bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 7. Feb 2018, 21:39

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Punk Vacation

„Hier draußen ist absolut tote Hose!“

Es ist ja immer wieder vergnüglich, in den Untiefen der Filmgeschichte zu wühlen und kuriose Werke zutage zu fördern, die sich mit speziellen Milieus oder Subkulturen auseinandersetzen. Im Falle der einzigen Regie-Arbeit des US-Amerikaners Stanley Lewis, dem Action-Heuler „Punk Vacation“ aus dem Jahre 1987, handelt es sich jedoch um ein sehr fragwürdiges Vergnügen…

„Also, seit sie bei der Industrie- und Handelskammer ist…“

„Ferien auf Punker Art, das heißt: VERGEWALTIGUNG, MORD, TERROR!“, verkündet vollmundig und reißerisch das deutsche VHS-Cover und liegt damit meilenweit neben der Realität, macht jedoch Appetit auf einen überzogenen, trashigen Exploitation-Reißer. Die Handlung stellt sich dann wie folgt dar: Bulle Steve Reed (Stephen Fiachi, „Night Rhythms“) ballert im Prolog in freier Wildbahn auf wehrlose Diät-Pepsi-Behältnisse, bis er vom penetranten Polizeifunk gestört wird, dem er sich nach längerer Zeit widerwillig widmet. Es handelt sich um einen falschen Alarm in einer Raststätte, auf dessen Wirtin Lisa (Sandra Bogan, „Fatal Beauty“) er scharf ist. Tatsächlich fühlen sich beide zueinander hingezogen, hatten wohl schon einmal etwas miteinander und würden gern einen erneuten Beziehungsversuch anberaumen, doch als Bulle ist Reed für Lisas Daddy nicht gut genug. Ein Choleriker namens Billy (Rob Garrison, „Karate Kid“) randaliert am defekten Getränkeautomaten der Raststätte und wird daraufhin vom aufgebrachten Daddy mit einer Flinte vertrieben. Doch der Delinquent kommt mit seiner Punk-Biker-Gang zurück, verprügelt den Flintenschwinger und vergewaltigt Lisas Schwester Sally (Karen Renee, „Spuk im Herrenhaus“) vor dessen Augen (aber nicht denen des Zuschauers, der muss sich den Vorgang mehr oder weniger zusammenreimen).

„Einer unserer besten Bürger, den diese Stadt je gesehen hat, wurde umgebracht! Und zwar von dreckigen, gelbbäuchigen, miesen, faschistischen Kommunistenschweinen!“

Billy hat den Angriff selbst nicht unverletzt überstanden und wird im Krankenhaus auf der Sicherheitsstation untergebracht. Zudem soll er jemanden umgebracht haben – richtig, Lisas und Sallys Daddy hat den Angriff nicht überlebt, wie der Zuschauer nun erfährt. Auf der verlassenen Richardson Ranch rasten die Punks und beraten sich, wollen ohne Billy nicht weiter. Lisa will derweil Billy mit einer Schere umbringen, ihr Plan wird jedoch vereitelt. Daraufhin schleicht sie sich mit einer Knarre an die weiblichen Ranch-Wachposten ran und schließlich in den Stall, wo sie sich übertölpeln und gefangennehmen lässt. Die weibliche Anführerin (!) der Punks, Ramrod (Roxanne Rogers, „976-Evil - Durchwahl zur Hölle“) genannt, verkleidet sich als Lisa (!) und fährt ins Krankenhaus, um Billy zu befreien – doch der hat Angst, aus dem Fenster zu steigen!

„Ferien haben die Angewohnheit, sich anders zu entwickeln, als man plant...“

Die in Unterwäsche an einen Baum gefesselte Lisa hält unterdessen Smalltalk mit den anderen Punk-Mädels. Am Abend feiern die Punks eine Party auf der okkupierten Ranch mit seltsamer Postpunk/New-Wave-Mucke, doch auch der nicht eingeladene Reed stattet zusammen mit einem Bullenkumpel den Feierlichkeiten einen Besuch ab, um erst einmal hinterrücks einen Jungen zu erschießen. Lisa liegt mittlerweile gefesselt auf einer Art Bahre, die Punks tanzen um sie herum. Die Bullen geben sich zu erkennen, indem sie Ramrod in die Hand schießen. Diese droht daraufhin, Reed gruppenzuvergewaltigen und ihn anschließend umzubringen (vielleicht die beste Szene des Films). Reed weiß sich zu helfen, indem er einen weiteren Punk erschießt und das Weite sucht, woraufhin wüste Schießereien in der bergigen Landschaft entbrennen. Das zweite Filmdrittel endet mit einer Punk-Feuerbestattung und markigen Worten.

„Momentan sieht jeder überall Punks da draußen!“

Zwei Punkerinnen wird das alles zu viel und sie werden abtrünnig. Der paranoide Obersheriff versammelt schließlich schießwütige Zivilisten um sich und geht auf Punkerjagd, um den Vietnamkrieg nachzuspielen – allerdings noch billiger aussehend als in manch Italo-Söldner-Sandkuhlen-Action. Auf dem Highway kommt es zum endgültigen Showdown…

„Vielleicht sollten wir auf die Stewardessenschule gehen oder so…“

Zunächst einmal ist „Punk Vacation“ einer der wenigen Punk-Filme, die ohne Punk-Musik auskommen. Die Konzeption der Punks (inkl. Quoten-Hippie) ist vermutlich so ausgefallen, wie sich damalige Spießer sie vorstellten: als eine Art marodierende Motorrad-Gang. Darf man es nun als feministisch-emanzipatorisches Statement werten, dass diese eine Anführerin haben oder spricht aus diesem Umstand eher die Angst vor Frauen in Führungspositionen? Jedenfalls kann man dem Film nicht den Vorwurf machen, er würde die Vergewaltigung Sallys spekulativ ausschlachten – diese ist wie erwähnt gar nicht als solche zu erkennen. Die Spitzenidee, dass sich Ramrod als Dorf-Pomeranze Lisa verkleidet, ist nur einer von vielen unfreiwilligen Schenkelklopfern. Lisa scheint mehrmals im Film ihre Frisur zu wechseln – versucht sie damit, ihre jüngsten Verluste zu kompensieren? Oder waren schlicht weder Zeit noch Geld für einen adäquaten Set-Friseur vorhanden? Der Obersheriff zumindest wird bewusst karikierend überzeichnet, seine Auftritte meist ironisierend von Marschmusik unterlegt.

„Europäer! Die haben ‘ne andere Arbeitsmoral als wir!“

Die Dialoge sind jedoch generell unglaublich – evtl. sabotiert von der deutschen Synchronisation? Anfänglich glaubt man schnell, sich in einem reaktionären Rachefilm wiederzufinden. Doch bald stellt sich heraus, dass es sich bei ausnahmslos allen Parteien um Dilettanten handelt – und der Film verschiedene Lesarten erlaubt. Dieser Gedanke wiederum wird schnell wieder verworfen angesichts teilweise komödiantischer Szenen, dann wieder bierernsten Dramas oder auch einem chauvinistischen Menschenbild entsprechender Waffen- und Mordglorifizierung. So recht zusammenpassen will hier jedenfalls nichts, alles wirkt konzept- und ratlos dahingestümpert. Ich lege mich fest: Dieser Film will einem gar nichts sagen.

Die dramaturgische Musikuntermalung ist immerhin in Ordnung gehender Genrestandard, der teilweise an Discount-Endzeit-Actioner erinnert und mit viel gutem Willen lässt sich auch die eine oder andere atmosphärische Spitze ausmachen, während sich das geeichte Auge an diesem oder jenem hübschen Punk-Kostüm erfreut. Summiert man alle Bonuspunkte, schafft es „Punk Vacation“ mit ach und krach auf 4/10 Diät-Pepsis, deren Nährwert sich auf ähnlichem Niveau ansiedeln dürfte. Eine „Punk Vacation“, von der man erst einmal Ferien braucht...
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Beitragvon buxtebrawler » 8. Feb 2018, 20:17

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Was nicht passt, wird passend gemacht

Nach einer Reihe von Kurzfilmen debütierte Regisseur Peter Thorwarth in Sachen Langfilm 1999 mit seiner fulminanten Ruhrpott-Komödie „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“ und landete damit nicht weniger als einen Kulthit, eine der bis heute besten deutschen Komödien. Als zweiter Beitrag zur lose zusammenhängenden „Unna-Trilogie“ folgte 2002 „Was nicht passt, wird passend gemacht“, basierend auf einem von Thorwarths Kurzfilmen, der im Ruhrpott-Bauarbeiter-Milieu angesiedelt und beinahe ein ebensolcher Volltreffer wie das Debüt geworden wäre:

Die Bauunternehmerbrüder Wiesenkamp haben die Firma ihres Vaters unter sich aufgeteilt und da sie sich spinnefeind sind, konkurrieren sie miteinander. Die Nase vorn hat dabei stets Ernst Wiesenkamp (Michael Brandner, „Club Las Piranjas“), der lukrative Aufträge an Land zieht, während sein Bruder Werner (Dietmar Bär, „Der Formel Eins Film“) mit einer mehr am Biertrinken und Herumalbern denn am Malochen interessierten Gurkentruppe ein Eigenheim für eine verspießtes Lehrerpaar hochziehen muss und kurz vor der Pleite steht. Von seinen Angestellten, dem Polier Horst (Willi Thomczyk, „Die Camper“), Proll Kalle (Ralf Richter, „Verlierer“) und Türke Kümmel (Hilmi Sözer, „Voll Normaaal“), lässt er sich überreden, sich einen Schwarzarbeiter vom „Polenstrich“ zu holen. Gesagt, getan: Marek (Armin Dillenberger, „Wir können auch anders…“) tritt seinen Dienst an. Was Werner nicht ahnt: Seine Arbeiter wollen ihrem ewig klammen Chef einen bösen Streich spielen, um sich eine Art Schweigegeld zu erschleichen… Ebenfalls uneingeweiht ist Praktikant Philip (Peter Thorwarth), der gerade sein Architekturstudium beendet hat, jedoch noch ein mehrwöchiges Praktikum auf dem Bau absolvieren muss – und von Kalle & Co. argwöhnisch beäugt und abschätzig als intellektueller Klugschwätzer behandelt wird. Zu allem Überfluss verguckt sich Philip auch noch ausgerechnet in Astrid (Alexandra Maria Lara, „Crazy“), die Tochter des Poliers, was diesem alles andere als recht ist. Ach, und dann ist da ja noch die Fliegerbombe, die mitten auf der Baustelle entdeckt wird. Nun ist Improvisationstalent gefragt: Was nicht passt, wird passend gemacht, also wird das Haus einfach ein bisschen kleiner gebaut als vom Architekten (Stefan Jürgens, „RTL Samstag Nacht“) geplant. Dumm nur, dass dieser eine Stippvisite zwecks Kontrolle angekündigt hat… Da schlägt Philips große Stunde: In einer nächtlichen Hauruckaktion manipuliert er die Architekturpläne. Dass sich Wiesenkamp, Horst und die Arbeiter damit längst in einer Spirale aus Widersprüchen, Lügen und immer weiteren Problemen verfangen haben, dürfte klar sein…

„Was nicht passt, wird passend gemacht“ nimmt seine Figuren als proletarische Aushangschilder einer bestimmten Region ernst, um sie gleichzeitig karikierend zu überzeichnend und damit den speziellen, derben, aber auch herzlichen lokaltypischen Humor herauszukitzeln und einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Auf sog. politische Korrektheit kann dabei keinerlei Rücksicht genommen werden, insbesondere der Umgang mit dem türkischstämmigen Kümmel, der bereits bei der Wahl (bzw. vielmehr Zuweisung) seines Spitznamens beginnt, ist in dieser Hinsicht der reinste Quell der Freude: Der perfekt Deutsch sprechende Kümmel macht sich nicht das Geringste aus seinem Spitznamen und diversen Frotzeleien, weiß, dass das alles nicht ernstgemeint ist und macht sich stattdessen selbst einen Spaß daraus, den Gutmenschen von überkorrekten Lehrern, an deren Haus er mitbaut, den nur gebrochen die deutsche Sprache beherrschenden Klischeetürken vorzuspielen – köstlich!

Im breiten grammatisch fragwürdigen Pott-Slang wird eine Geschichte erzählt, die nah an ihren Figuren ist, sich sämtlicher verfügbarer Klischees bedient und in der Konstellation Ruhrpott/Baustelle das Ultimum an Proletenschauplatz auffährt, seine tiefe Sympathie für diesen Menschenschlag jedoch nie verbirgt und auch unbedarften Zuschauern dadurch ein Milieu auf eine Weise näherbringt, die sowohl zum herzhaften Lachen als auch zum Überdenken eben jener Klischees einlädt. Dies macht den besondere Charme der Thorwarth’schen Filme aus, die natürlich gerade auch von ihren Schauspielern leben. „Bang Boom Bang“ war traumbesetzt; „Was nicht passt…“ muss leider ohne Diether Krebs (R.I.P.!) auskommen, kann jedoch wieder mit einem Ralf Richter in einer ikonenhaften Rolle als Maurer mit bekritzeltem Helm, dreckigem weißem Unterhemd und tiefergelegter Karre punkten, der die 100% perfekte Wahl für diesen Film gewesen ist. Besser geht’s nun wirklich nicht. Auch seine Kollegen liefern erstklassig ab und finden sich perfekt in ihre Rollen und damit verbundenen Marotten ein. Eine Ausnahme bildet Peter Thorwarth, der den Praktikanten Philip selbst spielt und dem man seine Unerfahrenheit anmerkt. Da er aber nun einmal einen baustellenunerfahrenen, unsicheren, schüchternen Jüngling spielen muss, passt das dann doch recht adäquat.

Gegenüber „Bang Boom Bang“ schwächelt das Drehbuch etwas, das eine ähnlich stark konstruierte Geschichte entspinnt, die hier aber weniger flutscht, eher etwas bemüht wirkt und sich schließlich in allzu absurden Albernheiten wie der „Y.M.C.A.“-Choreographie auf der Baustelle oder – besonders schlimm – Werner Wiesenkampf mies getrickstem Cessna-Flug verliert. Da verliert er jeden Realismus, der den Film vorher ausgemacht hat; Klamauk statt Situationskomik steht ihm nicht gut zu Gesicht. Glücklicherweise beschränkt sich dies auf wenige Szenen. Was überwiegt sind Pott-Folklore, warmherziger, rauer Humor, viel Sprachwitz und persiflierte Klischees, die mal bestätigt und mal ad absurdum geführt werden – untermalt von einem klasse Soundtrack Stefan Stoppocks. Statt in die Ferne zu schweifen oder erfolgreiche Konzepte zu kopieren, widmet sich Thorwarth zusammen mit seinen Co-Autoren Matthias Dinter und Martin Ritzenhoff dem, was ihm am nächsten liegt: seiner Heimat – und fährt mit der daraus resultierenden Individualität verdammt gut.

Aus diesem Spielfilm entstand im Anschluss eine Fernsehserie, die 2003 in zwei Staffeln auf Pro7 lief. Dazu später an anderer Stelle mehr.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 13. Feb 2018, 17:54

Tatort: Der kalte Fritte

Feiertags-Weimar-„Tatort“ mit Lessing/Dorn (Christian Ulmen/Nora Tschirner), der sechste, diesmal anlässlich der Karnevalsfeierlichkeiten 2018. Das Drehbuch musste Murmel Clausen diesmal allein verfassen, die Regie führte Titus Selge („Tatort: Am Ende des Tages“). Glücklicherweise widmete man sich gänzlich unkarnevalistischen Themen:

Ein Auftragskiller (Lars Rudolph, „Lola rennt“) erschießt den Milliardär Alonzo Sassen in dessen Villa, wird kurz darauf jedoch selbst gerichtet, nämlich von Sassens junger Frau Lollo (Ruby O. Fee, „Als wir träumten“). Das Motiv schien ein Kunstraub zu sein, doch auf diese Finte fallen die Kommissare Dorn und Lessing nicht herein: Sie sollte von einer weitaus komplexeren Gemengelage ablenken. Das Ermittlerduo heftet sich an Lollos Fersen, die in Fritjof „Fritte“ Schröders (Andreas Döhler, „Der Turm“) Bordell führen – ihrem ehemaligen Arbeitgeber, den sie nach einer erneuten Anstellung fragt. Um Frittes Bruder Martin (Sascha Alexander Geršak, „Winterkartoffelknödel“) ist es wirtschaftlich wesentlich schlechter bestellt: Zusammen mit seiner Frau Cleo (Elisabeth Baulitz, „Polizeiruf 110: Im Schatten“) betreibt er einen unrentablen Steinbruch. Sie hoffen darauf, dass ihr Steinbruch für das geplante „Goethe-Geomuseums“ gepachtet wird, um sich finanziell zu sanieren. Jedoch hatte auch Sassen der Stadt ein Baugrundstück offeriert… Und dann ist da noch Architekt Prof. Ilja Bock (Niels Bormann, „Mondkalb“), der ein intimes Verhältnis zu Cleo zu unterhalten pflegt. Weshalb also musste Sassen wirklich sterben?

In zunächst gewohnt humoristischer Weise gehen Dorn und Lessing dieser Frage nach und lernen dabei u.a. Kommissariatsleiter Kurt Stichs (Thorsten Merten) Vater (Hermann Beyer, „Dark“) kennen, der es mit dem Gesetz weit weniger genau nimmt als sein Filius. Den übrigen Charakteren mangelt es diesmal jedoch nicht nur an Profil, sondern vor allem an der Sympathie, die man als Zuschauer manch Delinquent oder schlicht schrägem Vogel in den vorausgegangenen Weimarer Fällen entgegenbrachte. Dafür ist die Zahl der Personalien dann auch etwas hoch, deren Rollen sich aufgrund der größeren Unnahbarkeit der Figuren schwieriger erschließen, selbst wenn in den Dialogen alles Wichtige bereits gesagt worden ist. Die Handlung läuft diesmal nicht so leicht rein wie sonst.

Eine offenbar bewusst eingeführte Veränderung sind die ungewohnt ernsten Momente, die den komödiantischen Tonfall konterkarieren: Gerade noch räkelte sich die verdeckt ermittelnde Dorn im Nuttendress an einer Tanzstange – eine köstliche Szene, die bewusst nicht auf Erotik getrimmt wurde, sondern vielmehr eine Persiflage auf Poledance darstellt –, da wird sie im nächsten Moment misshandelt und zu vergewaltigen versucht. Den Zuschauer trifft dies wie ein Schlag und lässt ihn alles andere als unberührt; die Sequenz steht gewissermaßen sinnbildlich dafür, wie schnell aus Spaß bitterer Ernst werden kann. Die Handlung mündet gar in ein hochdramatisches Finale, in dem auch Lessing an seine Grenzen gerät und in einer Mischung aus purer Wut und Verzweiflung einen schweren inneren Kampf auszufechten hat, während er mit der Waffe auf den Verantwortlichen zielt. Dieser „Tatort“ legt es offenbar darauf an, die verletzliche Seite der sonst so abgeklärten Ermittler zu zeigen, sie aus ihrer Sicherheit, in der sie sich mit ihrer vorausschauenden Intelligenz, ihrer Bildung und ihrem Sarkasmus sowie nicht zuletzt ihrer Zweierbeziehung wähnen, zu reißen. Diese Momente gehen wahrlich an die Nieren.

Dennoch bleibt genügend Zeit für Dorns süffisante sarkastische Kommentare, Lessings Klugscheißereien (man bekommt wieder ein paar Lektionen mehr oder minder unnützen Wissens mit auf den Weg) und etwas Screwball-Comedy zwischen beiden, beispielsweise in Gesprächen über den gemeinsamen, nach wie vor nie gezeigten Sohn. Und dann ist da ja auch noch Ruby O. Fee, die in Interviews stets den Eindruck macht, etwas neben sich zu stehen und deshalb perfekt geeignet ist für die verwirrt erscheinende Lollo, die statt Kaffee Milch aufsetzt, aber ganz gut im Kopfrechnen ist. Und anscheinend auch in manch anderem…
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Feb 2018, 13:30

Tatort: Feierstunde

Das als komödiantische Alternative zu herkömmlichen „Tatort“-Episoden angesetzte Konzept des Münsteraner „Tatorts“ um Ermittler Frank Thiel (Axel Prahl), dessen Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) und Gerichtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ging am 25.09.2016 in seine 30. Runde und feierte nach einem Drehbuch Elke Schuchs unter der Regie Lars Jessens („Dorfpunks“) somit ein Jubiläum. Für dieses hatte man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Verstärkt in Richtung eines harten Thrillers sollte es gehen. Ob dieser Ausbruch aus dem konzeptionellen Korsett funktionierte?

Boerne wurden drei Millionen Euro Fördergeld für seine Forschungsarbeiten an Mumien bewilligt, sehr zum Leidwesen von Juniorprofessor Harald Götz (Peter Jordan, „Die Schimmelreiter“), der dadurch für seine Forschung an einem ALS-Medikament leer ausging. Seine persönliche Betroffenheit – seine Frau leidet unter dieser heimtückischen Krankheit – lässt ihn einen derart starken Groll gegen Boerne hegen, dass er seiner Psychotherapeutin Dr. Corinna Adam (Oda Thormeyer, „Homevideo“) ein ums andere Mal Vernichtungsfantasien offenbart. Als dann auch noch seine Frau tot aufgefunden wird – sie hatte sich mit einer Pumpgun, die Waffennarr Götz im Darknet erstanden hatte, ins Gesicht geschossen –, brennen bei ihm endgültig die Sicherungen durch: Er verschafft sich gewaltsam Zutritt zu Boernes Feierstunde in einem Restaurant, lässt Boerne ein vergiftetes Häppchen verspeisen und nimmt die gesamte Gesellschaft unter Waffengewalt als Geiseln: Alle sollen Zeuge werden, wie Boerne dieselben Höllenqualen durchleidet wie seine Frau…

Die berechtigte Frage nach der gerechten Verteilung von Fördergeldern und der Finger in der Wunde von der Forschung stiefmütterlich behandelter Krankheiten müssen alsbald einer Handlung weichen, in der Götz als psychopathischer Racheengel nicht nur dem arroganten Boerne übel mitspielt, sondern auch eine Geisel kaltblütig erschießt und sich mit den anderen, die er mittels perfider Psychospielchen aufruft, Boerne zu töten, um ihr eigenes Leben zu retten, auch dann noch verschanzt, als das SEK und seine Therapeutin vor der Tür stehen. Dass sich Thiel ausgerechnet von dieser zuvor wegen seiner Rückenschmerzen behandeln ließ und sie schließlich als manipulativ und damit mitschuldig an Götz‘ Gewaltausbrüchen überführt wird, ist nur eine von vielen arg bemüht konstruiert erscheinenden Entwicklungen dieses unglaubwürdigen „Tatorts“: Da wird zunächst von einem ansteckenden Virus ausgegangen, was die Stürmung des Gebäudes verhindert, dann irrsinnigerweise angenommen, die verlogene und manipulative Therapeutin könne etwas ausrichten, indem sie zu Götz geschleust wird und Boerne samt seiner Assistentin, der kleinwüchsigen Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch), und schließlich sogar mit Kommissar Thiel von Götz immer wieder alleingelassen, sodass sie sich beinahe in aller Seelenruhe absprechen können, obwohl ihm doch eigentlich das Hauptinteresse Götz‘ gilt.

Nein, aus der vielversprechenden Grundidee, die Stoff für einen starken medizinischen Thriller inkl. provokanten Fragen und kritischen Aussagen geboten hätte, wird nicht viel mehr als ein auf die Frage nach Boernes Überleben reduzierter TV-Krimi, der es sich, den Gesetzen der Prime-Time-Unterhaltung folgend, letztlich viel zu einfach macht: Aufgrund einer vorhersehbaren Entwicklung stirbt mit dem Antagonisten auch sein Anliegen, das mit dem Thema überhaupt nicht gerecht werdenden, kurzen Kommentaren im Epilog beiseite gewischt wird. Mit Götz wurde auch sein verständliches Anliegen regelrecht dämonisiert, während der Zuschauer mit Ekelpaket (der, wie mehrfach angedeutet wird, dann ja doch kein so übler Kerl sei) Boerne mitzufiebern angehalten ist.

Der den Münsteraner „Tatorten“ zugeschriebene Humor bleibt hier ebenfalls vollkommen auf der Strecke, nicht zuletzt, da Thiel und Boerne diesmal gar nicht zusammen ermitteln können, was das totale Aus für jeglichen Dialogwitz bedeutet. In den Momenten, in denen Liefers seine Figur profiliert, wirkt diese wie eine klischeehaft viel zu überzeichnete Karikatur ohne jede Pointe. Eine Handlung wie diese zur Komödie umzufunktionieren, hätte indes noch weniger geklappt; insofern darf bezweifelt werden, dass dieses Drehbuch in diesen Rahmen jemals hätte passen können.

Im allgemeinen Wirrwarr inkl. seiner nach US-Serienvorbildern entwickelten schrulligen, skurrilen Dauerprotagonisten und flachen Nebenfiguren versucht Regisseur Lars Jessen redlich, allem gerecht zu werden, kaschiert Logiklöcher, vermeidet Längen und zieht sich allen Widerständen zum Trotz am roten Faden bis zum Abspann. Unter Jessen ist die Kamera nah dran an den Gesichtern und suggeriert damit eine Intensität, die dieser „Tatort“ mit Sicherheit angestrebt hat, jedoch außer in vereinzelten Momenten nicht erreicht. Dass aus diesem Jubiläums-Experiment nicht mehr als überforderte, unfokussierte, durchschnittliche TV-Kost wurde, lässt den Umgang mit dem eigentlichen Thema fast exploitativ erscheinen, und zwar auf eine unangenehme Weise.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Feb 2018, 16:01

www.youtube.com Video From : www.youtube.com

Punk im Alter

Olaf Ballnus und der Sänger der Bochumer Punkband Die Kassierer, Wolfgang „Wölfi“ Wendland, kennen sich noch aus Schulzeiten. Beide sind grundsätzlich kreativ tätig, schlugen jedoch unterschiedliche Wege ein, die sie in Ballnus‘ Dokumentarfilm „Punk im Alter“ wieder zusammenführten: Für seinen Film, der am 23.09.2017 seine Weltpremiere im rappelvollen Hamburger Untergrund-Kino „B-Movie“ im Rahmen des „Unerhört!“-Musikfilmfestivals feierte, widmet sich Ballnus seinem titelgebenden Thema anhand eines sehr speziellen exemplarischen Beispiels: Er porträtiert 51 Minuten lang die Niveaurocker um Frontmann Wendland, dessen Bruder und Drummer Volker Kampfgarten, den Gitarristen Nikolaj Sonnenscheiße und den Leichtmatrosen und Basser Mitch Maestro.

Dabei wird weder versucht, die Bandhistorie minutiös aufzuarbeiten noch sklavisch am Filmmotto zu kleben. „Punk im Alter“ wurde vielmehr eine lockere Collage aus aktuellen Interviews, raren und weniger seltenen Filmausschnitten und Fotos, Statements einiger Weggefährten und aktuellem Material, das Wölfi beispielsweise als Punk mit Bierbuddel in der Innenstadt beim zivilen Ungehorsam zeigt. Ballnus spannt den Bogen von den Anfängen Wendlands als Programmkinobetreiber in den 1980ern über die ebenfalls dort zu datierende Bandgründung bis hin zu aktuellen kalkuliert provokanten Auftritten im Mainstream-TV sowie eigenen Theaterstücken. Dabei setzt Ballnus keinesfalls auf die Skandalträchtigkeit der Band, ihre Nacktauftritte, Showeinlagen und textlichen Inhalte, für die man sich regelmäßig vor der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien verantworten musste, jedoch stets mit dem Prädikat „Kunst“ geadelt die Verhandlungen wieder verlassen konnte – all dies wird entweder gar nicht erst erwähnt oder herrlich unaufgeregt als gegeben hingenommen und unterschwellig in den Film eingespeist, sodass sich dem unbedarften Zuschauer erst nach und nach ein dann immer noch unvollständiges Bild ergibt.

Für das Bierzelt- und Kirmespublikum, das Die Kassierer regelmäßig auf ihre Sex- und Sauftexte reduziert, ist dieser Film dann dankenswerterweise auch nichts. Stattdessen bekommt man einen Eindruck davon, wie es durchaus auf relativ selbstverständliche Weise möglich ist, dass gebildete Männer über 50 über Jahrzehnte hinweg noch immer – vornehmlich aus ungebrochenem Spaß an der Sache und der Lust an der Sub- und Trivialkultur – ihre Punkband am Leben erhalten, blutjunges Publikum ziehen und vollkommen unprätentiös ihr ureigenes Ding durchziehen, während andere im Familien- und Berufsalltag versauern oder sich von einer Midlife-Krise in die nächste stürzen.

„Punk im Alter“ ist inspirierend, gibt Denkanstöße, führt Klischees ad absurdum – und verdeutlicht, dass auch mit Mitte 50 ein Dasein als Punk auf völlig unpeinliche Weise nicht nur möglich, sondern auch erstrebenswert, wenn nicht gar zwingend erforderlich ist. Dass ich mir für diesen Film mindestens eine halbe Stunde mehr Spielzeit und noch viel mehr Eindrücke aus dem Kassierer-Fundus gewünscht hätte, spricht für ihn und alle Beteiligten.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 18. Feb 2018, 20:38

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Laura

„Ich filme nicht einfach irgendwas – ich filme Liebe!“

Die französisch-italienische Erotik-Koproduktion „Laura“ aus dem Jahre 1976 basiert auf dem Roman „Laure“ der gebürtigen Thailänderin und „Emmanuelle“-Autorin Emmanuelle Arsan, die hier auch Regie führte – es sollte ihre einzige Regie-Arbeit bleiben – und selbst mitspielte. Daher wurde der Film hierzulande auch unter dem Titel „Emmanuelle für immer“ vermarktet.

„Denkst du, es gibt eine Zeit, dich zu wollen und eine, dich zu vergessen?“

Laura (Annie Belle, „Black Emmanuelle, White Emmanuelle“), hübsche junge Tochter eines Institutsleiters in Manila, Anhängerin der freien Liebe und Exhibitionistin, lernt den dauerfilmenden Voyeur Nicola (Al Cliver, „Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies“) kennen und lieben und heiratet ihn schließlich. Zusammen schließt man sich der Expedition des Anthropologen Professor Morgan (Orso Maria Guerrini, „Girolimoni - Das Ungeheuer von Rom“) an, die auf die Insel des geheimnisumwitterten Ureinwohnerstamms der Mara führt. Zur Kultur der Mara soll u.a. eine Wiedergeburtszeremonie gehören, mit der eine seelische Reinigung einhergeht, die so weit führen kann, dass man vergisst, wer man ist und ein komplett neues Leben beginnen muss. Begleitet wird die Expedition ferner von Morgans Ehefrau Natalie (Michele Starck, „Nackte Eva“) und Myrte (Emmanuelle Arsan), einer Freundin. Die Expedition wird von vornherein bestimmt von einer aufgeladenen erotischen Atmosphäre...

„Liebe und Freundschaft sind ein und dasselbe.“

Star des Films ist die französische Erotik-Actrice Annie Belle, die, verglichen mit anderen Schauspielerinnen jener Epoche und jenes Genres, zumindest in hiesigen Gefilden ziemlich in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Damit geht einher, dass ihre Filme kaum verfügbar sind. Wie schade das ist, wird dem Connaisseur schnell bewusst, sobald Belle vor der Kamera tritt: Eine hochattraktive Frau, der ihre fesche, seinerzeit durchaus gewagte und sicherlich nicht dem heterosexuellen Mainstream-Geschmack entsprechende Kurzhaarfrisur ganz ausgezeichnet steht. Auf dem Weg zur Universität lernt sie in ihrer Rolle als Laura den Hobbyfilmer Nicola kennen. Aufs Höschen verzichtet sie unter ihren knappen Kleidern gern (und treibt damit die Bewohner Manilas in den Wahnsinn), einen Uni-Vortrag gestaltet sie sich angenehm, indem sie sich mit der Zunge verwöhnen lässt, sportlich betätigt sie sich beim Tennis – ebenfalls gefilmt vom von seinem neuen Motiv besessenen Nicola. Nach und nach offenbart der Film immer mehr von Laura, das ist ziemlich geschmackvoll konzipiert und umgesetzt. Die ersten Sexszenen werden zunächst gar nicht gezeigt, kulminieren jedoch in einem filmischen Höhepunkt: Laura und Nicola haben sich beim Sex gefilmt und sichten das Material, das der Zuschauer dadurch auch zu sehen bekommt. Währenddessen kommt sich das Liebespaar im Vordergrund wieder näher. Das ist erotisches Kino vom Feinsten.

„Eifersucht ist widerlich!“

Nach dem Besuch einer dekadenten Party beginnen die Planungen zur Expedition. Bis es wirklich losgeht, bleibt jedoch noch genügend Zeit zum Nacktbaden und Sex. Laura ist nicht wirklich wählerisch und lässt jede(n) ran, doch der in ihrer Beziehung unterwürfige Nicola meint es genauso ernst mit der freien Liebe und stört sich nicht daran. Zu einem angedeuteten gleichgeschlechtlichen Akt zwischen Laura und der Philippinin Milagos kommt es dann leider doch nicht, dafür widmet sich Myrte der blonden Natalie. Auch eine Transsexuelle kommt auf ihre Kosten. Nicola will nicht länger warten und macht Laura einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Nach der Hochzeit startet endlich die Expedition. Der Film hat sich bis hierhin viel Zeit gelassen, die jedoch gut genutzt wurde.

„Wie willst du mich?“ – „In der Öffentlichkeit!“

Die Bootsüberfahrt ist Anlass für weitere schöne, Fernweh weckende Bilder. Sommer und Exotik sind allgegenwärtig. Auch der Professor lässt sich nicht lange bitten und treibt es mit Myrte, beobachtet vom von Laura vergraulten Fremdenführer. Doch wer meint, dass nun langsam Brisanz und Konflikt in die Handlung Einzug halten würden und zu wissen glaubt, dass es nicht unbedingt die beste Idee ist, mit einer Delegation in einen fremden Dschungel auf der Suche nach Ureinwohnern einzudringen, irrt. Was später unter Regisseuren wie Deodato oder Lenzi zu einer Umkehrung der Prämisse führte, lag überhaupt nicht im Interesse Arsans. Ein Glück, mag da mancher einwerfen, doch scheint ab diesem Punkt generell etwas schiefgelaufen zu sein: Waren die Dialoge bereits zuvor etwas plump – aber eben auch herzlichen nebensächlich –, gerieren sie sich nun zunehmend seltsam gestelzt und pseudophilosophisch und der Film wird immer langweiliger. Man übertreibt es nun zu sehr mit der mystisch-esoterisch-philosophischen Verquickung von Sexualität, Partnerschaft, Selbstfindung und Selbstaufgabe, dass die Spannung, die der Ausflug in den Dschungel zu erzeugen versprach, weitestgehend ausbleibt. Irgendwie wähnt man sich auch gefangen zwischen Arsans Versuchen, ihre mitunter befremdliche und krude Auffassung dieser Themen mittels ach so hochgeistigem Geschwurbel zu rechtfertigen auf der einen und der Harmlosigkeit des Streifens auf der anderen Seite, der all dies nicht gebraucht hätte und allein visuell überzeugend genug hätte ausfallen können, hätte er sich voll und ganz auf die tatsächlich weitestgehend unsexistische, gleichberechtigte Auslebung der Fetische und Liebe eines unangepassten, ungenormten, faszinierenden Paars auf ihrem Weg zur total Konsequenz des alten Hippietraums beschränkt, der sie an ihre Ursprünge zurückführt, die sie bei einem sagenhaften Stamm fernab der Zivilisation finden.

Dennoch reicht es noch immer für einige wunderbar ästhetische und sinnliche Szenen, die, unterlegt von Franco Micalizzis stimmiger Musik, die Essenz dieses Films sind, die man letztlich im Gedächtnis behalten und mit einem wohligen Lächeln an diesen schwülen Sommernachtstraum von einem naiven Urlaubs-Erotikfilm zurückdenken wird. Eine Essenz, die nur wenige Jahre später in Italien mit viel Blut und Gekröse besudelt und als Lüge enttarnt werden sollte. Doch das ist ein anderes Kapitel europäischer Filmgeschichte.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 19. Feb 2018, 20:53

Tatort: Der Fall Schimanski

Am 29.12.1991 endete die Ära Schimanski innerhalb der TV-Krimireihe: In seinem 29. Fall, den er (Götz George) zusammen mit Kollege Thanner (Eberhard Feik) durchzustehen hatte, quittierte er den Dienst. Schimanski-Erfinder Hajo Gies, der den Großteil der „Tatorte“ mit Götz George gedreht hatte, ließ es sich nicht nehmen, auch diesmal Regie zu führen. Und das Drehbuch Axel Götz‘ und Thomas Wesskamps sagt bestimmt nicht leise Servus, sondern lässt es noch mal krachen:

Schimanski liegt auf der Straße, möglicherweise betrunken, eine weiße Katze im Arm. Offenbar hat er die Nacht unter freiem Himmel verbracht. Schimanskis Erwachen leitet eine ausgedehnte Rückblende ein. Er erzählt von seiner neuen Freundin Corinna alias Nora (Maja Maranow, „Starkes Team“) – einer verheirateten Frau, genauer: der Gattin des Staatssekretärs Zech (Alexander Radszun, „Kaminsky - Ein Bulle dreht durch“), einer Feier am Flussufer mit seinen italienischen Freunden und Corinnas von ihm beobachtetes Aufeinandertreffen mit dem windigen Autolackierer Pfeiffer (Armin Rohde, „Lola rennt“), der sie bedrohte. Es kam zum Handgemenge zwischen den Männern, wobei Pfeiffer Schimanskis Jacke zerriss. Als er diesen am nächsten Tag in der Werkstatt aufsuchte und 200,- DM für die Jacke forderte, wurde er unwissentlich in ein mafiöses Komplott verwickelt: Die Scheine waren präpariert und dienten als Aufhänger, Schimanski einen ausgeklügelten Bestechungsskandal anzuhängen, um ihn loszuwerden. Schimmis Vorgesetzter Jahnke (Peter Fitz, „23“) wittert seine Chance, den unliebsamen „Ruhrpott-Rambo“ und „Anarchisten“ loszuwerden und bietet eine Versetzung nach Frankfurt/Oder an, doch dieser versucht, seine Ehre wiederherzustellen. Im Korruptionsskandal um Bauland, der dahintersteckt und Todesopfer fordern wird, muss er fortan so gut wie auf sich allein gestellt ermitteln, denn seine Kollegen scheinen ihm zu misstrauen – erklären ihn gar mittels eine Psychologin für unzurechnungsfähig…

Die relativ komplexe Geschichte wird spannend und stets gut nachvollziehbar erzählt und enthält dabei noch einmal viele typische Duisburg-„Tatort“-Versatzstücke: Schimmis ihn in die Bredouille bringende Frauenaffären, sein – trotz Thanner – Einzelkämpfer-Image, das Unverständnis konservativer Vorgesetzter für seinen unkonventionellen Lebens- und Ermittlungsstil, seine Geldprobleme usw. All das fügt sich keinesfalls erzwungen wirkend in die Handlung ein, in der man ihn nach seiner Kündigung sogar auf dem Arbeitsamtsgang sitzen und später im Einzelhandel in weißen Kittel gewandet arbeiten sieht. Sogar einen homosexuellen Mitbewohner bekommt der ewig und nun erst recht Klamme, seinerzeit bewusst als Statement gegen Homophobie und Diskriminierung eingesetzt. Alte Freunde jedoch eilen ihm alsbald zur Hilfe und treten immer dann Erscheinung, wenn es für ihn nicht weiterzugehen droht. Dadurch bekommt dieser „Tatort“ dann doch einen konstruierten Touch, der ihm jedoch als Letztem seiner Art verziehen sei – immerhin ist dies Anlass für Gastauftritte wie die von Kriminalrat a.D. Karl Königsberg (Ulrich Matschoss) und Saarbrücken-Kommissar Max Palu (Jochen Senf).

Durch ein paar Actionszenen und Schusswaffeneinsatz muss Schimanski ebenso durch wie durch akute Lebensgefahr und den totalen Verlust seiner Reputation, bis er letztlich alles auf eine Karte setzt und hoch pokert, doch alles gewinnt. Denn als Gewinn empfindet Schimmi am Ende, wenn die Rückblende längst wieder von der filmischen Gegenwart abgelöst wurde, seine neugewonnene Freiheit – in den Polizeidienst wird er nämlich nicht mehr zurückkehren. Etwas sehr zur Übertreibung neigt man, wenn man Schimanski von einer Rocker-Delegation in Empfang nehmen und feiern lässt oder wenn er sich in einem Paraglider vom Dach stürzt. Klar, diese Szene soll noch einmal den Freiheitsaspekt symbolisieren und unterstreichen und man nimmt es ihm durchaus ab, wenn er befreit lachend über die Dächer Duisburgs gleitet. Ein anderer Song als ausgerechnet die von Dieter Bohlen komponierte (jedoch glücklicherweise nicht von ihm, sondern von Bonnie Tyler gesungene) Luftnummer „Against the Wind“ hätte Schimanski in seiner letzten „Tatort“-Szene indes weitaus besser zu Gesicht gestanden.

Alles in allem ist „Der Fall Schimanski“ aber ein gelungener, bisweilen augenzwinkernd humorvoller, auch etwas wehmütiger Abschied – vom „Anarcho-Ruhrpott-Rambo“ und von den 1980ern. 1997 jedoch kehrte Götz George in seiner Paraderolle für eine neue Serie, das Spin-Off „Schimanski“, zurück. Deshalb an dieser Stelle kein „Mach’s gut!“, sondern ein „Schönen Urlaub und bis später!“
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 21. Feb 2018, 21:26

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Anna – Ich war ihm hörig

„Einander zu lieben bedeutet in Wahrheit: Die beiden sind Feinde. Sie haben Krieg!“

Der letzte der lediglich sieben Spielfilme des italienischen Regisseurs Giorgio Stegani, der in den 1960ern Western und Agentenfilme drehte und zu Beginn der 1970er mit „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“ auf Erotik-Dramen umsattelte, ist ein ebensolches: „Anna – Ich war ihm hörig“ aus dem Jahre 1977.

„Die Einsamkeit ist uns allen unerträglich. Männer leiden am meisten darunter. Frauen können sie besser ertragen und das ist eine ihrer Stärken – und eine Schwäche des starken Geschlechts!“

Die blutjunge Studentin Anna (Eleonora Giorgi, „Inferno“) lernt im Park den wesentlich älteren Maler Mark (Bekim Fehmiu, „Schwarzer Sonntag“) kennen. Seine Erfahrenheit und Annas unterwürfige Verliebtheit in ihn nutzt der von seiner feministischen Frau (Laura De Marchi, „Girolimoni - Das Ungeheuer von Rom“) getrennt lebende, zynische Chauvi und Vater der sechsjährigen Cristina (Nicoletta Elmi, „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“) aus, indem er sie vor immer neue Herausforderungen stellt, um ihm ihre Zuneigung zu beweisen, bis er sie schließlich gar zur Prostitution überredet. Daraus scheint er eine Befriedigung zu beziehen, die jedoch unersättlich ist. Als Anna sich schließlich allen Widrigkeiten zum Trotz endlich von ihm emanzipiert, setzt ein Umdenken bei Mark ein…

„Es gibt niemanden, den ich liebe. Ich glaube, ich liebe nicht einmal mich selbst.“

Stegani eröffnet seinen Film dabei so harmlos: Anna wandelt über eine Blumenwiese, was vermutlich ihre Unschuld metaphorisch zum Ausdruck bringen soll. Dort jedoch konfrontiert der verbitterte Mark die naive junge Frau mit seinen kruden Thesen zu Liebe und Partnerschaft – und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Gegenüber seiner verhassten Frau ist er um keinen sexistischen Spruch verlegen. Er sucht Nachtclubs auf, in denen Nackttänzerinnen die Besucher animieren und holt sich eine Hure vom Strich, jedoch ohne mit ihr Sex zu haben. Anna gegenüber lässt er sich abfällig hinsichtlich allgegenwärtigen Sexwahns aus – und irgendetwas scheint Anna extrem an diesem widersprüchlichen Mann, der scheinbar alles dafür tut, nicht geliebt zu werden, zu faszinieren. Sie unterwirft sich ihm komplett, worauf eine Art Collage symbolträchtiger erotischer Bilder folgt, die in einer freizügigen Sexszene münden. Mark nötigt seine junge Gespielin, Geld von ihm anzunehmen, ihm in der Badewanne die Füße zu küssen und hat sie schließlich so weit manipuliert, dass er sie ohne viel weiteres Zutun zur Prostitution überreden kann.

„Du bist eine seelische Judo-Expertin!“

Als sie gerade einem Freier ihren Dienst erweist, unterbricht er sie. Er schleppt sie zu einer feministischen Diskussionsrunde, an der sie sich beteiligt. Seine Frau hat derweil einen neuen Liebhaber: Sie ist nun mit Viktor liiert und will sich scheiden lassen. Anna gibt unterdessen ihre Büroausbildung auf und hegt Pläne, Stewardess zu werden – ein Indiz für einen sich langsam ausprägenden Freiheitsdrang. Als sie erneut bei Mark landet, hat sie ihre Frisur verändert – sie trägt nun Locken. Eine ausgedehnte, beinahe kitschige Erotikszene zerstört zunächst die Hoffnung auf eine sich von ihren selbstauferlegten Fesseln befreiende Anna. Mark macht ihr unmissverständlich klar, kein Kind von ihr zu wollen, doch Anna will sich in letzter Konsequenz gar für ihn umbringen – wozu ein unpassender Funk-Jazz dudelt.

Anna bleibt am Leben und reist nach Venedig, wo Mark sie ausfindig macht – zunächst sehr zu ihrer Freude. Doch als sie ihm eröffnet, wegen einer Abtreibung dort zu sein, bricht für ihn eine Welt zusammen. Er wusste nicht einmal, dass sie schwanger ist und fühlt sich in keiner Weise mehr an seine eigenen Aussagen gebunden. Darüber entbrennt ein Streit und endlich gibt Anna ihre Hörigkeit auf, entwickelt einen eigenen Kopf. Und plötzlich werden die Rollen vertauscht: Nun ist Mark schrecklich verliebt in Anna und rennt ihr hinterher.

Sie lieben sich, sie hassen sich und es ist alles ganz furchtbar. Nähert man sich „Anna – Ich war ihm hörig“ deskriptiv, offenbart sich eine ungesunde Beziehungskonstellation vor dem Hintergrund der Frauenbewegung. Von seiner Frau, mit deren Feminismus er nichts anfangen kann und sich vermutlich von ihm erniedrigt fühlt, verfällt Mark in eine Art Frauenhass, den er an einem aufgrund jugendlicher Unbedarftheit besonders leichtem Opfer auslebt: der jungen Anna, die etwas in ihm sieht, was möglicherweise einmal da war, nun jedoch unter betonmauerdickem zynischem Kulturpessimismus verborgen liegt. Liebe ist für Mark Krieg und er fährt schwere Geschütze auf. Und solange Anna sich ihm gegenüber unterwürfig verhält, um ihm zu genügen und zu gefallen, erreicht sie das exakte Gegenteil. Erst, als Mark ihr genau dieses Verhalten auch noch vorwirft, wird es Anna zu bunt und endlich entwickelt sie so etwas wie einen eigenen Willen, zumindest die Fähigkeit, Contra zu geben. Ab diesem Moment wird die emotionale Abhängigkeit umgekehrt, denn nun begreift Mark sie als echtes Individuum, mit der Folge, dass er sich in sie verliebt. Ob es tatsächlich spontan aufkeimende Vatergefühle sind, die bei Mark eine Rolle spielen, sei einmal dahingestellt, ist aber nicht auszuschließen. Als Aussage des Films verstehe ich jedoch in erster Linie: Mädels, emanzipiert euch, wenn ihr eine glückliche, gesunde Beziehung auf Augenhöhe möchtet! Dass Anhänger von Sado-Maso-Fetischen hier zumindest zeitweise auch auf ihre Kosten kommen, halte ich indes ebenfalls für möglich.

Dafür geht Stegani nicht immer sonderlich subtil, jedoch auch gewiss nicht plump vor. Insbesondere Eleonora Giorgi setzt er nach allen Regeln der erotischen Kunst in Szene und findet eine ausgewogene Balance aus bitterer, melancholischer und sexuell aufgeladener Atmosphäre, einer interessanten, dramaturgisch ansprechenden Handlung und ästhetischen, prickelnden Softsex-Szenen, garniert mit einigen schwelgerischen Bildern und einer anheimelnden, von Streicher- und Klavierklängen dominierten musikalischen Untermalung Gianni Machettis. „Anna – Ich war ihm hörig“ ist weder Sexploitation in ihrer negativen Konnotation noch schmutziger Sleaze, sondern ein bewusst mit Übertreibungen und Überzeichnungen spielendes Erotik-Drama, in das eine individuelle, natürlich letztlich männliche Sichtweise auf die weibliche Emanzipation auf interessante Weise eingewoben wurde – wenngleich das Verhalten der weiblichen Protagonistin aus heutiger Sicht vermutlich schwer nachvollziehbar erscheint. Schade, dass es Giorgio Steganis letzter Film blieb.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 25. Feb 2018, 23:51

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House on Straw Hill

„Es hat lange gedauert!“ – „Bis ich gekommen bin...?“

Der britische Regisseur James Kenelm Clarke („Funny Money – Tödliche Kreditkarten“) hat offenbar lediglich vier Filme gedreht und gleich sein Debüt aus dem Jahre 1976, der Erotik-Thriller „House on Straw Hill“ alias „Exposé“, sorgte in seinem Heimatland für eine solche Empörung, dass er auf der Liste der Video Nasties landete und damit weitestgehend aus dem Verkehr gezogen wurde.

„Ich bin seine Angestellte – mehr nicht!“

Der Schriftsteller Paul Martin (Udo Kier, „Hexen bis aufs Blut gequält“) arbeitet in einem angemieteten Landhaus in einer ruhigen, menschenverlassenen Gegend an seinem Roman. In der letzten Phase der Fertigstellung des Manuskripts stellt man ihm eine Sekretärin, die attraktive Linda (Linda Hayden, „Baby Love“), zur Seite, die ihm als Schreibkraft assistieren soll. Doch diese verfolgt ein eigenes Ziel: blutige Rache...

Die melancholische Klaviermelodie, mit der der Vorspann unterlegt wurde, passt gut zur einsamen Einöde, in die sich Paul Martin zurückgezogen hat. Die Handlung beginnt mit einem Fernseh-Interview mit dem Schriftsteller, der während des Geschlechtsverkehrs mit seiner Haushälterin Suzanne (Fiona Richmond, „Let’s Get Laid“) von Horrorvisionen geplagt wird – und in der Folge immer wieder. Diese entpuppen sich als eine Mischung aus düsterer Vorahnung und Ausdruck seines schlechten Gewissens, das er jedoch nicht wegen des Sex mit Suzanne hat. Seine neue Assistentin hingegen masturbiert ständig, wobei Paul sie mehr oder weniger heimlich beobachtet. Die Kamera produziert erotische Nacktbilder der bildhübschen Hauptdarstellerin, und dies durchaus mit einer gewissen Hingabe.

Als jemandem die Kehle durchgeschnitten wird, wird der Täter nicht gezeigt, doch der Verdacht fällt naturgemäß sofort auf Linda. Aber würde es sich der Film tatsächlich so einfach machen? „House on Straw Hill“ wird sehr ruhig erzählt, das Tempo zurückgenommen. Man versucht, eine Atmosphäre zwischen latenter Bedrohung und erotischer Spannung aufzubauen und widmet sich ausführlich den Sexualtrieben der Figuren: Linda schmeißt sich an Suzanne ran, der gern Handschuhe beim Sex tragende Paul grätscht dazwischen. Eine weitere Sexszene zwischen ihm und Suzanne wird von Linda beobachtet, die dann doch noch zu ihrer Lesbenszene kommt. Anschließend überlebt Paul einen Autounfall, während Suzanne, die die Kehlenschnitt-Leiche findet, ebenfalls umgebracht wird. Nun hat Linda freie Bahn, mischt sich in das Romanfinale ein und beendet das Manuskript für Paul. Längst hat sie das Ruder übernommen, in jeglicher Hinsicht: Beide tauschen nun heiße Küsse aus und Linda eröffnet ihm, ihn töten zu werden, nicht ohne ihm ihr Motiv zu erläutern.

Der Schlussakkord dieses ruppigen, sinistren, gleichwohl erotischen Low-Budget-Thrillers lebt dann sehr von Zufällen und als Zuschauer darf man sich fragen, wozu das vollkommen unnötige, unspannende Whodunit? aufgebaut wurde, wenn sich der Anfangsverdacht schlicht bestätigt. „House on Straw Hill“ ist erzählerisch wie inhaltlich sehr simpel. Er lebt von seiner Verquickung düsterer Todesahnung, akuter Gefahr und perfide taktisch eingesetzter Sexualität. Linda fungiert als ein Todesengel, der sein Opfer becirct und willenlos macht und dabei aller Körperlichkeit und scheinbarer Leidenschaft zum Trotz eiskalt vorgeht – wie sich beispielsweise in einer relativ expliziten Vergewaltigung zeigt, die Linda ohne Weiteres wegzustecken scheint. Damit wird sie buchstäblich zum männermordenden Vamp. Ihr Gegenüber Paul bleibt als exaltierter Künstler, der es mit dem Urheberrecht nicht so genau nimmt, sehr skizzenhaft, wenngleich Kier das Beste aus seiner Rolle macht. Die Erotikszenen sind selbstzweckhaft und entsprechend ausgewalzt, die Gewalt ist harsch, spielt letztlich aber eine untergeordnete Rolle. So gern man allen narrativen Schwächen und Ungereimtheiten zum Trotz in die morbide Atmosphäre des Films eintaucht und Lindas Interaktion mit Kier in Form ihrer Psychospiele bis zur Eskalation beobachtet, so wenig bietet Fiona Richmond als Suzanne mit ihrem Overacting, ihrem Sonnenstudio-Toastteint und ihren Plastikhupen Anlass zur Freude.

Aus „House on Straw Hill“ hätte man wesentlich mehr machen können – aber auch wesentlich weniger, und so stellt er für ein Publikum, das einen Blick für kleinere Genre-Produktionen in diesem von Kritik und Zensur ungeliebten, speziellen Metier hat, durchaus eine sehenswerte Erfahrung dar.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 2. Mär 2018, 09:45

Tatort: Verbrannt

Nachdem rassistische Dessauer Bullen am 7. Januar 2005 den Asylbewerber Oury Jalloh aus Sierra Leone in ihrer Zelle auf der Wache bei lebendigem Leib verbrannten, wurden die Verantwortlichen in einem Justizskandal zunächst freigesprochen. Gegen den Dessauer Mörderbullenklüngel, der mindestens zwei weitere Tote auf dem Gewissen hat, kam es bis heute zu keiner Verurteilung wegen Mordes. Dieses reale Vorbild nahm Autor Stefan Kolditz zum Anlass für ein Drehbuch zur „Tatort“-TV-Krimireihe, das für das Hamburger Ermittlerduo Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) in seinem sechsten Fall geschrieben und von Regisseur Thomas Stuber („Teenage Angst“) in seinem bisher einzigen Beitrag zur Reihe verfilmt wurde. Die Erstausstrahlung erfolgte am 11.10.2015.

Der Ort wurde ins niedersächsische Salzgitter verlagert: Dort halten sich Lorenz und Falke gerade auf, um den afrikanischen Asylbewerber Gibril Bali (Ibrahima Sanogo, „Irina Palm“) wegen des Verdachts zu beschatten, er würde mit gefälschten Ausweisen handeln. Als Lorenz ihn festnehmen will, wehrt er sich, woraufhin Falke wie von Sinnen auf ihn einschlägt. Am nächsten Tag stellt sich die Unschuld des Verdächtigten heraus. Als beide die örtliche Wache aufsuchen, in der Bali in einer Gewahrsamszelle festgehalten wurde, müssen sie erfahren, dass er die Nacht nicht überlebt hat: Der mit Händen und Füßen an das Bett Fixierte ist verbrannt. Während Lorenz und Falke in Salzgitter bleiben, um den Fall aufzuklären, stoßen sie auf viele Ungereimtheiten, eine Mauer des Schweigens – und Lorenz an ihre psychischen Grenzen…

„Verbrannt“ orientiert sich für einen Krimibeitrag mit fiktionaler Handlung lange Zeit relativ eng am realen Fall, eingebettet ins Hamburger „Tatort“-Format. Falkes Kurzschlussreaktion, in der er selbst Polizeigewalt verübt, scheint seiner emotionalen Bindung zu Lorenz geschuldet und führt zu einem ausgeprägten schlechten Gewissen, das seinen Teil dazu beiträgt, nicht nur dem Mord auf den Grund zu gehen, sondern sich auch verstärkt in die Welt des Opfers zu begeben. Besuche im Asylbewerberheim, bei denen man sich den Reaktionen der Freunde und Bekannten Balis aussetzt, sind ebenso die Konsequenz wie eine vorsichtige Rekonstruktion seines Lebens, die ihm ein Gesicht gibt. So stellt sich heraus, dass Bali – wie auch Jalloh – Vater eines mit einer Deutschen gezeugten Kindes war, was die Handung zu einer falschen Fährte ausbaut, die bereits einen Eindruck von der allgegenwärtigen ablehnenden Haltung gegenüber Asylbewerbern vermittelt.

Erste Ermittlungsergebnisse sind, dass die in der Nacht diensthabenden Polizisten Maria Sombert (Annika Kuhl, „Herr Lehmann“) und Mehmet Mutlu (Taner Sahintürk, „Der Kuaför aus der Keupstraße“) viel zu spät auf den Alarm reagiert haben – absichtlich? Kabarettist Serdar Somuncu tritt als Anwalt des Opfers in Erscheinung und legt mit einem seriösen Auftritt den Finger in die Wunde des institutionellen Rassismus, während manch Polizist in branchenübliches Gejammer über die Arbeitsbedingungen verfällt. Verdächtig macht sich insbesondere Mutlu, der als türkischstämmiger Polizist derart überintegriert scheint, dass er seine gewonnene Akzeptanz offenbar nicht aufs Spiel setzen möchte und deshalb gute Miene zum bösen Spiel macht. Seine weniger dickhäutige Kollegin Sombert gerät unter Druck sowohl seitens der Ermittler als auch der dies argwöhnisch beobachtenden Kollegen und zeigt sich in einer Szene splitternackt – was auf mich wie eine Mischung aus Fanservice und Metapher für ihre Schutzlosigkeit beim Ablegen des Mantels des Schweigens wirkt.

Überwiegend ist all das ziemlich gut gelöst und mit der nötigen Sensibilität in Szene gesetzt, ohne auf klassischen Spannungsaufbau zu verzichten. Der Korpsgeist der sich nach außen hin als soziales Team präsentierenden Polizisten, die jedoch ein ganz eigenes, überaus eigenwilliges Verständnis von Recht und Gesetz entwickelt haben, verursacht ein durchgehend äußerst unangenehmes Gefühl, Wut paart sich mit Ohnmacht und einem mit Füßen getretenen Rechtsbewusstsein. Kameramann Alexander Fischerkoesens Bilderwelt illustriert diese Stimmung entsprechend, visualisiert Tristesse, Frust und Nachdenklichkeit und arbeitet immer wieder mit Rauch- und Qualmmotiven, die den Mord symbolisieren.

Nun muss auch dieser „Tatort“ natürlich zu einer Conclusio kommen – und sich damit zwangsläufig vom realen Fall emanzipieren, dessen genaue Tatumstände noch immer unklar sind, da die involvierten Dessauer Polizisten die konstruktive Mitarbeit verweigern. Und exakt dies ist der Punkt, an dem dieser „Tatort“ zu schwächeln beginnt: Das Falke zugespielte Polizeiparty-Video, auf dem eine hinzugezogene Lippenleserin irgendeinem Gestammel um einen gewissen „Hagen“ entziffert, was Falke auf die Nibelungensage schließen lässt, woraus er wiederum Rückschlüsse auf Tathergang und Motiv zieht, woraufhin der damit konfrontierte Mörder sich selbst richtet und dessen Vorgesetzter gegen Ende den großen Erklärbärtanz steppt, während er platt und klischeebehaftet den Filmpsychopathen mimt, ist leider einmal mehr ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Man hätte gut daran getan, mit der letzten Einstellung vor Beginn der Beweissichtung zu schließen, denn diese brachte alle oben genannten Gefühle noch einmal perfekt auf den Punkt und hätte das Publikum nachdenklich gestimmt entlassen. Aber der durchschnittliche „Tatort“-Zuschauer braucht ja anscheinend seine Katharsis und so wird konstruiert um des Konstruierens willen…

Doch bis zu jenem Punkt verzichtete dieser „Tatort“ auf überzeichnete Figuren und stellte den eigentlichen Fall in den Vordergrund, für den es eigentlich gar keine Katharsis geben kann: Wer auch nur über einen Hauch Abstraktionsvermögen verfügt, wird begreifen, welche Gefahr von einer Institution wie der Polizei ausgeht, die sich über das Gesetz stellt, statt dieses zu verteidigen, deren Mitglieder sich gegenseitig decken und vor Gericht generell kaum etwas zu befürchten haben. Gleichzeitig ist es diese schwerbewaffnete, mit zahlreichen Privilegien ausgestattete Exekutive, die beständig ihr Leid über vermeintlich unzureichende Befugnisse klagt und sich in Lobby-Verbänden wie der euphemistisch betitelten „Gewerkschaft der Polizei“ organisiert, um noch mehr Rechte, noch mehr Macht bei gleichzeitiger weiterer Aushöhlung der Verfolgung von Straftaten im Dienst für sich zu erstreiten. Eben jene GdP entblödete sich dann auch nicht, auf die Ausstrahlung dieses „Tatorts“ mit einem öffentlichen Statement beleidigt zu reagieren und sich „vorgeführt“ zu wähnen, statt sich einmal kritisch damit auseinanderzusetzen, welchen Nährboden für rechtsextremistische Umtriebe und Faschismus die autoritären Polizeistrukturen bieten und ob es wirklich eine so gute Idee ist, diese immer weiter hochzurüsten …

Für Petra Schmidt-Schaller war dies der Ausstieg aus der „Tatort“-Reihe, seit 2016 macht Falke mit einer neuen Kollegin weiter. Es bleibt die vage Hoffnung, dass es dem von antidemokratischen Kräften unterlaufenen deutschen Justizsystem in naher Zukunft doch einmal gelingen wird, den Dessauer Sauhaufen mit seinen feigen Mördern zu zerschlagen, zur Rechenschaft zu ziehen, sämtliche Todesfälle aufzuklären – und damit ein für alle Mal zu demonstrieren, dass auch die Polizei geltendem Recht untersteht. Man wird ja wohl noch träumen dürfen…?
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