Maniac - William Lustig (1980)

Moderator: jogiwan

Re: Maniac - William Lustig

Beitragvon untot » 30. Jun 2013, 17:03

Besser geht's nicht, Atmo schmutzig, niederschmetternd und kreuzgenial.
Joe Spinell ist Granate, er bringt es sogar fertig das man manchmal sogar so etwas wie Sympathie für Frank Zito empfindet.
Die Morde sind dreckig und widerwärtig und die Szene im Klo ist nach der X-sten Sichtung immer noch nervenzerfetzend.
Dieser Streifen wird auf ewig einer meiner erklärten Lieblinge bleiben! :knutsch:

9/10
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Re: Maniac - William Lustig

Beitragvon buxtebrawler » 5. Mär 2014, 19:05

US-Filmemacher William Lustigs („Maniac Cop“) Non-Porno-Regiedebüt ist der 1980 entstandene Horrorfilm „Maniac“. Berüchtigt für seine Splattereffekte und bekannt u.a. durch seine unrühmliche Zensurgeschichte, erschließen sich die darüber hinausgehenden Qualitäten dieses Slashers oftmals erst auf den zweiten Blick. Hauptdarsteller Joe Spinell („Taxi Driver“, „Rocky“) arbeitete das Drehbuch aus und beteiligte sich an der Produktion des Low-Budget-Streifens, der zunächst in den Bahnhofskinos lief, bevor er den Heimvideo-Markt eroberte und nicht nur Sittenwächter in Angst und Schrecken versetzte.

Frank Zito (Joe Spinell) ist ein psychopathischer Serienkiller, der unerkannt in New York sein Unwesen treibt. Er tötet junge Frauen, trennt ihnen die Kopfhaut ab und schmückt die Schaufensterpuppensammlung in seiner kleinen Wohnung mit ihren Skalps. Als er eines Tages zufällig die Fotografin Anna (Caroline Munro, „Star Crash“) kennenlernt, scheint er endlich eine normale Beziehung zu einer Frau eingehen zu können…

Oberflächlich betrachtet ist „Maniac“ ein harter Splatter-Slasher, der mit den detailgetreuen, realistischen Spezialeffekten Tom Savinis auftrumpft. Doch „Maniac“ ist viel mehr: Er ist das Psychogramm eines traumatisierten Serienkillers, der dem Zuschauer auf derart distanzlose Weise das Seelenleben Frank Zitos näherbringt, dass dieser nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit dem Täter mitleidet und „Maniac“ zu einem verstörenden, düsteren, dreckigen und ungemütlichen Downer macht. Das gelingt zum großen Teil durch Spinells haarklein ausgearbeitete Charakterisierung Franks, der zudem in sein Schauspiel eine Intensität legt, dass einem Angst und Bange werden kann. Überlieferungen zufolge wäre „Maniac“ gar noch härter ausgefallen, wäre es allein nach Spinell gegangen, der sich auf seine Rolle angeblich durch Schlafentzug und Drogen- und/oder Alkoholkonsum vorbereitete, um Frank Zito möglichst authentisch verkörpern zu können. Wenn die Kamera auf sein vernarbtes, verschwitztes, vom Wahnsinn gezeichnetes Gesicht hält, glaubt man davon jedes Wort.

Nach einem Prolog am Strand, der bereits die ersten Mordopfer fordert, stürzt sich „Maniac“ in den Großstadtdschungel und transportiert Ed Gein’schen Backwood-Horror und Hitchcock-Inspirierte „Psycho“-Variationen in ein urbanes Ambiente – und verzichtet auf jegliches Whodunit?. Dort bewohnt Frank eine schäbige, dunkle kleine Bude, in der er eine Art Altar um ein Frauenfoto errichtet hat und mit seinen Schaufensterpuppen zusammenlebt. William Lustig zeigt ein Gespräch zwischen zwei Prostituierten und läutet damit einen weiteren Mord ein. Er betont das Unglamouröse der billigen Absteige, in die die käufliche Dame Frank mitnimmt und zeigt ausgiebig und schmuddelig, geradezu abtörnend Franks Besuch, bevor das Unausweichliche geschieht. Doch dann lernt der Zuschauer die andere Seite des Mörders kennen, der sich übergibt und jammert und heult, bevor er sein Opfer skalpiert und zurück in seinem Zimmer mit seinen Puppen bzw. seiner toten Mutter redet. Hier wird deutlich, welch ein kranker Mann er ist, wie er mit sich, seiner Vergangenheit und seinen Taten hadert, aber keine Kontrolle über sich hat.

Sein inszenatorisches Geschick stellt Lustig beim langsamen, aber hochspannenden Aufbau jener berüchtigten Szene unter Beweis, die darin mündet, dass sich der auch in einer Nebenrolle wiederfindende Tom Savini quasi selbst den Schädel wegpusten darf – auf spektakuläre Weise. Atmosphärisches Windrauschen untermalt die Szenerie, deren Vollstreckung in Zeitlupe geschieht. Die ganze Szene ist ein klassisches Beispiel für die Selbstzweckhaftigkeit und Übertreibung blutiger Spezialeffekte – dabei aber schlicht grandios. Und unerbittlich dreht Lustig weiter, walzt seine Szene aus, bis es keine Überlebenden mehr gibt – bis auf Frank. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt auch im Anschluss nicht, denn was Nervenkitzel und Suspense betrifft, setzt Lustig in einer fast noch fieser inszenierten Verfolgungsjagd durch eine U-Bahn-Station glatt noch einen drauf.

Doch statt in diesem Schema zu verharren, kommt es nach rund 50 Minuten zur Kontaktaufnahme Franks mit Anna – und plötzlich lernt man ihn von einer ganz anderen Seite kennen: Als galanten, charmanten, redegewandten Mann, der sich gut zu kleiden und zu benehmen versteht und anscheinend auch das Interesse Annas an seiner Person weckt. Spätestens hier dürfte sich manch Zuschauer plötzlich auf Franks Seite wiederfinden, mit ihm hoffend, dass der Kontakt zu Anna positive, evtl. gar heilsame Auswirkungen auf ihn hat. Doch es kommt zu weiteren verstörenden Morden und Frank verfällt immer mehr dem Wahnsinn. Er spricht mit sich selbst, jammert nach seiner Mutter und setzt seine Beziehung zu Anna aufs Spiel. Am Ende einer stilecht auf einem Friedhof spielenden Sequenz erfährt man durch Stimmen in Franks Kopf Details aus seiner Kindheit, von den Misshandlungen durch seine Mutter und bekommt spätestens hier Mitleid. Franks innere Dämonen versinnbildlichen sich durch einen Spezialeffekt und verleihen „Maniac“ ab nun seine surreale Ebene, auf der schließlich das von Realitätsverlust und Wahnsinn geprägte Finale stattfindet, das zudem verdammt gruselig umgesetzt wurde.

„Maniac“ ist die Geschichte eines Mannes, der um seine Kindheit betrogen wurde und die Hassliebe zu seiner Mutter auf andere Frauen projiziert, seine Traumata nie verarbeitet hat. „Maniac“ ist aber auch ein Paradebeispiel dafür, welch ein Film möglich ist, wenn man es versteht, harte, explizite Splatter-Szenen mit unangenehmer Anti-Party-Stimmung, über eindimensionale, klischeehafte Darstellung hinausgehender Charakterisierung und großem Schauspiel zu verbinden und dabei den Antagonisten genialer- wie perfiderweise gleichzeitig fast zur Identifikationsfigur für den Zuschauer zu machen. Dabei ist auch kein hohes Budget vonnöten, im Gegenteil: Sein Grindhouse-Look passt prima und versieht „Maniac“ gar mit einem gewissen Realismus. Der von Lustig und seinem Team zum Teil in Guerilla-Manier ohne Drehgenehmigungen gedrehte Film versteht es bestens, zu improvisieren und das Maximum aus den gegebenen Möglichkeiten herauszuholen. Lustig persönlich gönnt sich übrigens einen Cameo als Stundenhotelbetreiber. Vermutlich gar nicht hoch genug geschätzt werden kann der Einfluss Spinells auf den Erfolg des Films, der nicht ohne Grund seit „Maniac“ zu meinen favorisierten Charakterdarstellern zählt und interessanterweise gleich mehrmals zusammen mit Caroline Munro drehte, beispielsweise im sein Image aus „Maniac“ karikierenden, ungewöhnlichen Slasher „Love to Kill“ aus dem Jahre 1982. Ebenfalls keinesfalls zu unterschätzen ist der überaus stimmige Soundtrack Jay Chattaways, der die zurückhaltenden, traurigen, unheilschwangeren Glockenspiel-Töne in intimen Momenten ebenso beherrscht wie die leicht funkigen, oftmals aber langsamen, sich nur aus einzeln gezupften Gitarren- oder Basssaiten zusammensetzenden Klänge, die um einige Geräusche erweitert werden.

Trotz subjektiver Point-of-View-Kameraführung in vorausgegangenen Filmen wie „Halloween“, um nur das populärste Beispiel zu nennen, war man dem Monster selten so nahe wie dem Großstadt-Ed-Gein Frank Zito in „Maniac“ – und es entpuppt sich als nur allzu menschlich. Obwohl sich „Maniac“ stilistisch deutlich von Standard-Slashern wie „Halloween“ oder „Freitag, der 13.“ absetzt, möchte ich ihn dennoch diesem Subgenre zuordnen und als leuchtendes Beispiel für den kreativen Umgang mit der Thematik innerhalb des Genrefilm-Spektrums hervorheben. Ruhe in Frieden, Joe Spinell – mit „Maniac“ hast du dich unsterblich gemacht.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Maniac - William Lustig

Beitragvon FarfallaInsanguinata » 5. Mär 2014, 20:38

Schöner Review, dem ich nichts wesentliches hinzufügen könnte, bux. Besonders freut mich, dass du den großen Einfluß Spinells herausgestellt hast.
Einige Kritiker gehen sogar soweit, Lustig, auch aufgrund seiner sonstigen Filmographie, die ja an Herausragendem eher arm ist, als reinen Statisten abzutun und "Maniac" ausschließlich Spinell zuzuschreiben.
~ VORSICHT! Off Topic ~
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Re: Maniac - William Lustig

Beitragvon buxtebrawler » 6. Mär 2014, 14:38

FarfallaInsanguinata hat geschrieben:Schöner Review, dem ich nichts wesentliches hinzufügen könnte, bux. Besonders freut mich, dass du den großen Einfluß Spinells herausgestellt hast.
Einige Kritiker gehen sogar soweit, Lustig, auch aufgrund seiner sonstigen Filmographie, die ja an Herausragendem eher arm ist, als reinen Statisten abzutun und "Maniac" ausschließlich Spinell zuzuschreiben.


Danke! Spinell kann man gar nicht genug huldigen, wollte mich diesbzgl. aber auch nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen, um Lustig nicht Unrecht zu tun, von dem ich bisher auch zu wenig Filme kenne.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Maniac - William Lustig

Beitragvon Theoretiker » 8. Mär 2014, 16:30

Fieses Drama im Slasher-Kostüm, düster, dreckig und brutal. Ziemlich deprimierende Angelegenheit, gute Stimmung verbreiten geht anders. Sehr gut gespielt von Spinell.

Die Anbandelung zwischen der bildhübschen Munro und Spinell fand ich aber sehr an den Haaren herbeigezogen.

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Re: Maniac - William Lustig

Beitragvon jogiwan » 14. Jun 2018, 11:32

schnittberichte.com hat geschrieben:Maniac (1980) wird in 4K restauriert und erscheint in den USA auf Blu-ray - In Deutschland beschlagnahmter Horrorklassiker wird bald neu aufgelegt

William Lustigs Horrorklassiker Maniac (1980) mit Joe Spinell und Caroline Munro erschien bereits im Kino leicht zensiert. Die identisch gekürzte VHS von Arcade wurde 1983 indiziert und fünf Monate später beschlagnahmt. Es war die erste nach §131 StGb beschlagnahmte Fassung eines Films in Deutschland und löste in den 80ern eine Welle eben jener Beschlagnahmungen aus.

Erst das Label Astro brachte den Film ungeschnitten auf VHS heraus. Es folgten diverse DVDs und 2010 sogar eine Blu-ray in den USA mit deutschem Ton. 2013 gab es diese dann auch über Österreich. Nun gab Blue Underground bekannt, dass sie in den USA eine Neuauflage veröffentlichen werden. Dafür lassen sie den Film neu in 4K vom lange als verschollen geglaubtem 16mm-Negativ abtasten.


quelle: schnittberichte.com
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