PVC-1 - Spiros Stathoulopoulos (2007)

Moderator: jogiwan

PVC-1 - Spiros Stathoulopoulos (2007)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 20. Nov 2017, 21:20

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Originaltitel: P.V.C.-1

Produktionsland: Kolumbien 2007

Regie: Spiros Stathoulopoulos

Darsteller: Daniel Páez, Michael Schorling, Alberto Sornoza, Merida Urquia

Solch eine Geschichte kann man sich gar nicht ausdenken: Vier Männer überfallen eine Farmerfamilie in ihrem entlegenen Landhaus, befestigen einen Sprengsatz in Form eines klobigen Halsbandes um den Hals der Mutter, und drohen, diese zu zünden, sollten sie bei ihrer Rückkehr nicht einen Betrag von siebentausendfünfhundert US-Dollar vorfinden. Die Familie konsultiert die Polizei, Sprengstoffexperten bemühen sich, die tickende Zeitbombe vom Hals der Frau loszubekommen, doch es nutzt nichts: Die Explosion findet statt, und Elvira Cortes, wie das Opfer heißt, stirbt einen denkbar grausigen Tod. Auch wenn man es schwerlich glauben mag: Der kolumbianisch-griechische Regisseur Spiros Stathoulopoulos hat sich das all das für seinen Debut-Film P.V.C.-1 von 2007 tatsächlich nicht ausgedacht, sie ist im Kolumbien des Mai 2000 wirklich geschehen, und wenn man sich im Netz Photographien von Frau Cortes anschaut, wie ihr Kopf aus dem grotesken Dynamitspeicher herausragt, während sie umringt ist von ratlosen Sicherheitskräften, dann schockiert das nicht nur, sondern wirft Fragen auf, die auch die kolumbianische Regierung zumindest offiziell nicht beantworten konnte oder wollte: Weshalb dieser Anschlag ausgerechnet eine wenig betuchte Farmersfamilie hat treffen müssen, wer die Täter gewesen sind, und weshalb sie sich eines derart perfiden Erpressungswerkzeugs befleißigten – bis heute scheint es dazu wenigstens in den Quellen, die ich konsultiert habe, keine nennenswerte Ermittlungsergebnisse zu geben.

Stathoulopoulos‘ Agenda ist es ebenfalls nicht, den Vorfall aufzuklären. Er begnügt sich damit, ihn zu illustrieren – und das tut er in der denkbar minimalistischen und dadurch beeindruckendsten Weise, die ich mir in diesem Zusammenhang vorstellen kann. Von der home invasion der vier Gangster auf der Cortes-Farm über den Fußmarsch von Mutter, Vater und halbwüchsiger Tochter zur nächstgelegenen Ortschaft, und die quälenden Minuten, in denen ein herbeigerufener Sprengstoffexperte Elvira von ihrer tödlichen Fessel zu befreien versucht – all das hat Stathoulopoulos mit einer Digitalkamera in Echtzeit gefilmt, was P.V.C.-1 – wie wir das bereits aus solch unterschiedlichen Filmen wie Sebastian Schippers VICTORIA oder Gustavo Hernández‘ LA CASA MUDA kennen – aus einem einzigen etwa neunzig Minuten langen take bestehen lässt. Die Verzweiflung, die Panik, die Erschöpfung, die sich in Elvira, ihrem Ehemann und den drei Kindern in diesen eineinhalb Stunden breitmacht, wird dadurch, dass Stathoulopoulos uns mit keinem Schnitt eine Verschnaufpause gönnt, regelrecht physisch spürbar. Wenn Elvira, ihr Mann und ihre halberwachsene Tochter mit einer Lore, die von zwei Landarbeitern geschoben wird, so schnell wie möglich zum nächsten Dorf gelangen wollen, wo das Militär sie in Empfang nehmen soll, dann mag die Handkamera noch so sehr in der sattgrünen Schönheit des kolumbianischen Dschungels schwelgen, im Vordergrund steht die Gewissheit, dass das, was unsere Heldin unter ihrem Kinn trägt, eben kein extravagantes Schmuckstück ist, sondern eine Gefahr für Leib und Leben – ihr eigenes, und das ihrer Mitmenschen.

Stathoulopoulos hat zugleich offenbar nichts weniger im Sinn, als einen packenden Thriller zu drehen, wofür man den Film auf den ersten Blick halten könnte. Er ist nicht nur ganz dicht bei seinen Figuren, er scheint – zumindest ist das mein Eindruck – außerdem darum bemüht, am Paradebeispiel dieses unerhörten Ereignisses eine Querschau der kolumbianischen Gesellschaft zeichnen zu wollen. Völlig verrohte Gangster, die mit Macheten Küken zerhauen. Eine Familie in Bedrängnis, die sich an ihren Halskreuzen und Rosenkränzen festklammert. Der zunächst hilfsbereite Nachbar, der, als er begreift, was es ist, das Elvira da mit sich herumträgt, sie sofort aus seinem Wagen wirft. Die Militärs, die sich einzig über gebellte Befehle verständigen. Die blutjunge Frau des Bombenentschärfers, die es leid ist, dass ihr Mann sie für seinen Job vernachlässigt, und dabei auch noch sein Leben riskiert, und ihn einfach bei seiner bislang schwierigsten Aufgabe sitzenlässt. Der Bombenexperte selbst, mit dem Elvira in den Minuten vor ihrer beider Tod ein beinahe zärtliches Verhältnis aufbaut: Während er an ihrer Bombe herumschneidet, erzählt er ihr, wie er seine Frau kennengelernt hat, versucht sie zu beruhigen, wenn sie den Kopf verlieren möchte.

Technisch gesehen ist Strathoulopoulos mit seinem Panorama eines zutiefst korrupten Kolumbiens zu Beginn des neuen Jahrtausends ein choreographisches Meisterstück gelungen. Er begeht nicht den Fehler, einfach mit der Kamera an den Fersen seiner Laienschauspieler zu kleben, sondern tänzelt um sie herum, nähert sich in ihnen, entfernt sich, schießt den Fokus auf scheinbar unwichtige Details ein, tut eigentlich so ziemlich alles, um mich überhaupt vergessen zu lassen, dass Meisterin Montage in vorliegendem Film keinen einzigen Auftritt zu verbuchen hat. Allein dafür würde ich dem Jungregisseur, der seitdem noch einen weiteren Spielfilm – METEORA von 2012 – gedreht hat, der nun ganz oben auf meiner Sichtungsliste steht, schon ein Bündel Lorbeeren zuschieben, denn wie schön ist das, wenn es da jemand versteht, aus solch limitierten, kein bisschen plakativen, nahezu demütigen Mitteln einen derartig mitreißenden Film zu kreieren. Was P.V.C.-1 aber zudem den Ritterschlag verpasst, das ist, dass ich mitfiebere mit den Charakteren, sie liebgewinne, sie verabscheue, dass ich in einem Wechselbad der Gefühle schwimme, manchmal schmunzeln muss, mir manchmal der Atem stockt, ich dann wieder einfach nur zusammen mit den Figuren einen Feldweg entlanglaufe, und aufmerksam bin für die Vogelschreie, für das Rascheln der Palmwedel, für den betrunkenen Landstreicher, der uns vor die Füße taumelt - und dass ich den Film mit der Ahnung verlasse, dass mir mit ihm etwas Wichtiges gesagt worden ist, ohne Worte, einzig in Gestalt eines bruchlosen Stroms aus Bildern.
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Re: PVC-1 - Spiros Stathoulopoulos (2007)

Beitragvon jogiwan » 20. Nov 2017, 21:42

boah, das ist aber schon extraherb... :o :angst:
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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