Spine Tingler! The William Castle Story - Jeffrey Schwarz

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Spine Tingler! The William Castle Story - Jeffrey Schwarz

Beitragvon buxtebrawler » 30. Apr 2012, 23:15

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Originaltitel: Spine Tingler! The William Castle Story

Herstellungsland: USA / 2007

Regie: Jeffrey Schwarz

Darsteller: Forrest J Ackerman, John Badham, Diane Baker, Sidney D. Balkin, Steve Bickel, Budd Boetticher, Bob Burns, Terry Castle, Roger Corman, Joe Dante, David Del Valle, Donald F. Glut

Quelle: www.ofdb.de
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Spine Tingler! The William Castle Story - Jeffrey Schwar

Beitragvon buxtebrawler » 30. Apr 2012, 23:16

Mit US-Regisseur Jeffrey Schwarz’ Dokumentarfilm “Spine Tingler! The William Castle Story” aus dem Jahre 2007 wird einem Mann späte Ehre zuteil, der, getrieben von Eifer und Leidenschaft, ganz unten in Hollywood anfing und sich über diverse Auftragsarbeiten als Regisseur einen guten Namen auch bei schwierigen Produzenten machte, bis er Ende der 1950er endlich mit seinen eigenen Produktionen an die Öffentlichkeit drängte: Unheimlich liebenswerte Gruselfilme, bemerkenswerte Psycho-Thriller und knuffige Monsterflicks, die heutzutage längst B-Movie-Kult sind. William Castle rührte – getrieben von der Angst vor finanziellen Flops – unnachlässig die Werbetrommel für seine Filme, für deren Produktion er regelmäßig sein Haus verpfänden musste, und ließ sich stets etwas Besonderes einfallen. Für seine „Gimmicks“ wurde er schließlich berüchtigt: Seien es Versicherungspolicen für sein Publikum, die es vor Tod durch Erschrecken absichern, durch den Kinosaal fliegende Plastikskelette oder Elektroschocks im Kinosessel. Dieses „Beiwerk“ machte die Medien auf Castles Schaffen aufmerksam, war für manchen gar interessanter als die Filme selbst und verwandelte manch Kinovorführung in eine Party. Filme wie „House on Haunted Hill“, „Schrei, wenn der Tingler kommt“ oder „Mörderisch“ sind dem genrekundigen Zuschauer auch heute noch ein Begriff und immerhin arbeitete Castle mit Stars wie Vincent Price und Joan Crawford zusammen.

Dieser Dokumentarfilm zeichnet Castles Leben als Filmschaffender nach, zeigt viele schöne, alte Originalaufnahmen und grast chronologisch seine Karriere ab – eine Menge Filme finden mitsamt Produktionsnotizen Erwähnung, Ausschnitte werden gezeigt, die damalige Presse zitiert. Neben dem „beruflichen“ Teil seines Lebens wird auch seinem Privatleben Platz eingeräumt, allerdings lediglich in einem Maße, um die Entwicklung seiner Karriere bzw. seine Herangehensweise an dieselbe besser nachvollziehen zu können. Dies ist nur eines von vielen Merkmalen für den respektvollen Umgang mit seiner Person. Schwarz findet den richtigen Ton zwischen Ehrerbietung sowohl aus filmhistorisch-sachlicher als auch aus Fan-Sicht, faktenorientierter Aufarbeitung Castles Werdegangs sowie humorvoller Trivia und augenzwinkernden Anekdoten. Persönlich zu Wort kommen Regisseure wie John Landis („An American Werewolf in London“), Joe Dante („Matinee“, „Gremlins – Kleine Monster“) und Stuart Gordon („Re-Animator“), die von Castle beeinflusst wurden bzw. ähnliche Genres bedienen, zeitgenössische Weggefährten wie z.B. Regisseur Roger Corman (leider viel zu kurz) und viele andere direkt mit dem Filmgeschäft in Verbindung stehende Mitmenschen. Interessanterweise bekam man aber auch William Castles Tochter Terry dazu, aus erster Hand aus dem Privatleben ihres filmbesessenen Vaters zu berichten. All diese Aspekte und Zutaten der Dokumentation in Spielfilmlänge werden so gleichzeitig enthusiastisch wie informativ und spannend erzählt und zusammengefügt, dass es die reinste Freude ist, dieser Art von Geschichtsunterricht beiwohnen zu dürfen.

Auch vor Castles späteren Jahren macht man nicht halt und berichtet von seinen Gehversuchen in einem veränderten Geschäft, einem anderen Zeitgeist und unter anderen Vorzeichen bis hin zu seinen ihn schwächenden Krankheiten und seinem zu frühen Tod. Überwiegend ist „Spine Tingler! The William Castle Story“ aber ein Film über eine herrlich „unschuldige“ Zeit, die Kinder in Monsterfilme lockte und nichts dabei war und das Porträt eines Waisenkindes und Mannes, der leidenschaftlich mit Herzblut und intelligentem Kalkül seine Ziele verfolgte, eine besondere Art von Eventkino wenn nicht erschuf, so doch perfektionierte und letztlich die Größe besaß, dem aufstrebenden jungen Roman Polanski seinen Traum zu überlassen: die Regie bei einem großen A-Film. Diesen produzierte Castle jedoch, die Rede ist von „Rosemaries Baby“.

Wer immer noch nicht begriffen hat, was an den alten Science-Fiction- und Horrorfilmen der 50er- und 60er-Jahre so reizvoll ist, was ihren Charme und Unterhaltungsfaktor ausmacht, kommt vielleicht durch Sichtung dieses hervorragend gelungenen, biographischen Dokumentarfilms darauf. Es wäre überaus wünschenswert, würden weitere William-Castle-Filme mit ihrer deutschen Synchronisation veröffentlicht werden – vielleicht trägt Schwarz’ Film ja ein wenig dazu bei, das Interesse an Castles Werk aufrecht zu erhalten bzw. eine neue Generation darauf zu stoßen. In jedem Falle bedanke ich mich für diese wunderbar nostalgische Zeitreise in einen faszinierenden Abschnitt der Geschichte des phantastischen Films, den persönlich mitzuerleben mir aufgrund meiner späten Geburt nicht vergönnt war.
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