Lolita am Scheideweg - Jess Franco (1980)

Moderator: jogiwan

Re: Lolita am Scheideweg - Jess Franco (1980)

Beitragvon supervillain » 23. Okt 2014, 18:58

Mir geht es da wie vielen anderen, ohne entsprechendes Wissen über Produktionsdetails hätte ich niemals die Vermutung, ein so blutjunges Mädchen präsentiert zu bekommen. Die thematisierte Story darf in der Kunst kein Problem sein, doch bei so viel Screentime, in der sich die Kamera auf die Geschlechtsteile einer Minderjährigen fokussiert (die sich der Tragweite ihrer Rolle noch nicht in vollem Ausmaß bewusst sein kann), stellt sich auch bei mir ein gewisses Unbehagen ein. Das größte Versäumnis sehe ich allerdings im Elternhaus, da ohne entsprechende Einverständniserklärung, das selbst zu dieser Zeit nicht möglich gewesen sein dürfte. Den damaligen Umgang mit diesen Themen darf man in der heutigen Bewertung auch nicht gänzlich unberücksichtigt lassen, damals lagen Zeitschriften, in welchen Kinder in eindeutigen Posen unter dem Deckmantel der freien Körperkultur abbildet wurden, offen im Supermarkt aus. Selbst ARD strahlte zur besten Sendezeit den Tatort "Reifezeugnis" aus, der zwar eine nicht ganz so junge, aber immer noch minderjährige Nastassia Kinski, gänzlich nackt offenbarte, auch das Scorpions Albumcover "Virgin Killer" hinterlässt bei mir ein weitaus schlechteres Gefühl als Katja Bienert in diesem Franco Film (die aufgrund der Frühentwicklung für pädophile wahrscheinlich ohnehin ungeeignet ist). Manche Beispiele waren zwar auch damals für einen Skandal gut, doch vieles wurde einfach stillschweigend toleriert. Heute undenkbar.

Ich verdränge mal alle moralischen Bedenken und bewerte den Film wie er auf mich, ohne nähere Auseinandersetzung, wirkt. Es steht zwar die Rolle von Katja Bienert im Mittelpunkt, dennoch bin ich eher auf die anderen Akteure fokussiert die in ihren sexuellen Obsessionen taumeln. Wer die Wahrnehmung eines Mädchens während der Pubertät, und die damit einhergehenden Schwierigkeiten, möglichst künstlerisch und ohne Sleaze thematisiert sehen will, ist mit Filmen wie "Valerie" besser bedient (der in meiner Gunst auch in ganz anderen Dimensionen schwebt). Dennoch ein sehr guter Film, der die Handschrift des Regiseurs in jeder Einstellung erkennen lässt. Der bereits von vielen gelobte Soundtrack der deutschen Fassung ist pures Gold und ebenso empfehlenswert wie der Gerhard Heinz Score zu "Geisel des Fleisches" (diesen gibt es via Digatone auch auf Vinyl :knutsch: )

Dicke 7/10 Franco Punkte!
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