Phase 7 - Nicolás Goldbart (2011)

Moderator: jogiwan

Phase 7 - Nicolás Goldbart (2011)

Beitragvon Arkadin » 3. Jun 2012, 15:18

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Argentinien 2011

OT: Fase 7

Regie: Nicolás Goldbart

Coco und seine schwangere Frau Pipi sind vor kurzem in ein Apartment in einem erst zur Hälfte vermieteten Neubau gezogen. Plötzlich bricht in ihrer Stadt ein Virus aus, der innerhalb kürzester Zeit das ganze Land infiziert. Einer ihrer Nachbarn scheint sich bereits angesteckt zu haben, denn die Behörden stellen das ganze Haus unter Quarantäne. Zunächst geht alles einen gewohnten Gang, doch dann gehen die Vorräte zu Ende und die Nachbarn fangen an, nach möglichen Infizierten zu suchen. Die Situation spitzt sich zu und Cocos einzige Hilfe ist sein seltsamer Nachbar Horacio, der allerdings ein bis an die Zähne bewaffneter Verschwörungstheoretiker ist…

Obwohl Argentinien immer wieder beweist, dass es ein vitales und interessantes Kino besitzt, finden argentinische Filme nicht oft ihren Weg zum deutschen Publikum. Und wenn doch, dann stranden viele noch immer auf Festivals und bekommen keinen Verleih. Werke wie die surreale Stummfilm-Hommage „La Antenna“ oder der packende Polit-Thriller „Buenos Aires 1977“ sind da eher die Ausnahme als die Regel. Umso erfreulicher, dass Koch Media nun einen weiteren sehenswerten Film aus dem südamerikanischen Land auf DVD und BluRay herausbringt.

„Phase 7“ ist schwer einzuordnen. Einerseits apokalyptischer Viren-Thriller in der Tradition des kürzlich in Deutschland im Kino gelaufene „Contagion“ von Steve Soderbergh oder Wolfgang Petersens „Outbreak“, andererseits aber auch Paranoia-Kino und rabenschwarze Komödie, die durchaus auch an Alex de la Igleasias‘ „La Comunidad – Allein unter Nachbarn“ erinnert.

Regisseur und Drehbuchautor Nicolás Goldbart ist von Beruf eigentlich Cutter und hat in dieser Funktion schon an einigen argentinischen Filmen mitgearbeitet. U.a. an „Los paranoicos“, dessen Titel prophetisch für sein Regie-Debüt ist. Wahrscheinlich wurde er dort auch auf Daniel Hendler und Jazmín Stuart aufmerksam, die in jenem Film bereits zusammen die Hauptrollen spielen.

Daniel Hendler ist ein sehr sympathischer Hauptdarsteller. Sein Coco ist ein antriebsloser Hänger und trotz schwangerer Ehefrau noch immer nicht ganz erwachsen. Nicht nur vom Aussehen her erinnert Daniel Hendler hier an die Figur des Ulf aus der deutschen Sitcom „Stromberg“. Man muss ihn einfach ins Herz schließen, auch wenn er in seiner Naivität und Passivität nicht unbedingt ein Vorbild ist. Seine Freundin Pipi, gespielt von Jazmín Stuart, ist da schon ein anderes Kaliber und macht es dem Zuschauer schwer, Sympathie für sie zu empfinden. Zu oft keift sie ihren Coco scheinbar grundlos an und auch wenn die Katastrophe schon weit fortgeschritten ist, scheint sie den Ernst der Lage nicht zu begreifen.

Die Konzentration des Filmes auf Coco, und später dann auch seinen paranoiden Nachbarn Horacio, ist aber auch eine vergebene Chance, denn aus den skurrilen Mitbewohnern der beiden hätte man einfach mehr machen müssen. Der lange Guglierini und der kurze Lange tauchen nur am Rande auf und bleiben diffus. Dies ist sehr schade, denn sie hätten eine Menge Potential als Horrorversionen von Laurel&Hardy gehabt. Auch alle anderen Figuren, die sich neben Coco und Horacio im und um das Haus herum aufhalten, werden nicht wirklich in die Handlung eingebunden. Als Beispiel sei hier nur Horacios Tochter genannt. Gänzlich verschenkt wird Federico Luppi als mysteriöser, älterer Nachbar Zanutto, welcher zum Ende des Filmes hin zu einer unheimlicheren Gestalt wird. Daraus schlägt das Drehbuch dann aber kein Kapital. Im Gegenteil, zu diesem Zeitpunkt scheinen Nicolás Goldbart die Ideen ausgegangen zu sein, wie er seinen Film zu einem stimmigen Ende führt.

Das ist wirklich schade, denn gerade in der erste Hälfte erinnert der Film an solche großartigen „Miethaus-als-Hölle-Klassiker“, wie den schon erwähnten „La Comunidad“ oder Roman Polanskis grandiosen „Der Mieter“. Das Ganze gemischt mit einer zünftigen Portion „Eingeschlossenen-Horror“ ala „[rec]“. Die zweite Hälfte wirkt gerade zum Ende hin leider orientierungslos und nicht konsequent. Ausdruck hierfür ist vor allem die letzte überraschende Wendung ganz am Schluss. Somit ruht der Film ganz auf den Schultern von Daniel Hendler und Filmneuling Yayo Guridi, der den Horacio spielt. Beide liefern aber beiden eine sehr gute (Hendler) bzw. gute (Guridi) schauspielerische Leistung ab. Die Geschichte um die „Phase 7“, die der paranoide Horacio immer wieder erwähnt und nach der, in der „Phase 7“, die Regierungen die Bevölkerung systematisch ausrottet, um eine neue Weltordnung zu schaffen, wird leider nur als Hintergrundmelodie des Filmes verwendet. Andererseits ist es auch vorteilhaft, dass dieser Aspekt nicht überbetont wird. Denn so bleibt der Film darin ambivalent, ob Paranoiker Horacio mit seinen kruden Theorien eventuell recht gehabt hat oder nicht.

Die stimmungsvolle elektronische Musik von Guillermo Guareschi erinnert in seinen besten Momenten an den frühen John Carpenter oder die ruhigen Passagen des „Goblin“-Scores aus „Zombie“. Die Musik unterstreicht auf effektive Weise die ruhige und doch unter der Oberfläche unheilvolle und bedrohliche Stimmung von „Phase 7“.

Die DVD von Koch Media bietet den Film in guter Bildqualität an. Lediglich die Schwarztöne scheinen etwas zu hell zu sein. Ausgesprochen gelungen ist die Tonabmischung (zumindest in der der spanischen Originalfassung), die viel Wert auf atmosphärische Klangeffekte legt. Die deutsche Synchronisation ist solide, für den O-Ton gibt es deutsche Untertitel. Neben Trailern beinhalten die Extras drei geschnittene Szenen, von denen die zweite eine verlängerte Fassung einer auch im Film vorkommenden Sequenz ist. Während die erste Szene vielleicht zu deutlich zeigt, in welcher Gefahr sich die Protagonisten befinden (Coco beobachtet, wie auf offener Straße ein Mann von den Behörden erschossen wird), stehen in den anderen beiden Cocos Frau Pipi im Vordergrund. Und hier muss man sagen, dass es eine gute Entscheidung des Regisseurs war, auf diese Szenen zu verzichten. Hier wirkt Pipi schon sehr unsympathisch-hysterisch. Wären die Szenen so im Film geblieben, dann würde es dem Zuschauer sicherlich schwer fallen, irgendwelches Mitleid für diesen Charakter aufzubringen.

“Phase 7″ erscheint am 9. Juni bei Koch Media auf DVD und BluRay.

Screenshots: http://www.filmforum-bremen.de/2012/06/ ... n-phase-7/
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Re: Phase 7 - Nicolás Goldbart (2011)

Beitragvon jogiwan » 12. Jun 2012, 06:29

Frage: welcher Film fängt richtig gut an, hat einen supersympatschischen Hauptdarsteller und verkommt dann dennoch zu einem beliebigen Werk, dass eher langweilig und uninspiriert ausgefallen ist? Ja, leider: "Phase 7" - der argentische Beitrag zur Viren-Hysterie, der wie "[Rec] recht vielversprechend beginnt und dann Minute um Minute um Minute abbaut. Irgendwie hätte man aus der Ausgangslage einen guten Terrorfilm oder dank skurriler Figuren einen Komödie basteln können. Geworden ist es irgendwas in der Mitte, das gar nicht mehr so toll ist, wenn man bedenkt, was hier wohl alles an Potential verschenkt wurde. Charaktere werden einfach aus dem Hut gezaubert, Möglichkeiten verschenkt und auch bei anderen Dingen blinkt ständig das leuchtende Fragenzeichen über vielen Minuten des ermüdenden Streifen. Weder spannend, noch lustig und ohne Daniel Hendler in der Hauptrolle wäre "Phase 7" dann wohl ein Rohrkrepierer vor dem Herrn. 4/10
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