Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Moderator: jogiwan

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon karlAbundzu » 27. Jan 2020, 15:11

Tatort München: Unklare Lage
Nachdem die letzten Münchner gefühlt nur noch das Alter der beiden Kommissare Leitmayer und Batic zum Thema hatten, hier mal was anderes. Eine Art Anatomie eines drohenden Schulanschlag.
Ein Jugendlicher erschießt einen Buskontrolleur, wird nach einer Verfolgung selbst erledigt. Batic und Leitmayer glauben an einen Mittäter, einiges spricht dafür.
Spannend und schnell inszeniert folgen wir hier den beiden Kommissaren und ihren dritten Mann diesmal in einer anderen Rolle. Und alles innerhalb eines Tages inklusive Panik in Stadt und Schule. Wir sehen auch die Überheblichkeit der beiden, ihre Zweifel, ihr Nichtloslassenkönnen.
Und jedes Klischee des Sujet wird angetäuscht, aber gekonnt ausgewichen.
Also: gut.
Und das Schlußbild nach dem Batic die vermeintliche Bombenträgerin erschoß, und offen zu lassen, ob sie die Bombe hatte, ist wirklich ein großer Tatort Moment, der schon fast nach Ende des Teams riecht.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon McBrewer » 28. Jan 2020, 22:59

karlAbundzu hat geschrieben:Tatort München: Unklare Lage
Nachdem die letzten Münchner gefühlt nur noch das Alter der beiden Kommissare Leitmayer und Batic zum Thema hatten, hier mal was anderes. Eine Art Anatomie eines drohenden Schulanschlag.
Ein Jugendlicher erschießt einen Buskontrolleur, wird nach einer Verfolgung selbst erledigt. Batic und Leitmayer glauben an einen Mittäter, einiges spricht dafür.
Spannend und schnell inszeniert folgen wir hier den beiden Kommissaren und ihren dritten Mann diesmal in einer anderen Rolle. Und alles innerhalb eines Tages inklusive Panik in Stadt und Schule. Wir sehen auch die Überheblichkeit der beiden, ihre Zweifel, ihr Nichtloslassenkönnen.
Und jedes Klischee des Sujet wird angetäuscht, aber gekonnt ausgewichen.
Also: gut.


unterschreibe ich :nick:
Diese Münchner Folge hatte auch sehr viele Spannungsmomente & Assistent "Kalli" wurde in der Zentrale auch gut eingebunden.

Nur...

Und das Schlußbild nach dem Batic die vermeintliche Bombenträgerin erschoß, und offen zu lassen, ob sie die Bombe hatte, ist wirklich ein großer Tatort Moment, der schon fast nach Ende des Teams riecht.


..genau da hätte ich persönlich auch in die Tischkante beißen können. :bang:
Genau dieses "offen lassen" hatte mich sehr irritiert. Auch, das die ganze Zeit während einer Möglichen Sprengstoffvermutung das Spezialteam anrücken muss aber dann in der Schlussszene einfach so der Rucksack von einem SEK Beamten geöffnet wird :palm:
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon karlAbundzu » 29. Jan 2020, 15:41

ich fand es gut, da es in bezug auf die Bewertung der Tat von Batic unerheblich ist, ob die Bombe im Rucksack und scharf war. Er hat es angenommen, und wahrscheinlich nur aufgrund der vielen Fehleinschätzungen der beiden.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 10. Feb 2020, 21:43

Tatort: Miriam

„Schimanski, du hast wohl lange keine mehr auf die Schnauze gekriegt!“

Der sechste Fall des Duisburger Kripo-Duos Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) wurde am 04.04.1983 erstausgestrahlt und stammt von Regisseur Peter Adam, der zuvor bereits den vierten Duisburger „Tatort: Das Mädchen auf der Treppe“ inszeniert hatte und 1980 mit „Der Zeuge“ für die Krimireihe debütiert hatte. Für Adam sollten noch vier weitere „Tatort“-Episoden folgen. Das Drehbuch verfasste er zusammen mit Horst Vocks und Thomas Wittenburg.

„Ich warte auf den Tag, an dem die Vögel tot vom Himmel fallen!“

Virks, ein Mitarbeiter des Privatdetektivs Heinz Scholl (Will Danin, „Deep End“), wird ermordet aufgefunden. Erste Ermittlungen ergeben, dass Scholl und Virks sich mit zwei Diebstählen beschäftigten – dabei scheinen sie auf brisante Informationen gestoßen zu sein. Doch Scholl ist untergetaucht und weder die mit Virks in Kontakt gestanden habende Miriam Schultheiß (Sunnyi Melles, „Wer spinnt denn da, Herr Doktor?“) noch ihr Vater (Paul Albert Krumm, „Jonathan“), ein vermögender Industrieller, sind eine große Hilfe. Immerhin kann Schimanski in Erfahrung bringen, dass Miriams Mutter vor 20 Jahren einen tödlichen Verkehrsunfall erlitten haben soll, nachdem sie zuvor einen Spieler erstach. Schultheiß ehelichte danach seine Geliebte, weshalb Miriam seither nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Offenbar hatte sie Virks mit Nachforschungen in dieser Angelegenheit betraut. Wer hat so viel zu verbergen, dass er bereit ist, Virks umzubringen?

Der „Tatort“ beginnt humorvoll, denn nachdem Thanner von seiner Freundin Sylvia vor die Tür gesetzt wurde, wohnt er bei Schimanski, schmeißt den Haushalt und geriert sich immer mehr wie eine Ehefrau. Geht jedoch sein Liebeskummer mit ihm durch, betrinkt er sich. Sylvia scheint etwas mit einem Surflehrer angefangen zu haben, den man jedoch nicht zu Gesicht bekommt – im Gegensatz zur Wunde, die er Thanner offenbar im Zuge einer nonverbalen Auseinandersetzung zugefügt hat. Eine tragikomische Rahmenhandlung, in der nun Thanner den emotionalen Part übernimmt. Dadurch braucht George hier nicht mehr den Krawallero mimen, sondern bekommt verstärkt die Möglichkeit, seiner Rolle differenziertere Facetten zu verleihen, was er mit Bravour meistert.

Die Kriminal- bzw. Ermittlungshandlung liefert eine reichlich undurchsichtige und fintenreiche Geschichte, die in mühsamer Polizeiarbeit entwirrt wird und damit zunächst einmal relativ glaubwürdig erscheint. Durch den komplett fehlenden Bezug des Publikums zum Opfer und dessen Umfeld hält sich die Spannung jedoch lange Zeit sehr in Grenzen. Erschwerend hinzu kommt, dass die titelgebende Miriam Schultheiß eisig unterkühlt von Sunnyi Melles gespielt wird, einer richtigen, etwas an die 1920er-Jahre erinnernden Filmschönheit, die die Unnahbarkeit ihrer Rolle perfekt verkörpert. Hat sich erst einmal herausgestellt, dass am Tode Miriams Mutter etwas faul zu sein scheint, gewinnt diese Episode an Spannung, bleibt jedoch ungewöhnlich ruhig erzählt. Umso effektiver wirkt es dafür, wenn es Scholl plötzlich an den Kragen geht und es zum Schusswaffeneinsatz kommt. Ein paar kleinere Autostunts hat man auch untergebracht und leitet schließlich eine Wendung ein, die die Ereignisse auf den Kopf stellt. Die Geduld wird also belohnt.

In schöner urbaner Atmosphäre voller zeitgenössischer Filialketten und Reklame, befeuert auch durch die nach „Das Mädchen auf der Treppe“ erneute Verpflichtung der visionären Synthie-Progger Tangerine Dream (ihr insgesamt dritter „Tatort“, zu dem sie die Musik beisteuerten), erhält man außerdem Einblicke in die Versicherungsbranche, erlebt einen kooperativen Kripokollegen Dr. Born (Christoph Hofrichter), darf über Schimmi beim Anstecken einer Roth Händle (ohne Filter!) schmunzeln – und fassungslos einmal mehr bestätigt sehen, wie die Oberschicht das einfache Volk nicht nur mit Füßen tritt, sondern auch über Leichen geht und dabei nicht einmal Rücksicht auf die eigene Familie nimmt, wenn es gilt, einen persönlichen Vorteil zu erzielen. So gibt es dann auch kein Happy End, wenngleich der Fall gelöst wird. Dazu passt die Gefühlskälte dieses „Tatorts“, die nicht nur auf Seiten der Kriminellen zu finden ist, ganz hervorragend.

Bedächtig, aber fortwährend entwickelt dieser „Tatort“ seinen Anspruch und spielt seine Qualitäten aus, die erneut gerade auch in klugen gesellschaftlichen Beobachtungen und einem sozialen Gewissen zu finden sind. Trivium zum Schluss: Schultheiß-Schauspieler Paul Albert Krumm spielte bereits im allersten „Tatort: Taxi nach Leipzig“ mit!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 12. Feb 2020, 15:14

Tatort: Die goldene Zeit

„Wenn ein Bauer im Dorf stirbt, schlachtet man einen Hammel und isst zusammen, bevor man seine Herde übernimmt.“

Falke (Wotan Wilke Möhring) zum Dreizehnten, Falke mit Grosz (Franziska Weisz) zum Siebten: Das Hamburger BKA-Ermittlungsduo ruft es in Regisseurin Mia Spenglers („Back For Good“) „Tatort“-Debüt auf den Kiez. Das Drehbuch stammt von Georg Lippert. Erstausgestrahlt wurde der im Frühjahr 2019 gedrehte Fall am 9. Februar 2020, seine Premiere hatte er da aber bereits am 29. September 2019 auf dem Filmfest Hamburg gefeiert.

Der junge Rumäne Matei Dimescu (Bogdan Iancu, „Oh, Ramona!“) ersticht auf Hamburg-St. Pauli Johannes Pohl (Till Butterbach, „Systemsprenger“), den Filius des ehemaligen Rotlichtmagnaten Egon Pohl (Christian Redl, „Spreewaldkrimi“), brutal vor dessen Wohnung, lässt jedoch u.a. sein Smartphone am Tatort zurück. Zu dumm, dass er sein Rückfahrticket in die Heimat lediglich auf dem Gerät gespeichert hat. Es handelte sich um einen Auftragsmord für eine lächerlich geringe Summe, was neben der Bundespolizei auch Pohls ehemaligen Bediensteten Michael Lübke (Michael Thomas, „Import Export“) auf den Plan ruft, der die Leiche als Erster entdeckt hatte. Er macht den Jungen ausfindig, eigentlich fest entschlossen, ihn umzubringen. Er bringt es jedoch nicht fertig und entwickelt andere Pläne für den Nachwuchs-Killer. Bei der Frage nach den Auftraggebern fällt der Verdacht schnell auf die albanische Kiezmafia um Krenar Zekaj (Slavko Popadic, „Bonnie & Bonnie“), die erfolglos versucht hatte, einen Bordellbetrieb von Roman Kainz (Roland Bonjour, „Heute oder morgen“) zu übernehmen, dessen Schwester Carolin Sehling (Deborah Kaufmann, „Zuckersand“) als Betreiberin einer Stiftung zur Förderung hochtalentierter, aber mittelloser Kinder wiederum mit dem ganzen Milieu so wenig wie möglich zu tun haben möchte. Als die Bundespolizei auf Lübke trifft, treffen sich zwei alte Bekannte wieder: Falke und Lübke kennen sich aus ihrer gemeinsamen Kiezzeit, Falke hatte dort einst als Türsteher gearbeitet…

Das klassische Whodunit? wird abgewandelt, denn der eigentliche Täter steht von vornherein fest, seine Tat wird direkt zu Beginn in an die Nieren gehenden Bildern festgehalten: Der rumänische Junge ist kein Profikiller, sondern ein ultranervöser Amateur, der sich für eine Handvoll Euro hat anheuern lassen. Es stellt sich jedoch die Frage nach dem Hintermann und dessen Motiv. Beides scheint indes schnell auf der Hand zu liegen: Die ins Rotlichtmilieu drängenden Albaner waren’s, weil man ihnen keinen gut laufenden Bordellbetrieb überlassen wollte. Schluss macht „Die goldene Zeit“ jedenfalls mit jeglicher Kiezromantik, nicht aber mit Kieznostalgie: In urbaner Neo-Noir-Atmosphäre wird mit unruhiger, permanente Anspannung suggerierender Kamera ein realistisch-dreckiges Bild der „sündigen Meile“ gezeichnet. Sex-Arbeit als knallhartes Geschäft zwischen gescheiterten Existenzen und Gewalt, allen Beteuerungen des aalglatten Roman Kainz zum Trotz, streng seriös und legal zu operieren.

Die Nostalgie bricht sich Bahn, wenn der abgehalfterte Lübke an die titelgebende „goldene Zeit“ zurückdenkt, in der der mittlerweile demente und auf Pflege angewiesene Egon Pohl große Teile des Geschäfts bestimmte – und Lübke mit Falke befreundet war. In schummrigen Spelunken trifft man sich nun und lässt vergangene Zeiten sehnsüchtig und melancholisch Revue passieren. Die Freundschaft zwischen Lübke und Falke ändert jedoch nichts daran, dass Lübke der Polizei wichtige Informationen vorenthält, während sich zwischen ihm und dem trotz allem fast schon bemitleidenswerten Jungen eine besondere Beziehung irgendwo zwischen Beschützerinstinkt und Manipulation entwickelt – in ihrer Sensibilität und Ambivalenz eines der Glanzlichter dieses „Tatorts“. Als neue Figur wird LKA-Kollege Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) eingeführt, der Falke und Grosz bei ihrer Arbeit unterstützt, ansonsten aber nicht weiter auffällt.

Reales Vorbild dieses Falls: Im Jahre 2018 soll das Hamburger Mongols-Oberhaupt blutige Rache am Hells-Angels-Boss genommen haben, indem er einen Mitte zwanzigjährigen Bulgaren mit dessen Mord beauftragt habe. Der eigens aus Bulgarien angereiste Auftragsmörder gab auf offener Straße mitten auf dem Kiez mehrere Schüsse auf sein Opfer ab, das den Anschlag überlebte, seither jedoch querschnittsgelähmt ist. Tatsächlich gab es immer mal wieder Versuche ausländischer Clans und Gangs, die Vormachtstellung im Rotlichtgeschäft auf dem Hamburger Kiez zu erlangen, Medienberichterstattungen zufolge halten jedoch nach wie vor die Hells Angels die Zügel fest in der Hand.

Insofern vermittelt dieser „Tatort“ vermutlich einen recht falschen Eindruck. Andererseits handelt es sich um einen fiktionalen Fall, was insbesondere die finale Wendung, die zur Lösung führt, verdeutlicht. Diese ist einmal mehr der überbordenden Fantasie der Autorenschaft zuzuschreiben und umgeht eine eindeutige Schuldzuweisung innerhalb des mörderischen Milieukonflikts, die wiederum ihren Höhepunkt auf der Dachterrasse des Albanerquartiers in Form eines tragisch-dramatischen Showdowns findet, reichlich dick aufträgt und innerhalb der „Tatort“-Logik der Gerechtigkeit genüge tut. Als halbwegs stimmige Annäherung ans Kiezmilieu weitab von Party, Romantisierung oder überzeichnetem Action-Thrill ist „Die goldene Zeit“ jedoch recht sehenswert. Und nicht zuletzt sehe ich mich darin bestätigt, welche Gefahr von ausschließlich auf mobilen Endgeräten gespeicherten Tickets ausgeht...
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon buxtebrawler » 25. Feb 2020, 20:29

Tatort: Ich hab im Traum geweinet

„Mit der Tatverdächtigen trinken – du bist doch bescheuert!“

Regisseur Jan Bonny („Wintermärchen“) inszenierten mit dem fünften Fall des Freiburger Ermittlungsduos Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) nach einem Drehbuch Jan Eichbergs einen weiteren Karnevals-„Tatort“: „Ich hab im Traum geweinet“. Bonnys nach „Borowski und das Fest des Nordens“ zweiter „Tatort“ wurde saisongerecht am 23.02.2020 erstausgestrahlt, gedreht jedoch wurde er bereits ein Jahr zuvor.

„Du bist so eine blöde Kuh!“ – „Ich hasse dich!“

In Freiburg feiert man „Fasnet“, was so viel wie Fasching bedeutet. Die Kommissare Franziska Tobler und Friedemann Berg lassen es ebenfalls krachen, betrinken sich und haben, obwohl Tobler anderweitig liiert ist, Sex miteinander. Am nächsten Morgen jedoch will ein Mordfall aufgeklärt werden: Der Karlsruher Richter Philipp Kiehl (Andreas Döhler, „Die Stunde des Wolfes“) wird totgeschlagen in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Tags zuvor hatte er noch seine Frau Elena (Bibiana Beglau, „1000 Arten Regen zu beschreiben“) zu ihrer Gesichtsstraffung bei einem plastischen Chirurgen begleitet. Tatverdächtig sind die Krankenschwester und Prostituierte Romy Schindler (Darja Mahotkin, „Dogs of Berlin“), die lediglich halbherzig versucht, ihre Tätigkeit als käufliche Dame hinter sich zu lassen und mit ihrem ehemaligen Kunden Kiehl kurz vor dessen Tod erneut Sex hatte, sowie ihr Lebensgefährte David Hans (Andrei Viorel Tacu, „Jagdzeit“), der naturgemäß Techtelmechtel und Fremdgeherei seiner Freundin argwöhnisch beäugt. Und dann ist da auch noch Burk Giebenhain (Ronald Kukulies, „Als wir träumten“), ein weiterer ehemaliger Kunde Romys, der davon überzeugt ist, der leibliche Vater ihres Kindes zu sein…

Zu sehen bekommt das Publikum zunächst einmal heftige Gewalt gegen Romy, die zuvor bereits von Kostümierten auf der Straße belästigt worden war (deren Aufdringlichkeit wird sich wie ein unlustiger Running Gag durch den weiteren Verlauf ziehen). Es wird nicht die einzige Gewaltattacke gegen die junge Frau bleiben, was sie jedoch nicht daran hindert, sich immer wieder mit gewalttätigen Männern einzulassen. Dass sie gar nicht anders könne, da man sie mit dem Wissen um ihre „Vergangenheit“ als Prostituierte erpresst, erscheint als vorgeschobener Grund – in Wirklichkeit wirkt Romy nymphoman. Ob diese Wirkung beabsichtigt oder lediglich Bonnys Inszenierung geschuldet ist, ist fraglich, denn fast alle Figuren des Ensembles inkl. der Polizei verhalten sich ausgesprochen dämlich, neigen zu Über- oder auch Unterreaktionen, erscheinen verhaltensgestört und neurotisch – bis auf Toblers Freund, der das einzig Richtige tut und auszieht (nicht sich, sondern aus der gemeinsamen Wohnung).

Letzteres zu betonen ist keinesfalls ausschließlich einem albernen Wortspiel geschuldet, sondern dem hohen Anteil an Sexszenen dieses „Tatorts“, die meist reichlich unmotiviert erscheinen, bisweilen jedoch zumindest für einen gewissen Erotikfaktor sorgen (Szenen mit Romy, die es mit allem und jedem treibt), bisweilen aber auch nicht (Szenen mit Tobler und Berg, die es miteinander treiben). Die Provokation des prüden und konservativen Anteils der Zuschauerschaft dürfte damit nichtsdestotrotz gelungen sein, die des nach einer nachvollziehbaren, plausiblen Handlung verlangenden jedoch ebenfalls: Nach einer langen Exposition, aus der kaum erkennbar wird, worum es überhaupt geht und die das Schäferstündchen der Kommissare miteinander wie einen Triumph hochhält, kommt es nicht nur zum Leichenfund und zum wenig erwachsenen oder empathischen Umgang Toblers und Bergs miteinander, sondern auch zur Entfaltung einer an den Haaren herbeigezogenen Handlung.

Diese Handlung taugt weder als Psychogramm einer Nymphomanin noch als Sozialdrama um eine Ex-Hure oder als Sittenbild einer beziehungsunfähigen Gesellschaft und schon gar nicht als Kriminalfilm. Sämtliche Aspekte werden nur unzureichend angerissen und gehen zwischen Party- und Suffszenen unter, für die die Karnevalsfeierlichkeiten als Begründung und Alibi herhalten müssen, jedoch komplett abtörnend und in ihrer Frequenz repetitiv, ermüdend und unglaubwürdig sind. Eine Identifikationsfigur gibt es nicht, nicht einmal Sympathieträger(innen), aber eben auch überhaupt nichts, an das sich irgendwie emotional andocken ließe. Die dramaturgisch hoffnungslos missglückte Auflösung funktioniert weder als Pointe noch als Überraschung, Bestätigung oder sonst irgendetwas und wird ebenso beiläufig zur Kenntnis genommen wie alles andere, so man denn bis dorthin durchgehalten hat. Die nervig tatterige Handkamera, der miese, schwerverständliche Ton und die von Filmmusikkomponist Jens Thomas höchstselbst gesungene, titelgebende Heinrich-Heine-Nummer „Ich hab im Traum geweinet“, die melancholisch und romantisch klingen soll, jedoch einfach nur prätentiös und schräg tönt, geben diesem „Tatort“ den Rest.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon karlAbundzu » 26. Feb 2020, 15:44

Hm, ich konnte leider nur die erste halbe Stunde gucken, dass gefiel mir aber ganz gut, rau, hart und das Gegenteil von Wohlfühltatort. Mss ich trotzdem noch nachholen, mal sehen.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon Santini » 27. Feb 2020, 00:08

buxtebrawler hat geschrieben:Tatort: Ich hab im Traum geweinet


Da kann ich dem buxte nur voll und ganz zustimmen.
Habe tapfer bis zum Ende durchgehalten, und mich dann über die total verschwendete Zeit geärgert.

Auf ein Neues - möge der nächste Tatort uns wieder munden! ;)
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon FarfallaInsanguinata » 28. Feb 2020, 06:39

Der "Tatort" bringt's nicht mehr, vielleicht solltet ihr das endlich mal schnallen.
jogiwan hat geschrieben:Eigentlich ist das ziemlicher Mist, was du da schreibst, um es mal dezent auszudrücken.
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitragvon karlAbundzu » 2. Mär 2020, 14:50

Tatort Franken: Die Nacht gehört dir

Immer wieder schön, die KommKino-Stadt Nürnberg zu sehen.
Eine pefekte und nette Immobilienmaklerin wird erstochen, im Privatleben bevorzugte sie Online Dating mit nicht allzu langen Bekanntschaften. Die letzte war der junge Klavierlehrer. Voss und Ringelhahn ermitteln.
Hm, zwischenzeitlich kam ich mir wie in einem Spät-80er ZDF Krimi vor. Alles psychologisierend, eher langsam erzählt (ich würde sogar sagen: lahm) und mit Figuren, die mich null interessieren. Der Täter auch in der älteren Frau / Unfertiger Jüngling auch so eine 80er Figur.
Story beliebig, die Rolle und Motivation der Freundin/Kollegin/Mittäterin? war mir nicht nachvollziehbar, das Kommissarduo eher lustlos am ermitteln.
Gute Musikauswahl.
Insgesamt unnötig.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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