Im Schatten des Mörders - Jess Franco

Moderator: jogiwan

Im Schatten des Mörders - Jess Franco

Beitragvon Blap » 15. Jan 2011, 00:34

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Im Schatten des Mörders (Spanien 1976, Originaltitel: La noche de los asesinos)

Lina zieht sich nicht aus. Das prangere ich an!

Park Manor ist ein stattliches Anwesen, doch ein maskierter Killer verbreitet Angst und Schrecken. Zunächst erwischt es den Besitzer Lord Marion, den der unheimliche Mörder lebendig begräbt. Als der örtliche Notar das Testament des Verschiedenen eröffnet, gerät bei all seinen erwartungsvollen Erben, der Puls massiv in hektische Wallungen. Unverschämterweise soll Rita (Lina Romay) das stattliche Vermögen zufallen, obwohl sie lediglich eine uneheliche Tochter des Erblassers ist. Auch Rita kann es kaum fassen, denn zu Lebzeiten behandelte sie ihr Vater sehr schlecht. Sie wurde lediglich als Dienstmädchen geduldet, immer wieder setzte es Prügel und sonstige Erniedriegungen. Inspektor Bore, der mit den Ermittlungen betraut wurde, beobachtet die Reaktionen der Beteiligten mit Interesse. Bald schlägt der Maskenmann ein weiteres Mal zu, nun ist die Witwe des Lords fällig. Hat Rita eventuell ihre Finger im Spiel? Schliesslich wurde sie auch von ihrer Stiefmutter stets drangsaliert, kurz vor deren Ermordung wüst und voller Hass ausgepeitscht. Major Brooks (Alberto Dalbés), ein fähiger Kriminalist im Dienste von Scotland Yard, soll Inspektor Bore bei dessen Aufklärungsversuchen unterstützen. Weitere Familienmitglieder und Bekannte des getöteten Ehepaares tauchen auf, der Mörder hat sein Werk noch nicht vollendet...

Jess Franco inszenierte diesen Film bereits 1973, doch erst 1976 wurde der Stoff zugänglich gemacht. 1976 erscheint als Jahr der Produktion auf den ersten Blick unwahrscheinlich, da Lina Romay noch recht kindlich anmutet. Ferner war Franco zu dieser Zeit (1975-1977) für Erwin C. Dietrich tätig, und mit diesem Job sehr gut ausgelastet. Franco schrieb das Drehbuch zu diesem Streifen, Edgar Allan Poe wird als Verfasser der ursprünglichen Vorlage genannt, was allerdings eher als "Werbegag" zu verstehen ist. Wer mit Jess Franco mehr oder wenige wüste Exploitationreisser aus dem Frauengefängnis verbindet, alternativ auf einen psychedelischen Trip ala "Vampyros Lesbos" hofft, oder einfach abgefahrenen Trash wie "Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein" sehen will, könnte bei der Sichtung von "Im Schatten des Mörders" eine Überraschung erleben. Der Streifen ist ein überwiegend ruhiger Krimi, der von seiner düsteren Atmosphäre lebt, sowie mit einer recht gut aufgelegten Besetzung punkten kann.

In letzter Zeit ist mir Lina Romay sehr ans Herz gewachsen. Zugegeben, auch wegen eindeutiger und nackter Tatsachen. Hier präsentiert sie sich regelrecht züchtig, bleibt weitgehend zugeknöpft. Ein Wunder ist es nicht, denn 1973 regierte in Spanien noch General Franco (Sein Namensvetter hätte den Job sicher besser gemacht), der alte Fascho und seine Garde wollten keine Nackedeis auf der Leinwand sehen. Linas Rolle ist allerdings auch so angelegt, dass Nacktheit nicht zwingend notwendig erscheint. Zwei, drei Jahre später, hätte Jess Franco dies sicher nicht davon abgehalten, seiner Lina die Klamotten vor der Kamera zu entreissen. Doch bevor ich mich weiter über die optischen Vorzüge der Frau Romay auslasse, will ich kurz auf ihr Schauspiel eingehen. Rita ist die Rolle einer geknechteten, tragischen Person, der man bisher übel mitgespielt hat. Sie bringt diesen Part durchaus überzeugend rüber, sofort möchte ich in die Glotze hüpfen, um Rita/Lina vor den Bösewichtern zu beschützen. Später waren Lina Romays Rollen oft selbstbewusst angelegt, in diesem Flick bekommen wir eine andere Seite der heissen Dame zu sehen. Bleiben wir zunächst in den Reihen der Frauenriege. Yelena Samarina gibt die kantige Hausdame Deborah -so ein schöner Name, für einen dermaßen abstossenden Charakter- die stets verdächtig erscheint, ihren Filmgatten mit herrischer Boshaftigkeit gängelt. Lady Marta (Evelyne Scott) und Lady Cecilia (Maribel Hidalgo) sind nicht minder fies aufgelegt. Die Damen spielen durch die Bank kraftvoll und kernig auf, allesamt abstossende Biester, lediglich Lina Romay sehen wir als schüchternes Püppchen.

Auch die Herren lassen sich nicht lumpen, besonders Vicente Roca hat mir sehr gut gefallen. Von seiner Umgebung unterschätzt, ist der unscheinbare Inspektor ein cleveres Bürschlein, von Roca solide und sympathisch gespielt. Alberto Dalbés sieht man häufig in spanischen Genrefilmen aus den sechziger und siebziger Jahren. Mir ist er z.B. durch "Die Nacht der offenen Särge" in guter Erinnerung, der ebenfalls von Jess Franco inszeniert wurde, welcher einige Male mit Dalbés arbeitete. Nicht zu vergessen der herrliche Paul Naschy Streifen "Die Stunde der grausamen Leichen", in dem Dalbés mit von der Partie ist. Die hiesige Rolle des Scotland Yard Ermittlers wirft gleich zu Beginn Fragen auf, bietet Verdachtsmomente. Der geschätzte William Berger taucht in einer Nebenrolle auf, der knuffige Charakterschädel Dan van Husen möchte gleichermaßen einen Teil der Hinterlassenschaft einsacken. Luis Barboo entgleisen -wie man es kennt und schätzt- sämtliche Gesichtszüge, der Typ ist schlicht unbeschreiblich, unfassbar, unvorstellbar. Sensationell, ich liebe diese Fratzen, diesen irren Blick. Wer Yelena Samarina zur Filmgattin hat, muss zwangsläufig einen Infarkt des Nervensystems erleiden. Jess Franco sehen wir in einer kleinen Rolle, der kleine Knubbel ist putzig, ich möchte ihn knuddeln.

Atmosphäre wird in diesem Film reichlich geboten, der düstere Beginn sorgt für Gruselschauer. Die Maske des Killers mutet grotesk an, trägt aber zum Charme des Films bei. Ich schrieb es bereits weiter oben, dieses Werk von Franco ist weder besonders wüst, noch wirklich "trashig" (ein überstrapaziertes Wort im Zusammenhang mit Jess Franco, da muss ich mich auch an die eigene Nase packen). "Im Schatten des Mörders" mutet vordergründig recht konventionell an, doch die typische Handschrift des Regisseurs ist zu jeder Zeit gegenwärtig. Für Fans ist der Streifen ein wohliges Erlebnis, für "normale" Zuschauer vielleicht noch immer eine Spur zu kantig, kauzig und obskur. Ganz sicher handelt es sich nicht um einen Höhepunkt, aus dem sehr umfangreichen Schaffen des kauzigen Filmemachers. Doch "Im Schatten des Mörders" ist mir sehr sympathisch, mein Lieblingwort knuffig passt perfekt.

epiX hat den Film ungekürzt im Angebot. Die Scheibe bietet eine brauchbare Qualität an, ist aber für Zeilenzähler nicht zu empfehlen (diese Gruppe wird sich aber sowieso kaum für Franco interessieren). Die deutsche Synchronisation ist nicht besonders gut gelungen, wirkt teils ein wenig lahmarschig. Sie scheint mir auch erst später entstanden zu sein. Wer der spanischen Sprache mächtig ist, kann dem Originalton lauschen. Im Bonusbereich findet man einige Texttafeln, kleine Prisen Bildmaterial, Trailer aus dem Labelprogramm. Insgesamt eine angenehme DVD, die zum sehr fairen Kurs erhältlich ist.

Kein Überflieger, aber herzlich und mit jeder Menge Charme gesegnet.

6,5/10

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Re: Im Schatten des Mörders - Jess Franco

Beitragvon untot » 6. Mär 2011, 02:13

"Im Schatten des Mörders" hat mich überrascht - gerade weil man von Franco anders gewohnt ist - aber nicht unangenehm!
Ich fand den Film wirklich ansprechend und spannend, wenn auch vorhersehbar, trotzdem kann er einen rundweg gut unterhalten.
Die Schauspieler sind durchwegs gut, die Atmo düster, die Masken ganz anständig, doch, der Streifen hat Charme.

7/10
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Re: Im Schatten des Mörders - Jess Franco

Beitragvon DrDjangoMD » 5. Jun 2011, 09:09

Blap hat geschrieben:Lina zieht sich nicht aus. Das prangere ich an!


:D :thup: Aber das allein wäre ja noch erträglich gewesen. Das gemeine an diesem Film ist ja, dass sich die Gutste ziemlich oft frei macht, wir aber trotzdem nicht die kleinste Kleinigkeit zu sehen bekommen :(

Bis auf diese Verstimmung hat mir der Film aber sehr gut zugemutet. Er war zwar nicht wirklich was ganz Besonderes, was ich in mein Herz schließen würde, trotzdem war jeder Part (seien es Atmo, Kostüme, Darsteller, Regie,...) einfach passend und stimmig.

Von mir verdiente 7/10

(Und nicht vergessen, Blap, wir können bei genauerer Betrachtung trotz General Francos Verbot einen kurzen Blick auf das nasse Necliche Necklischee Nachthemd von William Bergers Filmgattin werfen, was uns über die Verhüllte Lina Romay etwas wegtröstet, Jess lässt seine männlichen Fans einfach bei keiner vorherrschenden Diktatur im Stich ;) )
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Re: Im Schatten des Mörders - Jess Franco

Beitragvon sid.vicious » 20. Mai 2012, 21:17

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Alternativer Titel: Night of the Skull
Alternativer Titel: Suspiri
Produktionsland: Spanien
Produktion: Arturo Marcos
Erscheinungsjahr: 1977
Regie: Jess Franco
Drehbuch: Jess Franco
Kamera: Javier Pérez Zofio
Schnitt: Antonio Gimeno
Musik: Carlo Savina
Länge: ca. 82 Min.
Freigabe: FSK 16
Darsteller:
Alberto Dalbés: Major Oliver Brooks
Evelyn Scott: Martha Tobias
William Berger: Baron Simon Tobias
Maribel Hidalgo: Lady Cecilia Marion
Lina Romay: Rita
Vicente Roca: Inspector Bore
Yelena Samarina: Deborah Potts
Ángel Menéndez: Jennings
Luis Barboo: Rufus
Dan van Husen: Albert Pagan
Jess Franco: Eddy



Lord Archibald Marian wird von seiner Frau Cecilia mit Schlamm überdeckt im Garten gefunden. Es wurde bei lebendigem Leib begraben und musste qualvoll ersticken. Inspektor Bore ist der Ansicht, dass es sich um die Tat eines Verrückten handeln muss. Er vermutet den Mörder unter Lord Marians Erben, demnach in Bore auch bei der Lesung des Testaments anwesend. Als danach noch weitere Morde geschehen wird der Fall immer verzwickter.

Verzwickt in dem Sinne, dass Jess Franco mal wieder Alles durcheinander wirft und für ein Chaos ohne gleichen sorgt? Nein, denn „Im Schatten des Mörders“ ist ein recht durchdachter Film, wenn man von kleinen Ungereimtheiten absieht.

In erster Linie ist Franco darauf aus, eine Romanvorlage von Edgar Allen Poe zu verfilmen. Dieses hat Radley Metzger drei Jahre später übrigens unter dem Titel „The Cat and the Cannery“ ebenfalls versucht. Diese Version schlägt Francos Film allerdings um Längen, was in Anbetracht der miesen Radley Metzger Verfilmung auch kein großes Kunststück ist. All das auf das Metzger verzichtet, wird von Franco reichhaltig eingebaut. Die klassischen Elemente die zu einem Horrorszenario gehören. Somit startet der Film mit einer genretypischen Musik und lässt innerhalb der ersten Einstellungen die Dunkelheit und ein Gewitter dominieren. Die gut gewählten Räumlichkeiten tragen zu einer gemütlichen und erwünschten Atmosphäre bei. Auch die wenigen Außenaufnahmen wissen zu gefallen.

Lina Romay avanciert in der Rolle der Rita Derian schnell zur Bezugsperson für den Zuschauer. Lina macht dieses, wie auch die anderen Darsteller recht gut, auch wenn ihr vereinzelnder Hang zur Theatralik (in den emotionalen Momenten) ein wenig zu überzogen wirkt.

Fazit: Ein gut gefilmter Franco Film, den man auf jeden Fall für voll nehmen oder diesem zumindest eine Chance geben sollte.

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