Der Ornithologe - João Pedro Rodrigues (2016)

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Der Ornithologe - João Pedro Rodrigues (2016)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 9. Jan 2018, 15:59

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Originaltitel: O Ornitólogo

Produktionsland: Portugal 2016

Regie: João Pedro Rodrigues

Darsteller: Paul Hamy, Xelo Cagiao, Han Wen, Chan Suan

Fernando ist Ornithologe. Sein Beruf bringt es mit sich, dass er in der unwirtlichen Wildnis Portugals auf die Suche nach beson-ders scheuem Federvieh geht. Seit Tagen schon folgt er einem Flusslauf, der ihn immer tiefer in die dschungelähnlichen Wälder hineinführt. Wenn er nicht stundenlang, das Fernglas im Anschlag, stillsitzt, um von seinen Forschungsobjekten als Teil der Landschaft akzeptiert zu werden, oder sich ihren Brutstätten schwimmend und tauchend nähert, diktiert er dem Tonbandgerät in der Gemütlichkeit seines Ein-Mann-Zelts die gemachten Beobachtungen. Eines Tages aber fasziniert ihn ein über ihm kreisender Raubvogel so sehr, dass er die Kontrolle über das Kanu verliert, mit dem er weit den Fluss hinabgefahren ist. Er gerät in Stromschnellen, stürzt ins Wasser, wird besinnungslos etliche Kilometer von seinem Rastplatz entfernt an Land gespült.

João Pedro Rodrigues, dessen Namen mir zuvor überhaupt nichts gesagt hat, ist wohl seit mehreren Filmen bereits Portugals bedeutendster Vertreter eines experimentellen homosexuellen Kinos – ein Umstand, den man seinem 2016er Festivalerfolg O ORNITÓLOGO zunächst überhaupt nicht anmerkt. Rodrigues, von dem auch das Drehbuch stammt, schwelgt stattdessen in der grenzenlosen Stille eines portugiesischen Naturschutzgebiets, gönnt Sumpfhühnern zahllose Großaufnahmen, die sie wirken lassen, als würden sie mit dem titelgebenden Protagonisten für uns unhörbare Zwiegespräche führen, und pendelt etwas unentschlossen zwischen semi-dokumentarischen Aufnahmen von Fauna und Flora sowie den ansatzweisen Bruchstücken einer Narration. Das ändert sich, als der Fokus des Films kurze Zeit weg vom ohnmächtigen Fernando zu zwei jungen chinesischen Frauen, Fei und Ling, wechselt, die bei dem Versuch, den Jakobsweg nach Santiago di Compostela abzuwandern, ebenfalls in den Wäldern verlorengegangen sind, und Fernandos reglosen Körper aus einem Seitenarm des Flusses fischen. Erste Irritationen stellen sich bereits ein, als eine der Frauen sich am Bein verletzt, und die andere wie selbstverständlich beginnt, ihr das Blut aus der Wunde zu schlürfen. Noch heftiger wird es, als Fernando, den man mit Essen und Trinken versorgt hat, und der Fing und Lei beschrieben hat, wie sie zurück zu ihrer eigentlichen Marschroute gelangen, am nächsten Morgen in St.-Sebastians-Pose, bekleidet nur mit seiner Unterhose, an einen Baum gefesselt erwacht, und von seinen neuen Freundinnen erfahren muss, dass sie nicht im Traum daran denken, ihn gehenzulassen: Du gehörst jetzt zu uns, heißt die Devise der mehr und mehr befremdlichen religiösen Sermon stammelnden Frauen! Nachts im Zelt tuscheln sie auf Chinesisch: Morgen sei es so weit, dann würden sie ihr Beutestück kastrieren. Während sie diese Aussicht in unbändiges Kichern versetzt, hat Fernando sich durch pure Manneskraft aber bereits befreit, seine notwendigen Sachen zusammengesucht, und ist in die Wälder getürmt, um sich vor den katholischen Fanatikerinnen in Sicherheit zu bringen.

Noch immer ist mir nicht ganz klar, worauf O ORNITÓLOGO mit mir hinmöchte – und viel hilft es nicht, dass dieser seltsame Film kurz darauf plötzlich auf das Territorium von wahlweise BLAIR WITCH PROJECT oder CANNIBAL HOLOCAUST um-schwenkt: Fernando findet seinen Rastplatz komplett verwüstet vor. Ein Photo von ihm ist mit blutigen Stichen gespickt, so, als habe jemand ein Voodoo-Ritual mit diesem vollführt. Die Chinesinnen, sagt er sich, hatten also doch Recht, als sie ihm davon erzählten, in diesen Wäldern seien irgendwelche unheimlichen Mächte am Werk, vor denen sie nur der katholische Heili-genolymp schützen könne. Nachts tanzen grausige Gestalten mit Scwellen – ich denke natürlich sofort an Krampusse und Perchten! – um sein Zelt. Er folgt den offenbar betrunkenen Männern in ihren Tierfellkostümen heimlich und wird von ihnen mit Urin getauft. Das ist zwar ein Höhepunkt von Fernandos persönlicher Odyssee, jedoch noch lange nicht ihr Ende: Ein taub-stummer Schafshirte, der ausgerechnet Jesus heißt, wird Fernandos nächste Station – und mit ihm hat er, wobei dann endlich auch die Reputation des Regisseurs zum Greifen kommt, eine der zärtlichsten, ansprechend gefilmten homoerotischen Sexszenen, die ich jenseits von Derek Jarmans SEBASTIANE oder Philippe Vallois‘ JOHAN jemals gesehen habe. Spätestens jetzt wird auch klar: Rodrigues versteht seinen Film als Allegorie, bis zum Bersten vollgestopft mit religiösen, biblischen, kulturellen Metaphern, von denen ich nur eine Handvoll auf Anhieb decodieren konnte, weshalb ich, zweieinhalb Stunden später in der letzten Szene, im Grunde genauso klug aus diesem hochinteressanten, aber gnadenlos sperrigen Bilderreigen voll barbusiger Amazonenreite-rinnen, Predigten, die für Fische und Vögel gehalten werden, und Großaufnahmen wissend dreinblickender Uhus herausgehe wie ich hineingeraten bin.

Allein für die erotischen Nahaufnahmen nackter männlicher Körper beim Liebesspiel und für die erwähnte nächtliche Perchten-tanzszene hat sich O ORNITÓLOGO freilich gelohnt für mich, trotzdem bleibt der zumindest ein bisschen bittere Beigeschmack eines leicht orientierungslosen Projekts, das sich nicht ganz so – um einmal ein paar vergleichbare Filme zu nennen - der Abs-traktion hingibt wie Sergio Caballeros Jakobsweg-Tour-de-Force FINISTERRAE, aber auch nicht wirklich, wie Ciro Guerras verschachtelte Kolonialismus-Reflexion EL ABRAZO DE LA SERPIENTE, eine komplexe Geschichte erzählen möchte, und schon gar nicht über den skurrilen Humor von Luis Bunuels LA VOIE JACTÉE verfügt – obwohl, wie oben angedeutet, einige Szenen schon dazu angetan ist, einem eher mainstreamigen Publikum Spucke und Atem aus den Mündern zu rauben. Wer allerdings auf homoerotische Zärtlichkeiten in schöner Natur, auf inflationäre Detailaufnahmen mehr oder minder exotischer Vögelchen und generell Filme steht, denen das gesprochene Wort nichts und in statischer Epik eingefangene Landschaftsbilder alles sind, dessen Tasse Tee dürfte diese homoerotische Hagiographie sowas von sein.


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