Finisterrae - Sergio Caballero (2010)

Moderator: jogiwan

Finisterrae - Sergio Caballero (2010)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 8. Jan 2015, 22:04

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Originaltitel: Finisterrae

Produktionsland: Spanien 2010

Regie: Sergio Caballero

Darsteller: Paul Nubiola, Santi Serra, Pavel Lukiyanov

Sergio Caballero ist einer der derzeitigen Veranstalter des alljährlich in Barcelona stattfindenden Musikfestivals Sónar, das sich hauptsächlich elektronischen Klängen verschrieben hat. Daneben findet man ihn aber vor allem umtriebig in vielen kreativen Feldern, sei es nun Konzept-, Installations- oder Klangkunst. Bei FINISTERRAE von 2010 handelt es sich um seinen ersten Langfilm.

Obwohl FINISTERRAE sich laufzeittechnisch bei einer durchaus spielfilmischen Länge von knapp achtzig Minuten einpendelt, fällt das Werk völlig aus dem Raster, in dem sich kommerziell produzierte und vermarktete Filme üblicherweise heimisch fühlen. Vielmehr ist FINISTERRAE ein Experimentalfilm in Spielfilmlänge, der auf eine Geschichte, eine Botschaft, einen in menschlicher Logik und menschlichen Worten fassbaren Sinn verzichtet, und stattdessen episodenhafte Szenen aneinanderreiht, deren roter Faden zumindest einer ist, von dem ich meine, dass ihn innerhalb der bisherigen Filmgeschichte noch niemand gezogen hat. Im Mittelpunkt des Films stehen nämlich als Hauptprotagonisten zwei Gespenster. Gespenster, das bedeutet in Caballeros Universum exakt das, was sich die meisten unter dem Begriff vorstellen dürften: zwei Gestalten unter weißen Bettlaken, denen schwarze Augenlöcher aufgemalt sind. Diese beiden Wesen haben es satt, ihre Zeit fortwährend in einem Höllenlimbus totschlagen zu müssen, weshalb sie zu einer Pilgerreise aufbrechen, die in Santiago de Compostela ihr Ende finden soll. Auf ihrer abwechselnd zu Fuß oder zu Ross oder auch mal im Rollstuhl zurückgelegten Reise geraten sie von einer befremdlichen Situation in die nächste, finden sich beispielweise in einem Wäldchen wieder, dessen Bäumen Ohren und Münder gewachsen sind, die ununterbrochen plaudern und lauschen, oder sie sehen sich mit Irritationen wie zum Beispiel der konfrontiert, dass ihr Pferd sich von einem aus Fleisch und Blut plötzlich in eines aus Holz verwandelt.

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Meiner vorsichtigen, zurückhaltenden Inhaltsangabe merkt man es vielleicht schon an: FINISTERRAE besitzt, rein auf seinen Plot reduziert, nichts, was man großartig in Worten vermitteln könnte. Die einzelnen Stationen der Reise sind untereinander austauschbar, bauen zu keinem Zeitpunkt aufeinander auf, folgen keinerlei narrativen Kohärenz, genauso wenig wie FINISTERRAE an sich seinem Publikum irgendwelche Hinweise dazu liefern würde, wie sein Inhalt denn auf einer intellektuellen Ebene veranstalten werden sollte. Caballeros Verweigerungshaltung geht soweit, dass er seinen Zuschauer vollkommen allein mit den Bildern lässt, in die er die Abenteuer seiner übrigens auf Russisch miteinander kommunizierenden Gespenstchen gekleidet hat. So gesehen hat FINISTERRAE verstandesmäßig nichts zu überbringen. Es ist ein Film, der allein visuell funktionieren möchte. Sollte Caballero jedenfalls, was ich mir allerdings kaum vorstellen kann, vorgehabt haben, mit seinem Film irgendeine spezifische Aussage zu transportieren, ist er darin kongenial gescheitert. Für mich lässt FINISTERRAE in seinem ganzen plotfeindlichen Auftreten jede konkrete Sinnzuweisung wie einen mit halber Kraft geschleuderten Kieselstein an sich abprallen.

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Da in FINISTERRAE zu keinem Zeitpunkt Spannung aufkommt, da nicht mal eine nacherzählbare dramaturgische Struktur existiert, da die Gespenster keine Entwicklung durchlaufen bzw. nicht mal über eine Persönlichkeit verfügen, fällt es nicht schwer, sich bei dem Film völlig auf seine genuin filmischen Aspekte zu konzentrieren. Die sind, gelinde gesagt, atemberaubend. Technisch und optisch ist FINISTERRAE ein wahres Filetstück – und das sagt ein Veganer. In äußerst langsamem, nahezu elegischem Tempo entfalten Caballeros bei wechselnden Witterungsverhältnissen eingefangenen Landschaftsaufnahmen eine stille Ästhetik wie man sie vielleicht mit der Andrej Tarkovskijs vergleichen könnte: die Kamera nimmt sich alle Zeit, die sie finden kann, um in das jeweilige Panorama einzutauchen, es entlang zu streichen, seine Oberfläche zu betasten, als würde sie es liebkosen. Von Anfang bis Ende prägt FINISTERRAE ein relativ einheitlicher Stil der Entschleunigung, der für manchen zeitgenössischen Betrachter, dessen Sehgewohnheiten an MTV-Musikvideos geschult worden sind, eine regelrechte Geduldsprobe darstellen könnte.

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Dabei entbehrt FINISTERRAE jedoch nicht eines gewissen Witzes, einer subtilen Ironie, die beispielweise in der oben schon erwähnten Ohrenwald-Szene zum Ausdruck kommt. Rein formal würde die, meine ich, in keinem Monty-Python-Werk negativ auffallen, nur dass sie unter dem Regiestil Caballeros eine ganz andere Qualität erhält. Inszeniert wird in FINISTERRAE nicht auf einen vermeintlichen Gag hin, und ob eine Szene nun ergreifen oder erheitern soll, lässt der Film dadurch bewusst offen, dass prinzipiell alles in ihm von dem gleichen schwermütig-schwerfälligen Tempo bestimmt wird. In gewisser Weise bedeutet das natürlich die Emanzipation des Zuschauers. Während uns von jedem beliebigen Blockbuster bis ins Detail vordiktiert wird, welche Emotion uns in welcher Szene befallen soll, lässt FINISTERRAE uns einmal mehr allein mit unseren Gefühlen. Eine direktere Korrespondenz zwischen den Bildern und mir entsteht, eine unvermittelte Korrespondenz sozusagen, in der meine eigene Stimme gleichberechtigt mit der des Filmes ist.

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Andererseits verweist Caballero, der, das merkt man FINISTERRAE an, in seinem Leben schon mehr als einen Film gesehen haben muss, überdeutlich auf ein vergangenes Kino, das ihm als Inspirationsquelle gedient hat. Namentlich handelt es sich um das europäische Autorenkino der 60er und 70er, auf das permanent angespielt wird. Gleich zu Beginn suchen die Gespenster vor Antritt ihrer Reise ein sogenanntes Oracle du Garrel auf. Eins von ihnen sitzt dabei zunächst regungslos auf einem Pferd, das von einem flammenden Kreis umgeben ist, das andere schreitet eben diesen Kreis entlang. Dazu erklingt ein Song von Nico. Das Zitat – oder besser: die beiden Zitate – stammen aus einem meiner liebsten Filme überhaupt. Er heißt LA CICATRICE INTÉRIEURE (1972), und sein Regisseur Philippe Garrel. Ein weiteres Beispiel: FINISTERRAE endet mit Aufnahmen von ausgestopften Tieren, über die eine Off-Stimme den Abspann, statt dass er als Text gezeigt werden würde, laut vorliest. Ich denke dabei sofort an den Anfang von Godards LE MÈPRIS (1963), dessen Vorspann sich auf genau die gleiche Art verbal, und eben nicht visuell, manifestiert. Letztlich ist sogar das dünne Häutchen Handlung des Films ein direkter Querverweis. In Bunuels LA VOIE LACTÉE (1969) sind zwei Pilger bei ihrer Jakobswegwanderung ähnlich unzusammenhängenden, unlogischen Ereignissen ausgesetzt wie unsere beiden Gespenster.

Wie soll man nun aber einen Film wie FINISTERRAE beurteilen? Für mich erreicht er zu keinem Zeitpunkt die sakrale Majestätik eines LA CICATRICE INTÉRIREURE. Für mich erreicht er zu keinem Zeitpunkt die kluge Selbstreferentialität eines LE MÉPRIS. Für mich erreicht er zu keinem Zeitpunkt den absurden Humor eines LA VOIE LACTÉE. Mir ist nicht mal klar, ob er all das überhaupt will, und ob Caballero nicht Garrel, Godard und Bunuel ins Feld führt, um sie von Grund auf zu demontieren und zu dekonstruieren. Was ich weiß, ist nur, dass Filme wie FINISTERRAE nottun, die mir ihre führenden Hände verweigern und mich in eine Ungewissheit stürzen, die meinem Leben ähnelt. Es ist ein radikal anderer Weg des Aufbegehrens als der, den Quentin Dupieux in RUBBER (ebenfalls 2010) einschlägt, im Kern ähnlich sich beide Filme, meine ich, jedoch sehr. Beide wollen sie mit etwas brechen, das nun schon viel zu lange zwischen den Bildern und uns gewachsen ist. Jedoch funktioniert Dupieuxs Anti-Entmündigung des Zuschauers auf eine durchaus unterhaltsame, amüsante Art und Weise, während Caballero den gleichen Ansatz mit einem Rücken verfolgt, der einem regulären Publikum breiter und kaltschnäuziger nicht zugekehrt sein könnte. Dass FINISTERRAE im Gegensatz zu RUBBER, den die Allgemeinheit, glaube ich, durchaus kennt und schätzt, allein knapp vier Jahre gebraucht hat, um überhaupt bis zu mir vozudringen, beweist nur, was man sowieso schon weiß: einen Rücken starrt kaum jemand gerne achtzig Minuten lang. Aber vielleicht findet sich der eine oder andere experimentierfreudige Leser, dem ich mit obigem Text die Möglichkeit aufgezeigt habe, dass selbst ein Rücken entzücken kann - sofern man denn gewillt ist, sich auf seine Schultern zu erheben.
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Re: Finisterrae - Sergio Caballero (2010)

Beitragvon Arkadin » 9. Jan 2015, 15:12

Interessant. Der lief 2011 auf dem Internationalen Filmfest in Oldenburg. Obwohl ich den damals nicht gesehen hatten, weiß ich das noch ziemlich genau, weil dort auch "L'orpheline avec en plus un bras en moins" lief, und ich mich danach mit jemanden von unserem Kommunalkino und einem Filmkritiker unterhalten hatte, die beide gerade "Finisterrae" gesehen hatten und für absolut "fürchterlich" und "unansehbar" hielten.
Früher war mehr Lametta
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Re: Finisterrae - Sergio Caballero (2010)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 10. Jan 2015, 23:02

Arkadin hat geschrieben:Obwohl ich den damals nicht gesehen hatten, weiß ich das noch ziemlich genau, weil dort auch "L'orpheline avec en plus un bras en moins" lief, und ich mich danach mit jemanden von unserem Kommunalkino und einem Filmkritiker unterhalten hatte, die beide gerade "Finisterrae" gesehen hatten und für absolut "fürchterlich" und "unansehbar" hielten.


Haha! Das ist die beste Anekdote, die ich zu diesem Film jemals gehört habe... ;-)

Aber schau ihn Dir getrost einmal an. Ich weiß nicht: gibt es den auf DVD? Ich hatte ihn kürzlich in einem Programmkino in Valencia gesehen, das ungefähr so groß war wie der Kassierbereich des Kommkinos in Nürnberg neulich...
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Re: Finisterrae - Sergio Caballero (2010)

Beitragvon buxtebrawler » 10. Jan 2015, 23:58

Salvatore Baccaro hat geschrieben:Ich hatte ihn kürzlich in einem Programmkino in Valencia gesehen, das ungefähr so groß war wie der Kassierbereich des Kommkinos in Nürnberg neulich...


Klingt, äh, gemütlich... :-?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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