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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

BeitragVerfasst: 28. Dez 2017, 19:16
von buxtebrawler
Tatort: Der wüste Gobi

Die seit 2013 bestehende und damit noch recht junge Tradition, zu bestimmten Feiertagen einen Weimarer „Tatort“ um das Ermittlerduo Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) zu drehen und auszustrahlen, wurde am diesjährigen zweiten Weihnachtsfeiertag fortgesetzt: Wie seine vier Vorgänger ist auch „Der wüste Gobi“ eine Krimi-Komödie, bei der der Humor im Vordergrund steht. Nach einem Drehbuch von Murmel Clausen und Andreas Pflüger entstand unter der Regie Ed Herzogs ein in der forensischen Psychiatrie angesiedelter Fall: Der wegen Mordes an Frauen verurteilte Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili (Jürgen Vogel), genannt Gobi, bricht aus, hinterlässt eine erwürgte Krankenschwester und macht sich auf den Weg zu seiner Verlobten, der Harfenspielerin Mimi Kalkbrenner (Jeanette Hain). Derweil wird die Ehefrau des Professors Elmar Eisler (Ernst Stötzner), dem Chefarzt der Psychiatrie, der sich für Gobis Entlassung eingesetzt hatte, ermordet. Ob Gobi der Täter ist, ist zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt und Gegenstand der Untersuchungen Dorns, Lessings und des LKAs. Bekannt ist jedoch schon bald, dass Gobi sich in der Anstalt eine Art Harem hielt und einen Schlag beim weiblichen Personal weghatte, dem er regelmäßig Unterwäsche häkelte. Seine Mimi wiederum will davon, welch Casanova ihr Angebeteter ist und dass er ein wahnsinniger Mörder sein könnte, nichts wissen und hilft ihm auf seiner Flucht, die er bevorzugt durch die Kanalisation antritt. Dorn und Lessing, auch privat ein Paar, versuchen die kinderlose Freizeit zu nutzen, um sich endlich einmal wieder sexuell näherzukommen, leiden jedoch unter der defekten Heizung bei Minustemperaturen ebenso wie unter dem geistig minderbemittelten, penetranten Streifenpolizisten „Lupo“, sodass es beim bloßen Vorhaben bleibt.

Mittels mal mehr, mal weniger subtilem, jedoch nur selten krawalligem Humor, der auf seinen bizarren Fall ebenso setzt wie auf Sprachwitz, Situationskomik und Karikaturen des Polizeiapparats sowie psychiatrischer Anstalten, wird das Publikum ansprechend und kurzweilig unterhalten. Jürgen Vogel scheint einmal mehr in seiner Rolle voll aufzugehen, während das sympathische Ermittlerduo lange Zeit ungläubig zuschauen und sich mit zahlreichen Widrigkeiten wie verschwundenen Akten, einer alten Stasi-Geschichte etc. auseinandersetzen muss. Die sympathische, süß-schnippische Tschirner ist nach wie vor eine Augenweide; als Fan-Support zeigt sie sich in einer Szene in Unterwäsche, als selbstbewusste, lässige Kommissarin negiert sie jedes etwaige Girlie-Image. Ulmen kommt aus dem Komödiantischen, spielt seinen Lessing dafür zurückhaltend, um mit trockenem Humor und einer gewissen desillusionierten Abgeklärtheit zu punkten, die ihn in den richtigen Momenten ebenso wie seine Partnerin die richtigen Schlüsse ziehen lässt. Die stoische Miene beider bildet einen angenehmen Kontrast zum Humoranteil und unterstreicht, dass dieser keine Schenkelklopfer oder Chargierungen nötig hat. Figuren wie Kalkbrenner, Eisler & Co. wurden jeweils nur leicht überzeichnet; ihre Karikatur liegt in der Überbetonung nur weniger Eigenschaften, die sich dann auch erst nach und nach, dafür umso nachhaltiger zeigen und tatsächlich auch in dieser Groteske für so etwas wie Ratespaß und Spannung sorgen. Zudem macht man sich einen Jux daraus, ausgerechnet Jürgen Vogel, der wahrlich kein klassischer Beau ist, zum Womanizer zu erklären und spielt dadurch mit Schönheitsidealen und allem, was Männer über Frauen in Bezug auf Sexualpartnerwahl zu wissen glaubten.

Natürlich zündet nicht jeder Witz, hier und da wird dann doch zu dick aufgetragen und in ein starres Logik- oder Realismus-Gatter lässt sich diese Komödie schon gar nicht zwängen. Tonfall, Unaufgeregtheit und Ausrichtung sowie der „selbstkritische“ (in Anführungszeichen, weil der „Tatort“ natürlich nicht von wirklichen Gesetzeshütern hergestellt wird) Blick auf die Polizeiarbeit wissen aber zu gefallen und besiegeln einen „Tatort“, mit dem sich der Weihnachtswahnsinn prima ausklingen ließ.

Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

BeitragVerfasst: 2. Jan 2018, 18:17
von buxtebrawler
Tatort: Mord ex Machina

Der siebte und vorletzte Fall des Saarbrücker Ermittlerduos Stellbrink (Devid Striesow) und Marx (Elisabeth Brück) wurde 2017 gedreht und war der erste ausgestrahlte „Tatort“ des Jahres 2018. Regisseur Christian Theede („Gonger - Das Böse vergisst nie“) debütierte damit in der ARD-Krimireihe, das Drehbuch stammt von Hendrik Hölzemann und David Ungureit.

Der zunächst nach einem Selbstmord aussehende Fall eines autonom fahrenden Autos, in dem Sebastian Feuerbach (Nikolai Kinski, „Rohtenburg“), der Justiziar des Saarbrücker IT-Unternehmens Conpac, ums Leben kommt, zwingt Stellbrink schließlich, sich mit Themen wie Big Data und Datenmissbrauch auseinanderzusetzen. Damit avanciert dieser „Tatort“ zu einer Lehrstunde für unbedarfte Zuschauer, denen die Brisanz dieses Themenbereichs bisher nicht bewusst war. Die Spur führt in die Hackerszene und so zählen zum Kreis der Verdächtigen neben Conpac-Chef Victor Rousseau (Steve Windolf, „Seitenwechsel“) die Hackerin Natascha (Julia Koschitz, „Shoppen“) und ihr „Loverboy“, der soziopathische Marco (Anton Spieker, „Von jetzt an kein Zurück“).

Insbesondere die Rolle Nataschas weiß aufgrund ihres ambivalenten Charakters zu überzeugen. Sexuell aufgeschlossen und die toughe Hackerin, die Stellbrink an der Nase herum- und vorführt, markierend, ist auch sie letztlich ein in Beziehungsfragen glückloser, verletzlicher, einsamer Mensch, der selbst is Lebensgefahr gerät. Nach Stieg Larssons Lisbeth Salander eine weitere Hackerin, die bereits durch ihr Geschlecht, doch auch weit darüber hinaus so gar nicht dem Klischee des fetten, ungewaschenen Computer-Nerds entspricht. Zu viel des Guten (ein häufiges Problem zeitgenössischerer „Tatorte“) ist ihre libidiöse Annäherung an den sich auf Freiersfüßen befindenden Stellbrink, stark vereinfach dargestellt wurden die Hackerangriffe (ein Foto im Chat einer Partnerbörse fungiert hier als Überträger von Schad-Software…) und der Lösungsvorschlag, den Stellbrink den Zuschauer anbietet, nämlich der komplette Technik-Rollback in Form eines Verzichts auf Smartphone & Co. ist ebenso billig wie er Quatsch ist.

Ansonsten bekommt man aber einen ziemlich unterhaltsamen, gut gemachten „Tatort“ geboten, den man offenbar passend zur Thematik besonders technisch aussehen lassen wollte und so immer wieder auf den netten Kameraeffekt setzt, Protagonisten durch technische Schnittstellen hindurch zu filmen – als nähme die Technik eine subjektive Sicht ein. Dies verstärkt den sicherlich gewünschten Eindruck, die Technik würde ein Eigenleben entwickeln und sich uns mitunter wesentlich genauer betrachten als wir sie. Stellbrink schultert diesen Fall beinahe allein, von einem klassischen Duo ist nicht viel übrig geblieben. Die (wenigen) komödiantischen Momente können andere besser und hätte man sich sparen können, um den modernen technisch kalten Neo-Noir-Effekt zu verstärken, der diesen „Tatort“ über seine für Datenschutz sensibilisierende Aussage hinaus sehenswert macht.

Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

BeitragVerfasst: 10. Jan 2018, 21:30
von buxtebrawler
Tatort: Kopper

Mit „Kopper“ schickt die „Tatort“-TV-Krimireihe den männlichen Part eines der langlebigsten Ermittlerduos in Rente: Es ist Andreas Hoppes letzter Einsatz als italienischstämmiger Hauptkommissar Mario Kopper an der Seite seiner Kollegin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in Ludwigshafen. Produziert 2017, ausgestrahlt im Januar 2018, inszenierte der TV-Krimi-erfahrene Regisseur Roland Suso Richter ein Drehbuch Patrick Brunkens.

Auf der Straße trifft Kopper zufällig Sandro Giangreco (Michele Cuciuffo, „Maria Mafiosi“), einen Freund aus sizilianischen Kindheitstagen, wieder. In einer Kneipe gehen sie ihr Wiedersehen begießen, als plötzlich ein Angehöriger der italienischen Mafia nach einem kurzen Gespräch auf Sandro feuert. Kopper reagiert blitzschnell und erschießt seinerseits den Angreifer. Im Anschluss werden grob die Spuren verwischt und das Weite gesucht. Es stellt sich heraus, dass Sandro für mehrere Morde jahrelang hinter Gittern saß und mit der Mafia endgültig abschließen will. Er erklärt sich bereit, als Kronzeuge gegen die Organisation auszusagen, wenn Kopper ihn in ein Zeugenschutzprogramm vermittelt. Dies ist jedoch leichter gesagt als getan, die Mafia wenig begeistert von Koppers Dazwischenfunken und der letzte Kronzeuge gerade erst im Gefängnis tot aufgefunden worden – ein Suizid, den Koppers ahnungslose Kolleginnen Lena Odenthal und Johanna Stern (Lisa Bitter) untersuchen. Als schließlich Koppers Spuren am Tatort, der Kneipe, gefunden werden, führt dies zu Konfusionen und Kontroversen...

„Kopper“ besorgt quasi nachträglich lange versäumte Charakterisierungen des Namensgebers dieser Episode, wofür neben Dialogen mit Sandro Rückblenden in Form von Super-8-Aufnahmen aus der gemeinsamen Kindheit zum Einsatz kommen. Nachdem die Ludwigshafener Beiträge zuletzt stark in Ungnade gefallen waren und mitunter gar als Tiefpunkte der Reihe galten, bemüht man sich redlich um Wiedergutmachung und einen würdevollen Abgang Koppers. Dem wird auch geschuldet sein, dass man als Sujet kein klassisches Whodunit? wählte, das den Fokus auf die Ermittlungsarbeiten legt, sondern vielmehr in Thriller-Manier das Hauptaugenmerk auf die Beziehung Koppers zu seinem Jugendfreund und dessen beispielhafte Verstrickungen mit der Mafia richtet, die Kopper nicht nur in akute Gefahr, sondern auch in Gewissenskonflikte bringen. Zudem legt dieser „Tatort“ den Finger in die offenbar reale Wunde der unzureichenden Möglichkeiten der deutschen Justiz, der Mafia habhaft zu werden und ihre Zeugen adäquat zu schützen. Wie sehr dies misslingt, zeigt eindrucksvoll der Prolog um den erwähnten Suizid.

Auch die Rahmenhandlung um mafiöse Verstrickungen im Geschäft mit Chemiemüll scheint in der Realität verankert – wurde jedoch leider wie allgemein fast alles, was über die spannende, emotionale Beziehung zwischen Kopper und Sandro hinausgeht, unglücklich kompliziert konzipiert und/oder erzählt, sodass insbesondere die daraus resultierenden langen Dialogpassagen der Nebenfiguren ermüdend wirken. Was dieser „Tatort“ an Hintergründen anbietet, ist für den eigentlichen Gehalt dieser Episode zu nebensächlich, als dass es derart herausgestellt und damit vom Kern der Geschichte unschön ablenken sollte. Auch das eine oder andere Klischee hätte es in dieser Ausprägung vielleicht nicht bedurft, wenngleich das größte sicherlich bereits der Aufhänger darstellt: einen deutschen Kommissar mit italienischen Wurzeln der Mafia auszusetzen.

Daraus ergibt sich indes eine unterhaltsame, recht sensible Mischung aus Charakterstudie, Mafia-Thriller, Krimi und Freundschafts-Drama um Vertrauen, Loyalität und falsches Spiel, in der Andreas Hoppe sich als mehr als überdurchschnittlicher Charakterdarsteller beweisen kann, der Actionszenen genauso gut meistert wie insbesondere die äußerlich ruhigen, psychologisch jedoch an ihm zehrenden Momente und erahnen lässt, dass man ihn mit seiner hier gezeigten überlegten, in sich ruhenden, fast stoischen und dennoch herzlichen Art im „Tatort“ vermissen wird. Der Epilog wiederum beweist einmal mehr: Bulle im vorzeitigen Ruhestand müsste man sein...

Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

BeitragVerfasst: 11. Jan 2018, 14:14
von karlAbundzu
Ja, der Kopper, ich werde ihn vermissen. Er hat ja noch ein versöhnliches, hübsches Ende bekommen, und ich htte mir ein wenig mhr ein leichteren Tatort mit ihm gewünscht, dass die Italienkarte mit den gerade aktuellen (naja, dass mit dem Müll ist ja auch schon ein paar Jahrzehnte beannt, aber da kam ja gerade eine neue Drehung mit dem Zurückverschiffen rein, neulich einen Artikel gelesen, der so ungeheuer ähnlich den Vorgängen im Tatort waren, bis zu dem Restaurant, brrr) gespielt wird, fand ich ein bißchen allzu Kopper-Klischee - mäßig.
Insgesamt war der Tatort jedoch spannend und gut gefilmt.
Ciao, Kopper. Ich weiß noch, wie du 1996 zu Lena gestossen bist und ein bißchen mehr Farbe in die Reihe brachtest.