bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 5. Jun 2018, 17:39

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Das Schloss der blauen Vögel

Der italienische Regisseur Fernando Di Leo hat mit seinen Polizei- bzw. Gangster-Filmen Filmgeschichte geschrieben. Doch 1971, im gleichen Jahr wie sein unnachahmlicher „Milano Kaliber 9“, erschien seine Konsalik-Verfilmung, die eigentlich gar keine war: „Das Schloss der blauen Vögel“ alias „Der Triebmörder“ ist möglicherweise sein dritter Film, der sich vornehmlich mit der menschlichen Sexualität auseinandersetzt; leider sind mir die beiden zuvor erschienen Werke „Die Unbefriedigte“ und „Armasi male“ unbekannt. In jedem Falle aber ist „Das Schloss der blauen Vögel“ ein Paradebeispiel dafür, wie wenig einem Regisseur ein Genre liegen kann – auch wenn Di Leo es in ein Erotik-Giallo-Gewand (ent)kleidete.

Wenn man als gutsituierte Dame psychisch einen Hau weghat, zieht es einen vornehmlich nach Schloss Hohenschwand, wo man mal so richtig ausspannen kann – ob bei einer gepflegten Einheit Sport auf dem Rasen des luxuriösen Anwesens, beim abendlichen Dinieren mit den behandelnden Ärzten oder beim Schäferstündchen mit dem Gärtner (Giangiacomo Elia, „Der Mörder des Klans“), der Krankenschwester (Carla Mancini, „Das Geheimnis der blutigen Lilie“) oder was sich sonst gerade so anbietet. Kein Wunder, dass man da die mittelalterliche Waffenkammer mit ihren Hieb- und Stichwaffen nicht wirklich vor fremdem Zugriff schützt, schließlich wird unter diesen Umständen wohl niemand auf düstere Gedanken kommen. Dumm nur, dass eines Tages dann doch ein schwarzgewandter Mörder das Sanatorium heimsucht und die Patientinnenzahl unschön dezimiert…

Di Leo hatte sie alle: Rosalba Neri („Sklaven ihrer Triebe“), Margaret Lee („Der Hexentöter von Blackmoor“), Klaus Kinski („Leichen pflastern seinen Weg“)… Doch was machte er mit ihnen? Er ließ sie seltsam zusammenhanglos wirkende Szenen spielen, die keiner Dramaturgie zu folgen scheinen. Wenn er versucht, den Whodunit?-Verdacht auf den Kinskerich zu lenken, besorgt dies die Schnittmontage. Doch Di Leo gibt sich damit nicht zufrieden und zeigt seinen Schauspielern noch lange bei Belanglosigkeiten, nur damit sich das Gesicht auch ja einbrennt – und schindet damit natürlich auch Laufzeit. Und derlei Leerlauf gibt es immer wieder, wohlgemerkt zwischen deftigen Schauwerten: Episodenhaft wirken die Sex- und Gewaltszenen, seltsam entrückt vom Drumherum, als habe das alles überhaupt nichts miteinander zu tun. Auch die Schauspieler scheinen in herkömmlichen Dialogszenen mehr für sich zu spielen denn zu interagieren und blühen lediglich in den Sexszenen auf.

Diese haben es dann insbesondere dank Rosalba Neri tatsächlich auch in sich: Wohl niemand spielt eine pathologisch sexbesessene Nymphomanin, zum Klinikaufenthalt verdonnert, mit solch einem Stolz, einer solchen Anmut und Grazie. Dies ändert jedoch kaum etwas daran, dass „Das Schloss der blauen Vögel“ in keiner Weise ernstzunehmen ist, so betont düster und bedrohlich er sich auch häufig zu geben versucht, und fragmentarisch, unglücklich geschnitten, unfertig und ob seines Potentials verschenkt wirkt: Beinahe, als habe Di Leo gar keine Zeit für den Film gehabt und sei lediglich dann und wann kurz am Set aufgetaucht, um sein Team zu ermutigen, einfach irgendetwas irgendwie zu machen. So glänzt dann in der einen Szene die Kamera, in der nächsten die Neri und in der übernächsten wird’s ein wenig blutig, eine Kohärenz entwickelt sich jedoch genauso wenig wie Spannung oder wenigstens eine Handlung, der man gebannt folgt, weil man sich für die Charaktere über ihre nackte Haut hinaus interessieren oder eine innere Logik erkennen würde, deren Konklusion man erfahren möchte. So wirkt das dick aufgetragene Finale dann auch ein bisschen wie ein Dreijähriger, der trotzig seine Burg aus Bauklötzchen kaputttritt.

Dass „Das Schloss der blauen Vögel“ für Liebhaber unfreiwilligen Trashs oder hanebüchener Sleaze-Unterhaltung längst vergangener Zeiten dadurch zu einem besonders spaßigen Leckerbissen wird, ist dann die Kehrseite der Medaille und sichert auch diesem Unfug einen Platz in meinem europhilen Herzen. Und dass Di Leo offenbar daraus gelernt hat, beweist er mit seinem zumindest nicht 100%ig gegenteilig gelagerten „Avere vent'anni“ sieben Jahre später, in dem er Sexualitäts- und Gewaltmotive in Form eines Erotikdramas wesentlich stimmiger miteinander verband (bis die deutsche Bearbeitung diese Bemühungen wieder zunichtemachte).
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 6. Jun 2018, 16:24

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Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf

Nach zahlreichen Erotikbeiträgen entdeckte der berüchtigte Italo-Regisseur Joe D’Amato 1979 das Horrorgenre für sich wieder und schockierte mit „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“ sein Publikum. Als Inspirationsquelle diente ihm der 1966 von Mino Guerrini gedrehte Psycho-Thriller/Früh-Giallo „Das dritte Auge“, wobei „Buio Omega“, so der Originaltitel D’Amatos Films, als sehr eigenständige und -willige Neuverfilmung durchgeht.

Frank Wyler (Kieran Canter, „Liebes Lager“) ist ein gutaussehender junger Mann und Erbe eines Adelsvermögens, der zusammen mit seiner Haushälterin Iris (Franca Stoppi, „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“) auf einem Südtiroler Schloss lebt und sich leidenschaftlich als Tierpräparator verdingt. Da Iris ihn jedoch für sich allein haben möchte, beraumt sie einen Voodoo-Zauber an, um Franks Verlobte dauerhaft unter die Erde zu bringen. Dies weiß Frank jedoch insofern zu verhindern, als er ihrer Leiche habhaft wird und sie ebenso ausstopft, wie er es zuvor bereits mit unzähligen Tieren getan hat. Den leblosen Körper legt er zu sich ins Bett und kann seiner großen Liebe so weiterhin nah sein. Doch damit hat Frank sich angreif- und erpressbar gemacht: Eine junge Tramperin, die er freundlicherweise mitgenommen hatte, muss grausam sterben, nachdem sie zu viel gesehen hat, ein Bestatter droht, ihm auf die Schliche zu kommen und Iris, die über alles Bescheid weiß, fordert als „Schweigegeld“ nicht weniger als die Eheschließung mit Frank. Doch dieser verfällt immer mehr dem Wahnsinn…

Frank, der in ländlicher Idylle auf einem ausladenden Anwesen mit seiner Haushälterin allein lebt, ist ein zwar reicher, jedoch furchtbar einsamer junger Mann. Iris dient ihm nicht nur als Angestellte, sondern auch als Mutterersatz und gibt sich ihm sexuell hin. Als sie ihn schließlich ganz für sich allein haben will, verkraftet Frank den Verlust seiner Verlobten nicht. Dieser Verlust ist keine Option, also konserviert er sie und glaubt, sie dadurch weiterhin besitzen zu können. Bis hierhin erinnert „Sado – Stoß das Tor zur Hölle“ mit seinem Voodoo-Prolog, seinen Friedhofszenen und seinem Drehort noch stark an klassischen (Gothic-)Horror, tendiert anschließend jedoch immer stärker zu einer Mischung aus Psycho-Thriller und Splatter-/Gore-Horror, wie sie die Welt bis dahin noch nicht zu sehen bekommen hatte. In D’Amatos atmosphärisch unbehaglichen, auch viel von seiner morbiden Stimmung lebenden Film mischen sich Ausweidung, Extremmaniküre, Säurebad, Einäscherung und Gulaschverzehr, naturalistisch bis realistisch inszeniert, von der ruhigen Hand an der Kamera ausführlich und ausgiebig eingefangen. Und so übertrieben und die Figuren überzeichnend diese Szenen auch sind, so sorgfältig wurden sie tricktechnisch aufbereitet, sodass sie keineswegs so unauthentisch und schluderig wirken wie in manch anderem Genrewerk und dadurch ihre Wirkung auf Ethikzentrum und/oder Magengegend des Zuschauers nicht verfehlen.

Diese Momente stehen jedoch gleichberechtigt neben tiefen Einblicken in psychische Abgründe, die das auf Ed Gein & Co. beruhende und seit „Psycho“ cineastisch etablierte Motiv des derangierten Serienmörders mit Ödipuskomplex aufgreifen und variieren – und in eine spannende Handlung eingewoben wurden, die trotz allem mit Frank bisweilen mitfühlen, ja, regelrecht mitleiden lassen. Entscheidenden Anteil daran hat Kieran Canter, hinter dessen Engelsgesicht sich das kalte Grauen verbirgt. Er schafft es, seiner Figur die nötige Ambivalenz zu verleihen. Franca Stoppi mit ihren strengen Gesichtszügen brilliert in ihrer Rolle als im Gegensatz zu Frank gewissermaßen permanent emotionslose, gefühlskalte Haushälterin und Verschwörerin, in der jedoch Verschlagenheit, Habgier und Eifersucht brodeln, nicht minder, zwischen beiden entwickelt sich eine fatale, für den Film ideale Chemie. Cinzia Monreale („Silbersattel“) in einer Doppelrolle spielt dann tatsächlich so etwas wie ein Final Girl, was den Film ein weiteres Stück in Richtung klassischen Genrehorrors rückt. Goblins Prog-/Synthie-Rock-Soundtrack verleiht dem Film zusätzliche Dynamik, aber auch Entrücktheit, vor allem aber Charakter und zählt zu den Euro-Horror-Stücken mit dem höchsten Wiedererkennungswert.

„Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“ wurde in einem gialloesken Umfeld angesiedelt, dessen Protagonisten sich vornehmlich über Besitz definieren und einen hohen Grad innerer Verkommenheit aufweisen, dadurch zur Gefahr für normale Mitmenschen werden. D’Amato nährt zudem die Angst vor einem Typ Mensch, dessen Sensibilität in Bezug auf die eigene Gefühlswelt dazu führt, diese nicht adäquat verarbeiten zu können und gegenüber anderen in mit kalter Präzision durchgeführte, brutale Gewalt umschlägt. Er hätte auch ohne Gore-Anteil und die Ausflüge in die Phantastik zu Beginn und am Ende funktioniert, doch gerade diese krude Melange trägt zum Status dieses Films, der als D’Amatos gelungenster gilt, bei, zur von ihm ausgehenden Faszination und natürlich zur Kontroverse um ihn – ohne würde er wohl kaum im bekannten Ausmaße provozieren und polarisieren.
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Beitragvon buxtebrawler » 20. Jun 2018, 13:24

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Neun Leichen hat die Woche

Der hierzulande vornehmlich für seine Mystery-/Horror-Thriller „Das Haus der lachenden Fenster“ und „Zeder – Denn tote kehren wieder“ bekannte italienische Regisseur Pupi Avati drehte zwischen diesen beiden Filmen, genauer: im Jahre 1977 ein Kuriosum, das lediglich Kennern bekannt ist: Die Giallo-Komödie „Neun Leichen hat die Woche“.

Dante (Carlo Delle Piane, „Was?“) streicht irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Lande und versucht, an vielversprechenden Adressen angeblich exklusive Bücher gewinnbringend zu verhökern. So verschlägt es ihn eines Tages auch auf einen toscanischen Familiensitz, dessen Oberhaupt just verstorben ist. Er platzt gewissermaßen mitten in die „Trauergemeinde“, eine Ansammlung merkwürdiger Menschen, u.a. bestehend aus einem Cowboy aus Texas, einem Kleinwüchsigen und einem zwanghaften Masturbator (Pietro Bona, „Mazurka del barone, della santa e del fico fiorone“) mitsamt seiner Sexbombe von einer Pflegerin. Da sich ein junger Spross jener exzentrischen Adelssippe, Ilaria (Francesca Marciano, „Das Haus der lachenden Fenster“), spontan in Dante verknallt, sieht er sich gezwungen, zumindest eine Zeitlang in diesem regelrechten Irrenhaus zu verweilen. Doch es wird bald noch irrer, denn ein unbekannter Serienmörder beginnt, sein teuflisches Handwerk zu verrichten und ein Familienmitglied nach dem anderen dahinzumeucheln. Tobt ein tödlicher Kampf ums Erbe? Der hinzugezogene idiotische Privatdetektiv Martini (Gianni Cavina, ebenfalls „Das Haus der lachenden Fenster“) ist bei der Aufklärung leider keine große Hilfe…

„Neun Leichen hat die Woche“ bleibt nicht nur in Sachen Genre-Melange kurios – wann hätte man schon einmal von einer Giallo-Komödie gehört? –, sondern auch in seinen Ingredienzien: Klassische Giallo-Motive, in diesem Falle der Mörder im schwarzen Umhang und Hut im Umfeld entrückter Vermögender und Geldgieriger, treffen, gepaart mit etwas Mystery, auf Parodien derselben, Thriller- und Krimi-Stereotype werden herzlich durch den Kakao gezogen und sind neben den gut aufgelegten Schauspielerinnen und Schauspielerin das Salz in dieser Suppe. Auf der anderen Seite stehen zahlreiche Albernheiten wie die extrem überzeichneten Figuren, Slapstick-Einlagen und an Sex-Klamotten erinnernde, klamaukige Obszönitäten. Deren Höhepunkt ist eine bizarre Maschine, die Masturbator Donald von der Selbstbefriedigung abhalten soll, was letztlich dann auch ein für alle Mal gelingt… Eine weitere ungewöhnliche Waffe stellt ein zweckentfremdeter Fön dar.

Was zunächst als Groteske noch recht gut funktioniert, angenehm unterhält und durchaus Atmosphäre entwickelt, wird leider zunehmend alberner und vor allem beliebiger, wozu der Jazz-Soundtrack wiederum passt. So halten sich positiver Überraschungseffekt, Freude an den darstellerischen Leistungen und der Wohlfühlfaktor im heimeligen Italo-Genre-Ambiente die Waage mit Kopfschütteln und Unverständnis für manch Flachwitz, Absurdität und ästhetische Unbeholfenheit. Sehenswert ist Avatis „Neun Leichen hat die Woche“ für ein geeichtes europhiles Publikum dennoch – auch über seinen Exotenstatus hinaus.
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Beitragvon buxtebrawler » 20. Jun 2018, 13:26

Den hier gab's ja auch noch, ich zitiere mich der Vollständigkeit halber selbst:

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Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger

Ein Mann wartet vor einem Haus, bis ihm eine Frau durch ein Fenster ein Zeichen gibt, herein zu kommen. Sie begrüßt ihn mit der Frage, wie er sie heute denn umbringen möchte, aber dieser Scherz stellt sich kurz danach als bitterer Ernst heraus, als er sie beim Sex mit einem Schnitt durch die Kehle tötet. Anstatt seine Spuren zu verwischen, sorgt er noch zusätzlich für Indizien, benachrichtigt selbst die Polizei und redet ungeniert mit einem im Haus wohnenden Nachbarn, als er dieses verlässt. Daraufhin fährt er direkt zum Polizeiquartier, wo er freudig erwartet wird, denn "Il Dottore" (Gian Maria Volonté), wie er genannt wird, wird an diesem Tag vom Chef der Mordkommission zu einem Bereichsleiter der Polizei befördert. Streng befiehlt er noch seinen bisherigen Untergebenen, den gerade gemeldeten Vorfall zu untersuchen, bevor er selbst zum Tatort schreitet...


„Die Revolution ist wie die Syphilis – sie haben sie im Blut!“

„Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ (endlich mal ein deutscher Titel, der der Länge italienischer Originaltitel wenigstens halbwegs gerecht wird) des italienisches Regisseurs Elio Petri aus dem Jahre 1970 ist eine hochbrisante Mischung aus Polit-, Justiz- und Psycho-Thriller, die allerlei politischen Zündstoff birgt. „Il Dottore“, der Chef der Mordkommission, wird gerade zum Leiter des politischen Büros der Polizei befördert. Warum er just seine Geliebte Augusta Terzi ermordet und zudem absichtlich Spuren am Tatort hinterlassen hat, erfährt der Zuschauer erst nach und nach: Einerseits will er die Polizei auf die Probe stellen und seine Grenzen als einflussreicher, mächtiger Beamter ausloten, andererseits war er in seinem Narzissmus und seiner Eitelkeit, aber auch seiner stets im Verborgenen gehaltenen Verletzlichkeit wenig von den jüngsten Umtrieben seiner Bettgespielin angetan. Dieser facettenreiche Charakter wird grandios von Gian Maria Volonté verkörpert, der mit seiner Mimik und Gestik so herrlich und typisch italienisch ist, dass es die reinste Freude ist. Während seiner fast schon cholerischen Dialoge oder seiner demagogischen Reden rechnet man quasi sekündlich damit, dass er sich in einen zähnefletschenden Cartoonwolf verwandelt, wenn er vor dem Hintergrund studentischer Unruhen reaktionäre, faschistoide Hasstiraden gegen den politischen Gegner schmettert. Den Umgang der Exekutive mit selbigem zeigt Petri auf, indem er zweifelhafte Verhör- und Überwachungsmethoden veranschaulicht und schonungslos die Arbeit der Polizei als verlängerten Arm der staatlichen, politischen Marschrichtung darstellt. Der Subplot ist eigentlich schon keiner mehr und mindestens gleichberechtigt zum Psychogramm „Il Dottores“, der mit der Zeit in seiner inneren Zerrissenheit fast schon verzweifelt versucht, die Ermittlungen auf sich zu lenken, um die Unantastbarkeit eines „über jeden Verdacht erhabenen Bürgers“ auszutesten. In zahlreichen Rückblenden wird zudem seine Geliebte als spontane, lebenslustige, vergnügungssüchtige junge Frau charakterisiert, die in vielerlei Hinsicht das Gegenteil „Il Dottores“, ihm in ihrem Egoismus aber fast ebenbürtig zu sein scheint. Florinda Bolkan wirkt in ihrer Rolle authentisch und ist ein echter Hingucker. Elio Petri verstand es meisterhaft, das alles ohne den geringsten Anflug bürokratischer Trockenheit spannend und rasant zu inszenieren, womit ihm ein eindrucksvoller Einblick in den mutmaßlichen Alltag des (nicht nur) italienischen Staats- und Machtapparats gelang, der in Zeiten von Berlusconi und Co. vermutlich aktueller denn je ist. Die musikalische Untermalung von Ennio Morricone unterstreicht die Vorgänge der Handlung dabei wie gewohnt großartig. Das erschreckende, aber konsequente Ende hat etwas Wahnsinniges; ein Wahn, der in der Figur „Il Dottores“ allgegenwärtig scheint und sich über die gesamte Spieldauer zieht. Es ist der Paukenschlag in Petris Komposition des politischen, polizeilichen Machtmissbrauchs und brennt sich ins Langzeitgedächtnis ein. Ein genialer Film, der neben dem Oscar für den besten ausländischen Film auch weitere Preise gewann. Es ist eine Schande, dass er hierzulande weitestgehend unbekannt blieb und bis heute keine deutschsprachige DVD-Auswertung erfahren hat - ein Missstand, der nach Abgeltung schreit.
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