Die Nacht der reitenden Leichen - Amando de Ossorio (1971)

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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon DrDjangoMD » 7. Jun 2011, 08:13

dr. freudstein hat geschrieben:Der Salvatore macht ja nur sowas mit uns :kicher:
Aber durchaus richtig. Wenn ich da meine Kollegen/innen höre, "wieso soll ich einen Film 2 x gucken (oder öfter), dann kenne ich ihn ja schon" :? :palm: , dann wird mir hier immer mehr bewusst, warum man einen Film nicht 5x, sondern noch öfter gucken sollte, weil man nämlich immer mehr hinein interpretieren kann, als mans eh schon tut (durch die Denkanstöße anderer, wie S.B., Bux und dem ganzen anderen verlotterten Haufen hier).
Der Zeitgeist spiegelt sich ja sowieso, gerade in Genrefilmen, mehr wieder als in anderen, teuren Allerweltsproduktionen. Ansätze zur Kritik, versteckte Anspielungen auf Gesellschaft, Politik, Staat, Umwelt sind ja immer irgendwie vorhanden, sie müßen nur entdeckt werden.Daher sollte man bei seinen Sichtungen Verwirrungen, offen gebliebene Fragen, Auffälligkeiten etc. durchaus ernstnehmen und hinterfragen, denn die Ergebnisse offenbaren uns doch so einige Überraschungen, wie auch hier.Letztendlich kann immer mal Gegensprüchliches herauskommen, wir haben den Film ja nicht erschaffen, sind ergo nicht die Künstler mit den Ideen, dennoch als nicht reine FilmKONSUMENTEN ( :arrow: :kotz: , sondern Liebhaber tauchen wir immer in eine andere Gefühlswelt ein als andere und entdecken dabei immer noch weiße Landstriche, auch wenn wir manchmal unterschiedliche Pfade nehmen.

Die eigentlichen Gedankengänge kennt wohl nur der Regisseur oder Drehbuchautor oder manchmal auch keiner.


Wow, wunderschön formuliert. Das trifft wirklich die Quintessenz jeder Aussage in einem Film :thup:
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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon dr. freudstein » 7. Jun 2011, 10:44

DrDjangoMD hat geschrieben:Wow, wunderschön formuliert. Das trifft wirklich die Quintessenz jeder Aussage in einem Film :thup:


:D :prost: 8-)
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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon Salvatore Baccaro » 7. Jun 2011, 12:26

Hm, die Theorien von euch beiden Doktoren sind äußerst interessant, ein bisschen relativieren muss ich sie von meiner Warte aus dann allerdings doch:

- okay, es stimmt, Betty scheint eine starke Frau zu sein, meiner Meinung nach ist jedoch eindeutig Roger der Held der Stunde, auch wenn er das Ende des Films nicht erleben darf (mag sein, dass die Figur heute eher abstößt, auch und vor allem wegen des Kleidungsstils, der bärigen Körperbehaarung und der offen zur Schau gestellten Potenz in Verbindung von Kleidungsstil und Körperbehaarung [sein ständig offenes Hemd, aus dem es förmlich hervorquillt], trotzdem ist er die starke Schulter des Films, wenn auch nicht frei von moralischen Fehlleistungen)

- natürlich kann man dem Film unterstellen, Pedros Tod sei eine Bestrafung für die Vergewaltigung, andererseits wirkt das Ganze dann doch eher, als sei er eher ein Opfer seines Hochmuts, immerhin will er die Templer mit seinem billigen Schnappmesserchen bezwingen

- schaut man sich an, wer hier alles stirbt, muss man feststellen, dass keine Figur frei von "Schuld" ist - in Virginia erwacht ihre unterdrückte Homosexualität und sie wird getempelrittert - Roger gibt sich unverblümt der sexuellen Anziehung hin, die zwischen ihm und Betty vom ersten Moment an herrscht, und wird ebenso getempelrittert - der namenlose Gerichtsmediziner scheint nach dem Feierabend gerne mal einen Leichnam zu vernaschen und wird von der untoten Virgina überfallen (witzig ist, dass dieser Plotpunkt in der Folge völlig vernachlässigt wird: soweit ich mich erinnere, kommt der Film nie wieder darauf zu sprechen, dass die Tempelritter-Opfer als Untote weitergeistern) - schließlich ist auch Bettys Schicksal gar nicht so golden, immerhin ist sie dafür verantwortlich, dass die Templer-Epidemie schlußendlich das gesamte Land erreicht, und ihr Schrei am Ende deutet auch nicht auf ein ihr blühendes angenehmes Schicksal hin - will man es nun unbedingt, kann man wohl ziemlich bedenkenlos auch die REITENDEN LEICHEN in eine Reihe mit US-amerikanischen Slashern etc. stellen, die im Grunde eine stockkonservative Weltsicht vertreten, und ihre Figur nach einem leicht durchschaubaren Schema elimineren, das auf christlich-engstirnigen Normen und Werten fußt - was wiederum völlig dem widerspricht, dass de Ossorio hier einen Film drehte, der auf Individualismus pocht, im Gegenteil

- zu guter Letzt: die Tempelritter sind ja nicht einfach da, irgendwelche Gespenster ohne Geschichte, sondern tragen selbst eine Schuld auf ihren Schultern, nämlich den Abfall vom christlichen Glauben, ihre historisch nicht korrekte Hinwendung zu Satanismus und Blutopfern, wodurch die gesamte Schuld-Thematik und die Dominanz christlicher Tugenden im Franco-Faschismus in einen noch weiter gespannten Kontext versetzt wird

Nun, meine fünf Cent... :ugeek:
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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon buxtebrawler » 7. Jun 2011, 12:56

Salvatore Baccaro hat geschrieben:(...) US-amerikanischen Slashern etc. stellen, die im Grunde eine stockkonservative Weltsicht vertreten, und ihre Figur nach einem leicht durchschaubaren Schema elimineren, das auf christlich-engstirnigen Normen und Werten fußt (...)


Ob Slasher eine stockkonservative Weltsicht vertreten, sei einmal dahingestellt (das wäre sicherlich ein interessantes Thema für einen eigenen Thread), ansonsten aber interessante fünf Cent ;)

Es hilft alles nichts, eine baldigste Neusichtung muss her.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon ugo-piazza » 7. Jun 2011, 13:02

horror1966 hat geschrieben:Fazit:


"Die Nacht der reitenden Leichen" ist ein Film, bei dem ich meine bisherige Meinung nur allzu gern revidiere. Habe ich selbst dieses Werk bisher immer als absoluten Langeweiler angesehen, kann ich mich mittlerweile richtig für dieses Werk begeistern, da ich atmosphärische Gruselfilme liebe. da sieht man dann auch gern einmal darüber hinweg, das man im Bezug auf Härte nicht wirklich viel geboten bekommt. Dafür gibt es genügend andere Horrorfilme, die das Verlangen nach brutalen und blutigen Effekten befriedigen, hier jedoch sollte man die erstklassige Grundstimmung wie ein Schwamm in sich aufsaugen und schlicht und ergreifend ein richtig gelungenen Grusel-Klassiker genießen.


Irgendwie frag ich mich ja, warum thematisiert wird, dass man härtemäßig "nicht viel geboten" bekommt. Ich meine, who cares about? Ist nicht viel interessanter die Frage, wo die untoten Templer eigentlich ihre untoten Pferde herbekommen haben? Und wo waren die die ganze Zeit, Jahrhunderte auf dem Tierfriedhof?

Ich bevorzuge ja allerdings den 2. Teil mit dem leider verschiedenen Tony Kendall und Fernando Sancho in der Rolle des Adolf Sauerland.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon DrDjangoMD » 7. Jun 2011, 14:36

So, ich hab den gesamten Vormittag damit verbracht in der Wiener Bibliothek der Theater-, Film- und Medienwissenschaft nach den Kadavern hoch zu Ross zu suchen um die Meinungen von (anderen) Wissenschaftlern zu dem Homosexualitätsthema einzuholen. Ich hab so ziemlich hundert Horrorlexika und Geschichten des Spanischen Filmes durchforstet und ziemlich wenig gefunden.

Die meisten Autoren ignorieren das Thema der Homosexualität gänzlich. Hier und da kommt mal die Sprache darauf, dann wird dieses Thema aber immer als unnötiger Publikumsmagnet abgestempelt. Für die Welt der Horrorlexika Autoren ist Ossorios Lesbenthematik also mehr in Schublade Trash zu packen als in die goldene Schublade der Sozialkritik.

ugo-piazza hat geschrieben:Ich bevorzuge ja allerdings den 2. Teil mit dem leider verschiedenen Tony Kendall und Fernando Sancho in der Rolle des Adolf Sauerland.


WAS??? Ich kritisiere deine Meinung natürlich nicht (die Atmo und Kamerarbeit, wie auch die Story sind zirka gleichgut wie im ersten Teil), aber ich hatte bei dem Film, neben der Tatsache, dass die Leichen total lahm sind (und keine Chance hätten gegen einen nicht völlig idiotischen Menschen) besonders das Problem, dass alle sympathischen Charaktere sterben (Warum Frank Brana, warum immer wieder Frank Brana :cry: ) und die unsympathischen dummerweise die Helden sind. Aber vielleicht geh ich mal im "Die Rückkehr der Reitenden Leichen"-Thema darauf ein.
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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon dr. freudstein » 7. Jun 2011, 14:42

ugo-piazza hat geschrieben:Irgendwie frag ich mich ja, warum thematisiert wird, dass man härtemäßig "nicht viel geboten" bekommt. Ich meine, who cares about? Ist nicht viel interessanter die Frage, wo die untoten Templer eigentlich ihre untoten Pferde herbekommen haben? Und wo waren die die ganze Zeit, Jahrhunderte auf dem Tierfriedhof?


Genau das waren die Gedanken, die mir vorher in den Sinn gekommen sind :prost: :thup:
Aber gut, Logiksucherei will ich nicht unbedingt betreiben müssen, aber sich Fragen stellen, ist ja okay.

Hey, dottore 2, du bist ja fleißig bei der Sache, auch ein :thup:
Sehr interessant.
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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon purgatorio » 17. Nov 2011, 10:16

:shock: da brauch ich ja nix mehr zu schreiben :mrgreen: Ich pflichte in allem bei und weise zuletzt auf das absolut grandios-niederschmetternde Ende des Streifens hin. Sehr unterhaltsam, obwohl alles recht gemütlich in die Gänge kommt. Des Salvatores Gedanken und die daraus entstandene Diskussion scheinen mir sehr interessant (nach kurzem überfliegen), da mach ich mir bestimmt bei Zeit und wieder freiem Kopf mal ein paar Gedanken zu :thup:
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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon Theoretiker » 9. Sep 2012, 18:47

Damals auch im Nachtprogramm gesehen, leider nur in gekürzter Form. Trotzdem ist etwas hängengeblieben, sodass ich die ersten beiden vor Jahren auf DVD erworben habe.

Ossorios Klassiker ist natürlich Horror-Trash pur, aber mit besonderer, gruseliger Atmo und einigen, leider wenigen Goreszenen und der einen oder anderen Länge.

Für Fans des europäischen Horrorkinos aber ein Muss und durchaus (noch) unterhaltsam.

5/10
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Re: Die Nacht der Reitenden Leichen - Amando de Ossorio

Beitragvon dr. freudstein » 9. Dez 2012, 03:15

Grade mal wieder neu gesehen. Einfach wunderschöne gruselige Optik, selten eine bessere Maskerade gesehen wie die der Templer in ihren verrotteten Bekleidung incl. skelettierten Körper. Das Liebesgeplänkel am Tage lässt einen verschnaufen (hätte aber ruhig kürzer ausfallen können), um sich dann wieder der absolut gelungen Gruselatmosphäre der Nacht zu widmen, wenn der Templerorden erwacht. Merkwürdig aber die wechselnden Snychronstimmen. Habe bisher ja keine Benotung abgegeben, so nun jetzt:

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