bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 22. Nov 2019, 10:57

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Lustvolle Befreiung

Der Franzose Sylvain Desmille drehte in den Jahren 2017 und 2018 für den französisch-deutschen Fernsehsender Arte den rund 107 Minuten langen Dokumentarfilm „Lustvolle Befreiung“, der in zwei Episoden aufgeteilt 2018 erstausgestrahlt wurde. Sein Ziel war nicht weniger als ein Gesamtüberblick über die Geschichte der sexuellen Befreiung.

Ausgehend von den internationalen feministischen Demonstrationen auf Trumps Vereidigung als Präsident der USA hin eröffnet Desmille respektive die Sprecherin aus dem Off mit der Frage, wann die sexuelle Befreiung überhaupt tatsächlich begann. Originalaussagen von Historiker(inne)n, Schriftsteller(inne)n, Publizist(inn)en, Sozialpsycholog(inn)en und Künstler(inne)n zeichnen von nun die Historie der Bewegung nach und definieren den 1948 erschienen Kinsey-Report als Schlüsselmoment. Die Forschungen des US-Zoologen und -Sexualforschers Alfred Kinsey nahmen das Sexualverhalten US-amerikanischer Männer unter die Lupe, woraufhin Kinsey öffentlichkeitswirksam schlussfolgerte, die Hälfte der Bevölkerung sei bisexuell.

Illustriert von zahlreichen historischen Aufnahmen geht man über in die unmittelbare Nachkriegszeit, als beispielsweise der damals skandalöse Bikini für etwas Freizügigkeit sorgte. Auf eine Vorstellung der Beat-Generation folgt die Auseinandersetzung mit dem Antisexualterror des US-Präsidenten und paranoiden extremistischen Reaktionärs McCarthy und schließlich der Lockerung der Zensur. Kulturell widmet man sich der stilprägenden Romanverfilmung „Bonjour Tristesse“ und der auf sie folgenden Nouvelle Vague mit der damals noch progressiven Brigitte Bardot sowie Ingmar Bergmans seltsamem Skandalfilm „Das Schweigen“ – und misst dem Einfluss von Jugendkultur starke Bedeutung bei. Schweden wird in Bezug auf Homosexualität und Abtreibung als fortschrittlicher Staat genannt, an die Babyboom-Generation erinnert und sich in die Epoche der Miniröcke, langhaarigen Männer und Hippiekultur begeben, auf die unmittelbar die Antibabypille und die Studentenrevolten folgten, die gemeinhin eng mit der eigentlichen sexuellen Revolution in Verbindung gebracht werden und mit denen der erste Teil des Films inhaltlich genau 20 Jahre nach seinem Einstieg endet.

Teil 2 knüpft an den Vorgriff des ersten Teils an, indem er Bilder der sich anlässlich Trumps einjähriger Amtszeit formiert habenden Demonstrationen zeigt, um dann aber 1968 mit Hippies, der klassische Familienmodelle infrage stellenden Berliner „Kommune 1“, „freier Liebe“ und ähnlichen fragwürdigen Experimenten jener Ära wieder einzusteigen. Daraufhin jedoch entdeckt man die Thesen des Wissenschaftlers Wilhelm Reich wieder, der in seiner Abhandlung „Die Sexualität im Kulturkampf“ die Sexualität aus marxistischer Perspektive zunächst kritisch betrachtet, um dann ihr Potential für eine friedliebende Gesellschaft aufzuzeigen. Dafür strengt man Vergleiche mit China und dem ehemaligen Ostblock an. Bevor es jedoch zu speziell wird, fokussiert man sich auf die Schwulendiskriminierung und die daraus resultierende Entstehung des Christopher-Street-Days sowie das Erstarken der Proteste Homosexueller. Gesellschaftliche und rechtliche Änderungen führten zu neuen Möglichkeiten, von denen sich im Gegensatz zu den Orgasmuskursen für Frauen der Sexualkundeunterricht flächendeckend durchgesetzt hat. Schließlich brechen sich gar Sexshops und Pornografie bahn, was hier mit kritischen Worten einhergeht und innerhalb bestimmter Ausprägungen des Feminismus in „PorNO“-Kampagnen sowie neuem Moralismus mündet. Auf die kurze Thematisierung von Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern folgen kritische Äußerungen zu Männerfeindlichkeit, bevor die wahnsinnige schwulenfeindliche christliche Terroristin Anita Bryant für einen hohen Gruselfaktor sorgt und die Proteste gegen sie ebenso wenig unerwähnt bleiben wie der Mord an einer Gallionsfigur der Schwulenbewegung. Freizügige Bilder u. a. einer Schwulenparty leiten zur bedrückenden, durch das HI-Virus ausgelösten Immunschwächekrankheit Aids über, die zum vorläufigen Ende der sexuellen Revolution erklärt wird.

Gegen Ende werden einige gewagte politische Thesen aufgestellt, die man nicht teilen muss, um schließlich noch die Transgender-Debatte als ein Beispiel für aktuelle Befreiungskämpfe innerhalb des aufgeklärten Teils der Welt anzuschneiden und einen Ausblick zu wagen: Der Kampf geht auch im 21. Jahrhundert weiter, Gleichberechtigung und Freiheit sind noch längst nicht auf allen Ebenen erreicht. Unterm Strich bietet „Lustvolle Befreiung“ einen gelungenen, mit viel Bildmaterial versehenen und kompetent kommentierten Überblick, der verglichen mit anderen, kürzeren Dokumentation zum Thema 20 Jahre weiter zurückreicht und einen seriösen Eindruck hinterlässt. Als Zuschauer(in) wird man dafür sensibilisiert, wie Sexualität bzw. Sexualmoral durch verschiedene Autoritäten als Macht- und Unterdrückungsinstrumente eingesetzt wurden und wie es Stück für Stück gelang, sich ihrer zu entledigen. Zudem rückt verstärkt ins Bewusstsein, wie wenig Geschlechterrollen und -klischees in Stein gemeißelt sind, wie flüchtig moralisierende Dogmen sein können, aber durchaus auch, welche nicht immer ausschließlich positiv zu bewertenden Blüten sexuelle Freizügigkeit treiben kann und wie sehr mit sexueller Selbstbestimmung auch Eigenverantwortung, verantwortliches Handeln, einhergehen muss, um gleichberechtigte, diskriminierungsfreie Möglichkeiten des sexuellen Genusses zu schaffen und zu bewahren. „Lustvolle Befreiung“ ist somit gut als Einstieg geeignet, um bestimmte Teilaspekte aus dem Gesamtkontext zu isolieren und gezielt eingehender zu analysieren. Acht zu geben wäre dabei jedoch darauf, vermitteltes objektives historisches Wissen von den subjektiv getätigten Aussagen des Dokumentarfilms zu unterscheiden.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 24. Nov 2019, 19:12

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Ein ausgekochtes Schlitzohr

„Alte Legenden sterben nie – sie verlieren nur an Gewicht!“

Das Regiedebüt des US-Stuntmans Hal Needham, „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ aus dem Jahre 1977, gilt als Mitbegründer des PS-lastigen Actionkomödien-Genres. Der Film traf den Nerv der Zeit, wurde ein durchschlagender Erfolg an den Kinokassen und die Figur des obercoolen Highway-Raser-Machos zu Hauptdarsteller Burt Reynolds‘ („Navajo Joe“) Paraderolle.

„’ne alte Legende und ’n arbeitsloser Penner sehen sich ziemlich ähnlich...“

Bo Darville, Spitzname: Bandit (Burt Reynolds), verdingt sich als Truckrennfahrer, als er sich von den reichen Geldsäcken Little Enos (Paul Williams, „Phantom im Paradies“) und Big Enos Burdette (Pat McCormick, „Buffalo Bill und die Indianer“) zu einer eigentlich absurden Wette überreden lässt: Er soll eine große Ladung Bier in Texas aufladen und über diverse Staatsgrenzen hinweg in einen weit entfernten Staat schmuggeln, in dem deren Verkauf untersagt ist. Im Gegenzug winken 80.000 Dollar, was letztlich auch Bandits Kompagnon Cledus „Snowman“ Snow (Jerry Reed, „Mein Name ist Gator“) zum Mitmachen bewegt. Gemeinsam schmieden sie den Plan, dass Bandit in seinem TransAm vorwegfährt und ihm Snowman in seinem Truck folgt. Es gilt, die Highway Police auf Abstand zu halten respektive abzuschütteln, was jedoch durch den reaktionären Sheriff Buford T. Justice (Jackie Gleason, „The Honeymooners“) erschwert wird, dessen Schwiegertochter in spe, die Tänzerin Carrie (Sally Field, „Nicht ohne meine Tochter“), als Anhalterin von Bandit mitgenommen wird, nachdem sie Justice‘ unterbelichteten Sohn (Mike Henry, „Die Kampfmaschine“) vor dem Traualter hat stehen lassen. Unerbittlich jagt Justice die beiden Wettkandidaten durch die Südstaaten, fest entschlossen, seinen Sohn unter die Haube und Bandit zur Strecke zu bringen…

„Na reizend... Spießer und Uniformträger!“

Deutschland, damals in den 1980ern: Nur allzu gern versammelte man sich mit der ganzen Familie abends vor der Glotze, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ ausstrahlte, und zwar relativ unabhängig davon, wie man persönlich zum American Way of Life oder zu Themen wie Polizei, Autokult oder Tempolimits stand. Zu verlockend erschien es, einmal in Spielfilmlänge einen Schnauzbartproll und Autoposer mit Cowboyhut dabei zuzusehen, wie er in seinem schicken Sportflitzer über die endlos erscheinenden und Freiheit suggerierenden US-Autobahnen donnert und die Polizei zum Narren hält. Zu Truckreifen in Großaufnahmen dudelt John Reeds Country-Musik, ein Blechschaden-Stunt reiht sich an den nächsten, das Tempo ist hoch, die Verfolgungsjagden sind rasant, Slapstick gibt sich mit losem Mundwerk und dem daraus resultierenden, von der deutschen Synchronisation dankbar angenommenen Spruchfeuerwerk die Klinke in die Hand. Für diesen lausbübischen Anarcho-Spaß für kleine und große Jungs identifizierte man sich bereitwillig mit Burt Reynolds und dem von ihm verkörperten Männlichkeitsideal.

„Es ist völlig unmöglich, absolut unmöglich, dass du auch nur einen Tropfen meines Blutes in dir hast. Sobald ich nach Hause komme, werde ich mir deine Frau Mutter schnappen und ihr erstmal kräftig eins auf die Schnauze hauen!“ - Sheriff Buford T. Justice

Aus heutiger Sicht sieht man sich mit einer Vielzahl ehemals cooler Sprüche konfrontiert, die sich arg abgenutzt haben, und ist evtl. gar zu staunen geneigt, wie sehr man sich von einem Auto-Angeber- und -Raser-Streifen seinerzeit einnehmen ließ – aber auch, wie offen autoritätsfeindlich (nicht nur) diese Actionkomödie auftrat, wenn sie die Exekutive extrem veralbert und in deren eigenem Zuständigkeitsgerangel untergehen lässt, ganz zu schweigen davon, welch offensichtliche Werbeveranstaltung für TransAm-Modelle der Film war. Heutzutage schiene ein solcher Film aus den USA nahezu unmöglich: zu politisch unkorrekt erschiene der Humor, zu unwahrscheinlich wäre es, dass sich Südstaaten-Country-Sänger (à la Jerry Reed, der hier nicht nur an Reynolds Seite spielte, sondern auch Teile des Soundtracks einsang) an einer Produktion beteiligen, die derart unverhohlen die US-Autoritäten angreift.

Die Zeiten sind doch merklich andere, damals jedoch war ein Film wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ etwas erfrischend Neues, das neben seinem anarchisch-prolligen Charme mit hohem Tempo, einem hervorragenden Schnitt und wohligen Road-Movie-Anleihen überzeugte, angereichert mit Fernfahrerfolklore und -romantik. Manch einer stattete daraufhin sein Gefährt mit einer CB-Funkanlage wie jener aus, mit der Bandit & Co. auf den weiten Straßen miteinander in Kontakt bleiben, und fühlte sich mit Truck Stop im Kassettenschacht als King of the Road. Unabhängig von ihrer filmhistorischen oder persönlichen Bedeutung bleibt eine leichte, kurzweilige, von jeglicher Komplexität entschlackte und wilden kindlichen Spaß atmende Komödie mit einem spielfreudigen Ensemble mit viel Machismo, aus dem insbesondere Jackie Gleason als Sheriff Justice hervorsticht, sowie die Erkenntnis, dass die Amis anscheinend keine Bierkästen kennen.

Den wahren American Way of Life lernte Reynolds übrigens im Anschluss an den Film kennen, als er seinen für den Erfolgsfall zugesicherten TransAm bei Pontiac einforderte. Obwohl der Film die TransAm-Verkäufe kräftig angekurbelt hatte, besaß die Absprache für das Unternehmen keinerlei Gültigkeit mehr…
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 25. Nov 2019, 15:28

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Das ausgekochte Schlitzohr ist wieder auf Achse

„Böse Zungen behaupten, dass Bandit neuerdings Fehler macht…“ – „Ja, und dass er langsam verkalkt und ihm die Hände zittern sollen. Stimmt das etwa?“

Nachdem „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ von US-Stuntman Hal Needham ein solch durchschlagender Erfolg war und das Genre der Kfz-Actionkomödie mitbegründete, folgte 1980, also drei Jahre später, die logische Fortsetzung: Für „Das ausgekochte Schlitzohr ist wieder auf Achse“ konnte sich Needham ganz auf die Regie konzentrieren, denn am Drehbuch war er nicht mehr beteiligt. Das Autorenteam wurde komplett ausgetauscht, wobei insbesondere die Beteiligung Brock Yates‘ erwähnenswert ist, dem Autor des ein Jahr später erschienenen „Auf dem Highway ist die Hölle los“.

„Ich finde, mehr als vier Stunden sollte der Mensch im Jahr nicht arbeiten!“

Nach den Ereignissen vor drei Jahren hat Bandit (Burt Reynolds, „Beim Sterben ist jeder der Erste“) endgültig Legendenstatus erlangt. Die Realität jedoch sieht weniger rosig aus: Nachdem sich die Tänzerin Carrie (Sally Field, „Helden von heute“) von ihm getrennt hat, ist er dem Alkohol verfallen und droht, in Selbstmitleid zu ertrinken. Im Zuge eines erbitterten Kampfs um Gouverneursposten planen Little Enos (Paul Williams, „Phantom im Paradies“) und Big Enos (Pat McCormick, „Buffalo Bill und die Indianer“) jedoch erneut, Bandit in eine spektakuläre Wette zu verwickeln: Um den Enos‘ politische Vorteile zu verschaffen, soll Bandit mithilfe seines Kumpels Cledus „Snowman“ Snow (Jerry Reed, „Heiße Ware“) einen lebenden Elefanten von Miami nach Texas transportieren. Snowman gelingt es, Bandit zu überreden, der aus dieser Aufgabe neuen Lebensmut schöpft. Und siehe da: Wieder einmal hat Carrie kalte Füße bekommen und ist von ihrer einmal mehr anberaumten Hochzeit mit Sheriff Buford T. Justice‘ (Jackie Gleason, „Mister Billion“) weltfremdem Sohn geflohen. Nun findet sie sich wieder an Bandits Seite ein, was erneut dazu führt, dass Justice die Jagd auf das Trio eröffnet…

Da man auf das komplette Schauspielensemble des ersten Teils zurückgreifen konnte, waren die Voraussetzungen für diese Fortsetzung eigentlich optimal. Man beging jedoch den Fehler, auf Nummer sicher gehen und die Handlung des ersten Teils erneut erzählen zu wollen, bei gleichzeitigen Versuchen, ihre Teilaspekte zu potenzieren. So mutet die Wette noch absurder an und reicht es nicht mehr, lediglich Sheriff Justice ins Lächerliche zu ziehen – Gleason muss diesmal in gleich drei albern karikierende Rollen schlüpfen, nämlich neben dem reaktionären, tumben Bullen auch in die seiner Brüder Gaylord, einen tuntigen Homosexuellen-Verschnitt, und Reginald, einen Mountie. Zu mehr als reichlich stumpfsinnigem Humor reichte es leider dennoch nicht. Ähnlich verhält es sich dann auch mit Dr. Frederico „Doc“ Carlucci (Dom DeLuise, „Muppet Movie“), einem italienischen Möchtegernarzt, der ebenfalls als neue Figur eingeführt wird und Bandit & Co. mehr Last als Hilfe ist.

Dabei ist der Auftakt durchaus vielversprechend: Snowman gewinnt ein Truckrennen inkl. spektakulärem Unfall, während Bandit versoffen zwischen Bierdosen vor sich hinvegetiert und sich mittlerweile für einen Volkshelden hält, der insgeheim mit seiner sinkenden Popularität hadert. Seinen TransAm hat er versoffen, erst Carrie versorgt ihn mit einem neuen fahrbaren Untersatz. Auch dass diesmal Snowman Bandit zum Mitmachen überreden muss statt wie im Vorgänger umgekehrt, ist ein gelungener Kniff. Gute, nachdenkliche Szenen stehen purem Trash gegenüber, der seinen fragwürdigen Höhepunkt in Form der Dreifachrolle Gleasons erreicht. Der gesteigerte Klamaukgehalt tut diesem Schlitzohr-Film alles andere als gut, wozu ich auch Bandits mittels eines leicht durchschaubaren Spezialeffekts gelösten Rückwärtssalto auf den Elefanten, der sich übrigens als Kuh namens Charlotte entpuppt, zähle.

Das Tier wurde offenbar perfekt dressiert, was einerseits beeindruckend ist, man andererseits aber nur hoffen kann, dass es im Zuge dessen nicht allzu sehr gequält wurde. Tatsächlich entsteht aus Tierschutzgründen auch ein Konflikt zwischen Bandit und Snowman die Weiterfahrt betreffend, denn Charlotte ist trächtig. Letztlich fasst sich Bandit als Sympathieträger natürlich ein Herz. Wer das Geschehen allen kaum lustigen Albernheiten zum Trotz tapfer durchhält, wird dafür mit einem großangelegten Spektakel belohnt, wenn im Finale etliche Trucks in wahnsinnigen Stunts einen Polizeiwagen nach dem anderen zerlegen – die reinste Materialschlacht. „Das ausgekochte Schlitzohr ist wieder auf Achse“ und punktet mit seinen ruhigeren Momenten und seinen Stunts, versagt jedoch, vom einen oder anderen Sprachwitz abgesehen, in humoristischer Hinsicht und ist somit leider nicht viel mehr als ein wenig origineller Aufguss des Erstlings, der die Chance verpasst, seinen politik- und autoritätskritischen Ansätzen Substanz zu verleihen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 26. Nov 2019, 18:37

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Auf dem Highway ist die Hölle los

„Jeder von euch gehört sicher zur erlesensten Gruppe von Straßenrowdys und Geisteskranken, die es hierzulande gibt!“

Ein Jahr nach der leider lediglich durchschnittlichen ersten Fortsetzung der genreprägenden PS-Action-/Road-Movie-Komödie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ arbeitete Stuntman und Regisseur Hal Needham erneut mit Autor Brock Yates zusammen, um mit „Auf dem Highway ist die Hölle los“ auf komödiantische Weise an Filme wie „Canonball“ oder „Die verrückteste Rallye der Welt“ anzuknüpfen: Das Thema ist ein großangelegtes illegales Straßenrennen, wie eines derjenigen, an denen Needham und Yates offenbar einst selbst teilgenommen hatten. 1981 traf auch dieser Film den Nerv des Publikums und sorgte für klingelnde Kinokassen.

„Wir sind Rennfahrer, keine Gangster.“

Alle zwei Jahre findet in den Vereinigten Staaten von Amerika das Cannonball-Rennen statt: Unterschiedlichste Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die meist nicht viel mehr als den Spaß an schnellen Autos und illegalen Rennen gemeinsam haben, treten an, schnellstmöglich von der einen an die andere US-Küste zu gelangen. Einzige Regel: Es gibt keine Regeln. So ersinnt man die abgefahrensten Konzepte, um die Konkurrenz auszustechen und ihr stets mindestens eine Motorhaube voraus zu sein und nicht ins Visier der Polizei zu geraten, die von diesen Rennen natürlich weiß und sich ebenfalls wappnet…

Zunächst wird viel Zeit darauf verwendet, die einzelnen Figuren vorzustellen, was man Needham und Yates nicht verdenken kann, ist ihr Film doch die reinste Starparade. Needhams Stammmime Burt Reynolds („Ein ausgekochtes Schlitzohr“) ist als Draufgänger J.J. McClure, der zusammen mit Möchtegern-Superheld Captain Chaos (Dom DeLuise, „Das ausgekochte Schlitzohr ist wieder auf Achse“) und Dr. Nikolas Van Helsing (!) (Jack Elam, „Spiel mir das Lied vom Tod“) das Rennen im Krankenwagen (!) antritt (und damit an die „Ausgekochtes Schlitzohr“-Fortsetzung erinnert, in der DeLuise einen Arzt an Reynolds‘ Seite spielte), ebenso mit von der Partie wie Adrienne Barbeau („The Fog – Nebel des Grauens“) als Marcie Thatcher im Lamborghini, Sammy Davis Jr. („Viva Las Vegas!“) und Dean Martin („Airport“) als die falschen Priester Morris Fenderbaum und Jamie Blake, die damalige James-Bond-Inkarnation Roger Moore als 007-Verschnitt Seymour Goldfarb Jr., Farrah Fawcett („Drei Engel für Charlie“) als Umweltaktivistin Pamela Glover und Love Interest, der sich kurzerhand selbst spielende Martial-Arts-Star Jackie Chan („Police Story“), Jamie Farr („M*A*S*H“) als namenloser Scheich und sogar Peter Fonda („Easy Rider“) als – natürlich – Kopf einer Rocker-Gang.

Ein solches Ensemble ist natürlich der helle Wahnsinn, dem gerecht zu werden schwerfällt. Offenbar hatten die Damen und Herren aber großen Spaß an der Sause, zumindest wirkt es im Ergebnis so. Der Film weiß besonders dann zu gefallen, wenn er ihnen Raum zur Selbstparodie wie im Falle Moores, Fondas und Chans einräumt oder wenn er auf andere Filme referenziert und sich durch die Kinogeschichte zitiert – insbesondere, da der übrige Humor zwischen Sprachwitz und Slapstick reichlich klamaukig und infantil ausgefallen ist und den Test der Zeit kaum besteht. Eine Ausnahme bildet Doc Van Helsing, der einige Lacher für sich verbuchen kann. Ein paar Stunts und Explosionen dürfen natürlich nicht fehlen, heimliche Stars des Films sind neben dem Schauspielensemble jedoch die verschiedenen kreativ bis absurd aufgemotzten fahrbaren PS-Boliden inklusive diverser Gadgets und die Scharmützel, für die sie eingesetzt werden.

Jackie Chan, der zuvor noch „Behind the Green Door“ in die Videoeinlage seines Wagens eingelegt hatte, gerät in eine Massenschlägerei inkl. Kampfkunsteinlagen, die Blues Brothers schauen auch mal vorbei (wenn auch nicht die echten) und Captain Chaos legt sein Cape an – all das passt nur leidlich zusammen, weshalb „Auf dem Highway ist die Hölle los“ einen sehr episodenhaften Charakter annimmt. Andererseits wirkt er dadurch sehr abwechslungsreich, zumal er anscheinend auch Raum für Improvisation bot. Die Hauptrolle hält mit knappem Vorsprung Burt Reynolds inne, seinem Team wird dann doch die meiste Aufmerksamkeit zuteil. Alles in allem bereitet Needhams Film immer noch überdurchschnittlich viel (und mittlerweile auch nostalgischen) Spaß, wenngleich Pferdestärkengeprotze und illegale Autorennen ohne Rücksicht auf Verluste natürlich höchst fragwürdige Vergnügen sind und man den Umweltaktivist(inn)en „Friends of Nature“, die hier entsprechende Kritik am Cannonball-Rennen äußern, eigentlich beipflichten müsste, auch wenn sich der Film permanent über sie lustig macht.

Damit ist der autoritätsfeindliche zivile Ungehorsam, wenn nicht gar Anarchismus des Films keiner fürs breite Volk, sondern einer für rücksichtslose, dekadente Egoman(inn)en, die ihre individuellen Freiheitsrechte gegen jegliche Vernunft und vor allem gegen Schwächere, die durch Gesetze – hier Tempolimits und Verkehrsregeln – vor der Ellbogengesellschaft geschützt werden sollen, gewaltsam durchzusetzen versuchen. Dies trägt indes dazu bei, dass der Film ein derartiger Nonsens wurde, dem man sicherlich keinerlei über den Unterhaltungswert und dessen kommerzielle Auswertung hinausgehenden Ambitionen unterstellen kann. Stattdessen wirkt „Auf dem Highway ist die Hölle los“ wie die Verfilmung eines bunten, übertriebenen Funny-Comics – mit dem Unterschied, dass gar keine Comic-Vorlage existiert.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 4. Dez 2019, 14:13

Tatort: Querschläger

Aktion Sorgenkind

„Spätestens Weihnachten bin ich tot.“

Achtung, Schnapszahl: Die 1.111 . Episode der öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe „Tatort“ ist Polizeihauptkommissar Thomas Falkes (Wotan Wilke Möhring) zwölfter Einsatz, sein sechster mit Polizeioberkommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) an seiner Seite. Die Regie des bereits im Herbst 2018 gedrehten, am 15.06.2019 auf dem 30. Internationalen Filmfest Emden-Norderney uraufgeführten, aber erst am 01.12.2019 erstausgestrahlten Falls übernahm „Tatort“-Neuling Stephan Rick („Die dunkle Seite des Mondes“) nach einem Drehbuch Oke Stielows.

„Weihnachten ist eh Mist.“

Bei einer LKW-Kontrolle auf einer Autobahnraststätte durch die Bundespolizisten Falke und Grosz schießt ein Heckenschütze aus einem angrenzenden Waldgebiet mehrmals auf das Fahrzeug. Die zweite Kugel wird zum Querschläger und verletzt einen unbeteiligten Fernfahrer tödlich. Weshalb hatte es der Schütze auf den von Efe Aksoy (Deniz Arora, „Milk & Honey“) geführten LKW abgesehen? Als Falke und Grosz das Waldstück durchkämmen, finden sie ein starkes Schmerzmittel, das in Deutschland nicht zugelassen ist. Die Spur führt zum Zollbeamten Steffen Thewes (Milan Peschel, „Tatort: Weil sie böse sind“), der es für seine an einer unbehandelt tödlich verlaufenden Halswirbelsäuleninstabilität leidenden Tochter Sara (Charlotte Lorenzen, „Kästner und der kleine Dienstag“) besorgt hatte und verzweifelt versucht, die Summe von 300.000 EUR für eine lebensrettende Operation in den USA aufzutreiben, die von der Krankenkasse nicht übernommen wird. Seine Tat entpuppt sich als Erpressungsversuch gegen den Spediteur Cem Aksoy (Eray Egilmez, „Tatort: Sturm“), Bruder des Fahrers, der einst ins Visier des Zolls wegen illegaler Mülltransporte geraten war. Cem Aksoy jedoch verdächtigt seinen Schwiegervater Roland „Rolle“ Rober (Rudolf Danielewicz, „Tatort: Liebeshunger“). Tatsächlich scheint Thewes einen Komplizen zu haben…

„Wenn du einmal Opfer bist, dann bleibst du Opfer!“

Bei „Querschläger“ handelt es sich um ein Kriminaldrama mit melodramatischen Zügen, das sich gängigen Gut/Böse-Schemata verweigert. Das Motiv des sogar noch intensiver und nahegehender als gewohnt durch Milan Peschel verkörperten Zollbeamten ist die nachvollziehbare Verzweiflung angesichts seiner im Sterben liegenden Tochter, deren mögliche Rettung am fehlenden Mammon und sturen Krankenkassen zu scheitern droht. Einerseits ist es also erfreulich, den Täter nicht als kaltblütigen Schwerverbrecher zu zeichnen, andererseits trägt es indes nicht gerade zur Spannung bei, das BKA lange Zeit beim Verfolgen falscher Fährten zu beobachten, wenn sowohl Täter als auch Motiv bereits kennt. Bezeichnenderweise ist es letztlich der versehentliche Verlust des Medikaments am Tatort, der erst zu erfolgreichen Ermittlungen führt. In deren Rahmen werden die Hintergründe Thewes‘ und seiner Familie so weit wie nötig beleuchtet und somit Verständnis für die Tat geweckt.

„Ich bring‘ euch alle um!“

Ähnlich ambivalent fällt dankenswerterweise die Charakterisierung seines Gegenspielers Cem Aksoy aus, der offenbar recht erfolgreich eine Spedition betreibt, einen sog. Migrationshintergrund hat und auch mal in illegale Geschäfte verwickelt war, die jedoch keine Kapitalverbrechen darstellen. Zudem ist auch er ein liebender Familienvater und somit keine Bösewicht, der „es eigentlich verdient hätte“. Andererseits befindet er sich aber auch im geschäftlichen Clinch mit seinem Schwiegervater, der ihn aus diesem Grunde verachtet. Über zwischenmenschlichen Sprengstoff verfügt dieser „Tatort“ also durchaus, wenngleich die Versuche, daraus Spannung in Hinblick auf die Suche nach Thewes‘ Komplizen zu generieren, nicht zünden, da dessen Rolle generell zu unbedeutend erscheint. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dessen Enttarnung nach einer Stunde um einen überraschenden Kniff, der zusätzlich (bitter nötige) Dramatik einbringt.

„Die Kinder können nichts für die Fehler ihrer Eltern.“

Wunderbar geglückt ist das visuelle Erscheinungsbild dieses Falls, in der eine diverse kreative Möglichkeiten ausschöpfende Kamera die Tristesse südlich gelegener Gewerbegebiete Hamburgs stimmig einfängt, die zur verzweifelten emotionalen Lage des Täters passt. Dass schließlich noch ein weiterer Toter auf seine Rechnung geht, hätte es jedoch nicht gebraucht. Übertreibung soll hier anscheinend veranschaulichen, irritiert im Endeffekt jedoch lediglich, zumal der Tote im Anschluss gar keine Rolle mehr spielt. Ein spannendes, hochdramatisches Finale aber zieht dann in bewährter Krimimanier sämtliche Register und mündet in eine Schlusspointe, die konstruiert und kitschig erscheinen mag, der genannten Tristesse und scheinbaren Ausweglosigkeit jedoch ein wenig durchaus dankbar entgegengenommene Hoffnung gegenüberstellt. Leider bereiten einige vernuschelte Dialoge Kopfzerbrechen – hier wäre etwas mehr Aufmerksamkeit in der Postproduktion angebracht gewesen. Deutlicher zu vernehmen ist der von der Indie-Pop-Gruppe Giant Rooks zur Verfügung gestellte Soundtrack.
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Beitragvon buxtebrawler » 5. Dez 2019, 13:14

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Sex Cowboys

Internet is just for porn

Kurzfilm-Filmer Adriano Giottis bisher einzige mehr oder weniger abendfüllende Produktion ist das Erotikdrama „Sex Cowboys“ aus dem Jahre 2016, eine kleine Independent-Produktion, die der Italiener mit Handkameras und Laiendarsteller(inne)n umsetzte.

Das Punk-Pärchen Marla (Nataly Beck’S) und Simon (Francesco Maccarinelli) ist relativ frisch zusammen, schwer verliebt und sexuell miteinander äußerst aktiv. Die traute Zweisamkeit wird jedoch jäh von Geldproblemen getrübt; Marlas Vermieter droht, die seit Monaten ausbleibenden Mietzahlungen einzutreiben bzw. seine Mieterin vor die Tür zu setzen. Die Liebenden kommen auf die Idee, per im Internet verbreiteten Videos Voyeure an ihrem Sexleben teilhaben zu lassen und daraus Einnahmen zu generieren. Anfängliche Bedenken Marlas scheinen schnell zerstreut und die Anlaufschwierigkeiten hat man bald hinter sich gelassen. Mit der Zeit erfüllen sie immer ausgefallenere Kundenwünsche, was jedoch langsam problematisch wird und ihre Beziehung belastet. Als ein Mann für ein hübsches Sümmchen Sex mit Simon erwerben will, ist für Marla eine Grenze erreicht. Dennoch nimmt er den „Job“ an, erledigt ihn aber widerwillig und brutal. Marla trennt sich daraufhin von Simon…

Für den wie mit einem Handy gefilmt aussehenden Film dürfte man sehr bewusst das Erscheinungsbild von im Internet angebotenen Amateurpornos gewählt haben, sind diese doch Thema der Handlung. Oder auch nicht, denn vielmehr geht es um die Personen, die diese verwirklichen, um ihre Beweggründe, ihre Erfahrungen und darum, was all das mit ihnen und ihrer Beziehung macht. Denn was damit beginnt, einem befreundeten Paar ein erstes Video vorzuführen und sich Meinungen und Tipps einzuholen, wird schließlich zur Zerreißprobe für die Partnerschaft. Dass die Handlung mit vielen freizügigen Sexszenen einhergeht, ist obligatorisch, wobei es tatsächlich gelingt, die Geschichte nicht allzu alibihaft erscheinen zu lassen. Der Aufhänger des Films dürfte auch aufgrund seines realen Hintergrund neugierig machen, denn tatsächlich wimmelt es im Netz nur so vor Amateurpornos und deren Vermarktungsversuchen, und dürfte manch exhibitionistisch veranlagtes Paar (oder auch Einzelperson) bereits mit dem Gedanken gespielt haben, aus der eigenen Sexualität Kapital zu schlagen.

Innerhalb des dramatischen, von Akustik-Folk- und eruptiven Punksongs musikalisch untermalten Sujets problematisiert die Handlung dieses Phänomen, u.a. indem die tätowierte Spanierin Marla als psychisch stark vorbelastete Figur gezeichnet wird, die Monologe hält bzw. zu ihrem verstorbenen Freund spricht, was sie vor Simon geheim hält, und sich im Borderline-Stil die Haut aufritzt. Dies reißt der Film jedoch lediglich an, erzählt es nicht aus und lässt es im Vergleich zu den den Film dominierenden Sexszenen wie eher unmotiviert eingestreute Küchenpsychologie erscheinen, deren intendierte Aussagekraft fraglich bleibt: Ist Marla nur aufgrund ihrer psychischen Probleme eine freizügige, Sexvideos zustimmende Punkerin? Oder hat sie nur deshalb ein Problem damit, dass Simon gegen Geld gleichgeschlechtlichen Sex vollzieht? Oder soll beides gar nichts miteinander zu tun haben? Eine eindeutige Antwort bleibt der Film schuldig und somit in seinen Ansätzen interessant, letztlich aber dann doch relativ oberflächlich. Amateurporno-Voyeure und Freunde engagierter Laienmimen dürften nichtsdestotrotz ihre Freude am authentisch anmutenden Spiel Natalys und Francescos haben.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 5. Dez 2019, 16:21

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Schöne Bescherung

1989 debütierte US-Regisseur Jeremiah S. Chechik („Diabolisch“) mit der zweiten Fortsetzung der „National Lampoon's Vacation“-Ferienkomödienreihe. Mit der Verfilmung des John-Hughes-Drehbuchs gelang einer der Weihnachtskultfilme schlechthin: „Schöne Bescherung“ erfreut sich ungebrochener Beliebtheit und wird heutzutage gar regelmäßig in diversen Kinos in der Weihnachtszeit wiederaufgeführt.

Familienvater Clark Griswold (Chevy Chase, „Schatz, du strahlst ja so!“) verfolgt ein hehres Ziel: Nicht weniger als die perfekten Weihnachten für sich, seine Familie und auch die Verwandtschaft, die er über die Festtage eingeladen hat. Während er also alles vorbereitet und sich frohgemut der Herausforderung stellt, die überdimensionale Weihnachtsaußenbeleuchtung anzubringen, versucht er, stets die Nerven zu behalten und sich weder von den arroganten Yuppie-Nachbarn (Julia Louis-Dreyfus, „Troll“ und Nicholas Guest, „Zeit der Rache“) noch von der eigenen mitunter verhaltensauffälligen Bagage aus der Ruhe bringen zu lassen. Dass die Weihnachtsgratifikation seines Arbeitgebers, die er eigentlich fest eingeplant hatte, weiterhin auf sich warten lässt, wurmt ihn jedoch immer mehr…

Der animierte Vorspann, der eigentlich bereits ein Cartoon für sich ist, leitet in einen episodenhaften Auftakt über, der die krawallige, klamaukige Slapstick-Persiflage auf Familienweihnachten eröffnet. Geöffnet werdende Adventskalendertürchen strukturieren den Film um einen herrlich grimassierenden Chase, der in seiner Rolle als typischer US-Familienpapa ein traditionelles familiäres Weihnachtsfest zu erzwingen versucht, jedoch feststellen muss, dass das eine chaotische, unappetitliche und kreuzgefährliche Angelegenheit ist. Seine unverständliche Panik vor Eichhörnchen und seine Tollpatschigkeit machen es ihm nicht leichter, ständig geht etwas zu Bruch, eine Verletzung jagt die nächste. Die Antithese zu den Griswolds lebt gleich nebenan, ein betont modernes, kinderloses, gesundheits- und modebewusstes Paar mit CD-Stereoanlage und futuristisch anmutenden metallic-silbernen Jogginganzügen. Und als wäre Clark mit diesen Snobs nicht schon gestraft genug, kommt auch noch überraschend sein unzivilisierter Cousin Eddie (Randy Quaid, „Das letzte Kommando“) mit Frau (Miriam Flynn, „Endlich wieder 18“), Kindern und Rottweiler im Wohnmobil angereist.

In Sachen Humor kleckert „Schöne Bescherung“ nicht, sondern klotzt, was das Zeug hält und stellt damit eine sehr unterhaltsame Alternative zum üblichen Weihnachtskitsch dar. Etwas Sozialkritik gesellt sich dazu, als Clark erfährt, dass er lediglich eine symbolische Gratifikation, jedoch nicht die erhoffte Summe von seinem Boss Frank Shirley (Brian Doyle-Murray, „Die Geister, die ich rief…“) erhält, was dank Eddies Anwesenheit in eine Entführung und einen Polizeigroßeinsatz mündet. Was zunächst angenehm anarchisch anmutet, nimmt jedoch einen etwas arg versöhnlichen Verlauf. Auch wenn es Clark gelingt, für seine Interessen zu kämpfen, bleibt er doch vom Wohlwollen seines Chefs abhängig. Damit ist „Schöne Bescherung“ mehr sozialdemokratisch denn revolutionär und schließt mit einem betont kitschigen Happy End.

Clarks und Ellens (Beverly D’Angelo, „Hexensabbat“) Kinder werden diesmal von Juliette Lewis („Natural Born Killers“) und Johnny Galecki („The Big Bang Theory“) gespielt, die gern etwas mehr Präsenz hätten bekommen dürfen. „Schöne Bescherung“ ist jedoch derart gespickt mit Charaktergesichtern, dass es kaum möglich gewesen sein dürfte, diesem starken Ensemble vollumfänglich gerecht zu werden. Leider geht der Wortwitz in der deutschen Synchronisation etwas verloren, wodurch der Humor insgesamt brachialer wirkt, als er ohnehin schon ist. All diese Übertreibungen wiederum passen gut zur Weihnachtsthematik, deren zum festlichen Anlass geplanten und begangenen geschmacklosen und protzigen Übertreibungen ja über weite Strecken die Handlung bestimmen – statt der Kitsch- oder Kommerzfrontaloffensive bekommt man hier eben ein Maximum an sicherlich oft vorhersehbarem, aber überraschend gut gealtertem Humor serviert, der sich mittlerweile längst mit nostalgischen Gefühlen mischt und dazu beiträgt, einen Kultfilm aus „Schöne Bescherung“ zu machen. Umso schöner, dass man auch Sinn für feine Details bewies, z.B. die wiederholten Ehrerbietungen an Regisseur Frank Capras „Ist das Leben nicht schön?“, der bei den Griswolds im Fernsehen läuft und indirekt zitiert wird, wenn Clark mit der Motorsäge einem Treppenpfosten zu Leibe rückt. Wer genau hinschaut, entdeckt in den Angaben zur Regieassistenz Capras Enkel…

Zurück zu „Schöne Bescherung“: Ein im Rahmen seines Anspruchs gelungener Festtagsspaß für die ganze Familie samt Kind, Kegel, Hund, Cousin und Chef.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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