bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 7. Nov 2018, 09:02

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Vincent will Meer

„Ich hab' 'n Clown im Kopf, der mir ständig zwischen die Synapsen scheißt!“

Zwischen „Putzfrau Undercover“ und seinem ersten Beitrag zur TV-Krimireihe „Kommissarin Lucas“ drehte der deutsche Regisseur Ralf Huettner („Der Fluch“, „Voll normaaal“) die Roadmovie-Tragikomödie „Vincent will Meer“, die es 2010 in die Kinos schaffte. Das Drehbuch stammt von Hauptdarsteller Florian David Fitz.

Der 27-jährige Vincent ist der Sohn eines hochrangigen Politikers (Heino Ferch, „Spiel um dein Leben“) – und am Tourette-Syndrom erkrankt. Nach dem Tod seiner Mutter liefert ihn sein Vater in eine psychiatrische Klinik ein, wo er nicht lange bleibt: Zusammen mit der magersüchtigen Marie (Karoline Herfurth, „Crazy“) und dem unter einem Ordnungs- und Reinlichkeitsfimmel leidenden Zwangsneurotiker Alex (Johannes Allmayer, „Stages“) flieht er im Auto der Klinikleiterin Dr. Rose (Katharina Müller-Elmau, „Sex oder Liebe?“) aus der Anstalt. Sie wollen an die italienische Küste, wo Vincent die Asche seiner Mutter, deren letzter Wunsch es war, noch einmal das Meer zu sehen, verstreuen möchte. Vincents Vater ist ihnen zusammen mit Dr. Rose auf den Fersen, und dass sich Vincent in Marie verliebt und beide etwas miteinander anfangen, führt zu Konflikten innerhalb des flüchtigen Trios – während Dr. Rose und Vincents Vater zunehmend Verständnis füreinander entwickeln…

„Vincent will Meer“ bezieht seinen Humor weit weniger aus Vincents Tourette als erwartet oder vielmehr befürchtet. Stattdessen ist die Komik des Films mit voranschreitender Laufzeit zunehmend subtil bzw. der Unterschiedlichkeit der drei „Klapskallis“ geschuldet, und hat man sich erst einmal an die Ticks und Macken des Trios gewöhnt, droht die Tragik wieder Überhand zu nehmen, der man jedoch mit Kampfeswille, Durchhaltevermögen und Lebenswut die Stirn bietet. Dass Alex eigentlich ein Entführungsopfer ist, das drohte, die Pläne Vincents und Maries zu verraten und nur deshalb selbst zum unfreiwillig Ausbüchsenden wurde, trägt viel zur Situationskomik bei. Als Zuschauerin oder Zuschauer fiebert man schnell mit den drei Kranken mit, fürchtet – etwas Lebenserfahrung vorausgesetzt – jedoch bald, ähnlich wie Alex, dass die Romanze zwischen Vincent und Marie kein gutes Ende nimmt (wenngleich man natürlich das Gegenteil hofft). Fitz und Huettner verweigern sich jedoch dankenswerterweise jeglicher allzu naiver Entwicklungen, die aus „Vincent will Meer“ einen reinen Wohlfühlfilm machen würden. Sie lassen ihre Figuren Erfahrungen machen, positive wie schmerzhafte, geben die Parole aus, gefälligst auch Menschen mit derartigen Einschränkungen und Herausforderungen ernstzunehmen und ihnen den Respekt entgegenzubringen, der jedem Individuum zustehen sollte, und greifen vor allem eines auf: Emanzipation. Die Emanzipation von seinen Eltern und ihren Erwartungen, die Emanzipation von einer einem mit Unverständnis oder Ablehnung begegnenden Gesellschaft sowie die Emanzipation von seiner Krankheit – was sich als der schwierigste Teil entpuppt.

Huettners sympathischer Roadmovie fängt die monolithischen Alpen, die es zu überwinden gilt, und weitere Landschaftspanoramen atemberaubend ein, während ein zeitgenössischer Pop-Rock-Soundtrack die musikalische Untermalung liefert. Das Ende wurde eher offengehalten, ein klassisches Happy End wäre unpassend gewesen. So vermittelt „Vincent will Meer“ nicht zuletzt das Gefühl, zwar nicht jedem Menschen helfen, aber trotzdem zumindest eine gute Zeit mit ihm verbringen zu können. Das ist sehr gelungenes, kitschfreies und klischeearmes, rebellisches Gefühlskino aus deutschen Landen. Und Allmayer sieht aus wie ein junger Markus Majowski...
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 19. Nov 2018, 15:09

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Hospital der sexy Schwestern

„Her mit der Pille, Kinder gibt’s zu viele!“

Nachdem sich der umtriebige Italo-Genre-Filmer Joe D’Amato mit Filmen wie „Foltergarten der Sinnlichkeit“, „Nackte Eva“ oder „Black Emanuelle – 2. Teil“ einen Namen im Erotikbereich machen konnte, bediente er mit seinem laut IMDb am 11.02.1977 veröffentlichten „Hospital der sexy Schwestern“ alias „Mit der Pille umso toller“ die Commedia sexy all’italiana, also die wenig anspruchsvollen italienischen Erotik-/Softsex-Komödie.

„Legen Sie sich hin, ich schau mal rein!“

Gynäkologe Dr. Franco Giovanardi (Renzo Montagnani, „Zum Teufel mit der Jungfernschaft“) soll Guido Lo Bianco (Massimo Serrato, „Sartana kommt“) in dessen Frauenarztpraxis vertreten, während dieser sich aufgrund unlauterer Geschäfte im Ausland dem Zugriff der Justiz entzieht. Prompt sieht sich der arglose Giovanardi mit seit Verfügbarkeit der Antibabypille wolllüstigen Mädchen und Damen konfrontiert, die es kaum erwarten können, sich mittels seiner Fleischsonde untersuchen zu lassen…

„Das gehört doch alles zu meinem Beruf!“

Ein Frauenarzt, der es ausschließlich mit mehr oder weniger attraktiven, vor allem aber kerngesunden und sexhungrigen Angehörigen des weiblichen Geschlechts zu tun bekommt, sich ihrer kaum erwehren kann und schließlich den lieben langen Tag in den Praxis dem Beischlaf frönt – das ist so abgeschmackt, stumpfsinnig und gleichzeitig naheliegend, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sich Filmemacher finden würden, die diese pubertäre, den gynäkologischen Beruf ignorant verkennende Phantasie aufgreifen und kommerziell im Rahmen der im Erscheinungsjahr dieses Films seit ungefähr einem Jahrzehnt bestehenden neuen filmischen Freizügigkeit auszuschlachten versuchen. D’Amato, der sich im Verlaufe seiner Karriere nur für wenig zu schade war, verfasste zusammen mit Tito Carpi das übersichtliche Drehbuch und verpasste seiner Hauptrolle den Namen einer Romanfigur Gabriele D’Annunzios, mit der sie jedoch lediglich den Beruf gemein hat.

„Ist sie nicht ein Geschenk an die Männer?“

Als Ursache der entfesselten weiblichen Sexgier macht man also die durch die Pille ermöglichte Schwangerschaftsverhütung aus; im Exposé sehen wir eine Gruppe aufgebrachter Frauen, die mit markigen Parolen lauthals für jene Verhütungsform demonstrieren. Nach Einführung der Figuren und der Zustimmung des anfänglich so skeptischen (und verheirateten!) Giovanardi finden wir uns alsbald im Praxisalltag wieder, der zunehmend von nackten Tatsachen und Mädchen/Frauen bestimmt ist, für die es offenbar selbstverständlich ist, bei libidinösen Gefühlsregungen den schnauzbärtigen, etwas rundlichen Arzt mittleren Alters aufzusuchen, um sich von ihm befriedigen zu lassen. Die Absurdität dieser Handlung hielt man offenbar für noch nicht humoristisch genug und erweiterte sie daher um eher müden Slapstick und zumindest hin und wieder funktionierende Situationskomik. Das Ergebnis ist eine alberne, klamaukige Nackedei-Revue, in der sich zahlreiche ansehnliche Darstellerinnen aus der zweiten Reihe ein Stelldichein geben. Aufgrund der Schlagfolge wäre es gelogen, D’Amatos Film nicht einen gewissen Unterhaltungswert zu attestieren – zumindest für ein Publikum, das sich an hochgradig naiven Vertretern freizügiger Komödien der 1970er und ihren zeigefreudigen Protagonistinnen erfreuen kann.

Dem Versuch, „Ill ginecologo della mutua“ als überzeichnete Satire auf die spießbürgerliche Furcht vor durch die Pille plötzlich sexuell freidrehenden Frauen schönzureden, widerstehe ich, denn das wäre wohl viel zu hochgegriffen. Eine solch naive Vorstellung der Folgen weiblicher Schwangerschaftsverhütung scheint mir dieser Film vielmehr in peinlich sexistischer Weise realsatirisch aufzugreifen und mit fragwürdigen Altherrenphantasien sowie einer vermeintlichen Opferrolle bemitleidenswerter Herren, die gewissermaßen zum multiplen Ehebruch gezwungen werden, zu verquicken. Das ist zweifelsohne zielgruppengerecht, jedoch derart einge- und beschränkt, dass es die Möglichkeiten des Erotik-Genres wohlfeil zugunsten einer hanebüchenen Einseitigkeit und Flachheit aufgibt – was schade ist, da D’Amato zuvor bereits bewiesen hat, dass er ganz anders kann. Kurzum: Für einen D’Amato ist „Hospital der sexy Schwestern“ enttäuschend konventionell.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 3. Dez 2018, 18:47

Tatort: Unter Brüdern

„Das entwickelt sich zum Sex-Tourismus!“

Das deutsche Wendejahr 1990: Die SED-Herrschaft ist beendet, die Grenzen offen, positive (letztlich leider reichlich naive) Aufbruchstimmung greift um sich, neue Freiheiten werden genossen und genutzt. Dazu zählt auch dieses Novum deutscher Fernsehgeschichte, ein Crossover aus den Duisburger „Tatorten“ um die Kommissare Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) und dem DDR-Pendant, der Krimireihe „Polizeiruf 110“ um das Kommissarenduo Fuchs (Peter Borgelt) und Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) . Die Erstausstrahlung dieser deutsch-deutschen Koproduktion erfolgte am 28.10.1990 und sollte das Zusammenwachsen beider Staaten anhand einer Kooperation der Kommissare symbolisieren. Das Drehbuch ist ein Gemeinschaftsprodukt des Ostdeutschen Helmut Krätzig und des Westdeutschen Veith von Fürstenberg; die Regie führte Krätzig, der zuvor bereits für zahlreiche „Polizeiruf 110“-Episoden verantwortlich zeichnete.

Eine unbekleidete Männerleiche im Duisburger Binnenhafen entpuppt sich als Stasi-Offizier, woraufhin die Kripo Duisburg DDR-Amtshilfe erbittet. Grawe und Fuchs sind gerade einer Stasi-Verwicklung in illegalen Kunsthandel auf der Spur und vermuten einen Zusammenhang. Sie reisen nach Duisburg, wo sie von der Kripo herzlich empfangen werden und man gemeinsam tiefer ins Kunsthandelsmillieu einzusteigen versucht. Die Ermittlungen führen sie nach Ost-Berlin, man lernt undurchsichtige und windige Gestalten kennen und begibt sich umso stärker in Gefahr, je mehr man Licht ins Dunkel bringt…

Nach einem kombinierten „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Vorspann lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer ein Auffanglager für DDR-Emigranten von innen kennen – und trinkfreudige Beamte: Als Kommissar Fuchs in Duisburg aus der Bahn steigt, ist er volltrunken. Doch damit nicht genug: Als erste Amtshandlung besucht man zu viert zunächst einmal exakt den „Saunaclub“, den Schimmi kurz zuvor ausgehoben hat, und lässt es sich gutgehen. Später muss Schimmi seinen geliebten Mantel gegen einen Anzug eintauschen und sich als reicher Schnösel verkleiden, wodurch er selbst wie ein Zuhälter aussieht. Herr Dörfler (Ulrich Thein, „Fünf Patronenhülsen“) von der LPG füllt Thanner ab und besorgt beiden Duisburgern Prostituierte. Sodom & Gomorrha bei der Polizei! Diese Spezialausgabe beider Krimireihen gibt sich recht komödiantisch, die Dialoge sind köstlich, der eigentliche Fall hingegen etwas undurchsichtig. Vor allem aber handelt es sich um einen Abgesang auf die Stasi, von der so gut wie jeder in der DDR seinerzeit die Schnauze gestrichen voll hatte und deren Machtmissbrauch abseits von Bespitzelungen u.ä. illustriert wird. Diverse DDR-Klischees werden aufgegriffen und thematisiert, manche dabei widerlegt, andere bestätigt.

Nachdem der Fall gelöst wurde, saufen einmal mehr alle miteinander – als feiere man nicht nur die Lösung und die gelungene Zusammenarbeit, sondern noch immer den Sieg über SED und Stasi. Diese Stimmung vermittelt diese schwer unterhaltsame und TV-historisch hochinteressante Kollaboration und erinnert mich damit an eine spannende Zeit, die letzte, bevor die ‘80er ad acta gelegt wurden, die Hoffnungen, die die Menschen mit der Wiedervereinigung verbanden, vielerorts wie Seifenblasen zerplatzten und sich Kapitalismus, Rechtsextremismus und Gewalt endgültig bahnbrachen. Klaus Lages drittes „Tatort“-Titellied „Hand in Hand“ beschwört eine Solidarität, der sich schließlich leider als allererstes entledigt wurde. „Unter Brüdern“ ist ein aufschlussreiches Zeitdokument mit Symbol- und Strahlkraft – und auch unabhängig davon ein trotz seines etwas zu verschachtelten Falls ein außergewöhnlicher, prima gelungener TV-Krimi mit sympathischem Humor und nur allzu menschlichen Ermittlern. 7,5 von10 gestohlenen Gemälden dafür!
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 5. Dez 2018, 18:31

Tatort: Treibjagd

„Internet ist nur für Spacken!“

Der elfte Fall des Kriminalhauptkommissars Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und der fünfte der Oberkommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) wurde im Frühjahr 2018 in Hamburg gedreht und im November desselben Jahres erstausgestrahlt. Die Drehbuchautoren sind Benjamin Hessler und Florian Öller, die Regie übernahm Serienregisseurin Samira Radsi, die kurz zuvor mit dem „Tatort: Schlangengrube“ innerhalb der Reihe debütiert hatte.

Hamburg-Neugraben, zu Teilen ländliches, bürgerliches Randgebiet im Süden, zu Teilen Migrantenhochburg, wird von einer Einbruchsserie heimgesucht. Widerstand bildet sich, die Bevölkerung will das Gesetz in eigene Hände nehmen. Julia Grosz und Thorsten Falke sollen vor Ort Präsenz zeigen und die Situation beruhigen, können jedoch nicht verhindern, dass eines Nachts ein Einbrecher (Tilman Pörzgen, „Abschussfahrt“) von Hausbesitzer Kranzbühler (Jörg Pose, „Einer trage des anderen Last…“) erschossen wird. Dass man gegen den Notwehr beteuernden Schützen zu ermitteln beginnt, bringt die Bürgerwehr erst recht auf Zinne…

Schnell stellt sich heraus, dass der Tote, der vorher beim Vögeln mit seiner Freundin (Michelle Barthel, „Der zehnte Sommer“) im Auto gezeigt wurde, mitnichten in Notwehr erschossen wurde. Kranzbühler hatte sich von den markigen Worten der Bürgerwehr beeinflussen lassen und wollte ein Zeichen setzen. Sichtlich irritiert und erst im Nachhinein die Tragweite seiner Tat erkennend, lässt er sich von seinem Bruder (Andreas Lust, „Schwarzfahrer“) helfen, der ihn deckt. Jedoch: Es gab einen zweiten Einbrecher, die Freundin des Erschossenen. Auch auf diese wurde gefeuert. Verletzt versteckt sie sich im Wald, auf der Flucht sowohl vor der Bürgerwehr, die in ihr eine unliebsame Zeugin sehen, als auch vor der Polizei.

Falkes und Grosz‘ Fall orientiert sich stark an realen Fällen, in denen in Hamburg bzw. im Hamburger Umland Hausbesitzer junge Einbrecher erschossen, z.B. einen fliehenden in den Rücken. Wahr ist auch, dass gewisse Gegenden stark von Diebesbanden frequentiert werden und sich die Anwohner mehr Schutz wünschen. Wohin es führen kann, wenn sich diese alleingelassen fühlen, illustriert dieser „Tatort“, in der die Bürger zur Selbstjustiz greifen und dabei im wahrsten Sinne des Wortes übers Ziel hinausschießen. Parallel zu ihren handfesten Aktivitäten betreibt man ein soziales Netzwerk im World Wide Web, in dem man sich gegenseitig aufputscht und die Polizei verhöhnt – was Konsequenzen in der nichtvirtuellen Welt nach sich zieht, beispielsweise wenn Falkes Sohn auf der Straße bedroht wird. Jenes Bürgerforum wird mit seinen Beiträgen und Likes auf die Kamerabilder gelegt, wie man es auch aus anderen zeitgenössischen TV-Produktionen kennt. Damit sprechen die Autoren diesem und ähnlichen Phänomenen Relevanz zu, statt sie als Internetgequatsche abzutun und damit zu verharmlosen – was Falke anzunehmen schwerfällt, wie sein obiges Zitat beweist.

Dennoch werden die „Wutbürger“ nicht pauschal verteufelt, in vielerlei Hinsicht bringt man Verständnis für sie auf. Dieses für die Diebestouren der jungen Bulgaren zu entwickeln, dürfte den Zuschauerinnen und Zuschauern wesentlich schwerer fallen, dafür schlägt man sich jedoch auf ihre Seite, wenn es um Leib und Leben geht. Wie sich Maya verletzt durchs Unterholz schlägt, transportiert diese besondere juvenile Mischung aus Schwermut und Kampfeswille. Die Kamera fängt dabei bemerkenswerte Bilder einer eher untypischen Gegend der Hansestadt ein. Mit dem Verzicht aufs Whodunit? und starker Fokussierung auf die Bürgerwehr inszenierte man „Treibjagd“ eher in Thriller- denn gewohnter TV-Krimi-Manier und landet schließlich im tragischen Drama, wenn am Ende ein weiteres Opfer hinzukommt und gleich mehrere Leben verpfuscht sind. Ein Fatalismus, der in seiner Konsequenz überrascht und nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Woran es diesem über weite Strecken gut gelungenem „Tatort“ mangelt, sind nachhaltige Lösungsangebote an die einbruchsgeplagten Stadtbewohner. Dafür überzeugt er mit seiner differenzierten Darstellung beider bzw. inkl. Polizei aller drei Parteien – was mehr ist, als man von vielen sich Stereotypen bedienender Produktionen erwarten darf.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 9. Dez 2018, 16:15

Tatort: Wir kriegen euch alle

Batic/Leitmayr (Miroslav Nemec/Udo Wachtveitl) und kein Ende: Der 80. Fall des Münchener Ermittlerduos entstand unter der Regie Sven Bohses – nach „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ sein zweiter Beitrag zur Krimireihe – nach einem Drehbuch Michael Proehls und Michael Comtesses und wurde am ersten Advent 2018 erstausgestrahlt. Achtung: Diese Kritik enthält Spoiler.

Die Kommissare sehen sich mit einem grausamen Verbrechen konfrontiert: Die Eltern der kleinen Lena (Romy Seitz) wurden in ihrer Villa ermordet und verstümmelt. Dem Vater wurden die Genitalien abgetrennt und mit Blut die Drohung „Wir kriegen euch alle“ an die Wand geschrieben. Lena wiederum war betäubt und in den Garten gesetzt worden. Diese hatte, wie auch die Bilder der Überwachungskamera belegen, einem Mann im Weihnachtsmannkostüm nachts die Tür geöffnet, nachdem sie jemand über ihre sprechende Smart-Puppe Senta darum gebeten hatte. Lenas Vater stand im Verdacht, seine Tochter zu missbrauchen, ihre Mutter, tatenlos zuzusehen. Die Ermittlungen führen deshalb zunächst zu einer Selbsthilfegruppe für männliche Missbrauchsopfer, in die sich Batic unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einschleust. Zum engsten Kreis Verdächtiger zählt schnell das erwachsene Missbrauchsopfer Hasko (Leonard Carow, „Kaltfront“), dem die Kripo nun auf die Pelle rückt. Jedoch bestehen berechtigte Zweifel, dass er der alleinige Täter ist…

Früher gruselte man sich vor sprechenden, allzu menschlichen Puppen, heute holen sich Kinder respektive deren Eltern solche Exemplare in Form moderner Superwanzen, die die Gespräche der Kinder mit ihnen „in der Cloud“ speichern und die zudem derart hackbar sind, dass Dritte die Kommunikation steuern können, freiwillig ins Haus. U.a. vor dem allzu laxen Umgang mit derartigen Gadgets möchte dieser „Tatort“ warnen, wobei der Verkauf solcher Puppen in Deutschland mittlerweile untersagt ist. Das wissen auch die Täter dieser Episode und lassen sich die Geräte aus Österreich importieren. Mit seinem Weihnachtsmann-Motiv passt dieser Fall gut zum ersten Advent, sollte man meinen. Er spielt jedoch in der warmen Jahreszeit, dennoch scheint sich keines der Kinder über den Besuch des Weihnachtsmanns zu wundern. Das „Tatort“-Publikum umso mehr, das zumindest die in bester Horrormanier inszenierten Sequenzen um Sprechpuppe und nächtlichen Mörderbesuch genießen und wohligen Schauer empfinden darf.

Parallel lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer eine weitere vermögende Familie kennen, deren jüngster Spross (Lilly Walleshauser) mutmaßlich vom Familienoberhaupt (Stephan Schad, „Die Lüge“) missbraucht wird. Der über seinen bzw. mit seinem Sohn Louis im jungen Erwachsenenalter (Jannik Schümann, „Homevideo“) höchst abfällig redende Karrierist wird als echter Kotzbrocken charakterisiert, dem man alles zutraut. Den Lebenswandel seines Filius empfindet er als Familienschande und als dieser bekanntgibt, das ostasiatische Au-Pair-Mädchen Maggie (Yun Huang) ehelichen zu wollen, ist endgültig der Ofen aus. Abseits dieses Erzählstrangs verhält sich der verdächtige Hasko reichlich (und unrealistisch) dumm, wenn er erahnt, dass er in einer U-Bahn-Station observiert und verfolgt wird, jedoch eine abonnierte Zeitschrift samt Adressaufkleber im öffentlichen Mülleimer entsorgt. Die Bayernbullen wiederum überschreiten ihre Kompetenzen, dringen ohne Genehmigung in fremde Wohnungen ein, schlagen um sich und sperren einen Klaustrophobiker in eine Zelle, bis dieser sich in Panik den Kopf aufschlägt – jeweils ohne, dass das Drehbuch die Polizeigewalt problematisieren würde. Da mutet es beinahe wie eine sicherheitswahrende Maßnahme an, wenn Batic in einen Keller gesperrt und damit eine Zeit lang außer Gefecht gesetzt wird.

Anstatt zu Selbstjustiz motivierendem Versagen von Prävention, Kinder-/Jugendschutz und Justiz zu thematisieren oder auch es schlicht bei dieser Konstellation zu belassen, die Täter zu überführen und gleichzeitig das nächste Kind vor weiterem Missbrauch zu bewahren, schlägt das Drehbuch Kapriolen und entspinnt eine hanebüchene Wendung, in der Louis‘ Charakter sich um 180° dreht und er die Mörder per falschem Missbrauchsvorwurf instrumentalisiert, um seinen Vater und dessen Gespielin loszuwerden. Die gezeigte Selbstjustiz wird demnach insofern verurteilt, als man darstellt, wie sie infolge eines Rufmords aus egoistischen Motiven fehlgeleitet wird. Damit umschifft man die eigenen eingangs aufgeworfenen Fragen nach Rache und Genugtuung: Kann eine böse Tat durch eine weitere böse Tat gesühnt werden? Einigen gelungenen, stark symbolschwangeren Szenen wie der des Regenschirms am Ende zum Trotz ist dieser „Tatort“ eine ziemlich dünne Suppe geworden, deren Zutaten nur leidlich zueinander passen wollen und der sich ums eigentliche Thema drückt. Was (hoffentlich) bleibt, ist ein gesteigertes Bewusstsein für die Gefahren sog. Smart-Gadgets.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 10. Dez 2018, 14:59

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Simpel

Im Winter 2017 kam Regisseur Markus Gollers („Alles ist Liebe“) sechster Spielfilm in die deutschen Kinos: Der tragikomische Roadmovie „Simpel“ basiert auf einem Jugendbuch der französischen Autorin Marie-Aude Murail und wurde ins norddeutsche platte Land sowie nach Hamburg verlegt.

Irgendwo in der norddeutschen Einöde kümmert sich Ben (Frederick Lau, „Nicht mein Tag“) liebevoll um seine schwerkranke Mutter und seinen 22-jährigen behinderten Bruder Barnabas (David Kross, „Knallhart“), der geistig auf dem Stand eines Kleinkinds zurückgeblieben ist und von allen nur Simpel genannt wird. Als die Mutter stirbt, beschließen die Behörden, dass Simpel von Ben getrennt werden und in ein Heim eingewiesen werden soll, weil Ben sich nicht genügend um ihn kümmern könne. Lediglich der Vater der beiden Brüder (Devid Striesow, „Freischwimmer“) könnte erwirken, dass Ben sich auch weiterhin um Simpel kümmern darf. Dieser hat sich jedoch bereits vor 15 Jahren von seiner Familie abgewandt und ein neues Leben begonnen. Mit Ben und Barnabas möchte er nichts zu tun haben. Als die Dorfpolente Simpel abholen und ins Heim bringen soll, ermächtigt sich Ben kurzerhand des Peterwagens und düst mit Simpel gen Hamburg, wo der Erzeuger ausfindig gemacht und überzeugt werden soll…

Nein, glücklicherweise wurde „Simpel“ um den kleinkindlichen 22-Jährigen mit leichter Spastik, eingeschränktem Wortschatz und Ausspracheproblemen kein ausschließlich auf Rührseligkeit bedachtes Melodram. Stattdessen wird mit viel sympathischem Witz ein Roadmovie der etwas anderen Art geschildert, der Vorschläge für den respekt- und liebevollen Umgang der Gesellschaft mit geistig Behinderten unterbreitet. Ihre „Verreise“ führt die Brüder nach Hamburg und lässt sie eine Menge unterschiedlicher Menschen kennenlernen, beginnend beim Lastwagenfahrer (toller Charakterdarsteller: Maxim Kovalevski, „Das Mädchen und der Tod“) über Punks am S-Bahnhof Reeperbahn und die Medizinstudenten Aria (Emilia Schüle, „Besser als nix“) und Enzo (Axel Stein, „Feuer, Eis & Dosenbier“) bis hin zur Prostituierten Chantal (Annette Frier, „Dani Lowinski“). Dass sie dabei fast ausschließlich an freundliche und hilfsbereite Mitmenschen geraten, ist jedoch reichlich naiv und einer der Schwachpunkte des Films. Zudem würde eine Medizinstudentin wohl kaum die dumme Frage stellen, ob sich Simpels Zustand noch bessern würde.

Dem gegenüber stehen authentische, schöne Bilder der Hansestadt (die Werbung für den unsäglichen Jahrmarkt „Hamburger Dom“ hätte man sich jedoch sparen können), eine über weite Strecken spannende, sehr unterhaltsame Handlung (die bisweilen übers Ziel hinausschießt, es z.B. mit der Action-Einlage im Sexclub übertreibt) sowie Autoritätskritik in Bezug auf Ämter und Polizei inkl. eines Seitenhiebs auf die örtliche Politik aufgrund eines in negativer Hinsicht populären Namensvetters Barnabas‘: Als die Hamburgerinnen und Hamburger sich dereinst nicht entblödeten, den hochnotpeinlichen Z-Promi Ronald Barnabas Schill mit einem politischen Amt zu betrauen, hatten sie „einen noch viel größeren Idioten gleichen Namens im Senat“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Simpel verhält sich in den meisten Situationen wie ein Kind, wirkt dadurch sympathisch und umgänglich. Genauso wenig wie Kinder sind geistig Behinderte jedoch ausschließlich lieb und lustig; ein Aspekt, der in „Simpel“ etwas zu kurz kommt. Zwar spitzt sich die Lage extrem zu, als Simpel Arias Wohnung in Brand setzt – dass diese dies mit nur wenig mehr als einem Schulterzucken zur Kenntnis nimmt, ist der o.g. Naivität des Drehbuchs zuzuordnen. Ungefähr das letzte Drittel wird für die Konfrontation mit dem Vater der beiden aufgewendet, wo zentrale Aspekte der Aussagen des Films kulminieren. Es geht um Inklusion und ihre Herausforderungen, um den Spagat zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe und um eine vermeintlich heile Welt, in die jemand wie Simpel nicht hineinpasst. Die Emotionalisierung des Publikums funktioniert unter Goller formidabel, ab und zu wird etwas stärker auf die Tränendrüse gedrückt und sogar „Marco“, ein supertrauriger Jugendliteraturklassiker, den ich in Form seiner großartigen Anime-Serienadaption kennengelernt hatte, erwähnt.

Im Vorfeld hatte ich befürchtet, dass Kross einen geistig Zurückgebliebenen nicht richtig mimen könnte oder seine Darstellung peinlich werden würde – unnötig. Kross löst diese Herausforderung mit Bravour, nach kurzer Eingewöhnungszeit ist man als Zuschauer „drin“ und akzeptiert seine Rolle. Sämtliche Schauspieler harmonieren gut miteinander, die Chemie zwischen beiden Hauptdarstellern scheint perfekt. Die Schnittanschlüsse wirken in Dialogszenen mitunter etwas holprig, ansonsten gibt es auch technisch wenig auszusetzen. Der Film appelliert ans Publikum, mit den Simpels dieser Welt so umzugehen, wie es die guten Menschen in diesem Film tun, und ist damit aller Naivität zum Trotz ein inspirierendes Stück Nicht-nur-Wohlfühlkino und sympathischer norddeutscher Roadmovie mit viel Lokalkolorit.
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