Jürgen - Heute wird gelebt - Lars Jessen (2017)

Moderator: jogiwan

Jürgen - Heute wird gelebt - Lars Jessen (2017)

Beitragvon buxtebrawler » 29. Nov 2017, 09:27

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Originaltitel: Jürgen - Heute wird gelebt

Herstellungsland: Deutschland / 2017

Regie: Lars Jessen

Darsteller: Heinz Strunk, Charly Hübner, Friederike Kempter, Peter Heinrich Brix, David Bredin, Ole Fischer, Jürgen Rißmann, Hendrik von Bültzingslöwen, Katja Danowski, Paula Niemczynowiccz, Adrianna Janowska-Moniuszko, Justyna Pawlicka-Hamade u. A.

Die Bewohner des Hamburger Stadtteils Harburg Jürgen Dose (Heinz Strunk) und Bernd Würmer (Charly Hübner) sind Männer mittleren Alters, Kumpels – und solo. Jürgen arbeitet als Pförtner und lebt mit seiner pflegebedürftigen Mutter zusammen. Bernd ist an den Rollstuhl gefesselt und sucht ebenso wie Jürgen Singlebörsen-Abende auf, nimmt an Speed Datings teil etc. – doch beide finden einfach keine Frau. Neue Hoffnung schürt das Unternehmen „EuropLove“, das Kontakte zu angeblich heiratswilligen Frauen in Polen vermittelt. Zusammen mit drei anderen Losern sowie dem wie Woody Allen aussehenden Dennis (Hendrik von Bültzingslöwen), den sie auf dem Weg in Dortmund abholen, treten sie im Kleinbus die Reise nach Stettin an. Dort werden sie tatsächlich von polnischen Damen erwartet, doch die Freundschaft der Harburger droht zu zerbrechen…

https://ssl.ofdb.de/film/300282,J%C3%BC ... ird-gelebt

www.youtube.com Video From : www.youtube.com
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Re: Jürgen - Heute wird gelebt - Lars Jessen (2017)

Beitragvon buxtebrawler » 29. Nov 2017, 09:30

„In Polen sind noch Herzen frei…“

Nach seinem gefeierten Roman „Der goldene Handschuh“ um Hamburgers berüchtigtsten Serienmörder Fritz Honka kehrte Autor und Komödiant Mathias Halfpape alias Heinz Strunk für seinen jüngsten Roman „Jürgen“ zurück zu den ganz alltäglichen Verlierern ohne Morde auf dem Kerbholz. Schon vor seiner Veröffentlichung drehte die ARD an einer Verfilmung fürs Fernsehen, die am 20.09.2017 unter dem Titel „Jürgen – Heute wird gelebt“ zur besten Sendezeit erstausgestrahlt wurde. Die Regie führte Lars Jessen, der mit „Dorfpunks“ und „Fraktus“ bereits andere Projekte des Hamburger Klüngels um Strunk & Co. verfilmte. Die Hauptrolle übernahm Strunk selbst.

„Ich will ins Guinness-Buch der Rekorde!“

Die Bewohner des Hamburger Stadtteils Harburg Jürgen Dose (Heinz Strunk, „Fleisch ist mein Gemüse“) und Bernd Würmer (Charly Hübner, „Bornholmer Straße“) sind Männer mittleren Alters, Kumpels – und solo. Jürgen arbeitet als Pförtner und lebt mit seiner pflegebedürftigen Mutter zusammen. Bernd ist an den Rollstuhl gefesselt und sucht ebenso wie Jürgen Singlebörsen-Abende auf, nimmt an Speed Datings teil etc. – doch beide finden einfach keine Frau. Neue Hoffnung schürt das Unternehmen „EuropLove“, das Kontakte zu angeblich heiratswilligen Frauen in Polen vermittelt. Zusammen mit drei anderen Losern sowie dem wie Woody Allen aussehenden Dennis (Hendrik von Bültzingslöwen , „Familie verpflichtet“), den sie auf dem Weg in Dortmund abholen, treten sie im Kleinbus die Reise nach Stettin an. Dort werden sie tatsächlich von polnischen Damen erwartet, doch die Freundschaft der Harburger droht zu zerbrechen…

„Hallo, ich bin Bernd. Ich hab‘ seit zehn Jahren ‘nen hypoxischen Hirnschaden.“

Jürgen ist ein Klugscheißer vor dem Herrn, Bernd möglicherweise eine Art Hypochonder und Proll Knüppel (David Bredin, „Millionen“) stellt als Running Gag ständig vollends bekloppte Fragen. Jürgen hat hin und wieder Tagträume von zu absurder Dancefloor-Musik tanzenden, gutaussehenden Mädels, schafft es nicht, bei der resoluten Pflegekraft seiner Mutter zu landen und wird von ihr gar genötigt, seinen amourösen Trip vorzeitig abzubrechen, weil es seiner Mutter schlecht gehe. Strunk und Hübner schauspielern um die Wette in einer deutschen Tragikomödie, wie ich sie mag: Unprätentiös mit dem Blick für jene ausgestattet, die so oft übersehen werden, obwohl sie Legion sind, für die wirklich „Kleinen“ unter den „Kleinen Leuten“, die in einem unbefriedigenden Leben vor sich hin dümpeln, denen das Leben nicht mehr viel zu bieten hat und die sich trotzdem an ihre kleinen Strohhalme klammern, um wenigstens ein Stück vom als Normalität verkauften Kuchen abzubekommen, statt aufzubegehren oder sich alternative Nischen zu suchen.

„Zu welchem schrecklichen Gott betest du eigentlich?!“

Die Unwägbarkeiten, mit denen dieser Menschenschlag bzw. diese soziale Schicht sich herumplagen muss, werden exemplarisch am Beispiel der beiden Freunde durchexerziert, die im verglichen mit dem Image und Selbstbild der Hansestadt reichlich glanzlosen Harburg südlich der Elbe leben und die auch so etwas wie eine Zweckgemeinschaft bilden: Gegenseitig klagt man sich leid, greift sich aber auch unter die Arme. Ein fragiles Konstrukt, das zu zerbrechen droht, als Jürgen Bernds Domenika näherkommt, weil dieser sich verspätet. Man weiß eben, was man aneinander hat, so lange keiner dem anderen dazwischenfunkt – vor allem aber, so lange nicht einer plötzlich erfolgreicher ist als der andere.

„Würdest du dich für 200 Euro eine Stunde lang von mir anrülpsen lassen?“

Und das ist lustig, weil die Realität oftmals so skurril ist. Darüber hinaus, weil die Partnersuche generell eigentlich so absurd ist, niemals wie in Hollywood-Romanzen. Mitunter ist sie gar entwürdigend, zum Fremdschämen. Doch so weit geht dieser Film glücklicherweise nicht, denn er ist auf der Seite der beiden Freunde. Stattdessen befriedigt er die Neugier des Zuschauers danach, wie eine derartige Form der Partnervermittlung eigentlich abläuft und was das für Typen sind, die an so etwas teilnehmen. Und wer so etwas organisiert und durchführt, was zu einer sich schließlich mit der Haupthandlung verknüpfenden Nebenhandlung führt.

„Das ganze Land ist totaler Schrott!“

Lustig ist „Jürgen – Heute wird gelebt“ aber vor allem aufgrund Strunks lakonischen Humors, seiner schnoddrigen, norddeutsch geprägten Sprache und neben den karikierenden Charakteren zu großem Anteil wegen seines Sprachwitzes. Jessens/Strunks Film ist großes, urkomisches Dialogkino! Jürgen und Bernd lassen keinen noch so abgeschmackten Wortwitz oder dummen Spruch aus, dass es die reinste Freude ist. Hinter ihrer Sprücheklopferei verbergen sie letztlich natürlich ihre Traurigkeit, was dem Film seine, nein, Strunks typische Melancholie verleiht, diese Niedersachsen/Harburg-Melancholie, die sich durch sein Œuvre zieht.

„Qualität kommt von Qual!“

Durch diesen Film wiederum ziehen sich Gastauftritte von Sympathieträgern wie Peter Heinrich Brix und Rocko Schamoni über jemanden wie Klaas Heufer-Umlauf bis hin zu Olli Schulz. Gebraucht hätte dies der Film, den Strunk und Hübner auch allein geschultert hätten, nicht. Als Jürgen mit der gefeuerten Assistentin des „EuropLove“-Chefs die Rückreise antritt und beide sich näherkommen, scheint sich ein Happy End anzubahnen, das sich dann doch wieder zerschlägt. Der eigentliche glückliche Ausgang folgt erst im Anschluss und hat nichts mit Frauen zu tun, sondern mit zwei Freunden, die gemeinsam ein großes Abenteuer erlebt haben. Bevor ich ins Schwafeln gerate, beende ich meine Notizen zu diesem schwer sympathischen Filmchen, denn: „Timing ist alles – und keine Stadt in China!“. In diesem Sinne: „Paris, Athen, auf Wiedersehen!“
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Re: Jürgen - Heute wird gelebt - Lars Jessen (2017)

Beitragvon jogiwan » 29. Nov 2017, 10:38

Ist das Deutschlands Antwort auf "Ziemlich beste Freunde"? Angesichts der Beteiligten würde ich da aber durchaus ein Auge riskieren wollen... :nick:
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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Re: Jürgen - Heute wird gelebt - Lars Jessen (2017)

Beitragvon Arkadin » 29. Nov 2017, 12:34

jogiwan hat geschrieben:Ist das Deutschlands Antwort auf "Ziemlich beste Freunde"?


Eher nicht.

Hatte den damals auch gesehen und fand den gut, aber nicht überragend. Noch ein wenig mehr Dreck, Weltschmerz und Verzweiflung wäre meiner Meinung nach auch drin gewesen. Manchmal fühlte es sich etwas nach angezogener (TV)-Handbremse an. Was allerdings natürlich großartig ist, sind die Darsteller. Ganz großes Kino. Ebenfalls hat mir sehr gefallen, dass der Film (wie immer bei Strunk) nicht wirklich lustig, sondern im Grunde todtraurig ist. Das bekommt man nur nicht so mit, weil die Figuren so liebenswert und das Ganze so hübsch skuril ist. Weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Es fühlt sich oberflächlich lustig an, aber darunter liegt so eine unendliche Traurigkeit. Das hat Jessen ganz gut transportiert. Und die Figuren werden jetzt auch nicht bloßgestellt, was mir auch gut gefallen hat.
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Re: Jürgen - Heute wird gelebt - Lars Jessen (2017)

Beitragvon buxtebrawler » 29. Nov 2017, 22:17

Arkadin hat geschrieben:Ebenfalls hat mir sehr gefallen, dass der Film (wie immer bei Strunk) nicht wirklich lustig, sondern im Grunde todtraurig ist. Das bekommt man nur nicht so mit, weil die Figuren so liebenswert und das Ganze so hübsch skuril ist. Weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Es fühlt sich oberflächlich lustig an, aber darunter liegt so eine unendliche Traurigkeit. Das hat Jessen ganz gut transportiert. Und die Figuren werden jetzt auch nicht bloßgestellt, was mir auch gut gefallen hat.


Genau, diese typisch Strunk'sche Traurigkeit unter der Oberfläche. Und eben, dass er aufzeigt, wie diejenigen mitunter ihr Leben meistern, die (noch) nicht der Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht oder in tiefe Depressionen verfallen (sind). Und die sich noch nicht gänzlich aufgegeben haben. Das ist es, was mir auch hier ausnehmend gut gefällt.
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