Sleepless Night - Frédéric Jardin (2011)

Moderator: jogiwan

Sleepless Night - Frédéric Jardin (2011)

Beitragvon Arkadin » 20. Apr 2012, 16:58

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OT: Nuit blanche

Frankreich/Belgien/Luxemburg

Vincent ist ein korrupter Pariser Cop. Zusammen mit seinem Partner zieht er einen Raubüberfall auf einen Drogenlieferanten durch. Doch die Strafe folgt auf dem Fuße. Der bestohlene Drogenbaron entführt Vincents Sohn und fordert ihn auf, die Drogen zu ihm in seinen riesigen Musikclub zu bringen. Doch für Vincent geht alles schief, da sich nach und nach immer mehr Parteien im Club einfinden, die alle ein spezielles Interesse an den Drogen haben. Bald schon kämpft Vincent nicht nur um seinen Sohn, sondern ums nackte Überleben.

Frédéric Jardins „Sleepless Night“ ist ein sehr solider französischer Action-Thriller. Vor diesem Film drehte Jardin ausschließlich Komödien. Damit ist die „Weiße Nacht” (Originaltitel) nun sein Gesellenstück im dramatischen Fach. Und dieses ist ihm gut gelungen. Zwar hält die Geschichte keine großen Innovationen bereit, weiß aber kurzweilig zu unterhalten. Jardin bringt zunächst seine Figuren in Position, dann lässt er sie losrennen und schaut was passiert. Dass er dabei zeitweise die Logik etwas außer Kraft setzt und seine Charaktere gerne den komplizierten, statt den einfachen, Weg nehmen, kann man verzeihen. Sonst wäre der Film wahrscheinlich schon nach 20 Minuten zu Ende. Allerdings zieht sich der Film dadurch auch etwas, denn die Figuren müssen ihre Flucht/Hetzjagd immer wieder von vorne beginnen. Immer wieder enden ihre Aktionen in Sackgassen oder werden in letzter Sekunde vereitelt. Dies strapaziert insbesondere zum Ende hin etwas die Geduld des Zuschauers und eine Straffung hätte hier vielleicht gut getan.

Der Film profitiert davon, dass er an einem Ort spielt und ab dem Betreten des Clubs fast in Echtzeit spielt. So kann immer wieder überraschend ein Gegner Vincents um die Ecke schauen. Auch die vielen Hinterzimmer und labyrinthartigen Treppenhäuser des Clubs sind reizvoll gestaltet. Die Schauspieler bieten eine solide Leistung, wenn auch die Zeichnung der Schurken (insbesondere die des korsischen Clubbesitzers) ins Stereotyp abkippt. Leider vernachlässigt Jardin hier den großartigen Birol Ünel, der einst in Fatih Akins großartigen „Gegen die Wand“ die kraftvolle männliche Hauptrolle spielte und damit bleibenden Eindruck hinterließ. Hier fungiert er als Kinski-Wiedergänger. Rolle, Mimik, Körperhaltung und explosive Aggressivität sind eindeutig eine Hommage an den großen Klaus. Ünel besitzt in diesem Film sogar eine äußerliche Ähnlichkeit mit Kinski. Er teilt aber auch dessen häufiges Leinwand-Schicksal, indem er nur als dekorative Figur im Hintergrund genutzt wird und ihn schließlich ein typisches Kinski-Ende ereilt.

Vincent wird überzeugend von dem in Berlin geborenen, Stand-Up-Comedian Tomer Sisley verkörpert, der in Frankreich durch die dort sehr erfolgreich gelaufene Comic-Verfilmung „Largo Winch” und deren Fortsetzung zum Filmstar aufgestiegen ist. Auf der Seiten der Guten befindet sich neben Vincents Sohn Tomas nur noch Julien Boisselier als junge, ehrgeizige Polizistin Lacombe. Allerdings bleibt Boisselier in dieser Rolle blass und nervt.

Positiv fällt auf, dass eine potentielle Liebesgeschichte sofort im Keim erstickt wird und der Film somit nicht in Gefahr gerät, durch einen unnötigen Subplot seinen Fokus (Vincents verzweifelter Versuch seinen Sohn zu retten) verliert und auch ein kitschiges Happy End vermieden wird. Zwar ist das Ende leider nicht so böse, wie es hätte sein können (hier verließ Jadin oder seine Produzenten scheinbar der Mut), vermeidet aber – wenn auch knapp – gänzlich rührselig zu werden.

Leider liegt mit zu Beurteilung der DVD von Sun Entertainment nur die Presse-DVD mit „verringerter Bild- und Tonqualität“ vor. Ich muss aber feststellen, dass mir weder in Bild, noch in Ton, irgendwelche einschneidenden Einbußen aufgefallen sind. Schwerer wiegt da schon, dass ich nur die deutsche Synchonfassung sehen konnte, wodurch eine Menge Lokalkolorit durch die verschiedenen Akzente der im Film auftretenden Volksgruppen (Vincent ist algerischer Abstimmung, die Bösen kommen aus Korsika oder der Türkei) verloren geht. Die Synchronisation ist in Ordnung, auch wenn Tomas Stimme zu alt und die Nachsynchronisation von Birol Ünel merkwürdig klingt. Extras wird es neben dem Trailer auch auf der regulären DVD nicht geben. Neben der DVD erscheint auch eine BluRay, die allerdings auch ohne Extras daher kommt.

Screenshots: http://www.filmforum-bremen.de/2012/04/ ... ergeltung/
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Re: Sleepless Night - Frédéric Jardin (2011)

Beitragvon horror1966 » 20. Apr 2012, 20:06

Schon in "Largo Winch" konnte Frauen-Liebling Tomer Sisley durch seine erstklassige Performance absolut überzeugen und auch in vorliegendem Thriller von Frederic Jardin besticht er einmal mehr durch erstklassiges Schauspiel. Dieses Mal mint er einen scheinbar korrupten Polizisten, dessen Sohn in die Fänge eines Drogen-Dealers gerät und dort auf die Rettung durch seinen Vater wartet. Die Geschichte wartet dabei mit immer wieder eingestreuten Wendungen auf, von denen manche durchaus gelungene Überrasdhungsmomente für den Zuschauer darstellen. Insbesondere auf die Rolle des charismatischen Hauptdarstellers bezogen ergibt sich im Verlauf des actionreichen Geschehens eine vollkommen andere Sichtweise, wobei man bis zum Ende des Szenarios eigentlich nie genau weiß, wie sich die Dinge nun wirklich zueinander verhalten. Und so ist es letztendlich auch nicht sonderlich überraschend, das man mit einem ziemlich offenen Ende aus dieser Geschichte entlassen wird, was für manch einen eventuell ein kleiner Kritikpunkt sein dürfte, andererseits aber Spielraum für eigene Interpretationen lässt.

Trotz des zu Beginn offensichtlich zwielichtigen Charakters der Hauptfigur kann Sisley fast spielend die Sympathiewerte des Betrachters für sich gewinnen, so das hier eine sehr starke Identifikation mit seiner Person erfolgt. Das sorgt fast schon zwangsläufig dafür, das man über die gesamte Laufzeit mitfiebert und dabei wie unter Strom steht. Ganz geschickt spielt Jardin hier mit den Emotionen des Zuschauers, die ständigen Wendungen des Story-Plots und die extrem temporeiche Erzählweise der Ereignisse sorgt für einen ständig ansteigenden Adrenalin-Spiegel, zu keiner Zeit kann man eine Vorhersage treffen, ob sich am Ende alles zum Guten wendet. Durch den Aspekt, das sich fast die gesamte Geschichte innerhalb eines überfüllten Nachtclubs abspielt, entsteht zudem eine fast klaustrophobische Grundstimmung, denn das räumlich begrenzte Szenario sorgt im wahrsten Sinne des Wortes für etliche Engpässe.

"Sleepless Night" ist insgesamt gesehen ein ausgezeichneter Vertreter seiner Art, der mit einem äußerst straffen Spannungsbogen und einem großzügigen Action-Anteil ausgestattet ist. Dabei erscheint die gesamte Geschichte ungemein authentisch-und glaubwürdig. Es ist fast unmöglich, bestimmte Elemente als Höhepunkte herauszustellen, doch die vorhandenen Action-Passagen kann man getrost als eines der Highlights bezeichnen. Alles überragend ist jedoch wieder einmal die Performance des Hauptdarstellers, der seinem Charakter eine Seele einhaucht und menschliche Stärken wie auch Schwächen in den Vordergrund rückt. Tomer Sisley ist ganz offensichtlich ein Schauspieler, der auch wirklich etwas von seinem Handwerk versteht, wobei man jedoch auch die anderen Darsteller nicht unbeachtet lassen sollte. Bis in die kleinsten Nebenrollen ist dieser Film nämlich erstklassig besetzt, so das sich der Betrachter an insgesamt herausragendem Schauspiel der Akteure erfreuen kann.

Letztendlich handelt es sich einmal mehr um ein Paradebeispiel dafür, das der europäische Film sich in vielen Fällen auch nicht hinter weitaus höher budgetierten Werken aus der Traumfabrik Hollywood zu verstecken braucht. "Sleepless Night" ist ein knallharter-und temporeicher Thriller, der im Prinzip alles das bietet, was Filme dieser Art so absolut sehenswert macht. Auch das offene Ende stellt meiner Meinung nach keinen negativen Kritikpunkt dar, denn ein reines Happy End hätte den exzellenten Gesamteindruck doch ein wenig getrübt. So aber kann man sich seinen eigenen Reim auf das Gesehene machen und wird mit einem guten Gefühl aus einem schweisstreibenden Szenario entlassen, das einem kaum die Möglichkeit lässt zwischendurch einmal durchzuatmen.


Fazit:


Wer actionreiche-und äußerst wendungsreiche Thriller-Kost zu schätzen weiß, kommt an dieser Produktion einfach nicht vorbei. Das Werk von Frederic Jardin bietet von der ersten bis zur letzten Minute Spannung ohne Ende und hinterlässt durch die gewählte Schluss-Sequenz zudem einen sehr nachhaltigen Eindruck beim Zuschauer. das europäische Kino lebt und bringt dabei immer wieder so erstklassige Filme auf den Weg, wie es hier der Fall ist. Und so kann man nur eine unbedingte Empfehlung für dieses Werk aussprechen, das den Zuschauer durchgehend fesselt.


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