1000 Arten Regen zu beschreiben - Isabel Prahl (2017)

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1000 Arten Regen zu beschreiben - Isabel Prahl (2017)

Beitragvon buxtebrawler » 23. Apr 2018, 17:07

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Originaltitel: 1000 Arten Regen zu beschreiben

Herstellungsland: Deutschland / 2017

Regie: Isabel Prahl

Darsteller: Emma Bading, Bibiana Beglau, Louis Hofmann, Bjarne Mädel, Janina Fautz, Benjamin Höppner, Torsten Knippertz, Guido Lambrecht, David Hugo Schmitz, Mohamed Achour, Natalia Bobyleva, Ingo Heise u. A.

Mike hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen, bereits vor Wochen – und er öffnet die Zimmertür auch nicht, als seine Familie an seinem 18. Geburtstag vor ihr steht, ihm durch sie hindurch ein Ständchen singt und ihre Liebe bekundet. Dabei macht die Familie zunächst einen intakten Eindruck: Mike hat liebevolle Eltern, Susanne (Bibiana Beglau) und Thomas (Bjarne Mädel), die mitten im Leben stehen, und eine jüngere Schwester, die pubertierende Miriam (Emma Bading). Die Gründe für sein Verhalten kennen sie nicht und wissen auch nicht, wie sie mit der Situation am besten umgehen sollen. Auf eine Phase der Geduld und des Verständnisses folgen Fragen, die nie beantwortet werden und schließlich Verzweiflung, die in Wut übergeht, bevor sich so etwas wie Akzeptanz einstellt. Die Familie droht derweil an Mikes Verhalten – bzw. Nichtverhalten – zu zerbrechen…

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Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: 1000 Arten Regen zu beschreiben - Isabel Prahl

Beitragvon buxtebrawler » 23. Apr 2018, 17:09

Das Langfilmdebüt der deutschen Regisseurin Isa Prahl, 2017 gedreht und im Frühjahr 2018 in den Kinos angelaufen, ist ein sensibles Drama, das sich mit einem in Japan Hikikomori genannten Phänomen auseinandersetzt: Jugendliche schließen sich in ihrem Zimmer ein und schotten sich vollkommen von der Außenwelt ab. Als Gründe werden Überforderung, die Angst, zu versagen, Leistungsdruck u.ä. angegeben.

Mike hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen, bereits vor Wochen – und er öffnet die Zimmertür auch nicht, als seine Familie an seinem 18. Geburtstag vor ihr steht, ihm durch sie hindurch ein Ständchen singt und ihre Liebe bekundet. Dabei macht die Familie zunächst einen intakten Eindruck: Mike hat liebevolle Eltern, Susanne (Bibiana Beglau, „Gegen den Strom“) und Thomas (Bjarne Mädel, „Der Tatortreiniger“), die mitten im Leben stehen, und eine jüngere Schwester, die pubertierende Miriam (Emma Bading, „Wir sind die Rosinskis“). Die Gründe für sein Verhalten kennen sie nicht und wissen auch nicht, wie sie mit der Situation am besten umgehen sollen. Auf eine Phase der Geduld und des Verständnisses folgen Fragen, die nie beantwortet werden und schließlich Verzweiflung, die in Wut übergeht, bevor sich so etwas wie Akzeptanz einstellt. Die Familie droht derweil an Mikes Verhalten – bzw. Nichtverhalten – zu zerbrechen…

Das einzige, was die Familie noch von Mike mitbekommt, sind sinnbefreit anmutende kurze Wetterstandmeldungen hinsichtlich des Regenaufkommens in diversen Regionen der Welt, die er auf kleinen Notizzetteln unter der Tür hindurchschiebt – sowie die gelegentliche Betätigung der Toilettenspülung, dafür verlässt er hin und wieder doch noch sein Zimmer; natürlich lediglich in Momenten, in denen er sich unbeobachtet wähnt. Später wird er jedoch sogar seinen Urin in Flaschen vor die Tür stellen, zum benutzten Geschirr, das seine Mutter treusorgend mehrmals täglich gegen frische Mahlzeiten austauscht.

Weshalb seine Eltern ihn während seiner Toilettengänge nicht wenigstens einmal abpassen, bleibt im Dunkeln, denn das ist auch gar nicht Thema des Films. Weder geht es um Mikes Intention oder die Ursache für seine Totalverweigerung – auch diese Punkte finden keinerlei Entsprechung im Drehbuch –, noch bekommt der Zuschauer über die Informationen von Mikes Familie hinausgehende Einblicke in Mikes Seelenleben: Er bleibt genauso vor der Tür wie Vater Thomas, der als Vertreter für Spezialprodukte für Pflegebedürftige und Behinderte tätig ist und es sich zur Aufgabe macht, einem seiner Kunden einen Sprachcomputer zu besorgen, den die Krankenkasse nicht zahlen will. Die naheliegendste Interpretationsmöglichkeit ist da natürlich, dass er diese fixe Idee in erster Linie deshalb fasst, weil er bei seinem Sohn auf Granit beißt und dringend ein Erfolgserlebnis benötigt. Das ist schade, denn einen solchen Einsatz würde man sich auch außerhalb privater Probleme wünschen. Im Suff avanciert Thomas gar zu einer Art modernem Robin Hood.

Ebenso vor der Tür bleibt Mutter Susanne, die schließlich Kontakt zu einem Kindheitsfreund Mikes (Louis Hofmann, „Das weiße Kaninchen“) sucht und ihn als Ersatzsohn annimmt, was zum Missverständnis führt: Er glaubt, die attraktive Frau mittleren Alters hege sexuelles Interesse an ihm. Schwester Miriam wird darüber mit ihrer Pubertät ziemlich alleingelassen und ihr Freundeskreis ist ihr auch keine wirkliche Hilfe, sodass sie unschöne Erfahrungen machen muss, die sicherlich zu verhindern gewesen wären, hätte sie einen festen und vertrauensvollen Rückhalt in der Familie und einen großen Bruder, der auf sie Acht gibt und mit dem sie sich ausquatschen kann, gehabt.

In Japan sollen über eine Million Menschen von Hikikomori betroffen sein, somit handelt es sich um ein beachtliches Phänomen – das anscheinend nach und nach auch in hiesige Hemisphären Einzug hält. „1000 Arten Regen zu beschrieben“ muss jedoch nicht darauf beschränkt werden, im Gegenteil: Hikikomori kann gegen zahlreiche andere familieninterne Zäsuren ausgetauscht werden, die das soziale Konstrukt gefährlich ins Wanken bringen. Hier behilft sich Mikes Familie damit, zu behaupten, er befände sich im Ausland, sei für ein Jahr nach Ohio in den USA gereist. Prahl beobachtet ihre Figuren genau dabei, wie sie mit dieser Lüge zu leben versuchen und immer weiter in den Strudel der Verzweiflung geraten. Die Distanz, die zu Mike besteht, verkehrt sich in Bezug auf seine Familie ins Gegenteil – der Film ist so dicht wie möglich bei ihnen und folgt ihnen bisweilen gar bis auf Toilette. Dabei wird nicht jede symbolhaft angelegte Szene komplett für den Zuschauer dechiffriert, insbesondere Szenen um Tochter Miriam erscheinen mir häufig aus intim weiblicher Perspektive, die naturgemäß nicht für alle Zuschauer immer nachvollziehbar ist. Und wenngleich eine Art Befreiungsschlag im Epilog angedeutet wird, bleibt der Film eine Katharsis bewusst schuldig. Letztlich sensibilisiert dieses kompetent und überaus natürlich geschauspielerte Drama mit einem bärenstarken Bjarne Mädel, der sich damit einmal mehr höchst erfolgreich von seinen komödiantischen Rollen emanzipiert, für die Fragilität von Familien und für die möglichen Folgen, wenn ein entscheidender Pfeiler dieses Konstrukt nachgibt. Dass man letztlich dennoch gern mehr über Hikikomori im Allgemeinen und Mike im Speziellen erfahren hätte, liegt auf der Hand und wurde seitens des dramaturgisch durchaus pfiffig umgesetzten Drehbuchs billigend in Kauf genommen, um sich voll und ganz auf Mikes Umfeld konzentrieren zu können. Durch die Verweigerung diesen ungeschriebenen Regeln des Kinofilms gegenüber entfällt auch eine Bewertung nach Unterhaltungsfilmmaßstäben.
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Re: 1000 Arten Regen zu beschreiben - Isabel Prahl

Beitragvon buxtebrawler » 1. Nov 2018, 17:54

Erscheint voraussichtlich am 30.11.2018 bei Indigo auf DVD:

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