Der Hexentöter von Blackmoor - Jess Franco

Moderator: jogiwan

Re: Der Hexentöter von Blackmoor - Jess Franco

Beitragvon buxtebrawler » 11. Dez 2015, 22:13

„Gerechtigkeit ist manchmal etwas Furchtbares, aber trotzdem muss Gerechtigkeit geschehen!“

Im Jahre 1968 erschien Michael Reeves‘ „Der Hexenjäger“ mit Vincent Price in der Hauptrolle und erwies sich als einträchtig genug, dass Exploitation-Produzent Harry Alan Towers ein Jahr später den spanischen Viel- und Billigfilmer Jess Franco („Die Jungfrau und die Peitsche“) damit betraute, ein von ihm zusammen mit Kollegen persönlich verfasstes Drehbuch zu adaptieren. Heraus kam dabei das Historiendrama „Der Hexentöter von Blackmoor“, das sich wie Reeves‘ Vorbild mit dem Thema der Hexenverfolgung auseinandersetzt und beweist, dass Franco fremde Drehbücher regelrecht professionell verfilmen konnte, wenn man ihm denn ein entsprechendes Budget zur Verfügung stellte.

Im England des Jahres 1685 regiert der unbeliebte König James II. Seine Macht soll gefestigt werden, indem der Lordrichter Jeffreys (Christopher Lee, „Dracula“) dafür instrumentalisiert wird, unliebsame Personen aufgrund vermeintlicher Hexerei zum Tode verurteilen zu lassen. Dass Mary Gray (Maria Rohm, „Marquis de Sade: Justine“), die Schwester einer jüngst verbrannten „Hexe“ (Margaret Lee, „Der Bastard“), mit dem Wessex-Grafen-Sprössling Harry (Hans Hass Jr., „Jungfrauen-Report“) anbändelt, ist nicht gern gesehen und so versucht man auch diese, mittels juristischer Schritte auszuschalten – doch die Revolutionäre sind nicht mehr weit…

„Meine Augen haben keine Tränen mehr…“

Ein Sprecher aus dem Off eröffnet Francos 1969 entstandenen und 1970 veröffentlichten Kostümschinken und führt in die Handlung ein, die nach den Planungen zur Ausnutzung von Jeffreys Erbarmungslosigkeit eine Gruppe junger Rebellen beim Singen und Tanzen um eine Feuerstelle zeigt. Häscher des Königs lösen die Versammlung jäh auf und überfallen ein Liebespaar: Der Mann wird sofort getötet, die Dame verhaftet, nach der Prozesseröffnung in fiesen Szenen „untersucht“, was in Wirklichkeit Folterungen gleichkommt, und schließlich grausam bei lebendigem Leibe verbrannt.

Dieser sehr stimmungsvolle Einstieg war so etwas wie langer Prolog, der nun dazu übergeht, die trauernde Schwester der Ermordeten sowie ihren baldigen Geliebten Wessex Jr. vorzustellen, zu skizzieren, wie sie sich näherkommen und schließlich Pläne schmieden, England zu verlassen – woraus aus genannten Gründen zunächst nichts wird. Beide Charaktere dienen im weiteren Verlauf als Identifikationsfiguren, wenngleich sich die Handlung im Laufe der Zeit leider immer weiter von ihnen entfernt. Diese persönliche Ebene erweist sich nämlich als weitaus interessanter als die „große Politik“, der man sich in zunehmendem Maße widmet und die ihre Zuspitzung in kriegerischen Schlachten findet, für die man eine Vielzahl an Komparsen zusammentrommelte. Diese Versuche des Gespanns Franco/Towers, ein Mainstream-Publikum zu bedienen, sind leider so gut wie überhaupt nicht spannend, zeitweise gar regelrecht (in der ungeschnittenen bzw. Langfassung) zäh. Maria Schells („Der Schinderhannes“) Nebenrolle als blinde „Mutter Rosa“ bringt den Film ebenso wenig voran wie Reißbrett-Dialoge der eindimensionalen Charaktere und der generell unauthentisch-aufgesetzt wirkende Kostümschmonz, der so manchen um Seriosität bemühten Historienfilm zum Rohrkrepierer mache.

Zugutehalten muss man aber die opulente Ausstattung mit ihren prachtvollen Kulissen und wirklich guten Schauspielern, wenngleich ein Christopher Lee beispielsweise gemessen an seinen Möglichkeiten wieder einmal nicht allzu viel zu tun bekommt. Franco-Stammmime Howard Vernon findet sich übrigens in einer Rolle als Folterknecht wieder. Auch Bruno Nicolais schwelgerischer Klassik-Soundtrack kann sich hören lassen. Doch, all das verleiht dem Film unleugbare Klasse. Der Erotik- bzw. Sleaze-Anteil unterteilt sich in „normale“ Szenen wie das Nackt-im-Stroh-Liegen des Liebespaars und die ausgedehnten, einmal mehr an den S/M-Bereich erinnernden Momente im Kerker im letzten Drittel des Films, wo sich zu grafisch jedoch wenig expliziten Folterungen und Verletzungen ausgedehnte Erotikszenen zwischen den Gefangenen gesellen, die am ehesten an den Exploitation-Hintergrund der Filmemacher erinnern.

Francos Film thematisiert die Hexenverfolgung vor dem Hintergrund eines Aufstands und zeigt, wie die Kirche infolge der Inquisition der Politik ein wirkungsvolles Instrument an die Hand gab, ihr gefährlich werdende Zeitgenossen auszuschalten. Dieser Aspekt bleibt jedoch nebensächlich, Ziel des Films ist es offensichtlich nicht wirklich, Kritik am Klerus zu üben. Damit ist Francos Kostümschau trotz aller beschriebenen Qualitäten weder Fisch noch Fleisch, Sleaze und nackte Haut werden anderswo ebenso mehr geboten wie Blut, Folter und Action, von historisch belegten anklagend kritischen Komponenten ganz zu schweigen. In erster Linie ist „Der Hexentöter von Blackmoor“ damit ein Film, um Francos grundsätzliches handwerkliches Geschick unter Beweis zu stellen und ihm dafür Respekt abzuringen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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