall daraus geworden: Dr. Waldorf wird tot aufgefunden, angeblich Selbstmord – doch die Obduktion ergibt, dass man ihm offenbar das Genick gebrochen hatte und mittels postmortalen Schusswaffengebrauchs einen Suizid vortäuschen wollte. Als Schimanski Dr. Waldorfs Arztpraxis untersucht, lernt er dessen Sprechstundenhilfe Jacky Ruhl (Franziska Oehme, „Immer Ärger mit den Paukern“) kennen. U.a. findet der Ermittler einen Schlüssel zu einem Banktresor, den Frau Ruhl am liebsten nicht ausgehändigt hätte. Im Tresor stößt Schimanski auf ein Dossier über denjenigen, dessen Krebstod Dr. Waldorf im Polizeirevier beklagt und Baumgarten dafür verantwortlich gemacht hatte. Tatsächlich ertappt Schimanski einen Binnenschiffer (Franz Boehm, „Nach Mitternacht“) auf frischer Tat beim Verklappen von Giftmüll. Er gibt zu, in Baumgartens Auftrag zu handeln, doch mit den Vorwürfen konfrontiert gibt sich dieser aalglatt und weist jegliche Schuld von sich…

„Sie sind wahnsinnig, Schimanski!“

Die Eröffnung führt zunächst auf eine falsche Fährte den eigentlichen Inhalt dieses „Tatorts“ betreffend: Schimanski, Thanner & Co. führen eine Razzia in einem besetzten Haus wegen eines drogentoten Transvestiten durch. Ein früher Höhepunkt ist die Verwechslung Thanners eines Tortenboten der lokalen Konditorei mit einem Tatverdächtigen aus der Rauschgiftszene, den er entsprechend behandelt. Die Torte wiederum gilt Königsberg (Ulrich Matschoss), der 58 wird. All dies verliert jedoch schnell an Bedeutung, als Dr. Waldorf tot aufgefunden wird. Von nun an legt dieser „Tatort“ seinen Finger in die Wunde der illegalen Abwasserentsorgung durch die Chemieindustrie, die seinerzeit auch in der Realität den Rhein verseuchte und zur reinsten Chemie-Kloake machten. Ein damals brandaktuelles und brisantes Thema von gesellschaftlicher Relevanz also, das van Houweninge und Gies hier aufgegriffen haben.

So wird die Macht der Industrie mit ihren Kontakten zur Politik und ihrem Totschlagargument der Arbeitsplatzsicherung ebenso thematisiert wie der aus Bequemlichkeit gestiegene Chemiebedarf der Bevölkerung, die größtenteils von den dadurch entstehenden und zu entsorgenden Giftstoffen am liebsten nichts wissen will. Luftaufnahmen zeigen die Chemieanlagen, die das Stadtbild entschieden mitprägen. Famos wird all dies mit einem gut erzählten Fall verknüpft, der sich als vertrackter als zunächst angenommen herausstellt. Baumgarten ist ein herrliches „blasiertes Arschloch“ (Zitat Schimanski) und somit ein perfekter Antipol zu Schimmi. Dieser schmeißt sich zum Essengehen mit Fräulein Ruhl voll in Schale, springt ansonsten aber spektakulär aus einem Hubschrauber auf ein Schiff und haut Thanner beim Boxtraining eine rein. Um den Fall zu lösen, helfen diesmal jedoch weder Actioneinlagen noch Faustkampf – Schimmi muss im wahrsten Sinne des Wortes ein gutes Näschen beweisen. Eine überraschende Wendung gegen Ende gibt diesem „Tatort“ seinen letzten Kniff, während der Soundtrack u.a. der Synthie-Pop-Gruppe Panarama inklusive gelegentlicher Saxophon-Einlagen auch musikalisch perfekt ins Entstehungsjahr entführt.
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