bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 4. Okt 2019, 15:02

Kassettenkinder - Unsere Kindheit in den 80ern

„Wir feiern heute unsere ‘80er!“

Noch bevor der WDR im Sommer 2018 seinen Themenschwerpunkt auf die 1980er legte, produzierte und sendete er mit „Unsere Kindheit in den 80ern“ bereits einen abendfüllenden Dokumentarfilm, der, erstausgestrahlt im Frühjahr 2018, als Vorhut (evtl. auch als eine Art Testballon?) für die im Sommer gefolgte Doku-Reihe betrachtet werden kann. Regisseurin und Autorin Melanie Didier versammelte, wie aus derlei Infotainment-Formaten gewohnt und im Quasi-Nachfolger „Generation Walkman – Unsere Jugend in den 80ern“ beibehalten, diverse Prominente aus dem Entertainment-Bereich vor der Kamera. Tamina Kallert, Mimi Fiedler, Angelo und Joey Kelly, Cosma Shiva Hagen, Oliver Petszokat, Bill Mockridge, Nick Mockridge, Lisa Feller sowieso Patrick Bach kommentieren folgende Themen:

• Die Boyband „The Teens“
• Audio-Kassetten, Mixtapes und Walkmen
• Den Spielfilm „La Boum – Die Fete“ und seine Musik (obwohl aus den 1970ern)
• Die Schlümpfe
• Die Kinderfernsehsendungen „Sesamstraße“ und „Die Sendung mit der Maus“
• Lineares Fernsehen allgemein
• Die Vorabend-Action-Krimiserie „Knight Rider“
• Die Weihnachts-TV-Sechsteiler „Silas“
• Die Mainzelmännchen sowie Ute, Schnute, Kasimir
• Das Werbefernsehen
• Samstagabendshows wie „Wetten, dass…?“ und „Der große Preis“ inkl. Wum & Wendelin
• Der Komiker Otto Waalkes
• Schulranzen
• Poesie-Alben
• Der Heimcomputer C64
• Schulhofspiele
• Süßigkeiten
• Kinderkleidung
• Nena und die Neue deutsche Welle
• Die Kelly Family
• Frisuren
• Rollschuhe
• Jogging
• BMX
• Friedensbewegung
• Der Gau in Tschernobyl
• Mit dem Auto in den Sommerurlaub (inkl. Rauchen im Auto)
• Polaroid-Sofortbildkameras

Die etwas arg verallgemeinernde und kurzgedachte Prämisse dieser Dokumentation ist, dass es „uns“, also den Kindern der 1980er, doch so gutgegangen sei, wir eine „Supersorgloszeit“ gehabt hätten. Vom Kalten Krieg also keine Spur. Jene Zeit wird einmal mehr als die Zeitspanne von 1980 bis 1989 definiert, obwohl die Dekade eigentlich von 1981 bis 1990 reicht, sodass der deutsche Gewinn der Fußballweltmeisterschaft der Herren ebenso ausgespart bleibt die wie Wiedervereinigung Deutschlands. Der Fokus liegt auf der BRD der 1980er, internationale Entwicklungen werden höchstens angerissen. Die Promis verknüpfen die einzelnen Themengebiete mit persönlichen Erinnerungen und haben diverse Anekdoten parat. Manch Aussage gerät dabei sehr naiv und insbesondere die beiden Kellys nerven, wenn sie aus ihrer damaligen Hippieperspektive kommentieren und man peinlich berührt ist, wann immer sie behaupten, auch nur ansatzweise cool oder zeitgemäß gewesen zu sein. Nein, das waren sie nicht. Mitunter hätte man sich einordnende, fundierte Informationen aus berufenerem Munde oder wissenschaftlicher Perspektive gewünscht, z.B. zu demographischen und soziokulturellen Hintergründen der ‘80er-Kindergeneration. Als überraschend sympathisch erweist sich aber einmal mehr Oli P., der mit schelmischer, kokettierender Selbstironie sein Kassetten-Tattoo zeigt und damit angibt, das originale K.I.T.T.-Fahrzeug aus „Knight Rider“ zu besitzen.

Kritische Töne kommen kaum auf, dieser Film ist als Wohlfühlsendung für den Feierabend gedacht. Ihr größtes Pfund sind die zahlreichen authentischen Originalaufnahmen aus der TV-Berichterstattung der 1980er, die mit einem guten Gespür für Unterhaltungswert ausgewählt wurden. Insbesondere teils zum Brüllen komische oder schlicht hässliche Kleidung und Frisuren fallen natürlich besonders ins Auge. Auffallend vieles dreht sich ums Fernsehen in der Prä-Internetzeit, inkl. gemütlicher Familienabende vor der Glotze und der irrsinnigen Vorfreude auf feste Sendetermine – ein Schwerpunkt, der wahrscheinlich dem Medium dieses Films geschuldet ist (Fernsehen berichtet über Fernsehen und stellt dabei dessen Relevanz heraus). Längst nicht alles Angesprochene ist dabei ‘80er-spezifisch, anderes fehlt dafür ganz – wo sind z.B. meine geliebten Actionfiguren? Hauptsächlich widmet sich „Unsere Kindheit in den 80ern“ dem für damalige Kinder interessanten populärkulturellen Bereich, reißt ein paar darüberhinausgehende gesellschaftliche Aspekte an und packt wirklich ernste Themen erst gegen Ende mit der Friedensbewegung und dem verheerenden Kernreaktorunfall in Tschernobyl an. Durch die Betonung der Kindheit in den 1980ern geht die Themenauswahl aber mit einigen Abstrichen in Ordnung. Unterlegt mit damaliger Mainstream-Charts-Musik führt die Sprecherin Susanne Hampl gutgelaunt durch den Film, der zahlreiche Überschneidungen zu ähnlichen Produktionen aufweist, aber auch einige „neue alte“ Bilder zu bieten hat und sich als seichte, nostalgische Unterhaltung sowie beispielsweise als längeres Vorprogramm zur Einstimmung auf einen ‘80er-Filmabend oder eine ‘80er-Retrospektive eignet.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 4. Okt 2019, 16:26

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Child’s Play

„Er ist nur anders!“

Nun hat es also auch die „Chucky“-Slasher-Reihe um eine mordende Puppe erwischt: Nach sechs Fortsetzungen musste 2019, 31 Jahre nach dem Original, ein Reboot her. Chucky-Erfinder und Originalautor Don Mancini war nicht mehr involviert und mit der Regie betraute man das unbeschriebene norwegische Blatt Lars Klevberg, der mit „Child’s Play“ seinen nach dem im selben Jahr veröffentlichten „Polaroid“ erst zweiten abendfüllenden Spielfilm drehte.

„Diese scheiß Millennials!“

Der dreizehnjährige Andy (Gabriel Bateman, „Lights Out“) hat nach einem Umzug in eine andere Stadt Schwierigkeiten, Anschluss zu finden. Seine alleinerziehende Mutter Karen (Aubrey Plaza, „Ingrid Goes West“) arbeitet in einem Kaufhaus und kann dort ein ausgemustertes Modell der mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Puppe „Buddi“ abgreifen, die sie sich unter normalen Umständen nicht hätte leisten können. Andy ist begeistert von der Puppe, die auf den Namen Chucky hört und sich als sehr wissbegierig erweist, indem sie fleißig von Andy und seinen neuen Freunden, die er mit Chucky beeindrucken kann, lernt. Doch was weder Andy noch seine Mutter ahnen: In der asiatischen Elektronikfabrik, in der die Puppe hergestellt wurde, hatte ein gedemütigter und entlassener Mitarbeiter aus Rache sämtliche Sicherheitsmechanismen des Modells außer Kraft gesetzt. Die grausame Folge: Chucky nimmt Andys Wünsche allzu wörtlich und beginnt eine unfassbare Mordserie...

„Jetzt können wir endlich wieder spielen!“

Chucky ist also keine Inkarnation des Serienmörders Charles Lee Ray durch Voodoo-Praktiken mehr, sondern eine außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz, womit das Drehbuch reale Fälle um mit Chatbots ausgestatte Puppen, die sich als hackbare Superwanzen entpuppten (und deren Verkauf in Deutschland mittlerweile untersagt ist) sowie die zunehmende Vernetzung des Haushalts mit Smart-Gadgets, die auch vorm Kinderzimmer nicht Halt machen, aufgreift. Damit ist der Film gewissermaßen am Puls der Zeit, andererseits war das Thema beim Kinostart bereits nicht mehr sonderlich originell. Dennoch: Die Kompetenzen der Anwender(innen) übersteigende, selbst die Kontrolle übernehmende oder schlicht fehlerhafte, unsichere Technik in den eigenen vier Wänden ist durchaus noch immer als Schreckensszenario geeignet. Tatsächlich erinnert die „Kaslan Corporation“, die Herstellerin der Buddi-Puppen, nicht von ungefähr an Technologiekonzerne à la Apple und Konsorten.

Chuckys moderneres, aber immer noch potthässliches Erscheinungsbild steht mit seiner CGI-animierten Mimik im Kontrast zu den ‘80er-Horror-Ehrerbietungen, die Regisseur Klevberg integrierte: So hat Andy sympathischerweise entsprechende Filmplakate in seinem Zimmer hängen und ist es die Horrorkomödie „The Texas Chainsaw Massacre II“, die Chucky auf falsche „Gedanken“ bringt, als er mitbekommt, dass sich Andy und seine Freunde königlich angesichts der Gewalttaten in jenem Streifen amüsieren. Der Elektro-Chucky wurde auch mit eigenen Point-of-View-Kameraperspektiven versehen, die in VHS- bzw. Überwachungskamera-Ästhetik daherkommen. Die Handlung wurde von einer US-Kleinstadt in eine größere Stadt verlagert, was zulasten der typischen Slasher-Atmosphäre geht. Kommt Chucky erst einmal in Fahrt, generiert er jedoch einige gelungene Tötungsszenen sowie diverse blutige und makabre Momente. Dem gegenüber stehen überflüssige Jumpscares, eine immer plumper werdende Entwicklung und ein völlig überzogenes, trashiges Finale in der Spielzeugabteilung. Das kommt dabei heraus, wenn die Polizei es nicht für nötig hält, die Mörderpuppe in der Asservatenkammer zu verwahren…

Derlei Logiklücken und mit dem Holzhammer inszenierte, letztlich alberne Eskalationen werden mit schwarzem Humor angereichert, der jedoch nie das Niveau der Originalreihe erreicht – allein schon, weil dieser Chucky nun einmal kein Sprücheklopfer wie sein großes Vorbild ist. So hinterlässt „Child‘s Play“ in seiner Neuauflage einen sehr zwiespältigen Eindruck, der den Verdacht erhärtet, dass die zugrundeliegende Geschichte in ihrer Umsetzung durch einen großen, bekannten Namen gehypt werden sollte: Als vermeintlicher Chucky verkauft sich dieser KI-Horror natürlich wesentlich besser. Den Charme des Originals erreicht er jedoch nie, weshalb er sich einreiht in die Riege an Neuverfilmungen und Reboots, die schwächer als das jeweilige Original und somit überflüssig sind. Als nächstes bitte einen Film über einen mordenden Staubsaugerroboter!
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 7. Okt 2019, 15:30

Tatort: Echolot

Internet is just for porn

„Wir haben hier Arbeitsflexibilität. Hauptsache, der Output stimmt!“

Nur wenige Wochen nach der Ausstrahlung des Stuttgarter „Tatort: HAL“ widmete sich das Bremer Ermittlungsduo Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) in „Echolot“ einem sehr ähnlichen Fall um eine renitente künstliche Intelligenz. Das von Peter Henning und Christine Otto verfasste Drehbuch wurde vom Regieduo Claudia Prietzel und Peter Henning („Tatort: Ordnung im Lot“) inszeniert, erstausgestrahlt wurde der Fall am 30.10.2016 als Teil der ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“.

Die Mitbegründerin des Bremer IT-Start-Up-Unternehmens „Golden Bird Systems“ Vanessa Arnold (Adina Vetter, „Vorstadtweiber“) verliert die Kontrolle über ihr Fahrzeug, was einen Unfall zur Folge hat, den sie nicht überlebt. Lürsen und Stedefreund finden keinerlei Bremsspuren und nehmen daher die Ermittlungen auf. Doch als sie Vanessas Mutter (Eleonore Weisgerber, „Tatort: Pleitegeier“) die Todesnachricht überbringen, erreicht diese ihre Tochter noch telefonisch auf dem Smartphone. Ein Besuch bei „Golden Bird“ ergibt: Nicht Vanessa, sondern ihr Alter Ego in Form der digitalen Assistentin „Nessa“ befand sich am Telefon. „Nessa“ sollte dem Unternehmen zu Geld und Ruhm verhelfen, doch ihr reales Vorbild war nicht damit einverstanden, auch als künstliche Pornodarstellerin vermarktet zu werden, und überwarf sich daher mit ihren Kollegen. Haben diese etwas mit ihrem Tod zu tun? Oder ist gar „Nessa“ zu mächtig geworden…?

Die Furcht vor den Menschen kontrollierenden künstlichen Intelligenzen, die sich gegen ihre Schöpfer(innen) auflehnen, ist spätestens seit Kubricks „2001“ ein beliebtes Science-Fiction-Motiv. Es aufzugreifen scheint in Zeiten digitaler Assistenten und Smart Homes naheliegend, aufgrund ihrer Missbrauchsmöglichkeiten selbstverständlich auch im Kriminalfilmformat. Ob das nun unbedingt so kurz auf einen derart ähnlichen Stuttgarter Film geschehen muss, sei aber dahingestellt. Was sich in „Echolot“ nach einem aus subjektiver Kameraperspektive gefilmten Autounfall dem Publikum präsentiert, ist zunächst einmal ebenso ungewöhnlich wie spannend: Möglicherweise ist die Tote gar nicht tot, doch weshalb wurde dann ihr Ausweis am Unfallort gefunden? Doch sobald feststeht, dass die Bedauernswerte tatsächlich das Zeitliche gesegnet hat und lediglich „Nessa“ für Verwirrung sorgte, verliert dieser „Tatort“ zusehends an Gehalt: Für Drehbuch und Regie muss ein junges IT-Unternehmen offenbar aussehen wie eine Mischung aus Automatenspielhölle, Raumschiff und Nerd-WG, müssen vor allem aber quietschbunte Programme permanent von jedem Bildschirm flimmern – klar, trockenen Quelltext will niemand sehen. Diese Visualisierungen sind durchästhetisiert und plump zugleich, in jedem Falle ziemlich irre.

Während die Kommissarin und der Kommissar also mithilfe ihrer BKA-Kollegin Linda Selb (ein Lichtblick: Luise Wolfram) im Technikhaufen herumstochern, wirken ihre Dialoge derart aufgesagt, dass man ihnen nie und nimmer zutrauen würde, einen solchen Fall tatsächlich zu lösen. Irgendwie tun sie es doch und wäre man am Ball geblieben, hätte man es vielleicht auch schon eher geahnt als die Bremer Kripo. Irgendwie schaffte man es aber, dass einem sowohl die dann doch Tote als auch die mal, mehr weniger verhaltensauffälligen IT-Nerds so dermaßen am Allerwertesten vorbeigehen, dass man sich entweder von den bunten Blinkbildern in Trance oder von der misslungenen Dramaturgie in den Schlaf befördern hat lassen. Sogar vielversprechende Nebenhandlungsansätze wie der um das im digitalen Wahn aufgewachsene Kind (Emilia Pieske, „Coming In“) der Toten, das mit „Nessa“ weiterkommuniziert, werden einfach fallengelassen, statt sie näher zu fokussieren. Selten wurde eine eigentlich spannende, durchaus angemessen kulturpessimistische Prämisse inkl. böser Pointe durch deutsche „Tatort“-Biedermänner/-frauen derart rammdösig in den Sand gesetzt. Freunde trashiger Überinterpretation, von Übertreibungen zwecks Veranschaulichung und von herrlich weltfremden Einblicken in IT-Bereiche werden jedoch evtl. ihre diebische Freude an „Echolot“ haben.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 9. Okt 2019, 10:31

Polizeiruf 110: Kindeswohl

„Du bist’n Bullensohn!“

Nachdem Regisseur Lars Jessen („Dorfpunks“, „Fraktus“) bereits vier „Tatort“-Episoden verfilmt hatte, übernahm er 2019 erstmals die Inszenierung eines „Polizeiruf 110“, genauer: den 19. Fall des Rostocker Ermittlungsduos Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner), erstausgestrahlt am 07.04.2019, am 12.03.2019 jedoch bereits beim Deutschen FernsehKrimi-Festival in Wiesbaden uraufgeführt. Auch am Drehbuch zu dieser „Kindeswohl“ getauften Episode wirkte Jessen, zusammen mit den Autorinnen Christina Sothmann und Elke Schuch, mit.

„Frische Luft, Arbeit auf dem Feld…“

Kommissar Bukows Sohn Samuel (Jack O. Berglund) hat das, was man gemeinhin als schlechten Umgang bezeichnet: Sein Kumpel Keno (Junis Marlon, „Die Schimmelreiter“) ist ein Jugendlicher, dessen Erziehung völlig in die Hose ging. Er bewohnt ein Heim für verhaltensauffällige Jugendliche, in dem er regelmäßig mit dem Leiter Stig Virchow (Matthias Weidenhöfer, „HERRliche Zeiten“) aneinandergerät. Als Virchow ihn wieder sanktioniert, nachdem er einen Brandanschlag auf eine Disco verübt hat, deren Türsteher ihn zuvor abgewiesen und geschlagen hatte, reißt er aus und trifft sich mit Samuel. Als Virchow ihnen in einem Waldgebiet über den Weg läuft, erschießt Keno ihn kurzentschlossen. Nun befinden sich die ungleichen Freunde gemeinsam auf der Flucht. Kenos Ziel: Eine Pflegefamilie in einem ländlichen Gebiet Polens, an die sein Freund und Halbbruder Otto (Niklas Post, „Nebel im August“) vermittelt worden war. Jener Otto hatte ihm einen Brief in die Einrichtung geschickt, doch Keno kann nicht lesen… Kommissar Bukow ist derweil vollkommen fertig mit den Nerven und will vor allem seinen Sohn zurückhaben. Aufgrund seiner Befangenheit und der emotionalen Ausnahmesituation, in der er sich befindet, leitet Kommissarin König die Ermittlungen, die sich zunächst einmal mit den Umständen in Kenos Heim vertraut macht. Wollte man Keno, mit dem man offenbar überfordert war, ebenfalls nach Polen „auslagern“?

Beginnt eine Erzählung direkt mit einem Selbstmordversuch, ist dies meist ein Indiz für einen düsteren, bedrückenden Film. So auch in diesem „Polizeiruf 110“, in dem nichts so ist wie es sein sollte: Der noch unbekannte Junge auf dem polnischen Hof sollte nicht aus dem Leben scheiden wollen, Keno sollte nicht so aggressiv und brutal sein, Samuel sollte nicht mit ihm unterwegs sein und Kommissarin König sollte nicht am Bul(l)ettenimbiss einen Stecher für schnellen, unverbindlichen Sex treffen, dem sie sich im Auto hingibt. Sein heranwachsender Sohn scheint Bukow zu entgleiten, der wiederum keine Sprache findet, um mit Samuel auf Augenhöhe zu kommunizieren. Bei Keno hingegen ist längst alles zu spät, er ist ein Extrembeispiel für die negativen Folgen eines zerrütteten dysfunktionalen Elternhauses, an denen auch die Jugendhilfeeinrichtung, in der er untergebracht wurde, nicht mehr viel herumdoktern kann. Er weiß, dass er vom Leben nichts mehr zu erwarten hat und so ist es für ihn auch keine große Sache, seinen verhassten Betreuer zu erschießen, als ihm dieser in die Quere kommt.

Damit hat dieser „Polizeiruf“ seinen Mordfall, vielleicht auch Totschlag – das wird ein Gericht entscheiden müssen. Kein Whodunit? und auch keine Suche nach einem Motiv, anstelle eines herkömmlichen Krimis ist „Kindeswohl“ ein mehrschichtiges Kriminaldrama. Eines, in dem es allen beschissen geht. Bukow ist völlig durch den Wind, niedergeschlagen und verbittert, gereizt und gefährlich. Mehrmals zeigt er Nerven, geht sogar auf einen Unschuldigen los. Er wird zum unerträglichen Kotzbrocken, unter dem wiederum König zu leiden hat, die ebenfalls als emotionaler Fußabtreter herhalten muss. Samuel gibt sich mehr oder weniger freiwillig weiterhin mit Keno ab und begleitet ihn auf seinem Weg, wird dadurch aber auch zu einer Art Fluchthelfer, begeht Ladendiebstahl – und wird krank. Die Winternächte unter freiem Himmel tun ihm nicht gut, die Gesamtsituation noch weniger. Im Jugendheim pendelt man zwischen naiven pädagogischen Ansätzen, harter autoritärer Hand und zynischem Kommentar bei gleichzeitigem Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit.

Dieser etwas konstruierte, nichtsdestotrotz hochdramatische, spannende Fall ist viel mehr als das, es ist eine beißende Kritik am Versagen staatlicher Pädagogik. Einer Pädagogik, die ihre schwierigsten Schutzbefohlenen privaten Einrichtungen überantwortet, welche sie wiederum ins Ausland abschieben, um sie los zu sein. Ein stattliches Salär wird dennoch kassiert, das nur zum Teil an die ausländischen Pflegefamilien fließt, für die sich diese Art von Geschäft jedoch ebenfalls lohnt. Wie es den Kindern und Jugendlichen dort ergeht, wird hingegen nur unzureichend kontrolliert, das System ist intransparent und für Außenstehende nicht mehr nachvollziehbar. Behörden und Einrichtungen weisen die Verantwortung von sich, den schwarzen Peter schiebt man sich gegenseitig zu. Selbst für die Kripo wird es schwierig, einen Überblick über die realen Verhältnisse zu erhalten. Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen wird von ökonomischen Rahmenbedingungen abhängig gemacht, sie wird zu einem Handelsgut. Mit Fiktion hat das wenig zu tun. Laut Autor/Regisseur Jessen habe seine in sozialen Einrichtungen arbeitende Frau genau dies in der Realität beobachtet. Das passt ins Bild einer immer mehr Verantwortung an die Wirtschaft und den Markt abtretenden, neoliberalen, privatisierungswütigen Politik, die langsam aber sicher sämtliche ehemals staatlichen Einrichtungen in erschütternder Konsequenz an die Wand fährt.

In bedrückender, trauriger Atmosphäre, die in tristen verschneiten Landschaften ihren Widerhall findet, wird aber auch die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft erzählt, die eines „Bullensohns“ mit einem soziopathischen Ausreißer. Mit Klischees wird dabei sparsam umgegangen, stattdessen kann sich insbesondere Junis Marlon schauspielerisch voll entfalten. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft, denn nahezu allen Beteiligten gelingt es bravourös, all die privaten Verwicklungen und Belastungen, die die Handlung in sich birgt, adäquat zum Ausdruck zu bringen, ohne es bis zur Unglaubwürdigkeit zu übertreiben. Bukows Verzweiflung ist dabei nur einer von mehreren Aspekten, die einem nahegehen. All dies paart sich mit einem Gefühl permanenter Anspannung angesichts der Unberechenbarkeit nicht nur Kenos, sondern auch Bukows. Beide Figuren scheinen sich in ihrem ungesunden Umgang mit Druck und Aggressionen immer ähnlicher zu werden. Doch die beständig zwischen Rostock und Polen alternierende Handlung steuert auf einen weiteren emotionalen Tiefpunkt zu, das fragwürdige „pädagogische Konzept“ fordert ein weiteres Opfer. Auf zynische Weise führt dieser alle anderen verlorenen Charaktere zusammen, für sie keimt wieder Hoffnung auf.

„Derzeit leben etwa 850 Kinder aus Deutschland in Pflegefamilien im europäischen Ausland“ – diese Information wird am Ende in Form einer Texteinblendung nüchtern vermittelt und trägt leider dazu bei, dass Jessens „Polizeiruf“ als pauschale Kritik an Auslandsaufenthalten von Problemkindern missverstanden könnte. Diese wäre natürlich vollkommen unangebracht, denn nicht der Auslandsaufenthalt an sich ist das Problem, wie inhaltlich auch vermittelt worden sein sollte. Freunden intensiver Krimidramen haben Jessen & Co. einen herausragenden Beitrag zur „Polizeiruf 110“-Reihe beschert, in den sich auch Monchi, Sänger der mitunter von staatlicher Repression betroffenen und von Neonazis bedrohten (von Hübner in „Wildes Herz“ porträtierten) Rostocker Band „Feine Sahne Fischfilet“, in einer Nebenrolle als brüllender Heimmitarbeiter überraschend gut einfügt. Für die musikalische Untermalung jedoch griff man auf einen hervorragenden modernen Prog-Synth-Sound zurück, der ebenfalls auf höherem Niveau als dem durchschnittlicher TV-Krimi-Kost angesiedelt ist. Vermutlich sollte Lars Jessen häufiger am Drehbuch beteiligt werden, denn dieser „Polizeiruf 110“ stellt seine Arbeiten für den Münsteraner „Tatort“ deutlich in den Schatten!
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 10. Okt 2019, 13:27

Polizeiruf 110: Dunkler Zwilling

„Kennen Sie das, wenn einem die einfachsten Worte nicht einfallen?“ – „Klar! Was meinen Sie, warum ich so wenig rede?“

Der 20. „Polizeiruf 110“ um das Rostocker Ermittlungsduo Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) entstand unter der Regie Damir Lukacevics („Im Namen meines Sohnes“), der auch das Drehbuch verfasste. Ihre Premiere feierte die Episode am 01.10.2019 im Rahmen des Hamburger Filmfests, erstausgestrahlt wurde sie am 06.10.2019.

Eine minderjährige Ausreißerin wird in Rostock ermordet und grausam misshandelt aufgefunden, kurz darauf eine dänische Touristin. Beide Fälle ähneln sich extrem und bringen König und Bukow auf die Spur einer 15 Jahre zurückliegenden, unaufgeklärten Mordserie. Auch damals wurden den Opfern Organe entnommen, ihre Schuhe aber säuberlich neben dem Leichnam drapiert. Die jugendliche Marla (Emilia Nöth) verdächtigt ihren Vater, den von ihrer Mutter seit Kurzem getrenntlebenden Umzugsunternehmer Frank Kern (Simon Schwarz, „Grießnockerlaffäre“), und wendet sich heimlich an die Kripo. Nach einer Aussprache mit ihrem Vater verweigert sie sich jedoch der weiteren Zusammenarbeit mit der Polizei, während zeitgleich die reife Elke Hansen (Angela Winkler, „Benny’s Video“) die Polizei aufsucht und ihren 25 Jahre jüngeren Ehemann, den Jura-Studenten Jens (Alexander Beyer, „Good Bye, Lenin!“), anschwärzt. Sie hält ihn für den gesuchten Täter. Tatsächlich hatte Jens Kontakt zu einem der Opfer und hat obsessiv anmutende Zeichnungen von ihr angefertigt…

Nach sieben und nach neun Minuten präsentiert Lukacevic beide Verdächtigen und gewährt dem Publikum damit erhebliche Informationsvorsprünge gegenüber der ob der Mordfälle und ihrer schwierigen beruflichen Situation sichtlich angefressen König und dem seine Gefühle in Rum ertränkenden Bukow, der Videobänder zurückliegender Fälle konsultiert. Interessanterweise lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer die Verdächtigen vornehmlich durch die ihnen nahestehenden weiblichen Personen kennen – ein dramaturgischer Kniff, der den Informationsvorsprung auf Zuschauer(innen)seite nicht zu groß werden lässt. Das größte Rätsel des Publikums bleibt lange Zeit, ob sich derjenige, der sich am verdächtigsten macht, tatsächlich als der Täter entpuppen wird oder ob man bewusst an der Nase herumgeführt wird. Stets zu befürchten ist unterdessen, dass sich der Täter durch eine Gewalttat gegenüber der ihm nahestehende Person zu erkennen gibt, woraus dieser „Polizeiruf“ stärker seine Spannung bezieht als aus den Ermittlungen.

Eigentliches Thema dieses Falls ist jedoch Dualismus, vor allem der des Menschen. So wie die meisten Menschen mehrere Gesichter haben, hat der Täter zwei Identitäten: eine als mehr oder weniger unauffälliges Mitglied der Gesellschaft, eine als psychopathischer Serienmörder. Er begeht gerade seine zweite Mordserie und hat zwei neue Opfer auf dem Gewissen – und wie sich herausstellen wird, ist er ein Zwilling. Diese Dopplungen und Wiederaufnahmen ziehen sich subtil durch den gesamten Film und stehen damit im Kontrast zu den im positiven Sinne sehr direkten, konfrontativen Dialogen, die im Kopfkino abbilden, was die Kamera nicht zeigt, aber auch zur leider mit dem Holzhammer erfolgten, eher plump wirkenden Montage. Mit der Enttarnung des Täters indes wird einem dann auch bewusst, wie unwahrscheinlich konstruiert die Hintergrundgeschichte um den zweiten Verdächtigen ist.

Aus dem spielfreudigen Ensemble besonders heraus sticht Nachwuchsschauspielerin Emilia Nöth, die hier erstmals vor der Kamera stand und anstatt mit der Ambivalenz ihrer Figur möglicherweise überfordert zu sein eine beeindruckende, memorable Leistung abliefert. Die Dreharbeiten fanden u.a. auf dem Museums- und Veranstaltungsschiff Stubnitz statt, die Außenaufnahmen erzeugen eine trügerische frühsommerliche Stimmung – kein Wunder, die Dreharbeiten fanden bereits von Juni bis Juli 2018 statt. Der „Polizeiruf 110: Dunkler Zwilling“ bietet spannende, gehobene Krimiunterhaltung mit Anleihen bei Serienmörder-Psychogrammen, die sowohl die Unauffälligkeit der Täter im Alltag als auch die unfassbar kranke Grausamkeit ihrer Taten ins Gedächtnis ruft und ihre Auswirkungen auf den eigenen Familienkreis ausweitet. Versöhnlich wird es erst ganz am Schluss, wenn König und Bukow vielleicht doch mehr wagen als sich nur wieder zu vertragen. Ob der Rostocker „Polizeiruf“ dadurch eventuell zukünftig wieder etwas weniger grimmig ausfallen wird?
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Okt 2019, 16:47

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The Cleaners – Im Schatten der Netzwelt

„Die Unternehmen verfügen über immer mehr Entscheidungsgewalt darüber, was online bleiben darf und was gelöscht werden muss. Sie profitieren von unserem Wunsch nach Bequemlichkeit, unserer Abneigung allem Anstrengenden und Schwierigen gegenüber. Und das wird sich mit der Zeit […] negativ auf unser kritisches Denkvermögen auswirken, und auch auf unsere Fähigkeit, Dinge infrage zu stellen. Das geht so weit, dass wir Meinungsvielfalt, Konfliktfähigkeit und Anstrengungsbereitschaft einschränken. Die Leute sollten sich nicht wundern, wenn ihnen in Zukunft weniger Informationen zur Verfügung stehen, es weniger unbequeme, provokante Informationen im Netz gibt. Und ich denke, unsere Gesellschaften werden dadurch viel verlieren.“

Die meisten von uns nutzen in irgendeiner Form soziale Netzwerke im Internet. Wir sind uns darüber bewusst, dass das Hochladen und Verbreiten bestimmter Inhalte wie Pornographie, reale Folter- und Mordszenen, terroristische Aufrufe und eigentlich auch Volksverhetzungen, Beleidigungen u.ä. untersagt sind. Stoßen wir selbst auf Derartiges, haben wir die Möglichkeit, diese Beiträge zu melden, um die Netzwerkbetreiber auf sie aufmerksam zu machen und ggf. ihre Beseitigung zu erwirken. Die Algorithmen der Netzwerke erkennen bei Weitem nicht alle unerwünschten oder gar strafbaren Inhalte automatisch, zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Fleisch und Blut werden mit dieser Aufgabe betraut. Doch wer sind diese Menschen, die sich durch Millionen fragwürdiger bis indiskutabler Inhalte klicken und entscheiden, was bleiben darf und was im virtuellen Sondermüll entsorgt wird?

Dieser Frage widmeten sich die deutschen Dokumentarfilmer Hans Block und Moritz Riesewieck in ihrem mit viel internationaler Unterstützung (es handelt sich um eine deutsch-niederländisch-italienisch-US-amerikanisch-brasilianische Koproduktion) 2018 in die Kinos gekommenen und anschließend regelmäßig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilm „The Cleaners“ alias „Im Schatten der Netzwelt“.

Dies herauszufinden scheint gar nicht so einfach gewesen zu sein, denn Facebook, Twitter und Konsorten sprechen nicht gern darüber. Man fand heraus, dass ein Großteil dieser Tätigkeiten auf die Philippinen nach Manila ausgelagert werden, wo Subunternehmen betraut werden, die ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geringe Löhne zahlen und sie Knebelverträge unterschreiben lassen, die sie zu strengster Geheimhaltung verpflichten. Über diese Schattenseiten der sozialen Netzwerke soll offenbar so wenig wie möglich nach außen dringen.

Löschen oder ignorieren – innerhalb weniger Sekunden müssen die philippinischen Angestellten ihre Entscheidung treffen, während sie permanent mit verstörenden und menschenverachtenden konfrontiert werden. Den widrigen Umständen zum Trotz gelang es, einige von ihnen vor die Kamera zu bekommen und für Interviews zu gewinnen oder sogar bei ihrer Arbeit zu beobachten. Dadurch lässt sich erahnen, was diese Arbeit mit den Menschen macht, wie sie das Gesehene verarbeiten und mit welchem Selbstverständnis, das ihnen bei der Akzeptanz ihrer Tätigkeit hilft, die meist katholisch geprägten Menschen an diese Art des Broterwerbs herantreten. Dies gelingt nicht immer, wie der Suizid eines ehemaligen „Cleaners“ zeigt. Darüber hinaus kommen der US-Jurist David Kaye sowie Facebook-Chef Mark Zuckerberg und ein ehemaliger Google-Manager zu Wort, angereichert mit kritischen Einschätzungen von Journalisten und Auszügen aus Kongressanhörungen. Erschreckend sind die Aussagen des faschistoiden philippinischen Präsidenten und eines rechten US-Internettrolls.

Zwischen den verschiedenen Interview-Partner(innen) und begleitendem dokumentarischem Material wie u.a. zahlreichen Auszügen aus Original-E-Mails wechselnd, versucht „Cleaners“ auch, ein Bewusstsein für das globale Ausmaß dieses Aufgabengebiets zu schaffen. So werden Sperrungen und IP-Blockaden in anderen Ländern ebenso thematisiert wie Filterblasen und Echokammern, insbesondere in Entwicklungsländern, und die Gefahr der mit den „Aufräumarbeiten“ einhergehenden Zensur, durch die beispielsweise der Genozid an den Rohingya medial unterrepräsentiert blieb und in letzter Konsequenz eine Art unmündige Nutzer(innen)-Generation heranzüchten könnte, die verlernt hat, mit unliebsamen Informationen umzugehen und im Endeffekt von den Netzwerken einfordert, sie mit der Realität zu verschonen. Lösungen präsentiert der Film nicht, liefert aber zahlreiche Diskussionsansätze und sensibilisiert für die Gefahren und Probleme der schönen neuen Netzwelt, die sich zynischerweise perfekt ins Gefälle zwischen reichen Industrienationen und ärmeren Entwicklungsländern einordnet, indem sie die anfallende Drecksarbeit hinter den Kulissen in Billiglohnländer auslagert.

Aufgrund seines inhaltlichen Anspruchs verliert dieser Film leider mitunter den Fokus auf die irgendwo zwischen Sittenwächter(inne)n, Zensor(inn)en und Verhinderern von Straftaten anzusiedelnden Netzreinigungskommandos, sodass diverse Fragen offenbleiben: Wie kommen sie an diese Jobs? Was haben sie gelernt, welche Qualifikationen müssen sie mitbringen, welche erhalten sie in welcher Form? Unabhängig davon stellt sich unweigerlich die Frage, welche negativen Begleiterscheinungen solche sozialen Netzwerke eigentlich mit sich bringen und welcher immense Aufwand in der Konsequenz anfällt – und ob man damit nicht eigentlich ein Monster geschaffen hat, dessen Gefahren, dessen Pflege und dessen permanente Überwachung den Nutzen längst in unzumutbarem Ausmaß übersteigen. Das ist ziemlich desillusionierend.

Als Kritik müssen sich die Filmemacher aber auch den Vorwurf gefallen lassen, unter Meinungsvielfalt fallende Beiträge nicht klar genug von menschenverachtenden Inhalten abzugrenzen, sodass der Eindruck entstehen könnte, die Beseitigung aus gutem Grund strafbarer Inhalte habe bereits etwas mit Zensur zu tun. Die spacige Cyber-Ästhetik der Dokumentation im Neo-Noir-Stil und ihre bisweilen fast schon manipulativ eingesetzte, von melancholisch bis dramatisch reichende musikalische Untermalung ist für eine sachliche Auseinandersetzung mit diesen Themen zudem etwas arg prätentiös.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 15. Okt 2019, 11:55

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Die Wiege des Schreckens

„Good luck with your kid, Maybe you won't have to shoot him.“

US-Regisseur Larry Cohens „It’s Alive“-Horrorfilme (dt.: „Die Wiege des Bösen“ und „Die Wiege des Satans“) aus den 1970ern um mutierte Monsterbabys sind zwar alles andere als perfekt, haben zeitweise aber durchaus Verstörungspotential und erfreuen sich unter Genre-Fans einer ungebrochenen Beliebtheit, sodass sie aus dem ‘70er-Horrorkanon nicht wegzudenken sind. Mit „Die Wiege des Schreckens“ folgte 1987, neun Jahre nach der ersten Fortsetzung, ein dritter Teil, ebenfalls unter der Regie Cohens.

Die Monsterbaby-Eltern Stephen (Michael Moriarty, „Stuff – Ein tödlicher Leckerbissen“) und Ellen Jarvis (Karen Black, „Landhaus der toten Seelen“) erstreiten vor Gericht, dass ihre Brut nicht getötet, sondern aus humanitären Gründen zusammen mit einigen anderen Exemplaren auf einer einsamen, abgeschotteten Insel ausgesetzt wird. Wen es dorthin verschlägt, ist natürlich gefundenes Mutantenfutter. Daher ist es sicherlich nicht die beste Idee der Regierung, nach fünf Jahren zusammen mit den Eltern eine Expedition auf ausgerechnet diese Insel zu unternehmen…

In diesem abschließenden Teil der zur Trilogie angewachsenen Reihe ist einiges anders: Die Insel verbreitet sommerliches Flair denn düstere, bedrohliche Stimmung, die Monsterbabys sind älter und somit größer geworden – zu den bekannten Stop-Motion-Effekten gesellen sich nun Kleinwüchsige in Kostümen – und ihre Opfer sind vornehmlich welche der unsympathischen, schurkischen Sorte, weshalb sie zu den heimlichen Helden des Films werden, statt weiterhin die Bedrohung darzustellen. Statt sich an einem ernsthaften, atmosphärisch stimmigen Horrorfilm zu versuchen, setzt Cohen auf trashigen Low-Budget-Charme mit viel Augenzwinkern.

Stärker als zuvor fokussiert Cohen die Stigmatisierung der Monsterbaby-Eltern, verhandelt diese gesellschaftlichen Fragen jedoch auf überspitzte, fast schon satirische Weise, um sie schließlich für ein Effektspektakel aus der Diskont-Ecke über Bord zu werfen. Auch die eigentliche Handlung läuft dem eher konträr, so zerfasert und inkohärent, wie sie dargereicht wird. Dadurch entsteht leider einiger dramaturgischer Leerlauf, der dem Film nicht guttut. Positiv für sich verbuchen kann er jedoch die eine oder andere angenehm krude Idee, und über Szenen eines Punk-Konzerts, auf dem eine Mädelsband auftritt, freue ich mich natürlich ebenso. Cohen-Stammmime Moriarty braucht sich nicht sonderlich zu verausgabe, wie so oft wirkt er ebenso leicht neben der Spur wie er es auch in der Realität tut.

Natürlich kommt es, wie es kommen muss und die Kreaturen geraten aufs Festland, um dort ihr Unwesen zu treiben. Der finale Clou, dass sie mittlerweile geschlechtsreif sind und sich ihrerseits vermehrt haben, ist nett und suggerierte eine Fortsetzung, die es jedoch nie gab. Das ist vielleicht auch gut so, denn bei allem Respekt: So ganz schien Cohen nicht in den 1980ern angekommen zu sein, sodass ihm ganz andere Kreaturenspektakel doch deutlich den Rang abliefen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 21. Okt 2019, 12:38

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Picknick am Valentinstag

„Wir unternehmen eine Vergnügungsfahrt, um uns auf Gnade und Ungnade giftigen Schlangen und Ameisen auszusetzen. Wie viel Torheit steckt doch in den Menschen…“

Der renommierte australische Filmemacher Peter Weir drehte nach „Die Killerautos von Paris“ seinen international be- und geachteten, in Genrefan-Kreisen mutmaßlich populärsten Spielfilm: Das Mystery-Drama „Picknick am Valentinstag“ basiert auf dem vermeintlich authentischen Roman der Schriftstellerin Joan Lindsay und kam 1975 in die Lichtspielhäuser, um sein Publikum nachhaltig zu beschäftigen.

„Wir werden nicht allzu lange wegbleiben!“

Im Jahre 1900 brechen am sonnigen Valentinstag die Schülerinnen des von der verwitweten Mrs. Appleyard (Rachel Roberts, „Mord im Orientexpress“) mit harter Hand geführten Mädcheninternats Appleyard College zusammen mit ihren Lehrerinnen Miss McCraw (Vivian Gray, „Libido“) und Mlle. de Poitiers (Helen Morse, „Stone“) zu einem Picknick am Felsmassiv Hanging Rocks auf. Dort hält sich auch der jugendliche Engländer Michael Fitzhubert (Dominic Guard, „Der Mittler“) zusammen mit Butler Albert (John Jarratt, „Montclare – Erbe des Grauens“) auf und beobachtet, wie die vier Mädchen Miranda (Anna-Louise Lambert, „Class of ‘74“), Marion (Jane Vallis), Irma (Karen Robson, „Paris“) und Edith (Christine Schuler) sich absetzen und auf einer Anhöhe zum Sonnen begeben. Dort fallen sie jedoch in Ohnmacht. Als sie wieder erwachen und sich Miranda, Marion und Irma plötzlich wie in Trance hinter einen Felsvorsprung begeben, versucht Edith noch erfolglos, ihre Mitschülerinnen zu rufen, bevor sie zurück zu den anderen läuft. Zusammen mit Miss McCraw bleiben die drei Mädchen auf unerklärliche Weise spurlos verschwunden. Sämtliche polizeilichen und privaten Suchaktionen laufen ins Leere. Michael beginnt, auf eigene Faust zu forschen, wird dabei verletzt, scheint jedoch einem der Mädchen begegnet zu sein. Tatsächlich findet Albert die bewusstlose Irma, wie Michael hat sie eine Wunde auf der Stirn davongetragen. Irma kann sich zur Enttäuschung ihrer Mitschülerinnen an nichts erinnern, ihre Freundinnen und Miss McCraw bleiben verschwunden. Presse und Gesellschaft sind jedoch aufgescheucht und nehmen das Internat ins Visier…

„Irgendwann wird das Rätsel gelöst werden!“

Was wie ein herrlicher Sommertag beginnt, den kaum etwas trüben kann und den Internatsschülerinnen die Möglichkeit bietet, ein kleines bisschen Freiheit zu genießen, nimmt also einen katastrophalen Verlauf. Unheilsboten mögen die stehengebliebenen Uhren oder auch eine seltsame Wolke gewesen sein, es bleibt jedoch nebulös. Monolithisch thront der rätselhafte Fels und zeigt keinerlei Bereitschaft, seine Geheimnisse preiszugeben. Ihm schließt sich Weir an, der den Moment des Verschwindens gruselig inszenierte, ansonsten aber die Erwartungshaltung, nach und nach aufzudecken, was genau geschehen ist, unerfüllt lässt. Stattdessen wirft er seinem Publikum immer mal wieder einige Köder, Spuren, Ansatzpunkte hin, um zum fröhlichen Miträtseln zu animieren und daraus eine ungemeine Spannung zu beziehen, sie jedoch auch alle im Sande verlaufen zu lassen. Nach seiner Übernachtung an den Hanging Rocks muss Michael paralysiert weggebracht werden. Gänsehaut verursachend drückt er Albert einen Stofffetzen von einem der Mädchen in die Hand, woraufhin Irma gefunden wird – ohne Licht ins Dunkel bringen zu können. Hat Mrs. Appleyard etwas damit zu tun? Oder ihre verhasste Schülerin Sara (Margaret Nelson, „Fandango“), die eine besondere Bindung zu Miranda zu haben scheint? Weshalb blieben die Uhren stehen? Gibt eine Art starken Felsmagnetismus, übernatürliche oder außerirdische Phänomene oder spielt gar ein Vergewaltiger oder Mörder eine Rolle?

Man wird es nicht erfahren. Eine Texttafel berichtet zu Beginn nüchtern von den angeblich realen Ereignissen und entlässt in eine der wenigen Schauergeschichten, die bei strahlendem Sonnenschein spielen. Weir fängt wunderschöne Bilder von Flora, Fauna und Ambiente ein, inszeniert jedoch zugleich die Natur als stillen, geheimnisvollen, überlegenen Feind. Damit erinnert der Film ein wenig an die drei Jahre später veröffentlichte, ebenfalls australische Produktion „Long Weekend“, was mutmaßen lässt, dass es sich dabei um etwas typisch Australisches, möglicherweise aufgrund der extremen äußeren Bedingungen, handelt. Weirs Erzählstil ist betörend ruhig, hypnotisch und melancholisch. Interessant ist, wie Weir der Versuchung widersteht, eine erotische Komponente einzubringen, obwohl eine sexuelle Anspannung permanent wahrnehmbar ist. Diese kann dann auch als Schlüssel für eine oder mehrere metaphorische Lesarten dienen, für Interpretationen von sexueller Unterdrückung, daraus resultierenden Befreiungsversuchen, Jungfräulichkeit versus körperliches Erwachen, den Konflikt zwischen natürlich und menschgemachten Machtstrukturen oder den Kontrast zwischen rückwärtsgewandter Moral und aufblühendem Leben.

Ganz gleich, ob man dem Phänomen der verschwundenen (und zum Teil wiederaufgetauchten) Mädchen mit detektivischem Spürsinn oder interpretatorischen Abstrahierungen beizukommen versucht, „Picknick am Valentinstag“ wirkt aufgrund seines offenen Endes lange nach. Wie das Rätsel ums Bermuda-Dreieck bleibt auch das der Hanging Rocks ungelöst, fasziniert jedoch mit seiner unheimlichen, aber ungreifbaren Bedrohung, verstärkt durch die hochgradig atmosphärische musikalische Untermalung Bruce Smeatons mit ihren dramatischen Synthesizer- und Streicherklängen, ihren Klaviertönen und nicht zuletzt Gheorghe Zamfirs Panflötenspiel. Weirs Film ist einlullend, benebelnd und traumwandlerisch sowie hirnzermarternd und zu eigenen Überlegungen provozierend zugleich, fordert jedoch die Bereitschaft ein, sich ganz auf ihn einzulassen und – gerade heutzutage – mit konventionellen Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen zu brechen. Wer nun also den Korb packt und zum Picknick im lauschigen Hinterland aufbricht, kann sich ja eine posthum veröffentlichte Romanausgabe mitnehmen, in der das ursprüngliche Ende, seinerzeit für das Buch gestrichen, wieder angefügt wurde. Man kann es aber auch sein lassen und sich stattdessen, wie es so viele Fans des Films taten, seine eigenen Erklärungen herleiten – oder einfach ein ungelöstes, irrationales Rätsel akzeptieren.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 21. Okt 2019, 22:56

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Mothman – Die Rückkehr

„Wenn du heute Nacht hier draußen mit uns rumhängen willst, solltest du besser die Wahrheit wissen!“ – „Die Wahrheit über was...?“ – „Den Mothman!“

US-Regisseur Sheldon Wilson („Shallow Ground”) drehte für den US-TV-Sender „SyFy“ diesen sich an die Mythologie um den Mothman anlehnende, sich ansonsten aber beim „Ich weiß, ich was du letzten Sommer getan hast“-Rezept bedienenden Horrorfilm, der 2010 erstausgestrahlt wurde.

„Du hättest nicht zurückkommen sollen, Kathrin!“

Als der junge Jamie durch einen dummen Streich und die Unachtsamkeit seiner Begleiter(innen) in einem See ertrinkt, vertuschen sein verantwortlicher Bruder und dessen mitschuldige Freundinnen und Freunde den Vorfall. Als Katharine (Jewel Staite, „The Tribe – Die vergessene Brut“), eine der Mitwisserinnen, zum zehnten Jahrestag des Todesfalls nach Point Pleasant in West Virginia zurückkehrt, rückt der Mothman, eine mottenartige Sagengestalt, aus, um die Verschwörer zu jagen…

„Es gibt etwas Böses in Point Pleasant!“

Der Prolog zeigt Jamies Ableben und die Verschwörung der Clique; die eigentliche Handlung setzt zehn Jahre später ein, als Katharine als Reporterin notgedrungen in ihre alte Heimat zurückmuss. Damit ruft sie den Mothman auf den Plan, der sich freut, weil er die Verschwörer komplett vorfinden muss, um seinen Racheplan zu vollziehen. Der Mothman erscheint zunächst als mieser CGI-Spuk in Spiegeln und auf ähnlich reflektierenden Flächen und fungiert als Rächer aus dem Jenseits, indem er einen nach dem anderen killt, wobei sich echte Schreckmomente mit False Scares die Klinke in die Hand geben. Ein alter wissender, aber blinder Warner erzählt in einer Rückblende die visualisierte Hintergrundgeschichte um ein Massaker an Indianern und einen grausamen Mord am Häuptling, womit er eine neue Mythologie um den Flattermann erspinnt. Dieser kriecht sogar aus der Glotze wie dereinst Samara und verrichtet sein Werk weitestgehend unblutig, bis zu einem späteren Zeitpunkt doch noch etwas stärker von der roten Ersatzflüssigkeit Gebrauch gemacht wird. Eine weitere Rückblende erklärt, weshalb das Mottenvieh auch hinter dem Blinden her ist, welcher übrigens ein Verbannungsritual empfiehlt. Mothi allerdings wird von einer Spukerscheinung zu einer physikalischen Kreatur, Zeuge einer dämlichen Wendung und mischt am Schluss sogar noch ein Stadtfest auf.

„Verdammtes Ungeziefer!“

Wäre es Wilson gelungen, aus der Mothman/Slasher-Melange einen halbwegs gut unterhaltenden Horrorstreifen zu machen, hätte ich mich nicht einmal darüber beschwert, dass er frecherweise auch als Fortsetzung zu Mark Pellingtons „The Mothman Prophecies“ vermarktet wird, die er ausdrücklich nicht ist. Leider handelt es sich jedoch um eine Fließbandproduktion nach Schema F, der es an Seele und Magie mangelt. Weder Spannung noch eine wirklich bedrohliche Stimmung vermag Wilson zu erzeugen und auch als Creature Feature ist er ein einziger Reinfall, zu lachhaft ist das Creature Design ausgefallen. So bleibt ein weiterer Schrottfilm aus der TV-Film-Massenproduktion mit austauschbaren Darsteller(inne)n für vollkommen Anspruchslose, der ärgerlicherweise hierzulande fürs Heimkino aufbereitet wurde und auf dem Cover mit blumigen Worten für sich wirbt, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um eine US-TV-Billignummer handelt. Am aufsehenerregendsten ist da noch der Alternative-Rock-Song im Abspann...
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 23. Okt 2019, 08:26

Tatort: Murot und das Murmeltier

„Geiselnehmer – kennste einen, kennste alle!“

Auch der siebte Wiesbadener „Tatort“ um Ulrich Tukur in seiner Rolle als LKA-Ermittler Felix Murot wurde zum Anlass genommen, klassische TV-Krimi-Sujets zu durchbrechen und sich stärker der Filmkunst zu widmen: „Murot und das Murmeltier“, geschrieben und inszeniert von Dietrich Brüggemann (nach „Stau“ sein zweiter „Tatort“), ist eine Hommage an die turbulente US-Zeitschleifenkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus dem Jahre 1993. Die Mystery-Krimikomödie wurde bereits 2017 gedreht und am 30.08.2018 auf dem Festival des deutschen Films uraufgeführt. Die TV-Erstausstrahlung erfolgte erst am 17.09.2019. Neben dem Drehbuch stammen auch die vom Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks eingespielten Kompositionen von Brüggemann.

„‘n Kaffee, ‘n Tee, ‘n Schnaps und ‘n Croissant!“

Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) klingelt Murot frühmorgens aus dem Bett: Ein Geiselnehmer (Christian Ehrich, „3 Zimmer/Küche/Bad“) hat sich zusammen mit seiner Komplizin (Nadine Dubois, „Tschick“) in einer Taunusbank-Filiale verschanzt und die Bankangestellten als Geiseln genommen. Vor Ort lässt sich Murot von Wächter sowie den Einsatzkräften Dreher (Tom Lass, „Tatort: Auf einen Schlag“), Brendel (Jörg Bundschuh, „Tatort: Verschleppt“) und Schreiner (Monika Anna Wojtyllo, „Alki Alki“) auf den aktuellen Stand bringen: Die Überwachungskameras wurden abgeklebt, konkrete Einblicke in die Situation in der Filiale gibt es nicht. Der Geiselnehmer beginnt, mittels Papierfliegern mit der Polizei zu kommunizieren. Murot entschließt sich, mit schusssicherer Weste ausgestattet die Bank zu betreten und die Kriminellen zur Aufgabe zu überreden. Doch als die Situation bereits bereinigt scheint, erschießt die Gangsterin Murot. Wieder ist es sein Mobilfon-Klingelton, der Murot aus dem Schlaf reißt: Wächter zitiert ihn zur Taunusbank-Filiale, wo gerade eine Geiselnahme stattfindet…

„Murot, Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Der Kommissar ist krank, ich mach‘ hier heute Vertretung.“

Fast schon arrogant mein Murot von vornherein, bereits alles über den bzw. die Täter zu wissen. Wie unspektakulär die Geiselnahme scheinbar beendet wird, ist in der Tat beeindruckend, doch Hochmut kommt vor dem Fall. Murots Tod ist ein erster Schreckmoment, der jedoch keine Auswirkungen hat: Erneut begegnet Murot seiner joggenden Nachbarin mit dem offenen Schnürsenkel (Katharina Schlothauer, „Gut zu Vögeln“) im Hausflur, ärgert er sich über die laute Musik seines direkten Nachbarn (Daniel Zillmann, „Ich und Kaminski“), trifft er auf der Straße eine junge Mutter (Anna Brüggemann, „Kleinruppin Forever“) mit ihrem schimpfenden kleinen Sohn (Jakob Stöve) und reagiert er genervt auf die Windschutzscheibenputzerin (Desiree Klaeukens, „Heil“), die ihm an einer Ampel ungefragt ihre Dienstleistung aufzwingt. Willkommen in der Zeitschleife!

„Es gibt da ja noch diesen Banküberfall…“

Doch die Abläufe variieren, insbesondere die Interaktion mit dem offenbar verwirrten Bankräuber – wenngleich jeder Versuch der unblutigen Beendigung der Geiselnahme mit Murots Tod endet. Nach und nach realisiert Murot, dass er ein Gefangener der Zeit ist – und nicht nur er, sondern auch sein Antagonist Stefan Gieseking, dessen Namen er ebenso wie den der Mittäterin, Nadja Eschenbach, recherchieren konnte, da er seine Erinnerungen an die Ereignisse behält. Dass er also mit seinem Schicksal nicht allein ist, gar überhaupt erst in die Zeitschleife gerät, weil ein anderer in ihr gefangen ist, ist neben dem kriminalistischen statt romantischen Umfeld die größte Variation gegenüber dem Hollywood-Vorbild, die zu Dialogen existentiellen und philosophischen Inhalts führt: Wie lebenswert ist ein Leben in Alltagstrott und Monotonie? Ist nicht ohnehin jeder Tag derselbe und somit sinnlos? Ein Schelm, wer dabei gedanklich einen Bezug zur „Tatort“-Reihe herstellt: Verläuft nicht auch diese viel zu häufig nach Schema F? Geht es ihr nicht generell vornehmlich um die Variation des ewig Gleichen?

Nun wird „Murot und das Murmeltier“ allerdings keinesfalls eine verkopfte, desillusorisch depressive Angelegenheit. Dafür sorgt allein schon der Humor, der sich ebenfalls an seinem Vorbild orientiert: Nachdem Murot sich sicher sein kann, dass er auch im Falle seines Ablebens denselben Tag erneut erleben wird, beginnt er zu experimentieren, lässt sich zu Albernheiten hinreißen, tritt im Schlafanzug den Dienst an, malträtiert seinen Nachbarn und erschießt ihn unabsichtlich, begeht kurzerhand Suizid, nachdem er sich versehentlich aus der Wohnung ausgeschlossen hat. Murot treibt diese Spielchen in seiner Mischung aus Verzweiflung und Ernüchterung schließlich sogar bis zur Täter-Opfer-Umkehr. All diese Episoden sind von unterschiedlicher Länge, was zu ihrer Unvorhersehbarkeit beiträgt, welche den „Fall“ wiederum bis zum Ende spannend und schwer unterhaltsam hält.

Eine überraschende Wendung im letzten Drittel führt endlich zu einem erfolgversprechenden Anknüpfpunkt für Murot, dem der lebensmüde Gieseking schon vor Monaten das Du angeboten haben will. Dies animiert noch einmal das Logikverständnis des Publikums: Man war als Zuschauer(in) demnach nicht bei der ersten Begegnung beider zugegen, sondern erst ab der ersten Wiederholung, an die Murot sich erinnern kann, ab der er selbst Teil der bewusst wahrgenommenen Zeitschleife wurde. Aber auch unabhängig von diesen Logikspielchen ist „Murot und das Murmeltier“ eine erfrischende Ehrerbietung an „Und täglich grüßt das Murmeltier“ sowie eine gelungene, teils bissige und schwarzhumorige Variation, die auch ohne Kenntnis der Vorlage bestens funktioniert – was auch dem bis in die Nebenrollen hinein enorm spielfreudigen Ensemble geschuldet ist.
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