Kidnapped - Miguel Ángel Vivas (2010)

Moderator: jogiwan

Kidnapped - Miguel Ángel Vivas (2010)

Beitragvon jogiwan » 28. Mai 2011, 11:26

Kidnapped

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Originaltitel: Secuestrados

Herstellungsland: Spanien / 2010

Regie: Miguel Ángel Vivas

Darsteller: Guillermo Barrientos, Dritan Biba, Fernando Cayo, Manuela Vellés

Story: Eine Familie wird am Abend ihres Umzuges in ein luxuriöses, aber abgelegenes Haus von einer Bande von Vermummten gewaltsam als Geisel gefangen genommen. Als einer der Gangster mit dem Vater und den Bankomatkarten der Familie zur nächsten Bank fährt um Geld abzuheben, läuft in der Zwischenzeit zuhause alles schief und der Abend endet für alle Beteiligten in einem Blutbad aus Angst, Tod und absolutem Terror.
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Re: Kidnapped - Miguel Ángel Vivas (2010)

Beitragvon jogiwan » 28. Mai 2011, 11:30

Eigentlich mag ich ja Filme, die nur dazu ausgelegt sind, dem Zuschauer einen Schlag in die Magengrube zu verpassen, ja überhaupt nicht mehr. "Kidnapped" ist da wohl das Paradebeispiel und zeigt eindrucksvoll, wie man dem Zuschauer nach einem halbwegs gelungenen Streifen in einem zynischen Finale noch ordentlich einen vor den Latz knallt. "Kidnapped" ist sicherlich sehr gut gemacht, darstellerisch top und auch die Spannungsschraube wird bis zum Anschlag angezogen - trotzdem bleiben Zweifel zurück, ob man so ein Terrorfilmchen dann auch tatsächlich braucht. "Kidnapped" ist dann auch wie Michael Hanekes "Funny Games" - nur von der Intention das genaue Gegenteil, denn während der österreichische Regisseur die Gewaltgeilheit des Publikum anprangert, bedient Vivas genau diese Schiene. Richtig gut finde ich aber weder den einen, noch den anderen Ansatz!
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Re: Kidnapped - Miguel Ángel Vivas (2010)

Beitragvon horror1966 » 2. Aug 2011, 18:04

Schon mit seinem Kurzfilm "I'll See You In My Dreams" aus dem Jahre 2003 hat Miguel Angel Vivas sein vorhandenes Regie-Potential unter Beweis gestellt, was jetzt 7 Jahre später in seinem Langfilm-Debüt "Kidnapped" so richtig gut zum Ausdruck kommt. Präsentiert er doch einen hervorragenden Terrorfilm, der dem Zuschauer teilweise das Blut in den Adern gefrieren lässt. So bekommt man schon mit den ersten Einstellungen der Geschichte einen äusserst intensiven Eindruck davon, das die Geschichte ganz sicher nicht gerade zimperlich erzählt wird. Das bestätigt sich dann auch schon nach wenigen Minuten, in denen man mit den 3 Charakteren einer Familie konfrontiert wird, die als Opfer eines häuslichen Überfalls auserkoren sind und einem brutalen Einbrecher-Trio zum Opfer fallen. Der räumlich eingegrenzte Schauplatz des Geschehens ist also schnell vorgegeben und lässt schon frappierende Ähnlichkeiten zu Michael Hanekes Meisterwerk "Funny Games" erkennen. So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, das sich hier die gleiche bedrohliche Grundstimmung entfaltet, die wie eine zentnerschwere Last auf den Schultern des Zuschauers liegt, denn vor allem die Situation der Opfer löst ein extrem beklemmendes Gefühl aus, das einem wirklich unter die Haut geht.

Dabei hat Vivas es ganz erstklassig verstanden, das psychische - und das physische Martyrium der Familie getrennt voneinander in Szene zu setzen, so das für den Betrachter ein noch intensiveres-und erschreckend realistisches Terror-Szenario entsteht, das man fast schon körperlich miterlebt. So wird die psychische Drucksituation durch den Aspekt verstärkt, das der Familienvater von seiner Frau und der Tochter getrennt wird, da er mit einem der Einbrecher die Bankautomaten abklappern muss, um soviel Geld wie möglich von seinen Konten abzuheben. Die beiden Frauen werden in dieser Zeit in ihrem Haus festgehalten und müssen sich insbesondere gegen einen der verbleibenden Gängster immer wieder zur Wehr setzen, der mit zunehmender Laufzeit immer psychophatischere Züge erkennen lässt. Weder die Frauen noch der Vater wissen also, wie es dem anderen in dieser Zeit geht, was die Angst der jeweiligen Personen immer weiter entfacht, das irgentetwas passiert sein könnte, was die ganze Situation eskalieren lässt. An dieser Stelle hält dann auch die visuelle Gewalt Einzug in die Geschichte und diese ist alles andere als knapp geraten.

Gerade die im Haus der Familie stattfindenden Ereignisse haben es dabei wirklich in sich, einer der verbleibenden Einbrecher hat sich nicht länger unter Kontrolle, was ganz zwangsläufig eine immer weiter ansteigende Gewaltspirale nach sich zieht, die letztendlich vollkommen ausser Kontrolle gerät und nicht mehr aufzuhalten ist. Körperliche Übergriffe in Form einer Vergewaltigung und auch die Tötung eines von den Nachbarn alarmierten Sicherheitsbeamten sind eine schon fast logische Folge, die mit brachialer Gewalt kompromisslos in Szene gesetzt wurde. Die Geschehnisse erreichen dabei eine Intensität, die einen mit der Wucht eines Keulenschlags mitten in die Eingeweide trifft. Es ist nahezu unmöglich , sich der erschreckenden Faszination des Treibens zu entziehen, das streckenweise eine Art Ohnmacht auslöst, da man sich vollkommen hilflos -und nahezu paralysiert vorkommt. Dieser Eindruck entseht in erster Linie durch die grandiosen Darsteller, die mit ihrem Schauspiel einen absolut authentischen-und realistischen Eindruck vermitteln. Selten überkommt einen dabei das Gefühl das man sich in einem Spielfilm befindet, denn der Begriff einer erschreckenden Live-Dokumentation wäre hier weitaus angebrachter.

So fiebert man dann auch über die gesamte Laufzeit von knapp 80 Minuten vor allem mit den Opfern mit, für die sich kurz vor dem Ende anscheinend noch alles zum Guten wendet. Doch insbesondere im letzten Drittel des Filmes hat Miguel Angel Vivas einige Wendungen der Geschehnisse eingebaut, die einen in ein ständiges Wechselbad der Gefühle versetzen und mit einem Ende konfrontieren, das härter und brutaler nicht hätte ausfallen können. Zudem hinterlässt es einen extrem bitteren Nachgeschmack und brennt sich förmlich in das Gedächtnis des Zuschauers ein. Man braucht nach der Sichtung dieses Werkes eine geraume Weile, um das Gesehene erst einmal richtig sacken zu lassen, denn "Kidnapped" ist wirklich harter Stoff, dern man nicht so leicht verdauen kann. Zartbesaitete Gemüter dürften ihre Schwierigkeiten mit diesem Film haben, der 80 Minuten absolute Hochspannung und eine Menge Härte offenbart, die sich auf psychische wie auch auf physische Art freisetzt und deutliche Spuren hinterlässt.


Fazit:


"Kidnapped" ist sicherlich keine leicht zu verdauende Filmkost, überzeugt aber durch eine brillante Umsetzung einer Situation, die an Beklemmung-und Bedrohlichkeit kaum zu überbieten ist. Ein absolut authentisches Szenario und herausragende Darsteller machen diesen fiesen Terrorfilm zu einem wahren Erlebnis, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte.


9/10
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Re: Kidnapped - Miguel Ángel Vivas (2010)

Beitragvon jogiwan » 29. Nov 2011, 20:19

auch die Bundesprüfstelle hat den spanischen Film mittlerweile gesehen:

schnittberichte.com hat geschrieben:Kidnapped wurde von der Bundesprüfstelle indiziert
Home-Invasion-Thriller landet auf Liste A

Am 11. Mai 2011 hat Universum Film den spanischen Home-Invasion-Thriller Kidnapped in Deutschland auf DVD und Blu-ray veröffentlicht. Da man von der FSK keine Freigabe bekommen hat, erfolgte der Release mit einem SPIO/JK-Gutachten. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Bundesprüfstelle auf den Film aufmerksam wurde.

Und genau dort wurde Kidnapped jetzt auch vorstellig. Wegen der teils expliziten Gewaltdarstellung ist auch das Ergebnis der BPjM-Prüfung alles andere als überraschend. Denn der Thriller landete auf Liste A und bestätigte damit den jugendgefährdenden Inhalt.
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Re: Kidnapped - Miguel Ángel Vivas (2010)

Beitragvon Adalmar » 5. Jul 2014, 21:52

Absolut einfallsloses Terrorkino nach Schema F. Hier bekommt man eine von Bösewichten überfallene Normalofamilie - Charakterzeichnung auf beiden Seiten Fehlanzeige - vorgesetzt, inklusive der ganzen "bewährten" Zutaten Gekreische, Geheule, Quälereien und dann und wann wird jemand umgebracht, gegen Ende wird die Brutalitätsschraube massiv angezogen, und wer das unbedingt braucht, kann sich hier seinen obligatorischen "Schlag in die Magengrube" abholen. Mich hat der Film im Großen und Ganzen eher genervt, inklusive des "überraschenden" Schlusses. Die Indizierung ist nicht überraschend, das soll jetzt aber nicht als Empfehlung missverstanden werden.

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Re: Kidnapped - Miguel Ángel Vivas (2010)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 31. Okt 2014, 00:36

Es gibt wohl zwei unterschiedliche Lesarten, denen man den spanischen Thriller SECUESTRADOS aussetzen kann, und die zu zwei völlig unterschiedlichen Bewertungsergebnissen führen.

1. Die Kinematographie von SECUESTRADOS ist superb. Wenn ich mich nicht verzählt habe, wird in diesem Film einzig und allein zwölfmal geschnitten – sofern man jedenfalls von seiner technischen Seite spricht und nicht von den Torturen, denen die dreiköpfige Familie ausgesetzt ist, die im Verlauf seiner Handlung in die wenig sanften Hände dreier maskierter osteuropäischer Gangster gerät. Gleich die zweite jener zwölf Szenen ist eine, bei der ich mir vor Verwunderung die Augen gerieben habe. Mit dem Inhalt hat das nichts zu tun, der ist banal wie er nur sein kann, wenn ein offenbar gutbetuchter Familienvater von der Arbeit ins frischbezogene Eigenheim zurückkehrt, das nicht nur voller Handwerker ist, die mit Renovierungstätigkeiten beschäftigt sind, sondern auch einer Gattin und Tochter, die sich darüber in die Haare kriegen, ob die immerhin bereits Achtzehnjährige zu später Stunde mit ihrem Freund ausgehen darf oder gezwungen werden soll, mit den Eltern einen langweiligen Familienabend zu verbringen. Was an der Szene mich indes so sehr begeistert hat, ist, dass sie, gefilmt von der den gesamten Film tragenden Handkamera, innerhalb von acht, neun Minuten keinen einzigen Schnitt aufweist – und das sind eben nicht nur acht, neun Minuten, die relativ statisch in ein, zwei Räumen absolviert werden, vielmehr befindet die Kamera sich in ständiger Bewegung, sitzt anfangs neben dem Familienvater auf dem Beifahrersitz, führt uns dann im geräumigen Landhaus herum, wo andauernd Statisten durchs Bild wuseln, die aus allen Ecken und Zimmern kommen, bleibt hier und dort etwas länger kleben, beispielweise bei dem Streitgespräch zwischen Mutter und Tochter, zeichnet sich aber vor allem dadurch aus, dass sie einen scheinbar schrankenlosen Handlungsspielraum besitzt. Offenkundig ist, dass gerade eine solche Szene wohlüberlegt und wohlkoordiniert sein möchte. Ungemein rhythmisch sind die einzelnen Bewegungsabläufe in ihr aufeinander abgestimmt, treffen Menschen, Dinge scheinbar zufällig aufeinander, ohne den Zuschauer überdeutlich darauf zu stoßen, dass sie von langer Hand geplant sein dürften. Ich erwähne gerade diese Eröffnungsszene, weil sie die ist, in der der Film mit den meisten Schauspielern operiert. Später, wenn das Ganze mehr zu einem Kammerspiel heruntergekocht wird, sind die Handkameraführungen zwar weiterhin recht beeindruckend, jedoch nie mehr so langanhaltend, nie mehr einer solcher Fülle an Möglichkeiten ausgesetzt, sabotiert zu werden. Erfreulich ist, dass SECUESTRADOS sein so glänzend eingeführtes Stilmittel bis zum Ende beibehält. Sicherlich mag der eine oder andere Schnitt, in bester Hitchcock- oder Noe-Manier, an der einen oder anderen finsteren Stelle versteckt sein, die minutenlangen Einstellungen eine vorsätzlich erweckte Illusion darstellen, wirklich aufgefallen ist mir jedoch in keinem Moment, dass ich da Taschenspielertricks auf den Leim gehe. Vielmehr wirkt SECUESTRADOS mit seinen zwölf Szenen ungemein organisch, wie aus einem Guss, vermittelt seine Geschichte quasi in Echtzeit. Wenn man Godard glauben mag, der einmal eine seiner Filmfiguren hat sagen lassen, dass jeder Filmschnitt eine Lüge sei, so handelt es sich bei SECUESTRADOS unter diesem Gesichtspunkt um einen überaus ehrlichen Film - insoweit man natürlich bei einer Fiktion überhaupt von Wahrheitsgehalt sprechen kann. Wenn seine Darsteller wimmern und schreien, dann tun sie das nicht in verkürzten Fragmenten, sondern über weite Strecken, und wenn eine Figur vom obersten Stockwerk in die Tiefgarage des Hauses geführt wird, dann begleiten wir dabei jeden ihrer Schritte, und wenn über einen kürzeren Zeitraum zwischen zwei entscheidenden Ereignissen nichts Spannendes, Dramatisches oder für die Handlung Relevantes geschieht, dann nehmen wir wie selbstverständlich daran teil. Zweimal greift SECUESTRADOS außerdem auf ein weiteres Stilmittel zurück, das zwar auf den ersten Blick reichlich artifiziell wirkt, in Wirklichkeit aber den dokumentarischen Anstrich des Films noch um die eine oder andere Schicht ergänzt. In den Momenten, die ich meine, wird das Bild in zwei Hälften gespalten, worauf links eine andere Szene sich entrollt als rechts, beide jedoch, obwohl räumlich getrennt, im Zeitgefüge des Films im gleichen Augenblick stattfinden. Besonders eindrucksvoll habe ich das kurz vor dem Finale empfunden. Während rechts die Tochter des Hauses sich gegen einen Angreifer relativ erfolgreich zur Wehr setzt, entschließt sich links der Familienvater ebenfalls zum Widerstand und lenkt sein Auto, in dem ihn ein anderer Kidnapper zur nächsten Bank entführt hat, auf dass er dort für ihn sein Konto plündere, bewusst in parkende Fahrzeuge. Exakt in der gleichen Sekunde kulminieren beide Handlungen, sodass der Zuschauer sich zwangsläufig dafür entscheiden muss, ob er dem dramatischen Höhepunkt auf der einen oder dem auf der anderen Seite beiwohnen möchte, dem Autocrash oder der Scherenattacke, mit der das Töchterchen ihrem Vergewaltiger ein Auge stiehlt. Wenn dann beide Hälften des split-screens sich wieder zu einem einzigen vereinen, ist das ebenso kunstvoll inszeniert. Von beiden Richtungen laufen Tochter und Vater dem sie sowie die Bilder trennenden Querbalken in der Mitte der Leinwand entgegen, und dann, kurz bevor sie sich in die Arme fallen, verschwindet er wie von Zauberhand und lässt die beiden Handlung miteinander verschmelzen. Ich kann es nur noch einmal betonen: optisch mag der Film nicht mit dem Oeuvre Gaspar Noes mithalten können und so kühn wie in ENTER THE VOID oder IRREVERSIBLE sind seine Kamerafahrten und –einstellungen lange nicht, dennoch hat mich SECUESTRADOS vor allem an die Handschrift eben jenes Filmemachers erinnert. Noch einmal muss ich betonen: den Aufwand, den es gekostet haben mag, all diese langen Einstellungen zu realisieren, möchte ich mir gar nicht vorstellen, und noch einmal muss ich es begrüßen, wie wohltuend anachronistisch ein solcher Film in Zeiten von über dem Zuschauer niedergehenden Schnittgewitter doch wirkt.

2. Inhaltlich ist SECUESTRADOS jedoch ebenfalls ein Anachronismus, sprich: sein Drehbuch hätte genauso auch in den 80ern oder 70ern verfasst werden können, mit deren Familiendrangsalierthrillern ihn mehr eint als ihm guttut. Angefangen davon, als Identifikationsfiguren für das Publikum eine Allerweltfamilie ohne Alleinstellungsmerkmal zu wählen, über die Darstellung der Räuberbande, deren alle drei Mitglieder längst bekannten Stereotypen entsprechen – wir hätten namentlich beisammen den kühl-rational agierenden Kopf des Unternehmens, einen vorwiegend von seinen sexuellen und gewalttätigen Gelüsten geleiteten Untergebenen, der jegliche Hemmungen fallenlässt, sobald der Chef nicht mehr in Sichtweite ist sowie das recht gutaussehende Nesthäckchen, das den Eindruck erweckt, eher ungewollt in die Sache hineingeraten sein und darum bemüht ist, das schlimmste Leid der Opfer zu verhindern oder wenigstens zu mildern -, bis hin zu dem ordinär-pekuniären Motiv, das als Triebfeder im Getriebe des gesamten Dramas steckt, steht SECUESTRADOS in einer Traditionslinie, der er rein substanziell nichts Neues hinzuzufügen vermag. Gerne kann man dem Film damit einen realistischen Anspruch unterschieben, der selbstgenügsam auf Effekthascherei, eine weltbewegende Botschaft, ein opulentes Storygerüst verzichtet, andererseits könnte man ihn genauso gut für fehlende Innovation und verschenktes Potential geißeln, wie ich das nun hiermit tue, und mich beklage, dass er seiner derart exzellenten technischen Seite letztlich einen Inhalt gegenüberstellt, dessen Agenda mir dann doch wieder viel zu leicht zu durchschauen ist. SECUESTRADOS möchte schockieren, Angst einjagen, entsetzen als Selbstzweck, und wie so oft funktioniert das bei mir allein deshalb nicht, weil ich von Anfang an merke, was der Film mit mir vorhat. Wo Michael Haneke in FUNNY GAMES ein, durchaus kritikwürdiges, moralisches Anliegen verfolgt und wo Gaspar Noe in IRREVERSIBLE durch die Umkehrung der Chronologie einen beinahe schon philosophischen Subtext generiert, der sich um Zufall, Schicksal und die menschliche Zeit an sich rankt, da kommt SECUESTRADOS nicht darüber hinaus, mich mit der Nase auf etwas zu stoßen, das ich sowieso längst weiß: dass Menschen in Extremsituationen oder auch einfach nur aus Lust und Laune in der Lage sind, zu reißenden Bestien zu werden. Gerade das Finale und der für mein Empfinden völlig zusammenhanglose Prolog zeigen klar, dass der Film nirgendwo richtig beginnt und vor allem nirgendwo richtig hinführt. Das Ende hat mich demnach auch nicht vor Schrecken sprachlos zurückgelassen, sondern eher das Gefühl vermittelt, den Verantwortlichen sei auf den letzten Drehbuchseiten nichts Besseres eingefallen, worin sie ihren Film denn hätten münden lassen sollen. Realistisch, um das Argument erneut aufzugreifen, mag das sein, denn, wie wir wissen, mündet die Realität ja ebenfalls in nichts, das sinnvoller oder sinnloser ist als der Tod, andererseits torpediert SECUESTRADOS einen solchen Ansatz schon allein damit, dass er seine Gewaltszenen äußerst unrealistisch, vielmehr schauzweckhaft auswalzt. Nein, SECUESTRADOS ist, aller ästhetischen Finessen zum Trotz, konzipiert für ein Publikum, dem es ausreicht, von einem Film Gewalt und Terror in Reinform vorgesetzt zu bekommen, und es dabei bewenden lässt. Dass ich mich damit nicht zufriedengebe, ist mein persönliches Problem.
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