bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 7. Feb 2018, 21:39

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Punk Vacation

„Hier draußen ist absolut tote Hose!“

Es ist ja immer wieder vergnüglich, in den Untiefen der Filmgeschichte zu wühlen und kuriose Werke zutage zu fördern, die sich mit speziellen Milieus oder Subkulturen auseinandersetzen. Im Falle der einzigen Regie-Arbeit des US-Amerikaners Stanley Lewis, dem Action-Heuler „Punk Vacation“ aus dem Jahre 1987, handelt es sich jedoch um ein sehr fragwürdiges Vergnügen…

„Also, seit sie bei der Industrie- und Handelskammer ist…“

„Ferien auf Punker Art, das heißt: VERGEWALTIGUNG, MORD, TERROR!“, verkündet vollmundig und reißerisch das deutsche VHS-Cover und liegt damit meilenweit neben der Realität, macht jedoch Appetit auf einen überzogenen, trashigen Exploitation-Reißer. Die Handlung stellt sich dann wie folgt dar: Bulle Steve Reed (Stephen Fiachi, „Night Rhythms“) ballert im Prolog in freier Wildbahn auf wehrlose Diät-Pepsi-Behältnisse, bis er vom penetranten Polizeifunk gestört wird, dem er sich nach längerer Zeit widerwillig widmet. Es handelt sich um einen falschen Alarm in einer Raststätte, auf dessen Wirtin Lisa (Sandra Bogan, „Fatal Beauty“) er scharf ist. Tatsächlich fühlen sich beide zueinander hingezogen, hatten wohl schon einmal etwas miteinander und würden gern einen erneuten Beziehungsversuch anberaumen, doch als Bulle ist Reed für Lisas Daddy nicht gut genug. Ein Choleriker namens Billy (Rob Garrison, „Karate Kid“) randaliert am defekten Getränkeautomaten der Raststätte und wird daraufhin vom aufgebrachten Daddy mit einer Flinte vertrieben. Doch der Delinquent kommt mit seiner Punk-Biker-Gang zurück, verprügelt den Flintenschwinger und vergewaltigt Lisas Schwester Sally (Karen Renee, „Spuk im Herrenhaus“) vor dessen Augen (aber nicht denen des Zuschauers, der muss sich den Vorgang mehr oder weniger zusammenreimen).

„Einer unserer besten Bürger, den diese Stadt je gesehen hat, wurde umgebracht! Und zwar von dreckigen, gelbbäuchigen, miesen, faschistischen Kommunistenschweinen!“

Billy hat den Angriff selbst nicht unverletzt überstanden und wird im Krankenhaus auf der Sicherheitsstation untergebracht. Zudem soll er jemanden umgebracht haben – richtig, Lisas und Sallys Daddy hat den Angriff nicht überlebt, wie der Zuschauer nun erfährt. Auf der verlassenen Richardson Ranch rasten die Punks und beraten sich, wollen ohne Billy nicht weiter. Lisa will derweil Billy mit einer Schere umbringen, ihr Plan wird jedoch vereitelt. Daraufhin schleicht sie sich mit einer Knarre an die weiblichen Ranch-Wachposten ran und schließlich in den Stall, wo sie sich übertölpeln und gefangennehmen lässt. Die weibliche Anführerin (!) der Punks, Ramrod (Roxanne Rogers, „976-Evil - Durchwahl zur Hölle“) genannt, verkleidet sich als Lisa (!) und fährt ins Krankenhaus, um Billy zu befreien – doch der hat Angst, aus dem Fenster zu steigen!

„Ferien haben die Angewohnheit, sich anders zu entwickeln, als man plant...“

Die in Unterwäsche an einen Baum gefesselte Lisa hält unterdessen Smalltalk mit den anderen Punk-Mädels. Am Abend feiern die Punks eine Party auf der okkupierten Ranch mit seltsamer Postpunk/New-Wave-Mucke, doch auch der nicht eingeladene Reed stattet zusammen mit einem Bullenkumpel den Feierlichkeiten einen Besuch ab, um erst einmal hinterrücks einen Jungen zu erschießen. Lisa liegt mittlerweile gefesselt auf einer Art Bahre, die Punks tanzen um sie herum. Die Bullen geben sich zu erkennen, indem sie Ramrod in die Hand schießen. Diese droht daraufhin, Reed gruppenzuvergewaltigen und ihn anschließend umzubringen (vielleicht die beste Szene des Films). Reed weiß sich zu helfen, indem er einen weiteren Punk erschießt und das Weite sucht, woraufhin wüste Schießereien in der bergigen Landschaft entbrennen. Das zweite Filmdrittel endet mit einer Punk-Feuerbestattung und markigen Worten.

„Momentan sieht jeder überall Punks da draußen!“

Zwei Punkerinnen wird das alles zu viel und sie werden abtrünnig. Der paranoide Obersheriff versammelt schließlich schießwütige Zivilisten um sich und geht auf Punkerjagd, um den Vietnamkrieg nachzuspielen – allerdings noch billiger aussehend als in manch Italo-Söldner-Sandkuhlen-Action. Auf dem Highway kommt es zum endgültigen Showdown…

„Vielleicht sollten wir auf die Stewardessenschule gehen oder so…“

Zunächst einmal ist „Punk Vacation“ einer der wenigen Punk-Filme, die ohne Punk-Musik auskommen. Die Konzeption der Punks (inkl. Quoten-Hippie) ist vermutlich so ausgefallen, wie sich damalige Spießer sie vorstellten: als eine Art marodierende Motorrad-Gang. Darf man es nun als feministisch-emanzipatorisches Statement werten, dass diese eine Anführerin haben oder spricht aus diesem Umstand eher die Angst vor Frauen in Führungspositionen? Jedenfalls kann man dem Film nicht den Vorwurf machen, er würde die Vergewaltigung Sallys spekulativ ausschlachten – diese ist wie erwähnt gar nicht als solche zu erkennen. Die Spitzenidee, dass sich Ramrod als Dorf-Pomeranze Lisa verkleidet, ist nur einer von vielen unfreiwilligen Schenkelklopfern. Lisa scheint mehrmals im Film ihre Frisur zu wechseln – versucht sie damit, ihre jüngsten Verluste zu kompensieren? Oder waren schlicht weder Zeit noch Geld für einen adäquaten Set-Friseur vorhanden? Der Obersheriff zumindest wird bewusst karikierend überzeichnet, seine Auftritte meist ironisierend von Marschmusik unterlegt.

„Europäer! Die haben ‘ne andere Arbeitsmoral als wir!“

Die Dialoge sind jedoch generell unglaublich – evtl. sabotiert von der deutschen Synchronisation? Anfänglich glaubt man schnell, sich in einem reaktionären Rachefilm wiederzufinden. Doch bald stellt sich heraus, dass es sich bei ausnahmslos allen Parteien um Dilettanten handelt – und der Film verschiedene Lesarten erlaubt. Dieser Gedanke wiederum wird schnell wieder verworfen angesichts teilweise komödiantischer Szenen, dann wieder bierernsten Dramas oder auch einem chauvinistischen Menschenbild entsprechender Waffen- und Mordglorifizierung. So recht zusammenpassen will hier jedenfalls nichts, alles wirkt konzept- und ratlos dahingestümpert. Ich lege mich fest: Dieser Film will einem gar nichts sagen.

Die dramaturgische Musikuntermalung ist immerhin in Ordnung gehender Genrestandard, der teilweise an Discount-Endzeit-Actioner erinnert und mit viel gutem Willen lässt sich auch die eine oder andere atmosphärische Spitze ausmachen, während sich das geeichte Auge an diesem oder jenem hübschen Punk-Kostüm erfreut. Summiert man alle Bonuspunkte, schafft es „Punk Vacation“ mit ach und krach auf 4/10 Diät-Pepsis, deren Nährwert sich auf ähnlichem Niveau ansiedeln dürfte. Eine „Punk Vacation“, von der man erst einmal Ferien braucht...
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 8. Feb 2018, 20:17

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Was nicht passt, wird passend gemacht

Nach einer Reihe von Kurzfilmen debütierte Regisseur Peter Thorwarth in Sachen Langfilm 1999 mit seiner fulminanten Ruhrpott-Komödie „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“ und landete damit nicht weniger als einen Kulthit, eine der bis heute besten deutschen Komödien. Als zweiter Beitrag zur lose zusammenhängenden „Unna-Trilogie“ folgte 2002 „Was nicht passt, wird passend gemacht“, basierend auf einem von Thorwarths Kurzfilmen, der im Ruhrpott-Bauarbeiter-Milieu angesiedelt und beinahe ein ebensolcher Volltreffer wie das Debüt geworden wäre:

Die Bauunternehmerbrüder Wiesenkamp haben die Firma ihres Vaters unter sich aufgeteilt und da sie sich spinnefeind sind, konkurrieren sie miteinander. Die Nase vorn hat dabei stets Ernst Wiesenkamp (Michael Brandner, „Club Las Piranjas“), der lukrative Aufträge an Land zieht, während sein Bruder Werner (Dietmar Bär, „Der Formel Eins Film“) mit einer mehr am Biertrinken und Herumalbern denn am Malochen interessierten Gurkentruppe ein Eigenheim für eine verspießtes Lehrerpaar hochziehen muss und kurz vor der Pleite steht. Von seinen Angestellten, dem Polier Horst (Willi Thomczyk, „Die Camper“), Proll Kalle (Ralf Richter, „Verlierer“) und Türke Kümmel (Hilmi Sözer, „Voll Normaaal“), lässt er sich überreden, sich einen Schwarzarbeiter vom „Polenstrich“ zu holen. Gesagt, getan: Marek (Armin Dillenberger, „Wir können auch anders…“) tritt seinen Dienst an. Was Werner nicht ahnt: Seine Arbeiter wollen ihrem ewig klammen Chef einen bösen Streich spielen, um sich eine Art Schweigegeld zu erschleichen… Ebenfalls uneingeweiht ist Praktikant Philip (Peter Thorwarth), der gerade sein Architekturstudium beendet hat, jedoch noch ein mehrwöchiges Praktikum auf dem Bau absolvieren muss – und von Kalle & Co. argwöhnisch beäugt und abschätzig als intellektueller Klugschwätzer behandelt wird. Zu allem Überfluss verguckt sich Philip auch noch ausgerechnet in Astrid (Alexandra Maria Lara, „Crazy“), die Tochter des Poliers, was diesem alles andere als recht ist. Ach, und dann ist da ja noch die Fliegerbombe, die mitten auf der Baustelle entdeckt wird. Nun ist Improvisationstalent gefragt: Was nicht passt, wird passend gemacht, also wird das Haus einfach ein bisschen kleiner gebaut als vom Architekten (Stefan Jürgens, „RTL Samstag Nacht“) geplant. Dumm nur, dass dieser eine Stippvisite zwecks Kontrolle angekündigt hat… Da schlägt Philips große Stunde: In einer nächtlichen Hauruckaktion manipuliert er die Architekturpläne. Dass sich Wiesenkamp, Horst und die Arbeiter damit längst in einer Spirale aus Widersprüchen, Lügen und immer weiteren Problemen verfangen haben, dürfte klar sein…

„Was nicht passt, wird passend gemacht“ nimmt seine Figuren als proletarische Aushangschilder einer bestimmten Region ernst, um sie gleichzeitig karikierend zu überzeichnend und damit den speziellen, derben, aber auch herzlichen lokaltypischen Humor herauszukitzeln und einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Auf sog. politische Korrektheit kann dabei keinerlei Rücksicht genommen werden, insbesondere der Umgang mit dem türkischstämmigen Kümmel, der bereits bei der Wahl (bzw. vielmehr Zuweisung) seines Spitznamens beginnt, ist in dieser Hinsicht der reinste Quell der Freude: Der perfekt Deutsch sprechende Kümmel macht sich nicht das Geringste aus seinem Spitznamen und diversen Frotzeleien, weiß, dass das alles nicht ernstgemeint ist und macht sich stattdessen selbst einen Spaß daraus, den Gutmenschen von überkorrekten Lehrern, an deren Haus er mitbaut, den nur gebrochen die deutsche Sprache beherrschenden Klischeetürken vorzuspielen – köstlich!

Im breiten grammatisch fragwürdigen Pott-Slang wird eine Geschichte erzählt, die nah an ihren Figuren ist, sich sämtlicher verfügbarer Klischees bedient und in der Konstellation Ruhrpott/Baustelle das Ultimum an Proletenschauplatz auffährt, seine tiefe Sympathie für diesen Menschenschlag jedoch nie verbirgt und auch unbedarften Zuschauern dadurch ein Milieu auf eine Weise näherbringt, die sowohl zum herzhaften Lachen als auch zum Überdenken eben jener Klischees einlädt. Dies macht den besondere Charme der Thorwarth’schen Filme aus, die natürlich gerade auch von ihren Schauspielern leben. „Bang Boom Bang“ war traumbesetzt; „Was nicht passt…“ muss leider ohne Diether Krebs (R.I.P.!) auskommen, kann jedoch wieder mit einem Ralf Richter in einer ikonenhaften Rolle als Maurer mit bekritzeltem Helm, dreckigem weißem Unterhemd und tiefergelegter Karre punkten, der die 100% perfekte Wahl für diesen Film gewesen ist. Besser geht’s nun wirklich nicht. Auch seine Kollegen liefern erstklassig ab und finden sich perfekt in ihre Rollen und damit verbundenen Marotten ein. Eine Ausnahme bildet Peter Thorwarth, der den Praktikanten Philip selbst spielt und dem man seine Unerfahrenheit anmerkt. Da er aber nun einmal einen baustellenunerfahrenen, unsicheren, schüchternen Jüngling spielen muss, passt das dann doch recht adäquat.

Gegenüber „Bang Boom Bang“ schwächelt das Drehbuch etwas, das eine ähnlich stark konstruierte Geschichte entspinnt, die hier aber weniger flutscht, eher etwas bemüht wirkt und sich schließlich in allzu absurden Albernheiten wie der „Y.M.C.A.“-Choreographie auf der Baustelle oder – besonders schlimm – Werner Wiesenkampf mies getrickstem Cessna-Flug verliert. Da verliert er jeden Realismus, der den Film vorher ausgemacht hat; Klamauk statt Situationskomik steht ihm nicht gut zu Gesicht. Glücklicherweise beschränkt sich dies auf wenige Szenen. Was überwiegt sind Pott-Folklore, warmherziger, rauer Humor, viel Sprachwitz und persiflierte Klischees, die mal bestätigt und mal ad absurdum geführt werden – untermalt von einem klasse Soundtrack Stefan Stoppocks. Statt in die Ferne zu schweifen oder erfolgreiche Konzepte zu kopieren, widmet sich Thorwarth zusammen mit seinen Co-Autoren Matthias Dinter und Martin Ritzenhoff dem, was ihm am nächsten liegt: seiner Heimat – und fährt mit der daraus resultierenden Individualität verdammt gut.

Aus diesem Spielfilm entstand im Anschluss eine Fernsehserie, die 2003 in zwei Staffeln auf Pro7 lief. Dazu später an anderer Stelle mehr.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 13. Feb 2018, 17:54

Tatort: Der kalte Fritte

Feiertags-Weimar-„Tatort“ mit Lessing/Dorn (Christian Ulmen/Nora Tschirner), der sechste, diesmal anlässlich der Karnevalsfeierlichkeiten 2018. Das Drehbuch musste Murmel Clausen diesmal allein verfassen, die Regie führte Titus Selge („Tatort: Am Ende des Tages“). Glücklicherweise widmete man sich gänzlich unkarnevalistischen Themen:

Ein Auftragskiller (Lars Rudolph, „Lola rennt“) erschießt den Milliardär Alonzo Sassen in dessen Villa, wird kurz darauf jedoch selbst gerichtet, nämlich von Sassens junger Frau Lollo (Ruby O. Fee, „Als wir träumten“). Das Motiv schien ein Kunstraub zu sein, doch auf diese Finte fallen die Kommissare Dorn und Lessing nicht herein: Sie sollte von einer weitaus komplexeren Gemengelage ablenken. Das Ermittlerduo heftet sich an Lollos Fersen, die in Fritjof „Fritte“ Schröders (Andreas Döhler, „Der Turm“) Bordell führen – ihrem ehemaligen Arbeitgeber, den sie nach einer erneuten Anstellung fragt. Um Frittes Bruder Martin (Sascha Alexander Geršak, „Winterkartoffelknödel“) ist es wirtschaftlich wesentlich schlechter bestellt: Zusammen mit seiner Frau Cleo (Elisabeth Baulitz, „Polizeiruf 110: Im Schatten“) betreibt er einen unrentablen Steinbruch. Sie hoffen darauf, dass ihr Steinbruch für das geplante „Goethe-Geomuseums“ gepachtet wird, um sich finanziell zu sanieren. Jedoch hatte auch Sassen der Stadt ein Baugrundstück offeriert… Und dann ist da noch Architekt Prof. Ilja Bock (Niels Bormann, „Mondkalb“), der ein intimes Verhältnis zu Cleo zu unterhalten pflegt. Weshalb also musste Sassen wirklich sterben?

In zunächst gewohnt humoristischer Weise gehen Dorn und Lessing dieser Frage nach und lernen dabei u.a. Kommissariatsleiter Kurt Stichs (Thorsten Merten) Vater (Hermann Beyer, „Dark“) kennen, der es mit dem Gesetz weit weniger genau nimmt als sein Filius. Den übrigen Charakteren mangelt es diesmal jedoch nicht nur an Profil, sondern vor allem an der Sympathie, die man als Zuschauer manch Delinquent oder schlicht schrägem Vogel in den vorausgegangenen Weimarer Fällen entgegenbrachte. Dafür ist die Zahl der Personalien dann auch etwas hoch, deren Rollen sich aufgrund der größeren Unnahbarkeit der Figuren schwieriger erschließen, selbst wenn in den Dialogen alles Wichtige bereits gesagt worden ist. Die Handlung läuft diesmal nicht so leicht rein wie sonst.

Eine offenbar bewusst eingeführte Veränderung sind die ungewohnt ernsten Momente, die den komödiantischen Tonfall konterkarieren: Gerade noch räkelte sich die verdeckt ermittelnde Dorn im Nuttendress an einer Tanzstange – eine köstliche Szene, die bewusst nicht auf Erotik getrimmt wurde, sondern vielmehr eine Persiflage auf Poledance darstellt –, da wird sie im nächsten Moment misshandelt und zu vergewaltigen versucht. Den Zuschauer trifft dies wie ein Schlag und lässt ihn alles andere als unberührt; die Sequenz steht gewissermaßen sinnbildlich dafür, wie schnell aus Spaß bitterer Ernst werden kann. Die Handlung mündet gar in ein hochdramatisches Finale, in dem auch Lessing an seine Grenzen gerät und in einer Mischung aus purer Wut und Verzweiflung einen schweren inneren Kampf auszufechten hat, während er mit der Waffe auf den Verantwortlichen zielt. Dieser „Tatort“ legt es offenbar darauf an, die verletzliche Seite der sonst so abgeklärten Ermittler zu zeigen, sie aus ihrer Sicherheit, in der sie sich mit ihrer vorausschauenden Intelligenz, ihrer Bildung und ihrem Sarkasmus sowie nicht zuletzt ihrer Zweierbeziehung wähnen, zu reißen. Diese Momente gehen wahrlich an die Nieren.

Dennoch bleibt genügend Zeit für Dorns süffisante sarkastische Kommentare, Lessings Klugscheißereien (man bekommt wieder ein paar Lektionen mehr oder minder unnützen Wissens mit auf den Weg) und etwas Screwball-Comedy zwischen beiden, beispielsweise in Gesprächen über den gemeinsamen, nach wie vor nie gezeigten Sohn. Und dann ist da ja auch noch Ruby O. Fee, die in Interviews stets den Eindruck macht, etwas neben sich zu stehen und deshalb perfekt geeignet ist für die verwirrt erscheinende Lollo, die statt Kaffee Milch aufsetzt, aber ganz gut im Kopfrechnen ist. Und anscheinend auch in manch anderem…
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Feb 2018, 13:30

Tatort: Feierstunde

Das als komödiantische Alternative zu herkömmlichen „Tatort“-Episoden angesetzte Konzept des Münsteraner „Tatorts“ um Ermittler Frank Thiel (Axel Prahl), dessen Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) und Gerichtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ging am 25.09.2016 in seine 30. Runde und feierte nach einem Drehbuch Elke Schuchs unter der Regie Lars Jessens („Dorfpunks“) somit ein Jubiläum. Für dieses hatte man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Verstärkt in Richtung eines harten Thrillers sollte es gehen. Ob dieser Ausbruch aus dem konzeptionellen Korsett funktionierte?

Boerne wurden drei Millionen Euro Fördergeld für seine Forschungsarbeiten an Mumien bewilligt, sehr zum Leidwesen von Juniorprofessor Harald Götz (Peter Jordan, „Die Schimmelreiter“), der dadurch für seine Forschung an einem ALS-Medikament leer ausging. Seine persönliche Betroffenheit – seine Frau leidet unter dieser heimtückischen Krankheit – lässt ihn einen derart starken Groll gegen Boerne hegen, dass er seiner Psychotherapeutin Dr. Corinna Adam (Oda Thormeyer, „Homevideo“) ein ums andere Mal Vernichtungsfantasien offenbart. Als dann auch noch seine Frau tot aufgefunden wird – sie hatte sich mit einer Pumpgun, die Waffennarr Götz im Darknet erstanden hatte, ins Gesicht geschossen –, brennen bei ihm endgültig die Sicherungen durch: Er verschafft sich gewaltsam Zutritt zu Boernes Feierstunde in einem Restaurant, lässt Boerne ein vergiftetes Häppchen verspeisen und nimmt die gesamte Gesellschaft unter Waffengewalt als Geiseln: Alle sollen Zeuge werden, wie Boerne dieselben Höllenqualen durchleidet wie seine Frau…

Die berechtigte Frage nach der gerechten Verteilung von Fördergeldern und der Finger in der Wunde von der Forschung stiefmütterlich behandelter Krankheiten müssen alsbald einer Handlung weichen, in der Götz als psychopathischer Racheengel nicht nur dem arroganten Boerne übel mitspielt, sondern auch eine Geisel kaltblütig erschießt und sich mit den anderen, die er mittels perfider Psychospielchen aufruft, Boerne zu töten, um ihr eigenes Leben zu retten, auch dann noch verschanzt, als das SEK und seine Therapeutin vor der Tür stehen. Dass sich Thiel ausgerechnet von dieser zuvor wegen seiner Rückenschmerzen behandeln ließ und sie schließlich als manipulativ und damit mitschuldig an Götz‘ Gewaltausbrüchen überführt wird, ist nur eine von vielen arg bemüht konstruiert erscheinenden Entwicklungen dieses unglaubwürdigen „Tatorts“: Da wird zunächst von einem ansteckenden Virus ausgegangen, was die Stürmung des Gebäudes verhindert, dann irrsinnigerweise angenommen, die verlogene und manipulative Therapeutin könne etwas ausrichten, indem sie zu Götz geschleust wird und Boerne samt seiner Assistentin, der kleinwüchsigen Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch), und schließlich sogar mit Kommissar Thiel von Götz immer wieder alleingelassen, sodass sie sich beinahe in aller Seelenruhe absprechen können, obwohl ihm doch eigentlich das Hauptinteresse Götz‘ gilt.

Nein, aus der vielversprechenden Grundidee, die Stoff für einen starken medizinischen Thriller inkl. provokanten Fragen und kritischen Aussagen geboten hätte, wird nicht viel mehr als ein auf die Frage nach Boernes Überleben reduzierter TV-Krimi, der es sich, den Gesetzen der Prime-Time-Unterhaltung folgend, letztlich viel zu einfach macht: Aufgrund einer vorhersehbaren Entwicklung stirbt mit dem Antagonisten auch sein Anliegen, das mit dem Thema überhaupt nicht gerecht werdenden, kurzen Kommentaren im Epilog beiseite gewischt wird. Mit Götz wurde auch sein verständliches Anliegen regelrecht dämonisiert, während der Zuschauer mit Ekelpaket (der, wie mehrfach angedeutet wird, dann ja doch kein so übler Kerl sei) Boerne mitzufiebern angehalten ist.

Der den Münsteraner „Tatorten“ zugeschriebene Humor bleibt hier ebenfalls vollkommen auf der Strecke, nicht zuletzt, da Thiel und Boerne diesmal gar nicht zusammen ermitteln können, was das totale Aus für jeglichen Dialogwitz bedeutet. In den Momenten, in denen Liefers seine Figur profiliert, wirkt diese wie eine klischeehaft viel zu überzeichnete Karikatur ohne jede Pointe. Eine Handlung wie diese zur Komödie umzufunktionieren, hätte indes noch weniger geklappt; insofern darf bezweifelt werden, dass dieses Drehbuch in diesen Rahmen jemals hätte passen können.

Im allgemeinen Wirrwarr inkl. seiner nach US-Serienvorbildern entwickelten schrulligen, skurrilen Dauerprotagonisten und flachen Nebenfiguren versucht Regisseur Lars Jessen redlich, allem gerecht zu werden, kaschiert Logiklöcher, vermeidet Längen und zieht sich allen Widerständen zum Trotz am roten Faden bis zum Abspann. Unter Jessen ist die Kamera nah dran an den Gesichtern und suggeriert damit eine Intensität, die dieser „Tatort“ mit Sicherheit angestrebt hat, jedoch außer in vereinzelten Momenten nicht erreicht. Dass aus diesem Jubiläums-Experiment nicht mehr als überforderte, unfokussierte, durchschnittliche TV-Kost wurde, lässt den Umgang mit dem eigentlichen Thema fast exploitativ erscheinen, und zwar auf eine unangenehme Weise.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Feb 2018, 16:01

www.youtube.com Video From : www.youtube.com

Punk im Alter

Olaf Ballnus und der Sänger der Bochumer Punkband Die Kassierer, Wolfgang „Wölfi“ Wendland, kennen sich noch aus Schulzeiten. Beide sind grundsätzlich kreativ tätig, schlugen jedoch unterschiedliche Wege ein, die sie in Ballnus‘ Dokumentarfilm „Punk im Alter“ wieder zusammenführten: Für seinen Film, der am 23.09.2017 seine Weltpremiere im rappelvollen Hamburger Untergrund-Kino „B-Movie“ im Rahmen des „Unerhört!“-Musikfilmfestivals feierte, widmet sich Ballnus seinem titelgebenden Thema anhand eines sehr speziellen exemplarischen Beispiels: Er porträtiert 51 Minuten lang die Niveaurocker um Frontmann Wendland, dessen Bruder und Drummer Volker Kampfgarten, den Gitarristen Nikolaj Sonnenscheiße und den Leichtmatrosen und Basser Mitch Maestro.

Dabei wird weder versucht, die Bandhistorie minutiös aufzuarbeiten noch sklavisch am Filmmotto zu kleben. „Punk im Alter“ wurde vielmehr eine lockere Collage aus aktuellen Interviews, raren und weniger seltenen Filmausschnitten und Fotos, Statements einiger Weggefährten und aktuellem Material, das Wölfi beispielsweise als Punk mit Bierbuddel in der Innenstadt beim zivilen Ungehorsam zeigt. Ballnus spannt den Bogen von den Anfängen Wendlands als Programmkinobetreiber in den 1980ern über die ebenfalls dort zu datierende Bandgründung bis hin zu aktuellen kalkuliert provokanten Auftritten im Mainstream-TV sowie eigenen Theaterstücken. Dabei setzt Ballnus keinesfalls auf die Skandalträchtigkeit der Band, ihre Nacktauftritte, Showeinlagen und textlichen Inhalte, für die man sich regelmäßig vor der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien verantworten musste, jedoch stets mit dem Prädikat „Kunst“ geadelt die Verhandlungen wieder verlassen konnte – all dies wird entweder gar nicht erst erwähnt oder herrlich unaufgeregt als gegeben hingenommen und unterschwellig in den Film eingespeist, sodass sich dem unbedarften Zuschauer erst nach und nach ein dann immer noch unvollständiges Bild ergibt.

Für das Bierzelt- und Kirmespublikum, das Die Kassierer regelmäßig auf ihre Sex- und Sauftexte reduziert, ist dieser Film dann dankenswerterweise auch nichts. Stattdessen bekommt man einen Eindruck davon, wie es durchaus auf relativ selbstverständliche Weise möglich ist, dass gebildete Männer über 50 über Jahrzehnte hinweg noch immer – vornehmlich aus ungebrochenem Spaß an der Sache und der Lust an der Sub- und Trivialkultur – ihre Punkband am Leben erhalten, blutjunges Publikum ziehen und vollkommen unprätentiös ihr ureigenes Ding durchziehen, während andere im Familien- und Berufsalltag versauern oder sich von einer Midlife-Krise in die nächste stürzen.

„Punk im Alter“ ist inspirierend, gibt Denkanstöße, führt Klischees ad absurdum – und verdeutlicht, dass auch mit Mitte 50 ein Dasein als Punk auf völlig unpeinliche Weise nicht nur möglich, sondern auch erstrebenswert, wenn nicht gar zwingend erforderlich ist. Dass ich mir für diesen Film mindestens eine halbe Stunde mehr Spielzeit und noch viel mehr Eindrücke aus dem Kassierer-Fundus gewünscht hätte, spricht für ihn und alle Beteiligten.
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